{"id":601,"date":"2009-01-21T02:29:27","date_gmt":"2009-01-21T01:29:27","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=601"},"modified":"2026-04-03T12:49:19","modified_gmt":"2026-04-03T10:49:19","slug":"franz-kafka-in-der-strafkolonie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=601","title":{"rendered":"Franz Kafka \u00bbIn der Strafkolonie\u00ab"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/inter.jpg\" alt=\"Interpretationen\" \/><\/p>\n<p>Anfang Oktober 1914 gerieten die Arbeiten an dem Roman \u00bbDer Proce\u00df\u00ab ins Stocken. Kafka entschied sich, einen zweiw\u00f6chigen Urlaub zu nehmen, um die Arbeit am \u00bbProce\u00df\u00ab voranzutreiben. Statt dessen schrieb er an verschiedenen k\u00fcrzeren Texten, vollendete aber nur ein Kapitel des \u00bbVerschollenen\u00ab und eben \u00bbIn der Strafkolonie\u00ab. 1916 bot er den Text dem Kurt Wolff Verlag an, in dem bereits \u00bbDie Verwandlung\u00ab erschienen war. Nach einigen Diskussionen zwischen ihm und Wolff \u00fcber die m\u00f6gliche Erscheinungsform und einer \u00dcberarbeitung seitens des Autors erschien die Novelle im Oktober 1919 in einer einmaligen Auflage von 1000 Exemplaren. Eine von ann\u00e4hernd f\u00fcnfzig Ver\u00f6ffentlichungen zu Kafkas Lebzeiten.<!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Inhalt<\/b><\/p>\n<p>Ein namentlich nicht genannter ausl\u00e4ndischer Forschungsreisender von Ruf besucht eine Strafkolonie irgendwo in den Tropen. Aufgrund der Bitte des neuen Kommandanten wohnt er einer Exekution bei. Zu dieser wird eine besondere Maschine verwendet, die dem Delinquenten das Urteil mit Nadeln qualvoll in die Haut schreibt, so da\u00df er schlie\u00dflich verblutet. Diese Maschine wurde vom verstorbenen Vorg\u00e4nger des derzeitigen Kommandanten konstruiert. W\u00e4hrend zu dessen Lebzeiten jede Exekution ein besonderes Ereignis war, ist der Forschungsreisende jetzt der einzige Zuschauer. Neben einem jungen Offizier, der sich nicht nur als einziger Bewahrer der Grunds\u00e4tze des verstorbenen Kommandanten in der Kolonie sieht, sondern es auch ist, sind nur der Verurteilte und ein ihn bewachender Soldat anwesend. Der junge Offizier besitzt ein fast sakrales Verh\u00e4ltnis zu der Maschine. Der Forschungsreisende folgt anfangs eher gelangweilt den Ausf\u00fchrungen des jungen Offiziers. Interesse erwacht erst, als er erf\u00e4hrt, wie die Maschine den Verurteilten t\u00f6tet.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der Offizier verk\u00f6rpert trotz seines geringen Alters die sich eigentlich schon \u00fcberlebte Form des Kolonialismus. Der Kolonialherr, der Offizier ist unfehlbare Autorit\u00e4t. Er allein f\u00e4llt das Urteil und vollstreckt es auch. \u00bb<i>[Der Offizier] sagte: \u00bbDie Sache verh\u00e4lt sich folgenderma\u00dfen. Ich bin hier in der Strafkolonie zum Richter bestellt. Trotz meiner Jugend. Denn ich stand auch dem fr\u00fcheren Kommandanten in allen Strafsachen zur Seite und kenne auch den Apparat am besten. Der Grundsatz, nach dem ich entscheide, ist: Die Schuld ist immer zweifellos. Andere Gerichte k\u00f6nnen diesen Grundsatz nicht befolgen, denn sie sind vielk\u00f6pfig und haben auch noch h\u00f6here Gerichte \u00fcber sich. Das ist hier nicht der Fall, oder war es wenigstens nicht beim fr\u00fcheren Kommandanten. Der neue hat allerdings schon Lust gezeigt, in mein Gericht sich einzumischen, es ist mir aber bisher gelungen, ihn abzuwehren, und