{"id":621,"date":"2009-02-08T05:07:58","date_gmt":"2009-02-08T04:07:58","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=621"},"modified":"2026-04-03T13:58:01","modified_gmt":"2026-04-03T11:58:01","slug":"mary-wollstonecraft-godwin-shelley-frankenstein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=621","title":{"rendered":"Mary Wollstonecraft (Godwin) Shelley \u00b7 Frankenstein"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"wp-content\/gallery\/logos\/inter.jpg\" alt=\"Interpretationen\" \/><\/p>\n<p><i>Mary Wollstonecraft (Godwin) Shelleys 1818 erschienener Roman \u00bbFrankenstein\u00ab gilt als Urtyp des modernen Horrorromans, doch er ist weit mehr als das. Zur Zeit seiner Entstehung war die sogenannte \u00bbGothic Novel\u00ab ein beliebtes Genre, in deren Tradition Shelleys Roman steht. Die \u00bbGothic Novel\u00ab ist ebenso Schauerroman wie Phantastischer Roman, besch\u00e4ftigt mit unerkl\u00e4rlichen Ph\u00e4nomenen, mit Geistererscheinungen. Als \u00c4quivalente in der deutschen Literatur w\u00e4ren bspw. E. Th. A Hoffmann und Wilhelm Hauff zu nennen. Viele von E. A. Poes Erz\u00e4hlungen lassen sich ebenso in dieses Genres einordnen.<\/i><!--more--><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><b>Inhalt:<\/b><\/p>\n<p>Robert, ein junger Engl\u00e4nder plant eine Forschungsreise in die Arktis. Er schreibt aus St. Petersburg seiner in England lebenden Schwester Margaret \u00fcber die Umsetzung seiner Pl\u00e4ne. Dabei beklagt er sich immer wieder, wie sehr er einen echten Freund vermi\u00dft. Nach anf\u00e4nglichen Schwierigkeiten macht sich die Expedition auf den Weg. Die Widrigkeiten der arktischen Witterung erschweren die Reise. Das Schiff droht im Eis festzusitzen. Eines Tages beobachten die Reisenden auf dem Eis einen Hundeschlitten, der von einem gro\u00dfen furchterregenden Wesen gesteuert wird. Am folgenden Tag entdecken sie auf einer zum Schiff getriebenen Eisscholle einen verletzten und ersch\u00f6pften Mann mit einem zerst\u00f6rten Schlitten. Er wird an Bord genommen und gepflegt. Robert ist von diesem Mann fasziniert und hofft in diesem den Freund gefunden zu haben, nach dem er sich immer gesehnt hat. Sobald der Mann einigerma\u00dfen wieder zu Kr\u00e4ften gekommen ist, erz\u00e4hlt er Robert seine Lebensgeschichte, nicht zuletzt um ihn davon \u00fcberzeugen, da\u00df er nicht der edle Mensch ist, f\u00fcr den ihn Robert h\u00e4lt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Seine Name ist Victor Frankenstein, geboren als Nachfahre einer angesehenen alten Genfer Familie. Bereits fr\u00fch entdeckt er seine Vorliebe f\u00fcr die Wissenschaft, jedoch zieht er sein erstes Wissen ausschlie\u00dflich aus seit langem \u00fcberholten alchimistischen B\u00fcchern. Als junger Mann geht er als Student nach Ingolstadt. Dort wird er zum ersten Mal mit den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft konfrontiert. In ihm w\u00e4chst der Wunsch, das Geheimnis des Lebens zu ergr\u00fcnden. Er richtet sich ein Laboratorium ein. Dort versucht er aus Leichenteilen neues Leben zu erschaffen. Das Experiment gl\u00fcckt. Doch das Ergebnis, ein abgrundtief h\u00e4\u00dfliches Wesen, erschreckt ihn so sehr, da\u00df er flieht und die von ihm geschaffene Kreatur sich selbst \u00fcberl\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p class=\"einzug\">W\u00e4hrend dessen widerf\u00e4hrt seiner Familie ein Ungl\u00fcck. Justine, eine junge Bedienstete die fast zur Familie geh\u00f6rt, wird des Mordes an Victors kleinem Bruder William verd\u00e4chtigt. Da die Beweislast erdr\u00fcckend scheint, verurteilt man sie zum Tode.