{"id":704,"date":"2009-03-01T01:39:42","date_gmt":"2009-03-01T00:39:42","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=704"},"modified":"2026-04-07T19:08:07","modified_gmt":"2026-04-07T17:08:07","slug":"charles-dickens-ein-weihnachtslied-abend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=704","title":{"rendered":"Charles Dickens \u00bbEin Weihnachtslied \/-abend\u00ab"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/inter.jpg\" alt=\"Interpretationen\" \/><\/p>\n<p>Ein Heiligabend in London Mitte des 19. Jhd. Es ist frostig und neblig. Auf den Tag genau vor sieben Jahren verstarb Jakob Marley, der Kompagnon des alten Ebenezer Scrooge. Scrooge ist ein ebenso erfolgreicher wie unerbittlicher Gesch\u00e4ftsmann, dessen einziger Lebensinhalt die Mehrung seines Reichtum ist. Menschen, die dies nicht schaffen oder \u2013 schlimmer noch \u2013 f\u00fcr die andere Dinge wichtig sind, verachtet er. Was er seinem einzigen Angestellten Robert Cratchit bezahlt, reicht f\u00fcr ihn und dessen Familie kaum zum Leben, nicht einmal f\u00fcr einen w\u00e4rmenden Mantel oder neue Kleider f\u00fcr sich und seine Familie. Seinen Neffen, der in bescheidenen Verh\u00e4ltnissen lebt, und der seinem Onkel trotz allem freundlich gesinnt ist, weist Scrooge die T\u00fcr als dieser ihn zum Weihnachtsessen bei sich und seiner jungen Frau einladen will. Zwei Herren, die f\u00fcr wohlt\u00e4tige Zwecke sammeln und ihn um eine Spende f\u00fcr die \u00c4rmsten bitten, br\u00fcskiert er. Er gibt ihnen zu verstehen, da\u00df er Gef\u00e4ngnisse und Armenh\u00e4user f\u00fcr sinnvolle Einrichtungen h\u00e4lt, au\u00dferdem unterst\u00fctze er bereits diese Institution und <i>\u00bb[\u2026] wem es schlecht geht, der mag sich dorthin <\/i>[in die Armenh\u00e4user Anm. d. A.]<i> begeben![\u2026]\u00ab<\/i>. Auf die Entgegnung eines der beiden Herrn, da\u00df viele lieber streben w\u00fcrden, als dorthin zu gehen, erwidert Scrooge kalt, st\u00fcrben sie, dann w\u00fcrden sie die \u00fcberfl\u00fcssige Bev\u00f6lkerung vermindern. Darauf erkennen die beiden Herrn die Vergeblichkeit ihrer Bem\u00fchungen und gehen.<!--more--><\/p>\n<p class=\"einzug\">Scrooge geht, nachdem er seinem Angestellten nur widerwillig den morgigen Weihnachtstag freigegeben hat, in sein Haus, das einsam und dunkel in einem Hof liegt. Alles scheint wie immer zu sein, doch dann erscheint ihm der Geist seines verstorbenen Kompagnons. Er schildert Scrooge, wie er gezwungen ist, wie viele andere arme Seelen gleich ihm, durch die Welt zu irren, weil \u00bb<i>[\u2026]mein Geist immer in den engen Grenzen unserer Wucherh\u00f6hle <\/i>[blieb]<i> [\u2026]<\/i>\u00ab. Die Ketten, die Jakob Marley als Geist tragen mu\u00df, habe er sich im Leben selbst geschmiedet, weil sein Streben einzig auf Materielles konzentriert war und nicht auch auf Soziales. Scrooge beginnt die Angst zu packen, doch Marleys Geist erkl\u00e4rt, da\u00df sich f\u00fcr Scrooge ein vergleichbares Schicksal noch abwenden kann, wenn er sich ehrlich \u00e4ndert. Scrooge w\u00fcrde in den folgenden N\u00e4chten von drei Geistern Besuch erhalten, die ihm seine Vergangenheit, seine Gegenwart und seine Zukunft vor Augen f\u00fchrten. Daraufhin verschwindet Marleys Geist und l\u00e4\u00dft Scrooge verst\u00f6rt zur\u00fcck.