{"id":723,"date":"2009-03-01T21:44:37","date_gmt":"2009-03-01T20:44:37","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=723"},"modified":"2018-01-22T23:47:24","modified_gmt":"2018-01-22T22:47:24","slug":"wolfgang-borchert-%c2%bbschischyphusch%c2%ab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=723","title":{"rendered":"Wolfgang Borchert ?Schischyphusch?"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"wp-content\/gallery\/logos\/inter.jpg\" alt=\"Interpretationen\" \/><\/p>\n<p>Ein kleiner Junge, zugleich der Erz?hler, geht mit seiner jungen Mutter und seinem Onkel an einem hei?en Sommersonntagnachmittag in ein Gartenlokal. Der Onkel hat im Ersten Weltkrieg ein Bein verloren und durch eine ebenfalls dort erhaltene Schu?verletzung an der Zunge lispelt er. Ansonsten ist der Onkel ein gro?er breitschultriger lebensfroher Mensch, eine imposante Erscheinung. Einer der Kellner des Gartenlokals ist das genaue Gegenteil; klein, unscheinbar, versch?chtert, mu?te in seinem Leben unz?hlige Dem?tigungen hinnehmen und erf?hrt Mi?achtung weiterhin Tag f?r Tag. Doch haben er und der Onkel eines gemeinsam: Das Lispeln.<!--more--> Was zuerst zwischen ihnen zu einem Mi?verst?ndnis f?hrt; der Onkel denkt, der Kellner wolle ihn wegen seines Sprachfehlers verh?hnen und der Kellner glaubt, der Onkel f?hre, was ihn betrifft, dasselbe im Schilde. Nachdem sich das Mi?verst?ndnis aufgekl?rt hat, empfindet der Onkel Mitleid und Sympathie f?r den vom Leben derart geschundenen kleinen Mann. Nach dem gemeinsamen Genu? einiger Schn?pse, die der Onkel weitaus besser vertr?gt, erz?hlt er dem Kellner, wie er Bein und Zungenspitze verloren hat. Der Kellner akzeptiert die Entschuldigung, worauf der Onkel aus der ihm eigenen Freude am Leben schallend zu lachen beginnt, derart laut, da? die ?brigen dreihundert Besucher des Lokals auf ihn aufmerksam werden. Der Kellner stimmt in das Lachen ein und geht dabei derart aus sich heraus wie vielleicht noch nie in seinem Leben. Dabei ruft er immer wieder ?Schischyphusch?, bis es dem Onkel zuviel wird und er den Kellner ruppig fragt, was dieses ?Schischyphusch? bedeuten soll. Erneut versch?chtert erz?hlt der Kellner, wie er diesen verballhornten Namen der griechischen mythologischen Figur Sisyphus von seinen Mitsch?lern bekommen hat, weil er ihn auf Grund seines Sprachfehlers nicht richtig aussprechen kann. Der Onkel ist besch?mt als er h?rt, welche Mi?achtung der Kellner bereits als Kind erfahren mu?te. Wortlos reicht der dem Kellner einen gro?en Geldschein und geht gesenkten Hauptes mit Nichte und Neffe fort. Der kleine Junge empfindet Mitleid mit dem Kellner, meint nach einem Blick zu diesem zu erkennen, da? er weint und sagt es dem Onkel, der selbst zwei dicke Tr?nen in den Augen hat. Der Onkel sieht zum Kellner hin?ber und geht auf ihn zu, wobei er ihm jovial zuruft, da? er am n?chsten Sonntag wiederkommen werde und ?<i>[?] donnerte sein Riesenlachen ?ber die Tische des Gartenlokals hin: ?Schischyphusch! Schischyphusch!? [?]<\/i>?. Der Kellner erkennt, da? er in diesem Mann vielleicht den ersten wirklichen Freund in seinem Leben gefunden hat, winkt freudestrahlend zur?ck. Au?er Sichtweite des Kellners entschuldigt sich der Onkel der Nichte f?r sein l?rmendes Auftreten, aber in Anbetracht der Umst?nde habe nicht anders handeln k?nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese fr?he Erz?hlung Wolfgang Borcherts enth?lt noch nichts von der tiefen Nachdenklichkeit, der D?sternis, den destruktiven Erfahrungen des Krieges. Borcherts sch?ne poetische bildhafte Sprache vermittelt hier ein frisches lebhaftes tiefgr?ndig humorvolles Bild. Es ist die Geschichte zweier Menschen, mit denen das Leben gegens?tzlicher nicht h?tte verfahren k?nnen, obwohl beide denselben eigentlich unbedeutenden Sprachfehler haben. Das hei?t unbedeutend ist er lediglich f?r den Onkel, der scheinbar selbst ?ber den viel schwerwiegenderen Verlust seines Beines m?helos hinweggekommen zu sein scheint. Dem Kellner haftet der Sprachfehler jedoch wie ein Stigma an, wegen dem er bereits als Kind verspottet wurde. Diese tiefe seelische Verletzung hat ihm jedes Selbstvertrauen geraubt. ?Schischyphusch? ist in diesem Zusammenhang nicht einfach als Verballhornung