{"id":694,"date":"2009-02-28T00:37:53","date_gmt":"2009-02-27T23:37:53","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=694"},"modified":"2026-04-07T18:59:17","modified_gmt":"2026-04-07T16:59:17","slug":"wolfgang-borchert-stimmen-sind-da-in-der-luft-in-der-nacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=694","title":{"rendered":"Wolfgang Borchert \u00bbStimmen sind da \u2013 in der Luft \u2013 in der Nacht\u00ab"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/inter.jpg\" alt=\"Interpretationen\" \/><\/p>\n<p>Ein grauer tr\u00fcber nebliger Novembernachmittag. F\u00fcnf Leute, ein alter Mann, eine alte Frau, zwei junge Frauen und ein blasser junger Mann sind die einzigen Fahrg\u00e4ste in einer Stra\u00dfenbahn. Jeder sitzt f\u00fcr sich, der Schaffner malt scheinbar geistesabwesend Gesichter auf die beschlagenen Scheiben. Der alte Mann beginnt von Stimmen zu sprechen, die immerzu des Nachts zu h\u00f6ren sind und die ihn nicht schlafen lassen.<!--more--> Immer wieder redet der alte Mann von diesen Stimmen. Hin und wieder kichern die M\u00e4dchen, doch nicht weil sie die Reden des alten Mannes f\u00fcr \u00fcberspannt halten, sondern aus Verlegenheit. Auch sie h\u00f6ren Stimmen des Nachts, aber \u00bb<i>[\u2026] andere Stimmen in der Nacht, lebendige, die wie warme m\u00e4nnliche H\u00e4nde auf der Haut lagen, die sich unter das Bett schoben, leise, gewaltt\u00e4tig, besonders nachts. [\u2026] Und keine wu\u00dfte, da\u00df die andere auch die Stimmen h\u00f6rte, nachts, in den Tr\u00e4umen<\/i>.\u00ab Im Laufe seiner Reden erkl\u00e4rte der alte Mann wessen Stimmen es sind: <i>\u00bb[\u2026] Die Toten, meine Herrschaften. Es sind zu viele. Sie dr\u00e4ngeln sich nachts in der Luft. [\u2026] Sie haben keinen Platz. Denn die Herzen sind voll. \u00dcberf\u00fcllt bis an den Rand. Und nur in den Herzen k\u00f6nnen sie bleiben, [\u2026]\u00ab<\/i> Und wie bereits zuvor pflichten ihm der Schaffner und die alte Frau bei, da es ihnen nicht anders ergeht. W\u00e4hrenddessen zeigt der blasse junge Mann keine Reaktion, scheint zu schlafen, was den alten Mann aufbringt, da er glaubt, da\u00df dem jungen Mann das alles gleichg\u00fcltig ist. Da erwacht der blasse junge Mann aus seiner Lethargie, bittet den alten Mann, seine Zigarette nicht wegzuwerfen sondern ihm zu geben, denn er habe Hunger, ihm sei schlecht und die Zigarette w\u00fcrde ihm guttun. Da wird dem \u00e4lteren Mann bewu\u00dft in welch j\u00e4mmerlichen Zustand sich der blasse junge Mann befindet, da\u00df er keinen Mantel tr\u00e4gt an diesem kalten Novembertag und tadelt ihn deswegen. Der blasse junge Mann erwidert, da\u00df seine Mutter auch immer gesagt hat, er m\u00fcsse bei diesem Wetter einen Mantel trage, aber seine Mutter sei seit drei Jahren tot und wisse somit auch nicht, da\u00df er keinen Mantel mehr habe. Dann verl\u00e4\u00dft der blasse junge Mann, die Zigarette rauchend und vor Ersch\u00f6pfung taumelnd die Stra\u00dfenbahn. Die anderen bleiben nachdenklich schweigend zur\u00fcck und <i>\u00bb[\u2026] der Schaffner malte gro\u00dfe schiefe Gesichter an die Scheibe. Gro\u00dfe schiefe Gesichter.\u00ab<\/i><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Mit wenigen S\u00e4tzen skizziert Wolfgang Borchert eindrucksvoll eine Endzeit-Stimmung \u2013 tr\u00fcber nasser Novembertag, leere Stra\u00dfen, tiefe Resignation, eine alte Stra\u00dfenbahn<i> \u00bb[\u2026] Die Stra\u00dfenbahn stie\u00df und stolperte gelb durch den November. [\u2026]\u00ab.<\/i> Der alte Mann kann stellvertretend f\u00fcr das Gewissen gesehen werden, das in Anbetracht der Schrecken des zur\u00fcckliegenden Krieges mit seiner unvorstellbaren Zahl an Toten nicht zur Ruhe kommen kann und auch nicht <i>darf<\/i>. Die Stimme, die die beiden M\u00e4dchen des Nachts h\u00f6ren, die Metapher <i>\u00bb[\u2026] die wie warme m\u00e4nnliche H\u00e4nde auf der Haut lagen[\u2026]\u00ab<\/i> kann auch als Unm\u00f6glichkeit die erwachende Sexualit\u00e4t ungehindert leben zu k\u00f6nnen gesehen werden, doch nicht wegen einer bigotten Gesellschaft, sondern weil der Krieg die jungen M\u00e4nner ihres Alters ermordete, deren vornehmliche Aufgabe das eigentlich w\u00e4re. Die \u2013 scheinbare \u2013 Teilnahmslosigkeit des blassen jungen Mannes weckt den \u2013 berechtigen \u2013 Zorn des alten Mannes, der das f\u00fcr Ignoranz oder, was auch nicht unwahrscheinlich w\u00e4re, diesen jungen Mann als einen Repr\u00e4sentanten derjenigen betrachtet, die trotz ihrer Jugend die Herrscher in ihrem Handeln unterst\u00fctzt haben und somit eine Mitschuld am Elend vieler, an ihrem Elend tragen. Aber dann zeigt sich, da\u00df der junge Mann noch viel mehr Opfer als seine Mitreisenden in der Stra\u00dfenbahn ist. Er geh\u00f6rt derselben Generation wie Wolfgang Borchert an, die von skrupellosen Machthabern um ihre Jugend betrogen ist, denen ihre Jugend \u00bbgemordet\u00ab wurde. Die den Tod aber nicht das Leben kennenlernen durften und denen es letztlich schlimmer geht als den Toten, \u00fcber die der alte Mann klagt. Den anderen in der Stra\u00dfenbahn ist das bewu\u00dft, denn als der blasse junge Mann die Stra\u00dfenbahn verl\u00e4\u00dft, bleiben sie schweigend und betroffen zur\u00fcck, sie trauen sich nicht einmal mehr zu atmen <i>\u00bb[\u2026] Und drinnen sa\u00dfen die anderen und sie atmeten nicht.[\u2026]<\/i>\u00ab.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Alle Zitate aus: Wolfgang Borchert: Das Gesamtwerk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein grauer tr\u00fcber nebliger Novembernachmittag. F\u00fcnf Leute, ein alter Mann, eine alte Frau, zwei junge Frauen und ein blasser junger Mann sind die einzigen Fahrg\u00e4ste in einer Stra\u00dfenbahn. Jeder sitzt f\u00fcr sich, der Schaffner malt scheinbar geistesabwesend Gesichter auf die beschlagenen Scheiben. 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