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Victor kehrt nach Genf zur\u00fcck und erlebt Justines Hinrichtung. Auf einer Bergwanderung begegnet er seiner Sch\u00f6pfung. Statt eines Kampfes auf Leben und Tod erz\u00e4hlt die Kreatur Victor was sie erlebt hat, nachdem Victor sie sich selbst \u00fcberlassen hatte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der Sprache noch unkundig, kaum mehr als zu elementaren Gef\u00fchlen wie Hunger und Durst f\u00e4hig, irrt die Kreatur durch die W\u00e4lder, ern\u00e4hrt sich Eicheln und Wurzeln. Sie wird von Bauern verjagt, die \u00fcber ihre H\u00e4\u00dflichkeit erschrecken. Eine alte Scheune wird der Kreatur Unterschlupf. Diese Scheune geh\u00f6rt zu einem einfachen Bauernhaus, in dem ein alter blinder Mann mit Sohn und Tochter in gro\u00dfer Armut lebt. Die Kreatur, deren Empfindungen zu dieser Zeit noch von Sanftmut, Liebe und Freundschaft gepr\u00e4gt sind, wird stummer Zeuge des Lebens dieser Leute. Wie sich mit der Zeit herausstellt, handelt es sich um eine einst angesehene franz\u00f6sische Familie, die Opfer einer Intrige wurde und die Heimat verlassen mu\u00dfte. Als der junge Mann seiner Braut, einer t\u00fcrkischen Kaufmannstochter, Sprachunterricht erteilt, lernt auch die Kreatur das Sprechen und Lesen. W\u00e4hrend der blinde alte Mann vor\u00fcbergehend allein im Haus ist nutzt die Kreatur die Gelegenheit und offenbart sich ihm. Doch bevor die Kreatur ihr Anliegen vollst\u00e4ndig vorbringen kann, kehren die Kinder zur\u00fcck und verjagen entsetzt \u00fcber ihr Aussehen die Kreatur. Aus Wut und Entt\u00e4uschung \u00fcber die erlittene Dem\u00fctigung z\u00fcndet die Kreatur das alte jetzt leere Bauernhaus an und flieht. Sie will sich an ihrem Sch\u00f6pfer r\u00e4chen. Auf dem Weg in die Schweiz rettet sie ein M\u00e4dchen vorm Ertrinken, doch statt Dank zu erhalten schie\u00dft der Vater des M\u00e4dchens auf die Kreatur und verletzt die Kreatur, die von nun an nur noch Rache gegen\u00fcber ihrem Sch\u00f6pfer will. Als sie einem kleinen Jungen bei Genf begegnet und erf\u00e4hrt, da\u00df es Victors j\u00fcngster Bruder William ist, t\u00f6tet sie ihn und steckt ein Medaillon, das William bei sich f\u00fchrte, Justine zu. Dieses Medaillon ist das Indiz, durch das das junge M\u00e4dchen als vermeidliche M\u00f6rderin \u00fcberf\u00fchrt wird. Die Kreatur ringt Victor das Versprechen ab, eine Gef\u00e4hrtin f\u00fcr ihn zu erschaffen. Als Gegenleistung will sie sich mit dieser irgendwo in einer menschenleeren Gegend niederlassen. Sollte Victor nicht darauf eingehen, widerf\u00e4hrt ihm in seiner Hochzeitsnacht ein Ungl\u00fcck. Victor, der die Drohung so auffa\u00dft, da\u00df die Kreatur ihn t\u00f6ten will, geht darauf ein. Er begibt sich auf eine Reise nach England und Schottland um Forscher zu treffen, deren neueste Erkenntnisse er ben\u00f6tigt, um das Vorhaben in die Tat zu setzen. Dabei wird er von einem Freund aus Kindertagen begleitet. Victor kommen mehr und mehr Zweifel. Er wei\u00df, da\u00df die Kreatur ihm unbemerkt folgt. Seine