{"id":675,"date":"2009-02-24T20:23:53","date_gmt":"2009-02-24T19:23:53","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=675"},"modified":"2026-04-07T18:39:37","modified_gmt":"2026-04-07T16:39:37","slug":"wolfgang-borchert-dann-gibt-es-nur-eins","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=675","title":{"rendered":"Wolfgang Borchert \u00bbDann gibt es nur eins!\u00ab"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/inter.jpg\" alt=\"Interpretationen\" \/><\/p>\n<p><i>Dieser Beitrag ist, nach der kurzen Vorstellung von Wolfgang Borcherts Gesamtwerk \u2013 zu lesen <a href=\"?p=652\">hier<\/a> \u2013 der Anfang einer kleiner Reihe in der in loser Folge bekannte und weniger bekannte Texte von Wolfgang Borchert kurz vorgestellt werden.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wolfgang Borcherts leidenschaftliches und eindrucksvolles Pl\u00e4doyer gegen den Krieg ist zweigeteilt. Es beginnt mit einer Reihe suggestiver Appelle, die sich zwar zuvorderst an bestimmte Berufs- und Bev\u00f6lkerungsgruppen richtet, doch dadurch, da\u00df jeder Appell sich nicht nur auf das Gewissen zielt, sondern jeweils mit den Personalpronomen DU beginnt, gefolgt von einem Punkt, kann der Leser gar nicht anders als sich ebenso pers\u00f6nlich angesprochen f\u00fchle als spr\u00e4che Borchert ihm mit seinem Namen an. <!--more--><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><i>\u00bb[\u2026] <\/i><\/p>\n<p><i>Du. Besitzer der Fabrik. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst statt Puder und Kakao Schie\u00dfpulver verkaufen, dann gibt es nur eins: <\/i><\/p>\n<p><i>Sag NEIN! <\/i><\/p>\n<p><i>Du. Forscher im Laboratorium. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst einen neuen Tod erfinden gegen das alte Leben, dann gibt es nur eins: <\/i><\/p>\n<p><i>Sag NEIN! <\/i><\/p>\n<p><i>[\u2026] <\/i><\/p>\n<p><i>Du. Arzt am Krankenbett. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst die M\u00e4nner kriegstauglich schreiben, dann gibt es nur eins: <\/i><\/p>\n<p><i>Sag NEIN! <\/i><\/p>\n<p><i>Du. Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, dann gibt es nur eins: <\/i><\/p>\n<p><i>Sag NEIN! <\/i><\/p>\n<p><i>[\u2026]\u00ab <\/i><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Er beendet den ersten Teil mit einem besonderen Appell an alle M\u00fctter weltweit \u2013 In diesem Zusammenhang mu\u00df darauf hingewiesen werden, da\u00df zu Borcherts Lebzeiten, anders als \u00fcber sechzig Jahre sp\u00e4ter, Frauen so gut wie ausgeschlossen aus gesellschaftlich relevanten Machtpositionen waren und sie nicht nur bei den Nazis in erster Linie in der Funktion als Hausfrauen und M\u00fctter angesehen wurden und als Pflegekr\u00e4fte in den Lazaretten \u2013, da\u00df sie, sollten ihnen die Machthaber <i>\u00bb[\u2026] morgen befehlen, ihr sollt Kinder geb\u00e4ren, Krankenschwestern f\u00fcr Kriegslazarette und neue Soldaten f\u00fcr neue Schlachten, M\u00fctter in der Welt, dann gibt es nur eins: <\/i><\/p>\n<p><i>Sagt NEIN! M\u00fctter, sagt NEIN! <\/i><\/p>\n<p><i>[\u2026]\u00ab <\/i><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Im zweiten Teil des Textes malt Wolfgang Borchert dann die Folgen aus, sollte nicht verweigert werden, in seiner f\u00fcr ihn typischen lebendigen mitunter sehr poetischen Bildsprache, die in ihrem angewandten Kontext jedoch fast verst\u00f6rend wirkt, aber gerade darum die Schrecken, die er zeichnet umso plastischer aufzeigen, so da\u00df auch der Leser sie nachvollziehen kann, dem selbst eine vergleichbare Erfahrung fehlt, wie Wolfgang Borchert und andere seiner Zeit sie hatten durchleben m\u00fcssen, diese