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Scrooge schl\u00e4ft ein und erwacht zur angegebenen Stunde. Der erste Geist \u2013 der Geist der zur\u00fcckliegenden Weihnachten \u2013 erscheint und f\u00fchrt Scrooge in dessen Vergangenheit. Er zeigt Scrooge wie er als kleiner Junge Weihnachten in einem heruntergekommenen Internat verbringen mu\u00dfte, wie der kleine Scrooge Freude daran besa\u00df, in die Phantasiewelten seiner B\u00fccher hineinzutauchen. Wie er einige Jahre sp\u00e4ter von seiner j\u00fcnger und einzigen Schwester der Mutter seines Neffen nach Haus geholt wird, weil es ihr Vater es jetzt erlaube. Wie er als aufgeweckter und lebensfroher Lehrling an einem Fest seines damaligen Lehrherrn teilnimmt. Wie er selbst an den kleinsten Dingen \u2013 an Bagatellen, wie der Geist sagt \u2013 Freude findet. Wie Scrooges Braut die Verlobung l\u00f6st, weil Scrooge begonnen hat, das Gold mehr alles andere zu sch\u00e4tzen. Der Geist zeigt Scrooge ehemalige Braut als gl\u00fcckliche Ehefrau und Mutter, w\u00e4hrend Scrooge in Einsamkeit leben mu\u00df. Scrooge wird sich bewu\u00dft, da\u00df sein Leben eigentlich leer ist. Der Geist verschwindet. Scrooge wird vom Schlaf \u00fcbermannt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der zweite Geist erscheint und zeigt ihm die Gegenwart. Er f\u00fchrt ihn ins Heim seines Angestellten, wo dieser von Freude und Gl\u00fcck erf\u00fcllt in Harmonie Weihnachten feiert, obwohl es an allen Ecken und Enden fehlt. Au\u00dfer seinem Angestellten empfindet die ganze Familie Verachtung f\u00fcr den hartherzigen Scrooge. Scrooge erf\u00e4hrt zudem, da\u00df der j\u00fcngste k\u00f6rperbehinderte Sohn stirbt, wenn er keine bessere \u00e4rztliche Behandlung bekommt. Scrooge bedauert das ehrlich. Doch der Geist zitiert ihn: \u00bb<i>[\u2026]Wenn es <\/i>[das Kind]<i> sterben soll, ist es besser, es tut es gleich und verringert die \u00fcberfl\u00fcssige Bev\u00f6lkerung[\u2026]<\/i>\u00ab. Scrooge ist besch\u00e4mt, doch der Geist redet ihm sogleich ins Gewissen. \u00bb<i>[\u2026] nimmt dich in acht vor solchen verfluchungsw\u00fcrdigen Reden, bis du entdeckt hast, was \u203a\u00fcberfl\u00fcssig\u2039 eigentlich besagen will und wo man es findet! Ma\u00dfest du dir an zu entscheiden, welche Menschen leben und welche Menschen sterben sollen? Vielleicht bist du in den Augen des Himmels unw\u00fcrdiger und ungeeigneter zu leben, als Millionen wie dieses armen Mannes Kind. [\u2026]<\/i>\u00ab. Worauf Scrooge dem\u00fctig das Haupt senkt. Nachdem der Geist Scrooge noch andere Menschen zeigt, wie sie an unterschiedlichen Orten unter unterschiedlichen Umst\u00e4nden fr\u00f6hlich Weihnachten begehen, f\u00fchrt er ihn zum Haus seines Neffen. Dieser feiert inmitten seiner Freunde und seiner Frau ausgelassen Weihnachten und bemitleidet seinen Onkel aber verurteilt ihn nicht, w\u00e4hrend die anderen eine weniger positive Meinung von Scrooge besitzen. Scrooge lebt auf, nimmt mit Freuden an den Spielen der Bewohner teil, obwohl sie ihn nicht sehen oder h\u00f6ren k\u00f6nnen. Auf dem H\u00f6hepunkt seines Gl\u00fccksgef\u00fchls f\u00fchrt der Geist ihn wieder in Scrooges Haus zur\u00fcck. Hier bemerkt Scrooge, wie stark der Geist gealtert ist und die beiden \u00e4rmlichen Kinder an seiner Seite, deren Namen \u00bb<i>Unwissenheit<\/i>\u00ab und \u00bb<i>Not<\/i>\u00ab sind. Auf Scrooges Frage, ob die Kinder denn keine Zufluchtsst\u00e4tte h\u00e4tten, zitiert der Geist ihn erneut \u00bb<i>Gibt es keine Gef\u00e4ngnisse? [\u2026] Gibt es keine Armenh\u00e4user?<\/i>\u00ab Scrooge ist besch\u00e4mt und voller Angst vor seiner Zukunft.