{"id":723,"date":"2009-03-01T21:44:37","date_gmt":"2009-03-01T20:44:37","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=723"},"modified":"2026-04-07T19:17:30","modified_gmt":"2026-04-07T17:17:30","slug":"wolfgang-borchert-schischyphusch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=723","title":{"rendered":"Wolfgang Borchert \u00bbSchischyphusch\u00ab"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/inter.jpg\" alt=\"Interpretationen\" \/><\/p>\n<p>Ein kleiner Junge, zugleich der Erz\u00e4hler, geht mit seiner jungen Mutter und seinem Onkel an einem hei\u00dfen Sommersonntagnachmittag in ein Gartenlokal. Der Onkel hat im Ersten Weltkrieg ein Bein verloren und durch eine ebenfalls dort erhaltene Schu\u00dfverletzung an der Zunge lispelt er. Ansonsten ist der Onkel ein gro\u00dfer breitschultriger lebensfroher Mensch, eine imposante Erscheinung. Einer der Kellner des Gartenlokals ist das genaue Gegenteil; klein, unscheinbar, versch\u00fcchtert, mu\u00dfte in seinem Leben unz\u00e4hlige Dem\u00fctigungen hinnehmen und erf\u00e4hrt Mi\u00dfachtung weiterhin Tag f\u00fcr Tag. Doch haben er und der Onkel eines gemeinsam: Das Lispeln. <!--more-->Was zuerst zwischen ihnen zu einem Mi\u00dfverst\u00e4ndnis f\u00fchrt; der Onkel denkt, der Kellner wolle ihn wegen seines Sprachfehlers verh\u00f6hnen und der Kellner glaubt, der Onkel f\u00fchre, was ihn betrifft, dasselbe im Schilde. Nachdem sich das Mi\u00dfverst\u00e4ndnis aufgekl\u00e4rt hat, empfindet der Onkel Mitleid und Sympathie f\u00fcr den vom Leben derart geschundenen kleinen Mann. Nach dem gemeinsamen Genu\u00df einiger Schn\u00e4pse, die der Onkel weitaus besser vertr\u00e4gt, erz\u00e4hlt er dem Kellner, wie er Bein und Zungenspitze verloren hat. Der Kellner akzeptiert die Entschuldigung, worauf der Onkel aus der ihm eigenen Freude am Leben schallend zu lachen beginnt, derart laut, da\u00df die \u00fcbrigen dreihundert Besucher des Lokals auf ihn aufmerksam werden. Der Kellner stimmt in das Lachen ein und geht dabei derart aus sich heraus wie vielleicht noch nie in seinem Leben. Dabei ruft er immer wieder \u00bbSchischyphusch\u00ab, bis es dem Onkel zu viel wird und er den Kellner ruppig fragt, was dieses \u00bbSchischyphusch\u00ab bedeuten soll. Erneut versch\u00fcchtert erz\u00e4hlt der Kellner, wie er diesen verballhornten Namen der griechischen mythologischen Figur Sisyphus von seinen Mitsch\u00fclern bekommen hat, weil er ihn auf Grund seines Sprachfehlers nicht richtig aussprechen kann. Der Onkel ist besch\u00e4mt als er h\u00f6rt, welche Mi\u00dfachtung der Kellner bereits als Kind erfahren mu\u00dfte. Wortlos reicht der dem Kellner einen gro\u00dfen Geldschein und geht gesengten Hauptes mit Nichte und Neffe fort. Der kleine Junge empfindet Mitleid mit dem Kellner, meint nach einem Blick zu diesem zu erkennen, da\u00df er weint und sagt es dem Onkel, der selbst zwei dicke Tr\u00e4nen in den Augen hat. Der Onkel sieht zum Kellner hin\u00fcber und geht auf ihn zu, wobei er ihm jovial zuruft, da\u00df er am n\u00e4chsten Sonntag wiederkommen werde und <i>\u00bb[\u2026] donnerte sein Riesenlachen \u00fcber die Tische des Gartenlokals hin: \u201eSchischyphusch! Schischyphusch!