eines antiken Helden zu sehen, sondern es besteht viel mehr eine Parallelit?t zwischen ihm und dem Kellner. Denn Sisyphus war der Sage nach dazu verurteilt einen schweren Felsen einen Berg hinaufzuschieben. Als dieser Felsen oben war, rollte er hinunter und Sisyphus mu?te den Felsen erneut nach oben rollen, der immer wieder nach unten rollte, und der folglich auch immer wieder nach oben gerollt werden mu?te. F?r Sisyphus bedeutete es, da? er sein eint?niges an sich vollkommen sinnloses Tun ewig fortf?hren mu?te ohne jemals das Ziel, den Felsen dauerhaft auf den Berg hinaufzubekommen, erreichen konnte. Die fortw?hrenden Dem?tigen auf Grund seines Sprachfehlers bedeuten f?r den Kellners nichts anderes. Aber w?hrend Sisyphus in seinem Los verharren mu?, erf?hrt der Kellner zumindest eine Erleichterung des seinigen; eben durch die Begegnung mit einem Mann, der denselben Sprachfehler besitzt, aber dessen Selbstvertrauen das nicht ber?hrt, entwickelt sich in ihm auch etwas wie Selbstvertrauen. Nur hat der Onkel ? was diesem sp?ter bewu?t wird ? eben nicht die seelischen Verletzungen, die letztlich einschneidender sind ? k?rperliche Verletzungen vernarben irgendwann, seelische unter Umst?nden nie ? des Kellners von Kindheit auf an erfahren m?ssen. Der Sprachfehler des Onkels, wie auch das verlorene Bein, haben andere Ursachen. Womit die Gemeinsamkeit zwischen ihm und dem Kellner nur eine oberfl?chliche bleibt. Der Onkel erkennt dies und das besch?mt ihn. Er ist einem Menschen begegnet, der k?rperlich zwar unversehrt ist, aber ein weitaus schlimmeres Los zu tragen hat als er selbst. Der Kellner verdient seine Solidarit?t, die er auch bereit ist, ihm zu geben.<\/p>\n<h4 class=\"center\">Vollst?ndiger Text<\/h4>\n<h3>Schischyphusch<\/h3>\n<p class=\"center\">oder der Kellner meines Onkels<\/p>\n<p>?<\/p>\n<p>Dabei war mein Onkel nat?rlich kein Gastwirt. Aber er kannte einen Kellner. Dieser Kellner verfolgte meinen Onkel so intensiv mit seiner Treue und mit seiner Verehrung, da? wir immer sagten: Das ist sein Kellner. Oder: Ach so, sein Kellner.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Als sie sich kennenlernten, mein Onkel und der Kellner, war ich dabei. Ich war damals gerade so gro?, da? ich die Nase auf den Tisch legen konnte. Das durfte ich aber nur, wenn sie sauber war. Und immer konnte sie nat?rlich nicht sauber sein. Meine Mutter war auch nicht viel ?lter. Etwas ?lter war sie wohl, aber wir waren beide noch so jung, da? wir uns ganz entsetzlich sch?mten, als der Onkel und der Kellner sich kennenlernten. Ja, meine Mutter und ich, wir waren dabei.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Mein Onkel nat?rlich auch, ebenso wie der Kellner, denn die beiden sollten sich ja kennenlernen und auf sie kam es an. Meine Mutter und ich waren nur als Statisten dabei und hinterher haben wir es bitter verw?nscht, da? wir dabei waren, denn wir mu?ten uns wirklich sehr sch?men, als die Bekanntschaft der beiden begann. Es kam dabei n?mlich zu allerhand erschrecklichen Szenen mit Beschimpfung, Beschwerden, Gel?chter und Geschrei. Und beinahe h?tte es sogar eine Schl?gerei gegeben. Da? mein Onkel einen Zungenfehler hatte, w?re beinahe der Anla? zu dieser Schl?gerei geworden. Aber da? er einbeinig war, hat die Schl?gerei dann schlie?lich doch verhindert.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Wir sa?en also, wir drei, mein Onkel, meine Mutter und ich, an einem sonnigen Sommertag nachmittags in einem gro?en pr?chtigen bunten Gartenlokal. Um uns herum sa?en noch ungef?hr zwei- bis dreihundert andere Leute, die auch alle schwitzten. Hunde sa?en unter den schattigen Tischen und Bienen sa?en auf den Kuchentellern. Oder kreisten um die Limonadengl?ser der Kinder. Es war so warm und so voll, da? die Kellner alle ganz beleidigte Gesichter hatten, als ob das alles nur stattf?nde aus Schikane. Endlich kam auch einer an unseren Tisch.