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der Geist verschwindet und unmittelbar darauf erscheint der dritte, furchterregend und bedrohlich: Der Geist der Zukunft. Dieser zeigt Scrooge wie nach dessen Tod niemand ein freundliches Wort f\u00fcr ihn besitzt, wie seine Leiche gefleddert wird. Wie einer seiner Schuldner erleichtert \u00fcber seinen Tod ist, weil er ihm Aufschub erm\u00f6glicht und wei\u00df, da\u00df sein Erbe humaner mit ihm umgehen wird. Wie Scrooges Neffe mit dem von ihm geerbten Geld verantwortungsvoller umgeht. Zum Schlu\u00df f\u00fchrt ihn der Geist zu einem heruntergekommenen vergessenen Grab. Scrooge liest den Namen des Verstorbenen auf dem Grabstein \u2013 es ist seiner. Scrooge erkennt, da\u00df sein bisheriges Verhalten falsch war und da\u00df er nur eine einzige Chance hat, dieser Zukunft zu entgehen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Als der Geist verschwunden ist, bemerkt Scrooge erleichtert, da\u00df er noch lebt, da\u00df es fr\u00fch am Weihnachtsmorgen ist und da\u00df alles, was er zuvor erlebt hat innerhalb einer einzigen Nacht geschehen ist. Er ist wie ausgewechselt. Er beauftragt einen am Haus vorbeikommenden Jungen den gro\u00dfen Puter im Gesch\u00e4ft, um die Ecke zu kaufen, verspricht ihm ein f\u00fcrstliches Trinkgeld wenn er sich beeilt. Diesen Puter schickt er seinem Angestellten, aber der darf nicht wissen, wer der Wohlt\u00e4ter ist. Scrooge zieht seinen besten Anzug an und geht aus. Er gr\u00fc\u00dft alle, die ihm begegnen und nach anf\u00e4nglichem Z\u00f6gern wird er auch gegr\u00fc\u00dft. Er trifft einen der beiden Herren, die ihn um eine Spende f\u00fcr die Armen gebeten hat. Scrooge entschuldigt sich bei ihm und macht eine mehr als gro\u00dfz\u00fcgige Spende, denn \u00bb<i>[\u2026] es sind viele R\u00fcckst\u00e4nde dabei [\u2026]<\/i>\u00ab. Scrooges Weg endet vor dem Haus seines Neffen. Er ben\u00f6tigt einige Zeit bis er sich traut, an dessen T\u00fcr zu l\u00e4uten. Er wird herzlich empfangen und genie\u00dft das Weihnachtsfest im Kreis seiner Familie.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Am n\u00e4chsten Morgen ist Scrooge fr\u00fch im Kontor, er will seinen Angestellten abfangen, wie dieser zu sp\u00e4t zum Dienst kommt, was tats\u00e4chlich geschieht. Doch statt ihn zu r\u00fcgen, erh\u00f6ht er dessen Gehalt und sorgt daf\u00fcr, da\u00df sein kleiner k\u00f6rperbehinderter Sohn die notwendige Betreuung erh\u00e4lt. Scrooge wird zu einem geachteten B\u00fcrger und Gesch\u00e4ftsmann. Da\u00df ihn einige Unbelehrbare ob seiner Freigiebig bel\u00e4cheln, k\u00fcmmert ihn nicht weiter.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Charles Dickens Erz\u00e4hlung \u2013 auch unter dem Titel \u00bbEin Weihnachtsabend\u00ab bekannt \u2013 kommt als romantische Weihnachtsgeschichte daher ist aber harte Gesellschafts- und Kapitalismuskritik. Die Figur des Ebenezer Scrooge ist berechtigterweise als Prototyp des eiskalten, nur auf den eigenen Vorteil bedachten Kapitalisten, der f\u00fcr alle, die es aus welchen Gr\u00fcnden auch immer nicht selbst zu Reichtum gebracht haben, lediglich Verachtung \u00fcbrig hat, in die Literaturgeschichte eingegangen. Dickens demonstriert mit Scrooges Aussage \u00bb<i>Wenn sie <\/i>[die Armen] <i>eher lieber sterben w\u00fcrden [\u2026] so w\u00e4re es gut, wenn sie das ausf\u00fchrten und die \u00fcberfl\u00fcssige Bev\u00f6lkerung verminderten.