wird mir auch weiter gelingen. \u2013 Sie wollten diesen Fall erkl\u00e4rt haben; er ist so einfach, wie alle. Ein Hauptmann hat heute morgens die Anzeige erstattet, dass dieser Mann, der ihm als Diener zugeteilt ist und vor seiner T\u00fcre schl\u00e4ft, den Dienst verschlafen hat. Er hat n\u00e4mlich die Pflicht, bei jedem Stundenschlag aufzustehen und vor der T\u00fcr des Hauptmanns zu salutieren. Gewi\u00df keine schwere Pflicht und eine notwendige, denn er soll sowohl zur Bewachung als auch zur Bedienung frisch bleiben. Der Hauptmann wollte in der gestrigen Nacht nachsehen, ob der Diener seine Pflicht erf\u00fclle. Er \u00f6ffnete Schlag zwei Uhr die T\u00fcr und fand ihn zusammengekr\u00fcmmt schlafen. Er holte die Reitpeitsche und schlug ihm \u00fcber das Gesicht. Statt nun aufzustehen und um Verzeihung zu bitten, fa\u00dfte der Mann seinen Herrn bei den Beinen, sch\u00fcttelte ihn und rief: \u203aWirf die Peitsche weg, oder ich fresse dich.\u2039 \u2013 Das ist der Sachverhalt. Der Hauptmann kam vor einer Stunde zu mir, ich schrieb seine Angaben auf und anschlie\u00dfend gleich das Urteil. Dann lie\u00df ich dem Mann die Ketten anlegen. Das alles war sehr einfach. H\u00e4tte ich den Mann zuerst vorgerufen und ausgefragt, so w\u00e4re nur Verwirrung entstanden. Er h\u00e4tte gelogen, h\u00e4tte, wenn es mir gelungen w\u00e4re, die L\u00fcgen zu widerlegen, diese durch neue L\u00fcgen ersetzt und so fort. Jetzt aber halte ich ihn und lasse ihn nicht mehr. \u2013 ist nun alles erkl\u00e4rt? [\u2026]\u00ab<\/i> Im selben Atemzug der Rechtfertigung des eigenen Handelns, best\u00e4tigt der Offizier, da\u00df er letztlich auf verlorenem Posten steht und es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis der neue Kommandant diese Form des Urteils und der Bestrafung abschafft. Das Vergehen des Mannes liegt einzig im Ignorieren eines unsinnigen Befehls, der ihm gegeben wurde: \u00bb<i>[\u2026] Er <\/i>(der Verurteilte)<i> hat n\u00e4mlich die Pflicht, bei jedem Stundenschlag aufzustehen und vor der T\u00fcr des Hauptmanns zu salutieren. Gewi\u00df keine schwere Pflicht und eine notwendige, denn er soll sowohl zur Bewachung als auch zur Bedienung frisch bleiben. Der Hauptmann wollte in der gestrigen Nacht nachsehen, ob der Diener seine Pflicht erf\u00fclle. Er \u00f6ffnete Schlag zwei Uhr die T\u00fcr und fand ihn zusammengekr\u00fcmmt schlafen. [\u2026]\u00ab<\/i><\/p>\n<p class=\"einzug\">Der Offizier versucht sich und die Strenge des Urteils zu rechtfertigen, den Forschungsreisenden dahingehend zu beeinflussen, da\u00df er ein gutes Wort f\u00fcr ihn und seine Maschine einlegt. Doch dieser bleibt auf Distanz. Er selbst lehnt das Verfahren ab und ihm ist auch bewu\u00dft, da\u00df \u00bb<i>der Kommandant wie er jetzt \u00fcberdeutlich geh\u00f6rt hatte, kein Anh\u00e4nger dieses Verfahrens war und sich gegen\u00fcber dem Offizier fast feindselig verhielt.<\/i><\/p>\n<p class=\"einzug\">W\u00e4hrend der Reisende dar\u00fcber nachdenkt, wie er sich verhalten soll, versucht der Offizier den Verurteilten auf die Maschine zu binden. Doch die Lederriemen, mit denen der Verurteilte auf die Maschine gefesselt werden soll, rei\u00dfen. \u00dcberhaupt macht sich das Alter der Maschine unangenehm bemerkbar. Wichtige Teile funktionieren nicht mehr richtig. Es gibt kaum noch Ersatzteile. Neuanschaffungen werden dem jungen Offizier nur widerwillig erlaubt. Er ist gezwungen, notd\u00fcrftig zu reparieren.