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Mein Onkel hatte, wie ich schon sagte, einen Zungenfehler. Nicht bedeutend, aber immerhin deutlich genug. Er konnte kein s sprechen. Auch kein z oder tz. Er brachte das einfach nicht fertig. Immer wenn in einem Wort so ein harter s-Laut auftauchte, dann machte er ein weiches feuchtw?sseriges sch daraus. Und dabei schob er die Lippen weit vor, da? sein Mund entfernte ?hnlichkeit mit einem H?hnerpopo bekam. Der Kellner stand also an unserem Tisch und wedelte mit seinem Taschentuch die Kuchenkr?mel unserer Vorg?nger von der Decke. (Erst viele Jahre sp?ter erfuhr ich, da? es nicht sein Taschentuch, sondern eine Art Serviette gewesen sein mu?.) Er wedelte also damit und fragte kurzatmig und nerv?s:<\/p>\n<p class=\"einzug\">?Bitte schehr? Schie w?nschen??<\/p>\n<p class=\"einzug\">Mein Onkel, der keine alkoholarmen Getr?nke sch?tzte, sagte gewohnheitsm??ig:<\/p>\n<p class=\"einzug\">?Alscho: Schwei Aschbach und f?r den Jungen Schelter oder Brausche. Oder wasch haben Schie schonscht??<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der Kellner war sehr bla?. Und dabei war es Hochsommer und er war doch Kellner in einem Gartenlokal. Aber vielleicht war er ?berarbeitet. Und pl?tzlich merkte ich, da? mein Onkel unter seiner blanken braunen Haut auch bla? wurde. N?mlich als der Kellner die Bestellung der Sicherheit wegen wiederholte:<\/p>\n<p class=\"einzug\">?Schehr wohl. Schwei Aschbach. Eine Brausche. Bitte schehr.?<\/p>\n<p class=\"einzug\">Mein Onkel sah meine Mutter mit hochgezogenen Brauen an, als ob er etwas Dringendes von ihr wollte. Aber er wollte sich nur vergewissern, ob er noch auf dieser Welt sei. Dann sagte er mit einer Stimme, die an fernen Gesch?tzdonner erinnerte:<\/p>\n<p class=\"einzug\">?Schagen Schie mal, schind Schie wahnschinnig? Schie? Schie machen schich ?ber mein Lischpeln luschtig? Wasch??<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der Kellner stand da und dann fing es an, an ihm zu zittern. Seine H?nde zitterten. Seine Augendeckel. Seine Knie. Vor allem aber zitterte seine Stimme. Sie zitterte vor Schmerz und Wut und Fassungslosigkeit, als er sich jetzt M?he gab, auch etwas gesch?tzdonner?hnlich zu antworten:<\/p>\n<p class=\"einzug\">?Esch ischt schamlosch von Schie, schich ?ber mich schu am?schieren, taktlosch ischt dasch, bitte schehr.?<\/p>\n<p class=\"einzug\">Nun zitterte alles an ihm. Seine Jackenzipfel. Seine pomadenverklebten Haarstr?hnen. Seine Nasenfl?gel und seine sparsame Unterlippe.<\/p>\n<p class=\"einzug\">An meinem Onkel zitterte nichts. Ich sah ihn ganz genau an: Absolut nichts. Ich bewunderte meinen Onkel. Aber als der Kellner ihn schamlos nannte, da stand mein Onkel doch wenigstens auf. Das hei?t, er stand eigentlich gar nicht auf. Das w?re ihm mit seinem einen Bein viel zu umst?ndlich und beschwerlich gewesen. Er blieb sitzen und stand dabei doch auf. Innerlich stand er auf. Und das gen?gte auch vollkommen. Der Kellner f?hlte dieses innerliche Aufstehen meines Onkels wie einen Angriff und er wich zwei kurze zittrige unsichere Schritte zur?ck. Feindselig standen sie sich gegen?ber. Obgleich mein Onkel sa?. Wenn er wirklich aufgestanden w?re, h?tte sich sehr wahrscheinlich der Kellner hingesetzt. Mein Onkel konnte es sich auch leisten, sitzen zu bleiben, denn er war noch im Sitzen ebenso gro? wie der Kellner und ihre K?pfe waren auf gleicher H?he.<\/p>\n<p class=\"einzug\">So standen sie nun und sahen sich an. Beide mit einer zu kurzen Zunge, beide mit demselben Fehler. Aber jeder mit einem v?llig anderen Schicksal.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Klein, verbittert, verarbeitet, zerfahren, fahrig, farblos, ver?ngstigt, unterdr?ckt: der Kellner. Der kleine Kellner. Ein richtiger Kellner: Verdrossen, stereotyp h?flich, geruchlos, ohne Gesicht, numeriert, verwaschen und trotzdem leicht schmuddelig. Ein kleiner Kellner. Zigarettenfingrig, servil, steril, glatt, gut gek?mmt, blaurasiert, gelbge?rgert, mit leerer Hose hinten und dicken Taschen an der Seite, schiefen Abs?tzen und chronisch verschwitztem Kragen ? der kleine Kellner.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Und mein Onkel? Ach, mein Onkel! Breit, braun, brummend, ba?kehlig, laut, lachend, lebendig, reich, riesig, ruhig, sicher, satt, saftig ?? mein Onkel!<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der kleine Kellner und mein gro?er Onkel. Verschieden wie ein Karrengaul vom Zeppelin. Aber beide kurzzungig. Beide mit demselben Fehler. Beide mit einem feuchten w?sserigen weichen sch. Aber der Kellner ausgesto?en, getreten von seinem Zungenschicksal, bockig, eingesch?chtert, entt?uscht, einsam, bissig.