Handlungen sind nur noch Schein, sollen diese beruhigen. Dagegen wird in ihm das Verlangen st\u00e4rker, die Kreatur zu vernichten. Er zerst\u00f6rt die bereits begonnene Gef\u00e4hrtin der Kreatur. Die Kreatur beobachtet dies. In ohnm\u00e4chtiger Wut t\u00f6tet sie daraufhin Victors Freund. Victor kehrt nach Genf zur\u00fcck und heiratet seine Cousine Elizabeth. In der Hochzeitsnacht t\u00f6tet die Kreatur Victors Frau. Victor erkennt seinen Irrtum und macht sich auf die Jagd nach der Kreatur. Er folgt ihr bis ins Ewige Eis, wo er von Robert gerettet wird.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Nachdem Victor Robert alles erz\u00e4hlt hat, erleidet er einen R\u00fcckfall und stirbt. In der Nacht h\u00f6rt Robert ein Ger\u00e4usch in der Kabine wo Victor aufgebahrt ist. Robert betritt die Kabine und sieht die Kreatur, wie sie wehklagend \u00fcber Victors Leiche kniet. Nach dem die Kreatur Robert geschworen hat, sich selbst irgendwo in einer Ein\u00f6de auf einem Scheiterhaufen zu verbrennen, damit niemals wieder jemand auf die Idee k\u00e4me, noch einmal etwas Vergleichbaren zu erschaffen, verl\u00e4\u00dft die Kreatur das Schiff und verschwindet im Ewigen Eis.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><b>Fazit:<\/b><\/p>\n<p>Mary Wollstonecraft (Godwin) Shelleys Roman ist weitaus mehr als der schlichte Gruselroman zu dem ihn das (Hollywood-)Kino bereits fr\u00fch entstellt hat. Er warnt ebenso vor einem ungehemmten Fortschritts- und Machbarkeitswahn wie er ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr Menschlichkeit und gegen Rassismus ist und ist zugleich Mahnung, sich stets den Konsequenzen des eigenen Handelns zu stellen. Obwohl die Handlung oberfl\u00e4chlich betrachtet keinen anderen Verlauf h\u00e4tte nehmen k\u00f6nnen, gibt es immer wieder Punkte, an denen Victor das Ungl\u00fcck f\u00fcr seine Familie h\u00e4tte abwenden k\u00f6nnen, denn nur an ihm will sich die Kreatur ja f\u00fcr das erfahrene Leid r\u00e4chen.<\/p>\n<p class=\"Textbody\">Banal; er h\u00e4tte seinen Forscherdrang z\u00fcgeln und die Kreatur nicht zum Leben erwecken sollen. Doch selbst danach h\u00e4tte er weiterhin den Ereignissen einen anderen Verlauf geben k\u00f6nnen, wenn er sich der Verantwortung gestellt und die Kreatur unter seine Fittiche genommen h\u00e4tte. Jedoch w\u00e4re es zu einfach und von Shelley in keiner Weise beabsichtigt, die ganze Schuld f\u00fcr die weiteren Ereignisse ausschlie\u00dflich bei Victor zu suchen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Nachdem die Kreatur auf sich gestellt auf der Suche nach Gesellschaft ist, wird sie, nur weil sie \u00e4u\u00dferlich so g\u00e4nzlich anders ist als gewohnt, von den Bauern verjagt ohne da\u00df sich einer von ihnen auch nur im Ansatz die M\u00fche macht, herausfinden, was die Kreatur \u00fcberhaupt m\u00f6chte. W\u00e4hrend die Kreatur sich in der Scheune versteckt und die Familie beobachtet nimmt sie sich deren positives Sozialverhalten zum Vorbild, da es ihrer eigenen inneren Veranlagung entspricht. Doch ihre Hoffnungen werden zerschlagen als die Familie, die ja wie die Kreatur selbst Ausgesto\u00dfene sind, diese verjagen, nur weil sie \u2013 rein \u00e4u\u00dferlich! \u2013 so anders ist. Und selbst die spontan aus der Dem\u00fctigung und Ohnmacht entstandenen Rachegedanken, die im Anz\u00fcnden