{"id":599,"date":"2009-01-19T15:16:56","date_gmt":"2009-01-19T13:16:56","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=599"},"modified":"2026-04-03T12:23:09","modified_gmt":"2026-04-03T10:23:09","slug":"kurzes-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=599","title":{"rendered":"Kurzes #6 \u00b7 Die anonymen Aquarelle"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/inter.jpg\" \/><\/p>\n<p>Erst als ich den gro\u00dfen grauen kartonverst\u00e4rkten Umschlag mit der \u00fcbrigen Post auf meinen Schreibtisch legte, sah ich, da\u00df er nicht mit der regul\u00e4ren Post gekommen sein konnte, da nur mein Name in einer mir unbekannten Handschrift darauf stand, was verst\u00e4ndlicherweise meine Neugierde weckte. Ich schnitt ihn auf. Er enthielt lediglich ein Blatt rauhes Aquarellpapier.<br \/>\nEs war ausgezeichnet und mit gro\u00dfer Liebe zum Detail gearbeitet. Es zeigte eine gro\u00dfe Frau mit einem ausgepr\u00e4gt femininen, nahezu perfekten K\u00f6rper und taillenlangen, dichten dunklen Haaren. Sie stand leicht nach links gewandt im Kontrapost. Sie hielt ein gro\u00dfes, beiges flauschiges Handtuch vor dem Bauch, den Blick leicht nach unten gerichtet, das Gesicht vollst\u00e4ndig von den Haaren bedeckt. Im Gegensatz zur Detailverliebtheit, mit der sie dargestellt war, war der sie umgebende von warmem Licht durchflutete Raum lediglich mit zwei, drei Strichen angedeutet, die aber gen\u00fcgten, um ein Bad erkennen zu lassen.<!--more--><br \/>\nIch wendete das Blatt mehrmals, doch es fand sich nicht die kleinste Spur einer Signatur.<br \/>\nIch setzte mich an den Schreibtisch und nahm das Blatt mit Hilfe einer Lupe n\u00e4her in Augenschein.<br \/>\nDie Arbeit strahlte eine besondere Erotik aus. Es bestand kaum ein Zweifel, da\u00df es sich um ein Selbstportrait handelte. Diese Liebe zum Detail war Eigenliebe im positiven Sinne. Sie hatte nichts an sich besch\u00f6nigt. Der auf den ersten Blick perfekte K\u00f6rper hatte seine kleinen angenehmen Fehler. Ihre Br\u00fcste beispielsweise \u2013 sie fielen schon deshalb ins Auge, weil sie das Handtuch mit der Rechten dicht unter ihnen festhielt \u2013 waren keine ebenm\u00e4\u00dfigen Halbkugeln, sondern gaben un\u00fcbersehbar der Schwerkraft nach, doch ohne den Eindruck des H\u00e4ngens zu vermitteln. Die linke zierte au\u00dfen ein kleines ovales Muttermal. Der Warzenvorhof war relativ gro\u00df und dunkel. Die Finger waren schlank und unberingt, mit kurzen halbrunden N\u00e4geln. Mit der Linken hielt sie das Handtuch knapp \u00fcber dem Scho\u00df fest. Es fiel in weiche Falten zwischen ihren langen Beinen, deren Schenkel muskul\u00f6s waren, die Waden angenehm gerundet und die Fesseln schmal. Die F\u00fc\u00dfe kamen dem klassisch-griechischen Ideal sehr nahe.<br \/>\nObwohl sie auf den ersten Blick den eigenen K\u00f6rper nach einem erfrischenden Bad selbstverliebt abtrocknete, posierte sie un\u00fcbersehbar f\u00fcr einen Betrachter. Und nicht f\u00fcr irgendeinen zuf\u00e4lligen, sondern f\u00fcr einen ganz bestimmten.<br \/>\nIch stellte das Blatt vor den Monitor meines Computers und lehnte mich zur\u00fcck.<br \/>\nWer mochte mir dieses kleine Meisterwerk geschickt haben? Und vor allem, warum?<br \/>\nDie Antwort hatte ich mir bereits gegeben, wenn sich mein Hang zur Skepsis auch weigerte, es ohne Widerspruch zu akzeptieren. Die Beantwortung der ersten Frage war da weitaus schwieriger.<br \/>\nZuerst dachte ich an einen meiner K\u00fcnstlerfreunde und -kollegen. Was ich jedoch schnell verwarf.<br \/>\nZuerst einmal fielen alle M\u00e4nner heraus. Auch wenn es kein Selbstportrait w\u00e4re, w\u00fcrde kein Mann einen Frauenakt so darstellen, selbst wann man unterstellte, das es keine typisch geschlechtliche Sicht auf den menschlichen K\u00f6rper gibt. Zum anderen lie\u00df es sich stilistisch niemandem zuordnen \u2013 wenn es auch die meisten von der technischen Seite ohne weiteres hinbekommen h\u00e4tten, das einzig wirklich nicht unumst\u00f6\u00dfliche Argument. Und drittens mu\u00dften meiner Intuition nach Urheberin und Abgebildete identisch sein. Womit alle mir bekannten K\u00fcnstlerinnen ausschieden. Keine von ihnen hatte taillenlanges dunkles Haar. Die einzige, die langes Haar besa\u00df, war blond und zierlicher als die Abgebildete. Von der Figur her kamen allenfalls zwei in Frage, wenn ich auch keine von beiden bisher nackt gesehen hatte.