Bilder f\u00fcr sie grausige Realit\u00e4t waren. <i>\u00bb[\u2026] eine schlammgraue dickbreiige bleierne Stille wird sich heranw\u00e4lzen, gefr\u00e4\u00dfig, wachsend, wird anwachsen in den Schulen und Universit\u00e4ten, auf Sport- und Kinderspielpl\u00e4tzen, grausig und gierig, unaufhaltsam \u2013 [\u2026]\u00ab<\/i><\/p>\n<p class=\"einzug\">Wolfgang Borchert beendet seinen Text mit der Mahnung, da\u00df all das, was er zuvor geschildert hat, eintreffen wird, wenn nicht heute oder morgen so irgendwann ganz bestimmt, wenn denjenigen, die glauben, Konflikte lassen sich nur mit Gewalt l\u00f6sen oder die ihre pers\u00f6nlichen Machtinteressen und Begehrlichkeiten hemmungslos auf die Territorien anderer richten, keine Grenzen gesetzt werden. <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4 style=\"text-align:center;\">Vollst\u00e4ndiger Text<\/h4>\n<h3>Dann gibt es nur Eins!<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kocht\u00f6pfe mehr machen \u2013 sondern Stahlhelme und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins:<\/p>\n<p>Sag NEIN!<\/p>\n<p>Du. M\u00e4dchen hinterm Ladentisch und M\u00e4dchen im B\u00fcro. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Granaten f\u00fcllen und Zielfernrohre f\u00fcr Scharfsch\u00fctzengewehre montieren, dann gibt es nur eins:<\/p>\n<p>Sag NEIN!<\/p>\n<p>Du. Besitzer der Fabrik. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst statt Puder und Kakao Schie\u00dfpulver verkaufen, dann gibt es nur eins:<\/p>\n<p>Sag NEIN!<\/p>\n<p>Du. Forscher im Laboratorium. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst einen neuen Tod erfinden gegen das alte Leben, dann gibt es nur eins:<\/p>\n<p>Sag NEIN!<\/p>\n<p>Du. Dichter in deiner Stube. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Liebeslieder, du sollst Ha\u00dflieder singen, dann gibt es nur eins:<\/p>\n<p>Sag NEIN!<\/p>\n<p>Du. Arzt am Krankenbett. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst die M\u00e4nner kriegstauglich schreiben, dann gibt es nur eins:<\/p>\n<p>Sag NEIN!<\/p>\n<p>Du. Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, dann gibt es nur eins:<\/p>\n<p>Sag NEIN!<\/p>\n<p>Du. Kapit\u00e4n auf dem Dampfer. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keinen Weizen mehr fahren \u2013 sondern Kanonen und Panzer, dann gibt es nur eins:<\/p>\n<p>Sag NEIN!<\/p>\n<p>Du. Pilot auf dem Flugfeld. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Bomben und Phosphor aber die St\u00e4dte tragen, dann gibt es nur eins:<\/p>\n<p>Sag NEIN!<\/p>\n<p>Du. Schneider auf deinem Brett. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Uniformen zuschneiden, dann gibt es nur eins:<\/p>\n<p>Sag NEIN!<\/p>\n<p>Du. Richter im Talar. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst zum Kriegsgericht gehen, dann gibt es nur eins:<\/p>\n<p>Sag NEIN!<\/p>\n<p>Du. Mann auf dem Bahnhof. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst das Signal zur Abfahrt geben f\u00fcr den Munitionszug und f\u00fcr den Truppentransport, dann gibt es nur eins:<\/p>\n<p>Sag NEIN!<\/p>\n<p>Du. Mann auf dem Dorf und Mann in der Stadt. Wenn sie morgen kommen und dir den Gestellungsbefehl bringen, dann gibt es nur eins:<\/p>\n<p>Sag NEIN!<\/p>\n<p>Du. Mutter in der Normandie und Mutter in der Ukraine, du, Mutter in Frisko und London, du, am Hoangho und am Mississippi, du, Mutter in Neapel und Hamburg und Kairo und Oslo x M\u00fctter in allen Erdteilen, M\u00fctter in der Welt, wenn sie morgen befehlen, ihr sollt Kinder geb\u00e4ren, Krankenschwestern f\u00fcr Kriegslazarette und neue Soldaten f\u00fcr neue Schlachten, M\u00fctter in der Welt, dann gibt es nur eins:<\/p>\n<p>Sagt NEIN! M\u00fctter, sagt NEIN!