{"id":652,"date":"2009-02-21T19:40:02","date_gmt":"2009-02-21T18:40:02","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=652"},"modified":"2026-04-06T19:58:02","modified_gmt":"2026-04-06T17:58:02","slug":"wolfgang-borchert-das-gesamtwerk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=652","title":{"rendered":"Wolfgang Borchert \u00bbDas Gesamtwerk\u00ab"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/inter.jpg\" alt=\"Interpretationen\" \/><\/p>\n<p>Sicherlich werden sich viele aus dem Schulunterricht \u2013 je nach Generation \u2013 noch an die Kurzgeschichten \u00bbNachts schlafen die Ratten doch\u00ab, \u00bbStimmen sind da \u2013 in der Luft \u2013 in der Nacht\u00ab oder vielleicht auch an das Drama \u00bbDrau\u00dfen vor der T\u00fcr\u00ab erinnern. Geh\u00f6ren doch die Texte von Wolfgang Borchert bereits seit einigen Jahrzehnten zum Standardkanon der Literatur nach 1945 im Deutschunterricht. Vermutlich werden die meisten sie eher als l\u00e4stige Pflicht\u00fcbung angesehen haben, weil es ihnen schwerfiel, sich in die Welt die der Autor beschreibt hineinzuversetzen. F\u00fcr Jugendliche, die in der Geborgenheit eines demokratischen Rechtsstaats aufgewachsen sind, mu\u00df die Lebenswirklichkeit, mit der Wolfgang Borchert sich auseinanderzusetzen hatte, schier unglaublich erscheinen.<!--more--><\/p>\n<p class=\"einzug\">Wolfgang Borchert beschreibt in seinen Kurzgeschichten im knappen atmosph\u00e4risch dichten Stil, oft genug mit in diesem Kontext fast schon verst\u00f6rend sch\u00f6ner Poesie, vermutlich die Absurdit\u00e4t des Krieges, einer amoklaufenden Diktatur besser als die Mehrzahl der Autoren, die sich mit dieser Epoche auseinandergesetzt haben \u2013 und hier sind nur die gemeint, die diese Zeit gleich Borchert am eigenen Leib erfahren mu\u00dften, nicht die Nachgeborenen, denn diese k\u00f6nnen auf Grund der pers\u00f6nlichen Lebenswirklichkeit lediglich eine vage Vorstellung davon entwickeln. In Borcherts Texten kommen die sogenannten kleinen Leute zu Wort, die Namenlosen, die durch die Tr\u00fcmmer der zerst\u00f6rten St\u00e4dte irren, die der Krieg entwurzelt hat.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Von einem Neunj\u00e4hrigen Jungen, der vor den Tr\u00fcmmern eines zerbombten Hauses wacht, wie in \u00bbNachts schlafen die Ratten doch\u00ab, damit die Ratten nicht die Leiche seines kleinen Bruders, der unter den Tr\u00fcmmern liegt, fressen. Halb verhungert ist er, weil er Tag und Nacht wacht. Da begegnet ihm ein alter Mann, der zwischen dem Schutt Futter f\u00fcr seine Kaninchen sammelt. Als er Junge ihm erz\u00e4hlt, da\u00df er Tag und Nacht wacht, erkl\u00e4rt ihm der Mann, da\u00df er Nachts nicht zu wachen brauche, denn Nachts schlafen die Ratten doch und versucht ihn dazu zu bewegen mit ihm zu kommen, seine siebenundzwanzig Kaninchen anzusehen, die ja auch ein Symbol f\u00fcr das Leben angesehen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Vielleicht Borcherts eindrucksvoller Text, sein f\u00fcr sich selbst sprechendes Borcherts Pl\u00e4doyer f\u00fcr Zivilcourage in \u00bbDann gibt es nur eins!\u00ab<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00a0<\/p>\n<p>\u00bb[\u2026]<\/p>\n<p>Du. Besitzer der Fabrik. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst statt Puder und Kakao Schie\u00dfpulver verkaufen, dann gibt es nur eins:<\/p>\n<p>Sag NEIN!<\/p>\n<p>Du. Forscher im Laboratorium. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst einen neuen Tod erfinden gegen das alte Leben, dann gibt es nur eins:<\/p>\n<p>Sag NEIN!