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Und klein, ganz klein geworden. Tausendmal am Tag verspottet, an jedem Tisch bel?chelt, belacht, bemitleidet, begrinst, beschrien. Tausendmal an jedem Tag im Gartenlokal an jedem Tisch einen Zentimeter in sich hineingekrochen, geduckt, geschrumpft. Tausendmal am Tag bei jeder Bestellung an jedem Tisch, bei jedem ?bitte schehr? kleiner, immer kleiner geworden. Die Zunge, gigantischer unf?rmiger Fleischlappen, die viel zu kurze Zunge, formlose zyklopische Fleischmasse, plumper unf?higer roter Muskelklumpen, diese Zunge hatte ihn zum Pygm?en erdr?ckt: kleiner, kleiner Kellner!<\/p>\n<p class=\"einzug\">Und mein Onkel! Mit einer zu kurzen Zunge, aber: als h?tte er sie nicht. Mein Onkel, selbst am lautesten lachend, wenn ?ber ihn gelacht wurde. Mein Onkel, einbeinig, kolossal, slickzungig. Aber Apoll in jedem Zentimeter K?rper und jedem Seelenatom. Autofahrer, Frauenfahrer, Herrenfahrer, Rennfahrer. Mein Onkel, S?ufer, S?nger, Gewaltmensch, Witzerei?er, Zotenfl?sterer, Verf?hrer, kurzzungiger spr?hender, sprudelnder spuckender Anbeter von Frauen und Kognak. Mein Onkel, saufender Sieger, prothesenknarrend, breitgrinsend, mit viel zu kurzer Zunge, aber: als h?tte er sie nicht!<\/p>\n<p class=\"einzug\">So standen sie sich gegen?ber. Mordbereit, todwund der eine, lachfertig, randvoll mit Gel?chtereruptionen der andere. Ringsherum sechs- bis siebenhundert Augen und Ohren, Spazierl?ufer, Kaffeetrinker, Kuchenschleckerer, die den Auftritt mehr genossen als Bier und Brause und Bienenstich. Ach, und mittendrin meine Mutter und ich. Rotk?pfig, schamhaft, tief in die W?sche verkrochen. Und unsere Leiden waren erst am Anfang.<\/p>\n<p class=\"einzug\">?Schuchen Schie schofort den Wirt, Schie aggreschiver Schpatsch, Schie. Ich will Schie lehren, G?schte schu inschultieren.?<\/p>\n<p class=\"einzug\">Mein Onkel sprach jetzt absichtlich so laut, da? den sechs- bis siebenhundert Ohren kein Wort entging. Der Asbach regte ihn in angenehmer Weise an. Er grinste vor Wonne ?ber sein gro?es gutm?tiges breites braunes Gesicht. Helle salzige Perlen kamen aus der Stirn und trudelten abw?rts ?ber die massiven Backenknochen. Aber der Kellner hielt alles an ihm f?r Bosheit, f?r Gemeinheit, f?r Beleidigung und Provokation. Er stand mit faltigen hohlen leise wehenden Wangen da und r?hrte sich nicht von der Stelle.<\/p>\n<p class=\"einzug\">?Haben Schie Schand in den Geh?rg?ngen? Schuchen Schie den Beschitscher? Schie beschoffener Schpaschvogel. Losch, oder haben Schie die Hosche voll, Schie mischgeschtalteter Schwerg??<\/p>\n<p class=\"einzug\">Da fa?te der kleine kleine Pygm?e, der kleine slickzungige Kellner, sich ein gro?m?tiges, gewaltiges, f?r uns alle und f?r ihn selbst ?berraschendes Herz. Er trat ganz nah an unsern Tisch, wedelte mit seinem Taschentuch ?ber unsere Teller und knickte zu einer korrekten Kellnerverbeugung zusammen. Mit einer kleinen m?nnlichen und entschlossen leisen Stimme, mit ?berw?ltigender zitternder H?flichkeit sagte er: ?Bitte schehr!? und setzte sich klein, k?hn und kaltbl?tig auf den vierten freien Stuhl an unserem Tisch. Kaltbl?tig nat?rlich nur markiert. Denn in seinem tapferen kleinen Kellnerherzen flackerte die emp?rte Flamme der verachteten gescheuchten mi?gestalteten Kreatur. Er hatte auch nicht den Mut, meinen Onkel anzusehen. Er setzte sich nur so klein und sachlich hin und ich glaube, da? h?chstens ein Achtel seines Ges??es den Stuhl ber?hrte. (Wenn er ?berhaupt mehr als ein Achtel besa? ?? vor lauter Bescheidenheit.) Er sa?, sah vor sich hin auf die kaffee?bertropfte grauwei?e Decke, zog seine dicke Brieftasche hervor und legte sie immerhin einigerma?en m?nnlich auf den Tisch. Eine halbe Sekunde riskierte er einen kurzen Aufblick, ob er wohl zu weit gegangen sei mit dem Aufbumsen der Tasche, dann, als er sah, da? der Berg, mein Onkel n?mlich, in seiner Tr?gheit verharrte, ?ffnete er die Tasche und nahm ein St?ck pappartiges zusammengeknifftes Papier heraus, dessen Falten das typische Gelb eines oftbenutzten St?ck Papiers aufwiesen. Er klappte es wichtig auseinander, verkniff