<br \/>\nWie dem auch sei, diese Argumentationsliste lie\u00dfe sich noch um einiges verl\u00e4ngern, ohne da\u00df mir jemand einfiel, die mit der abgebildeten Sch\u00f6nen identisch w\u00e4re.<br \/>\nEs war das Selbstbildnis einer unbekannten Verehrerin, was einerseits meiner Eitelkeit schmeichelte, mich andererseits beunruhigte, da ich keine Vorstellung von der weiteren Entwicklung hatte.<br \/>\nIch nahm mir den Umschlag noch einmal vor. Vielleicht hatte ich ja etwas \u00fcbersehen. Ich stellte ihn auf den Kopf, sch\u00fcttelte ihn, aber es kam weiter nichts zum Vorschein.<br \/>\nObwohl ich mir das Blatt bereits mehr als aufmerksam angesehen hatte, nahm ich es mir erneut mit der Lupe vor. Mit dem gleichen Ergebnis wie zuvor.<br \/>\nZu guter letzt befestigte ich das Aquarell mit einem tiefen Seufzer der Kapitulation an der Magnetleiste \u00fcber dem Ruhesofa. Vielleicht w\u00fcrde mir seine fortw\u00e4hrende Gegenwart eine Eingebung bringen. Diesen Gefallen tat es mir nat\u00fcrlich nicht.<br \/>\nMehrmals am Tag verirrte sich mein Blick dahin, die Faszination stieg, aber auch die Ratlosigkeit.<br \/>\nZwei Tage nach dem ersten Umschlag erhielt ich einen zweiten. Ich war alles andere als \u00fcberrascht. Im Stillen hatte ich damit gerechnet. Meine \u00fcbrige Post warf ich achtlos auf den Schreibtisch und \u00f6ffnete den Umschlag mit leicht fahrigen Fingern.<br \/>\nEr enthielt wieder nur ein Blatt desselben Aquarellpapieres.<br \/>\nDiesmal sa\u00df sie im selben Licht auf dem Rand einer Wanne und cremte sich ein. Sie wandte dem Betrachter st\u00e4rker als auf dem ersten Blatt das Profil zu. Das rechte Bein war angewinkelt, das linke hing fast entspannt herunter. In der Linken hielt sie einen halb durchsichtigen, blauschimmernden fast vollen Flakon, mit der Rechten verteilte sie die Lotion \u00fcber ihr rechtes Bein. Ihr Bauch warf sich in leichte, aber nicht unsch\u00f6ne, durchaus sinnliche Falten. Und wieder verdeckte das dichte Haar das Gesicht.<br \/>\nDas Blatt war so sch\u00f6n und so sinnlich wie das erste, ja ich stellte sogar eine leichte Steigerung fest. Ich betrachtete es mit der gleichen Aufmerksamkeit wie das erste, entdeckte aber ebensowenig wie an diesem einen Hinweis auf die Urheberin.<br \/>\nIch h\u00e4ngte das Blatt zu dem ersten, betrachtete sie zusammen und blieb ratlos. Sicher war nur, da\u00df andere folgen w\u00fcrden und ich nur vage spekulieren konnte, was sie zeigten.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Morgen und an den Tagen darauf \u00fcber etwas mehr als eine Woche hinweg fand ich in meinem Briefkasten jeweils einen Umschlag mit einem Aquarell, manchmal auch mit zweien darin. Am Ende blickten mir zw\u00f6lf Aquarelle in zwei Reihen von der Wand entgegen. Auf keinem der Bl\u00e4tter war der kleinste Hinweis auf die Urheberin zu entdecken. Ihre Identit\u00e4t lag immer noch im Dunkel.<br \/>\nAus der Badszene wurde beim dritten Blatt eine Ankleideszene, begleitet von einem Wechsel des Raumes bei gleicher Lichtstimmung, die wesentlich zu der besonderen Atmosph\u00e4re beitrug, die allen Bl\u00e4ttern gemein war. Sie h\u00fcllte darauf den K\u00f6rper in ein leichtes, kurzes tailliertes Gewand aus halbdurchsichtigem Stoff, unter dem der dunkle Warzenvorhof ihrer Br\u00fcste und das dunkle Scho\u00dfhaar mehr als nur angedeutet sichtbar wurden. Dieses Gewand trug sie auf allen weiteren Bl\u00e4ttern, wohl wissend, da\u00df ein geschickt mit einem Hauch von Stoff bekleideter K\u00f6rper sinnlicher wirkte als ein nackter. Nebenbei zeigte sie, da\u00df sie intensiv den Faltenwurf verschiedener Stoff studiert hatte.