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der Verurteile \u00fcbergibt sich und w\u00e4hrend der Soldat die Maschine vom Erbrochenem reinigt, versucht der junge Offizier den Forschungsreisenden nun offener als bisher als F\u00fcrsprecher f\u00fcr sich zu gewinnen. Er best\u00e4tigt die Vermutung des Reisenden, da\u00df \u00bb<i>\u00bbDieses Verfahren und diese Hinrichtung, die Sie jetzt zu bewundern Gelegenheit haben, hat gegenw\u00e4rtig in unserer Kolonie keinen offenen Anh\u00e4nger mehr. Ich bin ihr einziger Vertreter, gleichzeitig der einzige Vertreter des Erbes des alten Kommandanten. [\u2026]<\/i>, es sogar feststeht, da\u00df dieses Verfahren abgeschafft werden soll. \u00bb<i>[\u2026] man bereitet etwas gegen meine Gerichtsbarkeit vor; es finden schon Beratungen in der Kommandantur statt, zu denen ich nicht zugezogen werde; sogar Ihr heutiger Besuch scheint mir f\u00fcr die ganze Lage bezeichnend; man ist feig und schickt Sie, einen Fremden, vor. [\u2026]<\/i>. Der junge Offizier schw\u00e4rmt dem Reisenden vor, welch besonderes gesellschaftliches Ereignis die Exekutionen unter dem alten Kommandanten war. Er dringt immer mehr in den Reisenden, f\u00fcr ihn ein Wort beim neuen Kommandanten einzulegen. Dem Reisenden ist das unangenehm, er antwortet zuerst ausweichend, stellt sich als Privatmann hin, dessen Meinung nur wenig Gewicht besitzt, da\u00df letztlich alles allein vom Willen des neuen Kommandanten abh\u00e4ngt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Doch der junge Offizier gibt sich damit nicht zufrieden, er will den Reisenden auf seine Seite ziehen. Der Reisende unterbricht ihn in seinem Redeflu\u00df, beteuert noch einmal, da\u00df seine Meinung unerheblich ist. \u00bb<i>\u00bb [\u2026] Ich kann Ihnen ebensowenig n\u00fctzen als ich Ihnen schaden kann.\u00ab<\/i>. Aber der junge Offizier l\u00e4\u00dft nicht locker, offenbart immer mehr seinen Fanatismus. Jedoch st\u00e4rken seine Argumente im Reisenden nur die \u00dcberzeugung, da\u00df diese Methode der Hinrichtung, die Todesstrafe \u00fcberhaupt, abgeschafft geh\u00f6rt. \u00bb<i>Schlie\u00dflich aber sagte er, wie er mu\u00dfte: \u00bbNein.\u00ab Der Offizier blinzelte mehrmals mit den Augen, lie\u00df aber keinen Blick von ihm. \u00bbWollen Sie eine Erkl\u00e4rung?\u00ab fragte der Reisende. Der Offizier nickte stumm. \u00bbIch bin ein Gegner dieses Verfahrens,\u00ab sagte nun der Reisende, \u00bbnoch ehe Sie mich ins Vertrauen zogen \u2013 dieses Vertrauen werde ich nat\u00fcrlich unter keinen Umst\u00e4nden mi\u00dfbrauchen \u2013 habe ich schon \u00fcberlegt, ob ich berechtigt w\u00e4re, gegen dieses Verfahren einzuschreiten und ob mein Einschreiten auch nur eine kleine Aussicht auf Erfolg haben k\u00f6nnte. An wen ich mich dabei zuerst wenden m\u00fc\u00dfte, war mir klar: an den Kommandanten nat\u00fcrlich. Sie haben es mir noch klarer gemacht, ohne aber etwa meinen Entschlu\u00df erst befestigt zu haben, im Gegenteil, Ihre ehrliche \u00dcberzeugung geht mir nahe, wenn sie mich auch nicht beirren kann.\u00ab<\/i><\/p>\n<p class=\"einzug\">Die Reaktion des jungen Offiziers darauf mag zuerst vielleicht \u00fcberraschend sein, ist aber in seiner ihm eigenen Logik folgerichtig. Er l\u00f6st die Fesseln des Verurteilten, schenkt ihm die Freiheit. Dann ver\u00e4ndert er die Einstellungen an der Maschine, so da\u00df sie den Text \u00bbSei gerecht!