sich jeden Ausdruck von Beleidigtsein oder Rechthaberei und legte sachlich seinen kurzen abgenutzten Finger auf eine bestimmte Stelle des St?ck Papiers. Dazu sagte er leise, eine Spur heiser und mit gro?en Atempausen:<\/p>\n<p class=\"einzug\">?Bitte schehr. Wenn Schie schehen wollen. Schtellen Schie h?flichscht schelbscht fescht. Mein Pasch. In Parisch geweschen. Barschelona. Oschnabr?ck, bitte schehr. Allesch ausch meinem Pasch schu erschehen. Und hier: Beschondere Kennscheichen: Narbe am linken Knie. (Vom Fu?ballspiel.) Und hier, und hier? Wasch ischt hier? Hier, bitte schehr: Schprachfehler scheit Geburt. Bitte schehr. Wie Schie schelbscht schehen!?<\/p>\n<p class=\"einzug\">Das Leben war zu rabenm?tterlich mit ihm umgegangen, als da? er jetzt den Mut gehabt h?tte, seinen Triumph auszukosten und meinen Onkel herausfordernd anzusehen. Nein, er sah still und klein vor sich auf seinen vorgestreckten Finger und den bewiesenen Geburtsfehler und wartete geduldig auf den Ba? meines Onkels.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Es dauerte lange, bis der kam. Und als er dann kam, war es so unerwartet, was er sagte, da? ich vor Schreck einen Schluckauf bekam. Mein Onkel ergriff pl?tzlich mit seinen klobigen viereckigen Tatmenschenh?nden die kleinen flatterigen Pfoten des Kellners und sagte mit der vitalen w?tendkr?ftigen Gutm?tigkeit und der tierhaft warmen Weichheit, die als prim?rer Wesenszug aller Riesen gilt: ?Armesch kleinesch Luder! Schind schie schon scheit deiner Geburt hinter dir her und hetschen??<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der Kellner schluckte. Dann nickte er. Nickte sechs-, siebenmal. Erl?st. Befriedigt. Stolz. Geborgen. Sprechen konnte er nicht. Er begriff nichts. Verstand und Sprache waren erstickt von zwei dicken Tr?nen. Sehen konnte er auch nicht, denn die zwei dicken Tr?nen schoben sich vor seine Pupillen wie zwei undurchsichtige allesvers?hnende Vorh?nge. Er begriff nichts. Aber sein Herz empfing diese Welle des Mitgef?hls wie eine W?ste, die tausend Jahre auf einen Ozean gewartet hatte. Bis an sein Lebensende h?tte er sich so ?berschwemmen lassen k?nnen! Bis an seinen Tod h?tte er seine kleinen H?nde in den Pranken meines Onkels verstecken m?gen! Bis in die Ewigkeit h?tte er das h?ren k?nnen, dieses: Armesch kleinesch Luder!<\/p>\n<p class=\"einzug\">Aber meinem Onkel dauerte das alles schon zu lange. Er war Autofahrer. Auch wenn er im Lokal sa?. Er lie? seine Stimme wie eine Artilleriesalve ?ber das Gartenlokal hinwegdr?hnen und donnerte irgendeinen erschrockenen Kellner an:<\/p>\n<p class=\"einzug\">?Schie, Herr Ober! Acht Aschbach! Aber losch, schag ich Ihnen! Wasch? Nicht Ihr Revier? Bringen Schie schofort acht Aschbach oder tun Schie dasch nicht, wasch.?<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der fremde Kellner sah eingesch?chtert und verbl?fft auf meinen Onkel. Dann auf seinen Kollegen. Er h?tte ihm gern von den Augen abgesehen (durch ein Zwinkern oder so), was das alles zu bedeuten h?tte. Aber der kleine Kellner konnte seinen Kollegen kaum erkennen, so weit weg war er von allem, was Kellner, Kuchenteller, Kaffeetasse und Kollege hie?, weit weit weg davon.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Dann standen acht Asbach auf dem Tisch. Vier Gl?ser davon mu?te der fremde Kellner gleich wieder mitnehmen, sie waren leer, ehe er einmal geatmet hatte. ?Laschen Schie dasch da nochmal vollaufen!? befahl mein Onkel und w?hlte in den Innenraschen seiner Jacke. Dann pfiff er eine Parabel durch die Luft und legte nun seinerseits seine dicke Brieftasche neben die seines neuen Freundes. Er fummelte endlich eine zerknickte Karte heraus und legte seinen Mittelfinger, der die Ma?e eines Kinderanns hatte, auf einen bestimmten Teil der Karte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">?Schiehscht du, dummesch H?schchen, hier schtehtsch: Beinamputiert und Unterkieferschusch. Kriegschverletschung.? Und w?hrend er das sagte, zeigte er mit der anderen Hand auf die Narbe, die sich unterm Kinn versteckt hielt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">?Die ??sch haben mir einfach ein Scht?ck von der Schungenschpitsche abgeschoschen. In Frankreich damalsch.?