<\/p>\n<p>Denn wenn ihr nicht NEIN sagt, wenn IHR nicht nein sagt, M\u00fctter, dann:<\/p>\n<p>dann:<\/p>\n<p>In den l\u00e4rmenden dampfdunstigen Hafenst\u00e4dten werden die gro\u00dfen Schiffe st\u00f6hnend verstummen und wie titanische Mammutkadaver wasserleichig tr\u00e4ge gegen die toten vereinsamten Kaimauern schwanken, algen-, tang- und muschel\u00fcberwest den fr\u00fcher so schimmernden dr\u00f6hnenden Leib, friedh\u00f6flich fischfaulig duftend, m\u00fcrbe, siech, gestorben x<\/p>\n<p>die Stra\u00dfenbahnen werden wie sinnlose glanzlose glas\u00e4ugige K\u00e4fige bl\u00f6de verbeult und abgebl\u00e4ttert neben den verwirrten Stahlskeletten der Dr\u00e4hte und Gleise liegen, hinter morschen dachdurchl\u00f6cherten Schuppen, in verlorenen kraterzerrissenen Stra\u00dfen \u2013<\/p>\n<p>eine schlammgraue dickbreiige bleierne Stille wird sich heranw\u00e4lzen, gefr\u00e4\u00dfig, wachsend, wird anwachsen in den Schulen und Universit\u00e4ten und Schauspielh\u00e4usem, auf Sport- und Kinder-Spielpl\u00e4tzen, grausig und gierig, unaufhaltsam x<\/p>\n<p>der sonnige saftige Wein wird an den verfallenen H\u00e4ngen verfaulen, der Reis wird in der verdorrten Erde vertrocknen, die Kartoffel wird auf den brachliegenden \u00c4ckern erfrieren und die K\u00fche werden ihre totsteifen Beine wie umgekippte Melkschemel in den Himmel strecken \u2013<\/p>\n<p>in den Instituten werden die genialen Erfindungen der gro\u00dfen \u00c4rzte sauer werden, verrotten, pilzig verschimmeln x<\/p>\n<p>in den K\u00fcchen, Kammern und Kellern, in den K\u00fchlh\u00e4usern und Speichern werden die letzten S\u00e4cke Mehl, die letzten Gl\u00e4ser Erdbeeren, K\u00fcrbis und Kirschsaft verkommen \u2013 das Brot unter den umgest\u00fcrzten Tischen und auf zersplitterten Tellern wird gr\u00fcn werden und die ausgelaufene Butter wird stinken wie Schmierseife, das Korn auf den Feldern wird neben verrosteten Pfl\u00fcgen hingesunken sein wie ein erschlagenes Heer und die qualmenden Ziegelschomsteine, die Essen und die Schlote der stampfenden<\/p>\n<p>Fabriken werden, vom ewigen Gras zugedeckt, zerbr\u00f6ckeln \u2013 zerbr\u00f6ckeln \u2013 zerbr\u00f6ckeln \u2013<\/p>\n<p>dann wird der letzte Mensch, mit zerfetzten Ged\u00e4rmen und verpesteter Lunge, antwortlos und einsam unter der giftig gl\u00fchenden Sonne und unter wankenden Gestirnen umherirren, einsam zwischen den un\u00fcbersehbaren Massengr\u00e4bern und den kalten G\u00f6tzen der gigantischen betonklotzigen ver\u00f6deten St\u00e4dte, der letzte Mensch, d\u00fcrr, wahnsinnig, l\u00e4sternd, klagend \u2013 und seine furchtbare Klage: WARUM? wird ungeh\u00f6rt in der Steppe verrinnen, durch die geborstenen Ruinen wehen, versickern im Schutt der Kirchen, gegen Hochbunker klatschen, in Blutlachen fallen, ungeh\u00f6rt, antwortlos, letzter Tierschrei des letzten Tieres Mensch x all dieses wird eintreffen, morgen, morgen vielleicht, vielleicht heute nacht schon, vielleicht heute nacht, wenn \u2013\u2013 wenn \u2013\u2013<\/p>\n<p>wenn ihr nicht NEIN sagt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alle Zitate aus: Wolfgang Borchert: Das Gesamtwerk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Beitrag ist, nach der kurzen Vorstellung von Wolfgang Borcherts Gesamtwerk \u2013 zu lesen hier \u2013 der Anfang einer kleiner Reihe in der in loser Folge bekannte und weniger bekannte Texte von Wolfgang Borchert kurz vorgestellt werden. &nbsp; Wolfgang Borcherts leidenschaftliches und eindrucksvolles Pl\u00e4doyer gegen den Krieg ist zweigeteilt. 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