des <i>leeren<\/i> Bauernhauses ihre Entladung finden, gen\u00fcgen nicht, die Kreatur zu dem Unhold, dem Monster zu machen, das alle in ihm zu sehen meinen, denn die Kreatur rettet ein kleines M\u00e4dchen vor dem Ertrinken. Da\u00df dessen Vater statt der Kreatur zu danken, versucht diese zu t\u00f6ten, gibt den Ausschlag; die Kreatur mu\u00df sich an ihrem Sch\u00f6pfer zu r\u00e4chen, denn ohne ihn g\u00e4be es sie ja nicht. Es mu\u00df sich immer vor Augen gehalten werden: Alle Morde treffen ausschlie\u00dflich Victor! Victor, der selbst nach dem Tod seines j\u00fcngsten Bruders weitere Morde h\u00e4tte verhindern k\u00f6nnen, in dem er der Kreatur eine Gef\u00e4hrtin schafft, mit der diese sich in die Ein\u00f6de zur\u00fcckziehen will, verweigert sich und fordert somit den Tod seines Freundes und seiner Frau heraus.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Die Kreatur verk\u00f6rpert anschaulich die Ambivalenz von T\u00e4ter und Opfer. Zuerst Opfer \u2013 Victor verst\u00f6\u00dft seine Sch\u00f6pfung, verst\u00f6\u00dft faktisch sein Kind, die Gesellschaft, nur auf \u00c4u\u00dferlichkeiten fixiert, Angst vor allem Fremden habend, verweigert der Kreatur die Anerkennung als gleichwertiges Mitgesch\u00f6pf, selbst die selbst Ausgesto\u00dfenen verweigern ihr ihr Mitgef\u00fchl und statt Dank, weil sie einem kleinen M\u00e4dchen das Leben rettet, will man ihres vernichten. Dann erst T\u00e4ter und das nicht ohne Reue, wie der sp\u00e4tere Monolog an Victors Totenbett zeigt. Der zwar f\u00fcr den heutigen Leser etwas zu theatralisch wirkt, aber nichtsdestoweniger ein leidenschaftliches Pl\u00e4doyer f\u00fcr Menschlichkeit und Toleranz ist.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Mary Wollstonecraft (Godwin) Shelleys Roman ist trotz seiner 190 Jahre, die er mittlerweile alt ist, aktueller denn je. Nicht allein vor dem Hintergrund der Gentechnik, sondern die Autorin vertritt auch die Erkenntnis, da\u00df nicht die Herkunft, sondern das soziale Umfeld den Mensch pr\u00e4gt, da\u00df Menschen die an den Rand der Gesellschaft gedr\u00e4ngt werden aus welchen fadenscheinigen Gr\u00fcnden auch immer und sei es nur, weil sie anderes aussehen \u2013 z. B. Hautfarbe \u2013 anderes leben \u2013 z. B. Homosexuelle \u2013 denen man eine Zukunftsperspektive verweigert, weil man sie nicht mehr als Arbeitskr\u00e4fte ben\u00f6tigt, aus der Ohnmacht ihrer Lage heraus kein anderes Mittel mehr als Gewalt gegen die Mehrheitsgesellschaft sehen, die an ihrer Misere Schuld ist. Man denke nur die Krawalle in mehreren franz\u00f6sischen Vorst\u00e4dten vor zwei Jahren.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Victor Frankenstein wurde am Ende nicht sein Machbarkeitswahn zum Verh\u00e4ngnis, sondern seine Verantwortungslosigkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mary Wollstonecraft (Godwin) Shelleys 1818 erschienener Roman \u00bbFrankenstein\u00ab gilt als Urtyp des modernen Horrorromans, doch er ist weit mehr als das. Zur Zeit seiner Entstehung war die sogenannte \u00bbGothic Novel\u00ab ein beliebtes Genre, in deren Tradition Shelleys Roman steht. Die \u00bbGothic Novel\u00ab ist ebenso Schauerroman wie Phantastischer Roman, besch\u00e4ftigt mit unerkl\u00e4rlichen Ph\u00e4nomenen, mit Geistererscheinungen. 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