\u201c [\u2026]\u00ab<\/i>. Der Kellner erkennt, da\u00df er in diesem Mann vielleicht den ersten wirklichen Freund in seinem Leben gefunden hat, winkt freudestrahlend zur\u00fcck. Au\u00dfer Sichtweite des Kellners entschuldigt sich der Onkel der Nichte f\u00fcr sein l\u00e4rmendes Auftreten, aber in Anbetracht der Umst\u00e4nde habe nicht anders handeln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Diese fr\u00fche Erz\u00e4hlung Wolfgang Borcherts enth\u00e4lt noch nichts von der tiefen Nachdenklichkeit, der D\u00fcsternis, den destruktiven Erfahrungen des Krieges. Borcherts sch\u00f6ne poetische bildhafte Sprache vermittelt hier ein frisches lebhaftes tiefgr\u00fcndig humorvolles Bild. Es ist die Geschichte zweier Menschen, mit denen das Leben gegens\u00e4tzlicher nicht h\u00e4tte verfahren k\u00f6nnen, obwohl beide denselben eigentlich unbedeutenden Sprachfehler haben. Das hei\u00dft unbedeutend ist er lediglich f\u00fcr den Onkel, der scheinbar selbst \u00fcber den viel schwerwiegenderen Verlust seines Beines m\u00fchelos hinweggekommen zu sein scheint. Dem Kellner haftet der Sprachfehler jedoch wie ein Stigma an, wegen dem er bereits als Kind verspottet wurde. Diese tiefe seelische Verletzung hat ihm jedes Selbstvertrauen geraubt. \u00bbSchischyphusch\u00ab ist in diesem Zusammenhang nicht einfach als Verballhornung eines antiken Helden zu sehen, sondern es besteht viel mehr eine Parallelit\u00e4t zwischen ihm und dem Kellner. Denn Sisyphus war der Sage nach dazu verurteilt einen schweren Felsen einen Berg hinaufzuschieben. Als dieser Felsen oben war, rollte er hinunter und Sisyphus mu\u00dfte den Felsen erneut nach oben rollen, der immer wieder nach unten rollte, und der folglich auch immer wieder nach oben gerollt werden mu\u00dfte. F\u00fcr Sisyphus bedeutete es, da\u00df er sein eint\u00f6niges an sich vollkommen sinnloses Tun ewig fortf\u00fchren mu\u00dfte ohne jemals das Ziel, den Felsen dauerhaft auf den Berg hinaufzubekommen, erreichen konnte. Die fortw\u00e4hrenden Dem\u00fctigungen auf Grund seines Sprachfehlers bedeuten f\u00fcr den Kellner nichts anderes. Aber w\u00e4hrend Sisyphus in seinem Los verharren mu\u00df, erf\u00e4hrt der Kellner zumindest eine Erleichterung des seinigen; eben durch die Begegnung mit einem Mann, der denselben Sprachfehler besitzt, aber dessen Selbstvertrauen das nicht ber\u00fchrt, entwickelt sich in ihm auch etwas wie Selbstvertrauen. Nur hat der Onkel \u2013 was diesem sp\u00e4ter bewu\u00dft wird \u2013 eben nicht die seelischen Verletzungen, die letztlich einschneidender sind \u2013 k\u00f6rperliche Verletzungen vernarben irgendwann, seelische unter Umst\u00e4nden nie \u2013 des Kellners von Kindheit auf an erfahren m\u00fcssen. Der Sprachfehler des Onkels, wie auch das verlorene Bein, haben andere Ursachen. Womit die Gemeinsamkeit zwischen ihm und dem Kellner nur eine oberfl\u00e4chliche bleibt. Der Onkel erkennt dies und das besch\u00e4mt ihn. Er ist einem Menschen begegnet, der k\u00f6rperlich zwar unversehrt ist, aber ein weitaus schlimmeres Los zu tragen hat als er selbst. Der Kellner verdient seine Solidarit\u00e4t, die er auch bereit ist, ihm zu geben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein kleiner Junge, zugleich der Erz\u00e4hler, geht mit seiner jungen Mutter und seinem Onkel an einem hei\u00dfen Sommersonntagnachmittag in ein Gartenlokal. Der Onkel hat im Ersten Weltkrieg ein Bein verloren und durch eine ebenfalls dort erhaltene Schu\u00dfverletzung an der Zunge lispelt er. Ansonsten ist der Onkel ein gro\u00dfer breitschultriger lebensfroher Mensch, eine imposante Erscheinung. 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