[\u2026]<\/i>\u00ab die menschenverachtende Seite eines sich ungehemmt ausbreitenden Wirtschaftsliberalismus, der zu Dickens Zeiten bereits Realit\u00e4t war und noch nicht die Vorsilbe Neo- besa\u00df. Bezeichnend die Antwort die Dickens dieser Einstellung erteilt, indem er den zweiten Geist sagen l\u00e4\u00dft: \u00bb<i>[\u2026] nimmt dich in acht vor solchen verfluchungsw\u00fcrdigen Reden, bis du entdeckt hast, was \u203a\u00fcberfl\u00fcssig\u2039 eigentlich besagen will und wo man es findet! Ma\u00dfest du dir an zu entscheiden, welche Menschen leben und welche Menschen sterben sollen? Vielleicht bist du in den Augen des Himmels unw\u00fcrdiger und ungeeigneter zu leben, als Millionen wie dieses armen Mannes Kind. [\u2026]<\/i>\u00ab Dickens verdeutlicht damit, wer die eigentliche Belastung f\u00fcr die Gemeinschaft ist, wer sich wirklich asozial verh\u00e4lt und da\u00df nicht die Armen, sondern die Reichen das Problem sind, die ihren Reichtum auf Kosten anderer erwerben und zugleich meinen sich der sozialen Verantwortung, die jeder Mensch den Anderen gegen\u00fcber besitzt, entziehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Die drei Geister zeigen Scrooge nicht einfach Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sondern in erster Linie Scrooge Sozialisierung, die Alternative zu Scrooges bisherigem Leben und die \u2013 m\u00f6glichen! \u2013 Folgen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Scrooge war einst das lebensfrohe Kind eines strengen selbstherrlichen Vaters, der seinen Sohn \u00fcber Weihnachten in einem heruntergekommenen Internat lie\u00df. \u2013 Dickens hat mehrfach Kritik am Schulsystem seiner Zeit ge\u00fcbt. \u2013 Dieser Vater scheint seine Meinung ge\u00e4ndert zu haben \u00bb<i>[\u2026]Der Vater ist soviel freundlicher als sonst, da\u00df es bei uns wie im Himmel zugeht[\u2026]<\/i>\u00ab und erlaubt der Tochter, den jungen Scrooge heimzuholen. Noch als Lehrling hat Scrooge nichts von seiner sp\u00e4teren Einstellung an sich. Doch nur wenige Jahre sp\u00e4ter l\u00f6st seine Braut die Verlobung, weil ein \u00bb<i>[\u2026]anderes G\u00f6tzenbild[\u2026]<\/i>\u00ab sie verdr\u00e4ngt hat ein \u00bb<i>[\u2026]goldenes[\u2026]\u00ab, <\/i>was als offene Anspielung auf den in der Bibel erw\u00e4hnten \u00bbTanz ums goldene Kalb\u00ab und auf Mammon zu sehen ist.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der zweite Geist zeigt Scrooge, da\u00df Gl\u00fcck, Liebe und Freundschaft nicht vom Geld abh\u00e4ngig sind, da\u00df nur wer viel und gerne gibt auch viel zur\u00fcckbekommt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Zwar wird Scrooge Zukunft vom dritten Geist als scheinbar hoffnungslos geschildert, dennoch l\u00e4\u00dft Dickens keinerlei Zweifel daran, da\u00df die Zukunft immer nur ein <i>Kann-sein<\/i> ist und nicht zwingend feststeht, sondern einzig von den Handlungen der Gegenwart abh\u00e4ngt. Da\u00df negative Zukunftsprognosen nicht unabwendbar sind, sondern ihren Sinn einzig darin haben, sich der aktuellen Probleme bewu\u00dft zu werden und Strategien zu deren Bew\u00e4ltigung zu entwickeln. Eine Chance die Scrooge ergreift.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Scrooge ist zwar gel\u00e4utert, aber Dickens ersch\u00f6pft sich nicht in Sozialromantik, sondern betont, da\u00df es auch Unbelehrbare gibt, bei denen nichts greift, \u00bb<i>[\u2026]da\u00df solcherlei Leute doch blind bleiben w\u00fcrden[\u2026]<\/i>\u00ab und da\u00df nur der ein wirklich erfolgreicher Gesch\u00e4ftsmann ist, der sich seiner sozialen Verantwortung bewu\u00dft und bereit ist, sie zu tragen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00a0<\/p>\n<p>Auch \u00fcber 160 Jahre nach ihrer Entstehung 1843 hat Dickens Erz\u00e4hlung vor dem Hintergrund der gegenw\u00e4rtigen Lage nichts von ihrer Aktualit\u00e4t eingeb\u00fc\u00dft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Heiligabend in London Mitte des 19. 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