<\/p>\n<p>[\u2026]<\/p>\n<p>Du. Arzt am Krankenbett. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst die M\u00e4nner kriegstauglich schreiben, dann gibt es nur eins:<\/p>\n<p>Sag NEIN!<\/p>\n<p>Du. Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, dann gibt es nur eins:<\/p>\n<p>Sag NEIN!<\/p>\n<p>[\u2026]\u00ab<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Wolfgang Borcherts schmales und vielleicht gerade darum um so eindrucksvolles Werk entstand innerhalb von nur zwei Jahren. Mehr war dem gesundheitlich schwer angeschlagenen jungen Mann nach seiner Heimkehr \u00bb<i>aus dem Inferno des Krieges (Bernhard Meyer-Marwitz im Nachwort der Gesamtausgabe, Reinbek 1991)<\/i>\u00ab nicht zu leben verg\u00f6nnt. Borcherts Drang nach Wahrheit wurde ihm bereits fr\u00fch zum Verh\u00e4ngnis. In seinen Briefen, die er als Soldat verfa\u00dfte, prangerte er die L\u00fcgen einer Staatsf\u00fchrung an, die sich allein ihren wahnsinnigen Zielen verpflichtet sah und alles glaubte zerst\u00f6ren zu m\u00fcssen, das diesen Zielen gef\u00e4hrlich werden k\u00f6nnte. Diese Briefe wurden bei einer Hausdurchsuchung entdeckt. Bevor ihm der Proze\u00df gemacht werden konnte, befand er sich bereits in Russland. Schwer verwundert, gaben ihm seine Ankl\u00e4ger nicht einmal die M\u00f6glichkeit, zu genesen, sondern er wurde inhaftiert, ihm als Schwerkranker der Proze\u00df gemacht und zum Tode verurteilt. Jedoch hielt man ihm seine Jugend zugute und er wurde \u00bbbegnadigt\u00ab. Was im Zynismus der damals Herrschenden hie\u00df, da\u00df man ihn wieder an die russische Front schickte. Doch Borcherts gesundheitlicher Zustand machte ihn als Soldat unbrauchbar. Weil ihn ein Stubenkamerad wegen politischer Witze verriet, wurde er erneut inhaftiert.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Nach Kriegsende konnte der Schwerkranke in seine Heimatstadt Hamburg zur\u00fcck. Von gro\u00dfer Energie getrieben, die im Gegensatz zu seiner k\u00f6rperlichen Verfassung stand, schrieb er, arbeitete am Theater, trat als Kabarettist auf. 1947 ging er in die Schweiz nach Basel. Dort hoffte man, ihn wieder herzustellen, doch man hatte dort \u00bb<i>einen Kranken, aber keinen Todgeweihten erwartet. (Bernhard Meyer-Marwitz im Nachwort der Gesamtausgabe, Reinbek 1991)<\/i>\u00ab. Man konnte ihm nicht mehr helfen. Wolfgang Borchert verstarb am 20. November 1947 in Basel im Alter von nur sechsundzwanzig Jahren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weitere Texte zu Wolfgang Borcherts Werk hier im Blog:<\/p>\n<p><a href=\"?p=675\">Wolfgang Borchert \u00bbDann gibt es nur eins!\u00ab<\/a><\/p>\n<p><a href=\"?p=694\">Wolfgang Borchert \u00bbStimmen sind da \u2013 in der Luft \u2013 in der Nacht\u00ab<\/p>\n<p><a href=\"?p=723\">Wolfgang Borchert \u00bbSchischyphusch\u00ab<\/a><\/p>\n<p><a href=\"?p=743\">Wolfgang Borchert \u00bbDie Hundeblume\u00ab<\/a><\/p>\n<p><a href=\"?p=797\">Wolfgang Borchert \u00bbNachts schlafen die Ratten doch\u00ab<\/a><\/p>\n<p><a href=\"?p=872\">Wolfgang Borchert \u00bbDas Brot\u00ab<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sicherlich werden sich viele aus dem Schulunterricht \u2013 je nach Generation \u2013 noch an die Kurzgeschichten \u00bbNachts schlafen die Ratten doch\u00ab, \u00bbStimmen sind da \u2013 in der Luft \u2013 in der Nacht\u00ab oder vielleicht auch an das Drama \u00bbDrau\u00dfen vor der T\u00fcr\u00ab erinnern. 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