\u00ab schreibt. Anschlie\u00dfend kleidet er sich aus, behandelt dabei seine Uniform wie ein liturgisches Gewand. \u00bb<i>Trotz der offenbaren Eile, mit der er den Uniformrock auszog und sich dann vollst\u00e4ndig entkleidete, behandelte er doch jedes Kleidungsst\u00fcck sehr sorgf\u00e4ltig, \u00fcber die Silberschn\u00fcre an seinem Waffenrock strich er sogar eigens mit den Fingern hin und sch\u00fcttelte eine Troddel zurecht.\u00ab<\/i> Der Reisende erkennt das Vorhaben des Offiziers, kann es nachvollziehen. Denn \u00bb<i>[\u2026]dann handelte jetzt der Offizier vollst\u00e4ndig richtig; der Reisende h\u00e4tte an seiner Stelle nicht anders gehandelt.<\/i><\/p>\n<p class=\"einzug\">Der Soldat und der Verurteilte, die vor Ort geblieben sind, begreifen zuerst nicht, was der Offizier vorhat. Erst als sich dieser nackt unter die Maschine legt, beginnen sie zu verstehen. \u00bb<i>Besonders der Verurteilte schien von der Ahnung irgendeines gro\u00dfen Umschwungs getroffen zu sein. Was ihm geschehen war, geschah nun dem Offizier. Vielleicht w\u00fcrde es so bis zum \u00c4u\u00dfersten gehen. Wahrscheinlich hatte der fremde Reisende den Befehl dazu gegeben. Das war also Rache. Ohne selbst bis zum Ende gelitten zu haben, wurde er doch bis zum Ende ger\u00e4cht. Ein breites, lautloses Lachen erschien nun auf seinem Gesicht und verschwand nicht mehr.<\/i><\/p>\n<p class=\"einzug\">Da der Offizier nicht angeschnallt ist, eilen der Verurteilte und der Soldat zur Maschine und holen das nach. Kaum sind sie damit fertig, beginnt die Maschine mit ihrer Arbeit. Der Verurteilte betrachtet die Maschine interessiert, die jetzt mit dem Offizier verf\u00e4hrt, wie sie urspr\u00fcnglich mit ihm h\u00e4tte verfahren sollen. Dem Reisenden ist das peinlich, er versucht beide wegzuschicken. Noch w\u00e4hrend der Reisende damit besch\u00e4ftigt ist, kommen aus der Maschine eigenartige Ger\u00e4usche. Der Reisende sieht, wie sie sich langsam in ihre Bestandteile zerlegt. Noch bevor der Reisende versuchen kann, die Maschine abzustellen, wird der Offizier von ihr get\u00f6tet. Zugleich h\u00f6rt die Maschine f\u00fcr immer auf zuarbeiten, denn sie hat sich selbst in ihre Einzelteile zerlegt. Der Reisende will wenigstens die Leiche des Offiziers aus der Maschine holen. Aber Soldat und Verurteilter wollen ihm nicht so recht helfen. Dabei sieht der Reisende \u00bb<i>fast gegen Willen das Gesicht der Leiche. Es war, wie es im Leben gewesen war; kein Zeichen der versprochenen Erl\u00f6sung war zu entdecken; was alle anderen in der Maschine gefunden hatten, der Offizier fand es nicht; die Lippen waren fest zusammengedr\u00fcckt, die Augen waren offen, hatten den Ausdruck des Lebens, der Blick war ruhig und \u00fcberzeugt, durch die Stirn ging die Spitze des gro\u00dfen eisernen Stachels.<\/i>.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Nach dem Verlassen des Tals kommt der Reisende mit dem Soldaten und dem Verurteilten zu einem Teehaus, wo der alte Kommandant begraben liegt, denn \u00bb<i>\u00bbein Platz auf dem Friedhof ist ihm vom Geistlichen verweigert worden. [\u2026]\u00ab<\/i><\/p>\n<p class=\"einzug\">Der Soldat und der Verurteilte treffen im Teehaus Bekannte. Der Reisende l\u00e4\u00dft sich das Grab zeigen, das keiner der Anwesenden w\u00fcrdigt. Der Reisende macht sich auf den Weg. Als er im Boot sitzt, das ihn zu seinem Dampfer bringen soll, eilen der Verurteilte und der Soldat herbei und machen Anstalten ins Boot zu springen und ihm zu folgen, aber er \u00bb<i>[\u2026] hob ein schweres geknotetes Tau vom Boden, drohte ihnen damit und hielt sie dadurch von dem Sprunge ab.