{"id":639,"date":"2009-02-19T00:35:16","date_gmt":"2009-02-18T23:35:16","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=639"},"modified":"2026-04-04T18:42:08","modified_gmt":"2026-04-04T16:42:08","slug":"franz-kafka-ein-hungerkunstler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=639","title":{"rendered":"Franz Kafka \u00bbEin Hungerk\u00fcnstler\u00ab"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/inter.jpg\" \/><\/p>\n<p>Der \u00bbHungerk\u00fcnstler\u00ab war lange Zeit die Jahrmarktsattraktion schlechthin. Sobald er in eine neue Stadt kam, war er das Gespr\u00e4ch schlechthin. Jeder wollte ihn zumindest einmal am Tag sehen, w\u00e4hrend er in seinem K\u00e4fig vor sich hungerte. Das Publikum w\u00e4hlte W\u00e4chter, die in Dreiergruppen Tag und Nacht darauf achteten, da\u00df er auch tats\u00e4chlich hungerte und nicht heimlich etwas a\u00df oder ihm Essen von mitleidigen Seelen zugesteckt wurde. Der Hungerk\u00fcnstler empfand es Affront,<!--more--> nicht blo\u00df, weil ihm unterstellt wurde, er schummle, sondern weil man sein Hungern nicht wirklich ernst nahm, das ihm sportlicher Ehrgeiz war. Er f\u00fchlte sich jedoch nicht nur vom Publikum mi\u00dfverstanden, sondern ebenso von seinem Impresario, der ihm nicht erlaubte mehr als vierzig Tage an einem St\u00fcck zu hungern, weil dieser f\u00fcrchtete, da\u00df andernfalls das Interesse des Publikums erlahmen k\u00f6nnte. Dabei h\u00e4tte der Hungerk\u00fcnstler gerne allen gezeigt, da\u00df er zu weitaus l\u00e4ngerem Hungern in der Lage war als eben nur jene mageren vierzig Tage. Das Ende der Hungerperiode wurde immer mit gro\u00dfem Brimborium inszeniert. Nach einer kleinen Ruhepause zog der Hungerk\u00fcnstler mit seinem Impresario \u00fcber viele Jahre hinweg von einem Jahrmarkt zum n\u00e4chsten. Doch kaum merklich schwand das Interesse des Publikums bis es auch in der Kasse des Impresarios nur deutlich zu sp\u00fcren war. Die Besucher wurden immer weniger, man wandte sich anderen Attraktionen zu. Der Impresario wagte einen letzten Versuch, aber es gelang ihm nicht, das Interesse an dem Hungerk\u00fcnstler wiederzuerwecken. Darauf trennten sich beide. Der Hungerk\u00fcnstler, f\u00fcr den Hungern immer nur eine Kunst an sich war, heuerte bei einem Zirkus an und wunderte sich nicht dar\u00fcber, da\u00df man ihn in eine unbedeutende Ecke der Menagerie abschob. Anfangs war an seinem K\u00e4fig noch auf einem sauberen Schild die aktuelle Anzahl der Hungertage zu lesen, doch irgendwann k\u00fcmmerte sich keiner mehr darum. Allenfalls wunderte man sich gelegentlich \u00fcber den K\u00e4fig mit dem verfaulten Stroh, unter dem der Hungerk\u00fcnstler lag, der selbst nicht mehr wu\u00dfte, wie lange er bereits in einem fort hungerte. Irgendwann bemerkt der Aufseher den v\u00f6llig abgemagerten und vor Entkr\u00e4ftung im Sterben liegenden Hungerk\u00fcnstler. Der Aufseher fragt den Hungerk\u00fcnstler warum er denn hungere und erh\u00e4lt zur Antwort: \u00bb<i>Weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt.<\/i>\u00ab Darauf stirbt der Hungerk\u00fcnstler. Er wird mit samt dem verfaulten Stroh, in dem er liegt, begraben und in seinen K\u00e4fig ein junger Panther gesteckt, der nun mit seiner Wildheit das Publikum fesselt.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlung \u00bbEin Hungerk\u00fcnstler\u00ab erschien zuerst in der Oktoberausgabe von \u00bbDie neue Rundschau\u00ab Jahrgang 33, Berlin\/Leipzig S. Fischer, 1922. Kafka beschreibt hier nicht nur wie jemand eigentlich etwas absolut Widersinniges tut \u2013 Hungern als reiner Selbstzweck \u2013 sondern zudem ausf\u00fchrlich wie mediale Mechanismen funktionieren. Das Interesse am Hungerk\u00fcnstler wird langsam aufgebaut als Versuch vierzig Tage an einem St\u00fcck zu hungern. Es wird somit unterschwellig die Botschaft ans Publikum vermittelt, das sich aus der pers\u00f6nlichen Lebenssituation ja nur schwer vorstellen kann l\u00e4nger, als ein paar Tage zu hungern und das auch nur aus \u00e4u\u00dferster Not heraus, da\u00df selbst diese vierzig Tage nach menschlichem Ermessen kaum durchzuhalten sind. Die W\u00e4chter sind ebenso Teil der Inszenierung. Sie garantieren weniger, da\u00df der Hungerk\u00fcnstler nicht doch heimlich i\u00dft oder ihm etwas zugesteckt wird, sondern sie sollen vor allem dem Publikum glauben machen, da\u00df diese M\u00f6glichkeit besteht, denn es d\u00fcrfte wohl kaum einen unter diesem geben, der in vergleichbarer Lage nicht bereit w\u00e4re zu Schummeln. Das Ende der Hungerperiode wird mit gro\u00dfer Zeremonie gefeiert. Jedoch hungert der Hungerk\u00fcnstler nicht deshalb maximal vierzig Tage hintereinander, weil er nicht l\u00e4nger k\u00f6nnte, sondern einfach weil andernfalls das Interesse des Publikums schlagartig erlahmen w\u00fcrde. Der Hungerk\u00fcnstler selbst genie\u00dft einerseits das Interesse, das ihm entgegengebracht wird, andererseits f\u00fchlt er sich zutiefst mi\u00dfverstanden, da\u00df man seine \u00bbKunst\u00ab an sich nicht ernst nimmt, nicht nur, weil man ihm Schummeln unterstellt, sondern weil man ihm nicht zutraut weit \u00fcber diese vierzig Tage hinaus hungern zu k\u00f6nnen. Als das Interesse schwindet, wie an jeder Sensation, die zu oft einem auf pure Zerstreuung und Neuem ausseienden Publikum vorgef\u00fchrt wird, glaubt der Hungerk\u00fcnstler, da\u00df es lediglich gen\u00fcgt zu zeigen, zu welcher (Hunger-)Leistung er imstande ist, um das Publikum erneut zu fesseln. Doch statt eines Triumphs \u00fcber die kaum vorstellbare Zeit, die er hungernd zugebracht hat, widerf\u00e4hrt ihm auf Grund seines Irrtums das gr\u00f6\u00dfte denkbare Fiasko; es kostet ihn das Leben ohne da\u00df sich jemand f\u00fcr seinen Ehrgeiz interessiert h\u00e4tte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der \u00bbHungerk\u00fcnstler\u00ab war lange Zeit die Jahrmarktsattraktion schlechthin. Sobald er in eine neue Stadt kam, war er das Gespr\u00e4ch schlechthin. Jeder wollte ihn zumindest einmal am Tag sehen, w\u00e4hrend er in seinem K\u00e4fig vor sich hungerte. 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