<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der Kellner nickte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">?Noch b?sche?? fragte mein Onkel.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der Kellner sch?ttelte schnell den Kopf hin und her, als wollte er etwas ganz Unm?gliches abwehren. <\/p>\n<p class=\"einzug\">?Ich dachte nur schuerscht, Schie wollten mich utschen.?<\/p>\n<p class=\"einzug\">Ersch?ttert ?ber seinen Irrtum in der Menschenkenntnis wackelte er mit dem Kopf immer wieder von links nach rechts und wieder zur?ck.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Und nun schien es mit einmal, als ob er alle Tragik seines Schicksals damit abgesch?ttelt h?tte. Die beiden Tr?nen, die sich nun in den Hohlheiten seines Gesichtes verliefen, nahmen alle Qual seines bisherigen verspotteten Daseins mit. Sein neuer Lebensabschnitt, den er an der Riesentatze meines Onkels betrat, begann mit einem kleinen aufsto?enden Lacher, einem Gel?chterchen, zage, scheu, aber von einem unverkennbaren Asbachgestank begleitet.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Und mein Onkel, dieser Onkel, der sich auf einem Bein, mit zerschossener Zunge und einem b?rigen ba?stimmigen Humor durch das Leben lachte, dieser mein Onkel war nun so unglaublich selig, da? er endlich endlich lachen konnte. Er war schon bronzefarben angelaufen, da8 ich f?rchtete, er m?sse jede Minute platzen. Und sein Lachen lachte los, unb?ndig, explodierte, polterte, juchte, gongte, gurgelte ?? lachte los, als ob er ein Riesensaurier w?re, dem diese Urweltlaute entr?lpsten. Das erste kleine neuprobierte Menschlachen des Kellners, des neuen kleinen Kellnermenschen, war dagegen wie das sch?ttere Geh?stel eines erk?lteten Ziegenbabys. Ich griff angstvoll nach der Hand meiner Mutter. Nicht da? ich Angst vor meinem Onkel gehabt h?tte, aber ich hatte doch eine tiefe tierische Angstwitterung vor den acht Asbachs, die in meinem Onkel brodelten. Die Hand meiner Mutter war eiskalt. Alles Blut hatte ihren K?rper verlassen, um den Kopf zu einem grellen plakatenen Symbol der Schamhaftigkeit und des b?rgerlichen Anstandes zu machen. Keine Vierl?nder Tomate konnte ein r?teres Rot ausstrahlen. Meine Mutter leuchtete. Klatschmohn war bla? gegen sie. Ich rutschte tief von meinem Stuhl unter den Tisch. Siebenhundert Augen waren rund und riesig um uns herum. Oh, wie wir uns sch?mten, meine Mutter und ich.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der kleine Kellner, der unter dem hei?en Alkoholatem meines Onkels ein neuer Mensch geworden war, schien den ersten Teil seines neuen Lebens gleich mit einer ganzen Ziegenmeckerlachepoche beginnen zu wollen. Er m?hte, b?hte, gnuckte und gnikkerte wie eine ganze L?mmerherde auf einmal. Und als die beiden M?nner nun noch vier zus?tzliche Asbachs ?ber ihre kurzen Zungen sch?tteten, wurden aus den L?mmern, aus den rosigen d?nnstimmigen zarten sch?chternen kleinen Kellnerl?mmem, ganz gewaltige h?lzern meckernde steinalte wei?b?rtige blechscheppernde bl?dbl?kende B?cke.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Diese Verwandlung vom kleinen giftigen tauben verkniffenen Bitterling zum andauernd, fortdauernd meckernden schenkelschlagenden geckernden blechern bl?kenden Ziegenbockmenschen war selbst meinem Onkel etwas ungew?hnlich. Sein Lachen vergluckerte langsam wie ein absaufender Felsen. Er wischte sich mit dem ?rmel die Tr?nen aus dem braunen breiten Gesicht und glotzte mit asbachblanken sturerstaunten Augen auf den unter Lachst??en bebenden wei?bejackten Kellnerzwerg. Um uns herum feixten siebenhundert Gesichter. Siebenhundert Augen glaubten, da? sie nicht richtig sahen. Siebenhundert Zwerchfelle schmerzten. Die, die am weitesten ab sa?en, standen erregt auf, um sich ja nichts entgehen zu lassen. Es war, als ob der Kellner sich vorgenommen hatte, fortan als ein riesenhafter boshaft b?hender Bock sein Leben fortzusetzen. Neuerdings, nachdem er wie aufgezogen einige Minuten in seinem eigenen Gel?chter untergegangen war, neuerdings bem?hte er sich erfolgreich, zwischen den Lachsalven, die wie ein blechernes Maschinengewehrfeuer aus seinem runden Mund perlten, kurze schrille Schreie auszusto?en. Es gelang ihm, so viel Luft zwischen dem Gel?chter