[\u2026]<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Fazit<\/b><\/p>\n<p>Obwohl dem jungen Offizier von allen Seiten Widerstand entgegengebracht wird, und entgegen seinen Behauptungen, ist auch dem alten Kommandanten keine Sympathie entgegengebracht worden ist \u2013 wie und wo er begraben liegt, spricht f\u00fcr sich selbst. Er h\u00e4ngt mit einer Mischung aus Umgebungsblindheit und Fanatismus dem alten Verfahren an. Das nichts als reine Willk\u00fcr ist und sich letztlich auch gar nicht die M\u00fche gibt, so etwas wie ein faires Verfahren zu simulieren, einen Schauproze\u00df aufzuf\u00fchren, dessen Ergebnis bereits vorher feststeht. Der Kolonialherr hat in jedem Falle Recht und die Beherrschten l\u00fcgen sowieso, Punkt. Der Reisende verk\u00f6rpert die aufgekl\u00e4rte Moderne, die auf der Erkenntnis beruht, da\u00df jeder Fall individuell behandelt werden mu\u00df, da sich nichts \u00fcber einen Kamm scheren l\u00e4\u00dft. Willk\u00fcr nicht Macht bedeutet, sondern Ausdruck von Ohnmacht ist. Die Br\u00fcchigkeit der Maschine symbolisiert die Br\u00fcchigkeit des alten Systems, da\u00df es sich l\u00e4ngst \u00fcberlebt hat. Ein daran Festhalten nur unzureichendes Flickwerk ist und sich der Verfall nicht aufhalten l\u00e4\u00dft, so sehr man sich auch darum bem\u00fchen mag. Anstelle dies einzusehen und sich mit den Ver\u00e4nderungen abzufinden, geht der junge Offizier lieber gemeinsam mit seiner eigenen Maschine unter. Da\u00df ihm das Ende der alten Zeit bewu\u00dft ist, zeigt wie er mit seiner Uniform und dem Degen umgeht, nachdem er sie so sorgf\u00e4ltig abgelegt hat: \u00bb<i>Wenig pa\u00dfte es allerdings zu dieser Sorgfalt, da\u00df er, sobald er mit der Behandlung eines St\u00fcckes fertig war, es dann sofort mit einem unwilligen Ruck in die Grube warf. Das letzte, was ihm \u00fcbrig blieb, war sein kurzer Degen mit dem Tragriemen. Er zog den Degen aus der Scheide, zerbrach ihn, fa\u00dfte dann alles zusammen, die Degenst\u00fccke, die Scheide und den Riemen und warf es so heftig weg, da\u00df es unten in der Grube aneinander klang.<\/i> Doch dieser Untergang ist nicht so heroisch, wie der junge Offizier es sich vorgestellt hat \u2013 der Schriftzug, den er sich in seinen K\u00f6rper schreiben lassen will, spricht f\u00fcr sich \u2013, sondern ein erb\u00e4rmlicher Zusammenbruch. Die Maschine l\u00f6st sich in ihre Einzelteile auf und macht kurzen Proze\u00df mit ihrem Bewahrer. Wie auch das Ende des Kolonialismus f\u00fcr die ehemaligen Kolonialherrn ein durchweg kl\u00e4gliches war.<\/p>\n<p class=\"einzug\">So sehr der Reisende auch f\u00fcr die Freiheit und Unabh\u00e4ngigkeit an sich ist, so hindert er den Soldaten und den Verurteilten dran, zu ihm ins Boot springen, denn sie m\u00fcssen lernen, allein mit ihren Problemen fertig zu werden.<\/p>\n<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><i>Alle Zitate aus: Franz Kafka: Das Urteil und andere Prosa\u00ab Reclam 1995, S. 62 f. Die Reclamausgabe folgt dem Druck von 1919.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anfang Oktober 1914 gerieten die Arbeiten an dem Roman \u00bbDer Proce\u00df\u00ab ins Stocken. Kafka entschied sich, einen zweiw\u00f6chigen Urlaub zu nehmen, um die Arbeit am \u00bbProce\u00df\u00ab voranzutreiben. 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