<br \/>\nAus der Ankleideszene wurde eine Ruheszene auf einem breiten, wiederum nur mit wenigen Strichen angedeutetem Bett. Sie sa\u00df, an das Kopfteil gelehnt, ein Kissen im R\u00fccken, das linke Bein ausgestreckt, das rechte angewinkelt, den Blick vom Betrachter abgewendet. Obwohl ich ihr Gesicht durch das es verdeckende Haar nicht sah, besa\u00df ihr Blick etwas eindeutig in Erwartung Versunkenes. Die Haltung der Finger ihrer Rechten lie\u00df erkennen, da\u00df sie sich zuvor entweder selbst gestreichelt hatte und jetzt innehielt oder jeden Augenblick damit begann. Die Linke ruhte auf vergleichbare Weise zwischen ihren Br\u00fcsten, zu denen sich mein Blick immer wieder hingezogen f\u00fchlte, dabei gab es vieles an ihr, das die gleiche Aufmerksamkeit verdiente.<br \/>\nDas n\u00e4chste Blatt unterschied sich nur in Details vom vorhergehenden. Lediglich ihre K\u00f6rperhaltung hatte sich leicht ver\u00e4ndert, aber doch so eindeutig, da\u00df kein Zweifel daran bestand, da\u00df sie masturbiert hatte. Die Intimit\u00e4t der Bl\u00e4tter wurde immer gr\u00f6\u00dfer.<br \/>\nAuf dem n\u00e4chsten Blatt, an diesem Tag waren zum ersten Mal zwei im Umschlag, war sie nicht mehr allein und sie lie\u00dfen nichts mehr an Deutlichkeit zu w\u00fcnschen \u00fcbrig. Der Mann war wie die Umgebung nur angedeutet, wenn auch nicht ganz so sparsam. Ausgearbeitet waren lediglich die Partien, die f\u00fcr die jeweilige Szene, in denen sie ohne Ausnahme den aktiven Teil \u00fcbernahm, wichtig waren. Die Bl\u00e4tter zeigten verschiedene Liebesstellungen in einer Deutlichkeit, die nicht einmal die Photographie erreichen kann. Und doch waren sie in keiner Weise obsz\u00f6n und pornographisch. Man konnte beim Betrachten ihre Lust, ihr gegenseitiges Begehren f\u00fcreinander, sogar ihren Orgasmus nachempfinden. Es gelang ihr mit diesen Bl\u00e4ttern das eigentlich Unm\u00f6gliche; Empfindungen, Leidenschaften zu visualisieren, so da\u00df ein Dritter sie nachvollziehen konnte, als w\u00e4ren es seine eigenen.<br \/>\nTrotz ihres Naturalismus war allen Bl\u00e4ttern etwas Traumhaftes gemein.<br \/>\nEs war beinahe eine logische Folge, da\u00df die dargestellten Szenen mich bis in meine Tr\u00e4ume hinein verfolgten. In diesen sah ich die dargestellten Szenen abwechselnd als Zuschauer und als Beteiligter, letzteres immer h\u00e4ufiger. So oft ich es auch versuchte, es gelang mir nie, ihr die Haare vom Gesicht zu entfernen. \u00dcber die Entt\u00e4uschung dieser vergeblichen Versuche erwachte ich jedesmal in ziemlicher konfuser und gedr\u00fcckter Stimmung. An sich waren es ja keine Alptr\u00e4ume. Mehr als einmal hatte ich dabei das Gef\u00fchl, kurz vor einem herrlichen Orgasmus zu stehen, ausgel\u00f6st von einer der wunderbarsten und begehrenswertesten Frauen. Ohne diese Sch\u00f6ne jemals gesehen zu haben, begehrte ich sie so sehr, da\u00df es mir nur noch unzureichend gelang, mich auf eine vern\u00fcnftige Arbeit zu konzentrieren. Zugleich wurde ich immer ratloser. Was sollte eine Verf\u00fchrung, wenn der zu Verf\u00fchrende nicht wu\u00dfte, wer ihn verf\u00fchrte und ob das Ziel eine Realisation des Gezeigten war. Irgendwie mu\u00dfte es weitergehen. Es mu\u00dfte eine Aufl\u00f6sung geben!<br \/>\nDaran klammerte ich mich, umso mehr, weil von einem Tag auf den anderen keine weiteren Bl\u00e4tter mehr kamen.<\/p>\n<p><i>Auszug aus der Kurzgeschichte \u00bbGeheimnisvolles Rendevous\u00ab aus dem Erz\u00e4hlband<\/i> \u00bbGeheimnisvolles Rendezvous\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erst als ich den gro\u00dfen grauen kartonverst\u00e4rkten Umschlag mit der \u00fcbrigen Post auf meinen Schreibtisch legte, sah ich, da\u00df er nicht mit der regul\u00e4ren Post gekommen sein konnte, da nur mein Name in einer mir unbekannten Handschrift darauf stand, was verst\u00e4ndlicherweise meine Neugierde weckte. Ich schnitt ihn auf. Er enthielt lediglich ein Blatt rauhes Aquarellpapier. 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