einzusparen, da? er nun diese Schreie in die Luft wiehern konnte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">?Schischyphusch!? schrie er und patschte sich gegen die nasse Stirn. ?Schischyphusch! Schiiischyyyphuuusch!? Er hielt sich mit beiden H?nden an der Tischplatte fest und wieherte: ?Schischyphusch!? Als er fast zwei Dutzend mal gewiehert hatte, dieses ?Schischyphusch? aus voller Kehle gewiehert hatte, wurde meinem Onkel das Schischyphuschen zuviel. Er zerknitterte dem unaufh?rlich wiehernden Kellner mit einem einzigen Griff das gest?rkte Hemd, schlug mit der anderen Faust auf den Tisch, da? zw?lf leere Gl?ser an zu springen fingen, und donnerte ihn an: ?Schlusch! Schlusch, schag ich jetscht. Wasch scholl dasch mit dieschem bl?dschinnigen schaudummen Schischyphusch? Schlusch jetscht, verschtehscht du!? Der Griff und der gedonnerte Ba? meines Onkels machten aus dem schischyphuschschreienden Ziegenbock im selben Augenblick wieder den kleinen lispelnden arm seligen Kellner.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er stand auf. Er stand auf, als ob es der gr??te Irrtum seines Le bens gewesen w?re, da? er sich hingesetzt hatte. Er fuhr sich mit dem Serviettentuch durch das Gesicht und r?umte Lachtr?nen, Schwei?tropfen, Asbach und Gel?chter wie etwas hinweg, das fluchw?rdig und frevelhaft war. Er war aber so betrunken, da? er alles f?r einen Traum hielt, die P?belei am Anfang, das Mitleid und die Freundschaft meines Onkels. Er wu?te nicht: Hab ich nun eben Schischyphusch geschrien? Oder nicht? Hab ich schechsch Aschbach gekippt, ich, der Kellner dieschesch Lokalsch, mitten unter den G?schten? Ich? Er war unsicher. Und f?r alle F?lle machte er eine abgehackte kleine Verbeugung und fl?sterte: ?Verscheihung!? Und dann verbeugte er sich noch einmal: ?Verscheihung. Ja, Verscheihen Schie dasch Schischyphuschgeschrei. Bitte schehr. Verscheihen der Herr, wenn ich schu laut war, aber der Aschbach, Schie wischen ja schelbscht, wenn man nichtsch gegeschen hat, auf leeren Magen. Bitte schehr darum. Schischyphusch war n?mlich mein Schpitschname. Ia, in der Schule schon. Die gansche Klasche nannte mich scho. Schie wischen wohl, Schischyphusch, dasch war der Mann in der H?lle, diesche alte Schage, wischen Schie, der Mann im Hadesch, der anne Sch?nder, der einen groschen Felschen auf einen rieschigen Berg raufschieben schollte, eh, muschte, ja, dasch war der Schischyphusch, wischen Schie wohl. In der Schule muschte ich dasch immer schagen, immer diesch Schischyphusch. Und allesch hat dann gepuschtet vor Lachen, k?nnen Schie schich denken, werter Herr. Allesch hat dann gelacht, wischen Schie, schintemalen ich doch die schu kursche Schungenschpitsche beschitsche. Scho kam esch, dasch ich schp?ter ?berall Schischyphusch geheischen wurde und geh?nschelt wurde, schehen Schie. Und dasch, verscheihen, kam mir beim Aschbach nun scho insch Ged?chtnisch, alsch ich scho geschrien habe, verschtehen. Verscheihen Schie, ich bitte schehr, Verscheihen Schie, wenn ich Schie bel?schtigt haben schollte, bitte schehr.?<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er verstummte. Seine Serviette war indessen unz?hlige Male von einer Hand in die andere gewandert. Dann sah er auf meinen Onkel.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Jetzt war der es, der still am Tisch sa? und vor sich auf die Tischdecke sah. Er wagte nicht, den Kellner anzusehen. Mein Onkel, mein b?rischer bulliger riesiger Onkel wagte nicht, aufzusehen und den Blick dieses kleinen verlegenen Kellners zu erwidern. Und die beiden dicken Tr?nen, die sa?en nun in seinen Augen. Aber das sah keiner au?er mir. Und ich sah es auch nur, weil ich so klein war, da? ich ihm von unten her ins Gesicht sehen konnte. Er schob dem still abwartenden Kellner einen m?chtigen Geldschein hin, winkte ungeduldig ab, als der ihm zur?ckgeben wollte, und stand auf, ohne jemanden anzusehen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der Kellner brachte noch zaghaft einen Satz an: ?Die Aschbach wollte ich wohl gern beschahlt haben, bitte schehr.?<\/p>\n<p class=\"einzug\">Dabei hatte er den Schein schon in seine Tasche gesteckt, als erwarte er keine Antwort und keinen Einspruch. Es hatte auch keiner den Satz geh?rt und seine Gro?z?gigkeit fiel lautlos auf den harten Kies des Gartenlokals und wurde da sp?ter gleichg?ltig zertreten. Mein Onkel nahm seinen Stock, wir standen auf, meine Mutter st?tzte meinen Onkel und wir gingen langsam auf die Stra?e zu. Keiner von uns dreien sah auf den Kellner. Meine Mutter und ich nicht, weil wir uns sch?mten. Mein Onkel nicht, weil er die beiden Tr?nen in den Augen sitzen hatte. Vielleicht sch?mte er sich auch, dieser Onkel. Langsam kamen wir auf den Ausgang zu, der Stock meines Onkels knirschte h??lich auf dem Gartenkies und das war das einzige Ger?usch im Augenblick, denn die drei- bis vierhundert Gesichter an den Tischen waren stumm und glotz?ugig auf unseren Abgang konzentriert.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Und pl?tzlich tat mir der kleine Kellner leid. Als wir am Ausgang des Gartens um die Ecke biegen wollten, sah ich mich schnell noch einmal nach ihm um. Er stand noch immer an unserem Tisch. Sein wei?es Serviettentuch hing bis auf die Erde. Er schien mir noch viel viel kleiner geworden zu sein. So klein stand er da und ich liebte ihn pl?tzlich, als ich ihn so verlassen hinter uns herblicken sah, so klein, so grau, so leer, so hoffnungslos, so arm, so kalt und so grenzenlos allein! Ach, wie klein! Er tat mir so unendlich leid, da? ich meinen Onkel an die Hand tippte, auf geregt, und leise sagte: ?Ich glaube, jetzt weint er.?<\/p>\n<p class=\"einzug\">Mein Onkel blieb stehen. Er sah mich an und ich konnte die bei den dicken Tropfen in seinen Augen ganz deutlich erkennen. Noch einmal sagte ich, ohne genau zu verstehen, warum ich es eigentlich tat: ?Oh, er weint. Kuck mal, er weint.?<\/p>\n<p class=\"einzug\">Da lie? mein Onkel den Arm meiner Mutter los, humpelte schnell und schwer zwei Schritte zur?ck, ri? seinen Kr?ckstock wie ein Schwert hoch und stach damit in den Himmel und br?llte mit der ganzen gro?artigen Kraft seines gewaltigen K?rpers und seiner Kehle:<\/p>\n<p class=\"einzug\">?Schischyphusch! Schischyphusch! H?rscht du? Auf Wiederschehen, alter Schischyphusch! Bisch n?chschten Schonntag, dummesch Luder! Wiederschehen!?<\/p>\n<p class=\"einzug\">Die beiden dicken Tr?nen wurden von den Falten, die sich jetzt ?ber sein gutes braunes Gesicht zogen, zu nichts zerdr?ckt. Es waren Lachfalten und er hatte das ganze Gesicht voll davon. Noch einmal fegte er mit seinem Kr?ckstock ?ber den Himmel, als wollte er die Sonne herunterraken, und noch einmal donnerte er sein Riesenlachen ?ber die Tische des Gartenlokals hin: ?Schischyphusch! Schischyphusch!?<\/p>\n<p class=\"einzug\">Und Schischyphusch, der kleine graue arme Kellner, wachte aus seinem Tod auf, hob seine Serviette und fuhr damit auf und ab wie ein wildgewordener Fensterputzer. Er wischte die ganze graue Welt, alle Gartenlokale der Welt, alle Kellner und alle Zungenfehler der Welt mit seinem Winken endg?ltig und f?r immer weg aus seinem Leben. Und er schrie schrill und ?bergl?cklich zur?ck, wobei er sich auf die Zehen stellte und ohne sein Fensterputzen zu unterbrechen:<\/p>\n<p class=\"einzug\">?Ich verschtehe! Bitte schehr! Am Schonntag! Ja, Wiederschehen! Am Schonntag, bitte schehr!?<\/p>\n<p class=\"einzug\">Dann bogen wir um die Ecke. Mein Onkel griff wieder nach dem Arm meiner Mutter und sagte leise: ?Ich weisch, esch war schicher entschetschlich f?r euch. Aber wasch schollte ich andersch tun, schag schelbscht. Scho?n dummer Hasche. L?uft nun schein ganschesch Leben mit scho einem garschtigen Schungenfehler herum. Armesch Luder dasch!?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weitere Texte von Wolfgang Borchert online beim <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/autor\/wolfgang-borchert-1669\" target=\"_blank\">Projekt Gutenberg DE<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein kleiner Junge, zugleich der Erz?hler, geht mit seiner jungen Mutter und seinem Onkel an einem hei?en Sommersonntagnachmittag in ein Gartenlokal. Der Onkel hat im Ersten Weltkrieg ein Bein verloren und durch eine ebenfalls dort erhaltene Schu?verletzung an der Zunge lispelt er. Ansonsten ist der Onkel ein gro?er breitschultriger lebensfroher Mensch, eine imposante Erscheinung. 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