{"id":743,"date":"2009-03-04T01:21:14","date_gmt":"2009-03-04T00:21:14","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=743"},"modified":"2026-04-07T20:18:43","modified_gmt":"2026-04-07T18:18:43","slug":"wolfgang-borchert-die-hundeblume","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=743","title":{"rendered":"Wolfgang Borchert \u00bbDie Hundeblume\u00ab"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/inter.jpg\" alt=\"Interpretationen\" \/><\/p>\n<p>Ein junger Mann wird in eine Einzelzelle mit der Nummer 432 gesperrt. Seine ersten Gedanken drehen sich darum, wie schwer es ist, mit sich selbst allein sein zu m\u00fcssen. Jeden Morgen m\u00fcssen die ann\u00e4hernd achtzig Gefangenen im Hof im Kreis um ein kleines armseliges Rasenst\u00fcck gehen, von einem Dutzend Blauuniformierter bewacht. Die Monotonie, die Einsamkeit in den Zellen, das schlechte und unzureichende Essen lasen aggressiv werden. <!--more-->Der junge Gefangene beginnt seinen Vordermann, den er bei sich die Per\u00fccke nennt und von dem er nie das Gesicht sieht, zu hassen. Ihm wird aber auch bewu\u00dft, da\u00df er auf seinen Hintermann ebenso wirken mu\u00df wie sein Vordermann auf ihn und jeder zugleich Hinter- <i>und<\/i> Vordermann ist. W\u00e4hrend dieser t\u00e4glichen Rundg\u00e4nge, die sich in nichts voneinander unterscheiden, entdeckt er mitten auf dem kargen Rasenst\u00fcck einen L\u00f6wenzahn \u2013 die Hundeblume. Zuerst blickt er zaghaft zu ihr hin\u00fcber, damit niemand der anderen sie entdeckt. In ihm entwickelt sich der Wunsch diese kleine unscheinbare gelbe Blume zu besitzen. Er \u00fcberlegt, wie es ihm gelingt, sich ihr zu n\u00e4hern und sie zu pfl\u00fccken, ohne da\u00df weder einer seiner Mitgefangenen noch einer der W\u00e4rter es bemerkt. Kurz vor seinem Ziel bekommt sein Vordermann, die Per\u00fccke, einen Herz- oder Schlaganfall und ist auf der Stelle tot. Die kleine Blume r\u00fcckt wieder aus der Reichweite des jungen Gefangenen, der am n\u00e4chsten Morgen einen neuen Vordermann hat, dessen Gewohnheit es ist, sobald er an einem W\u00e4chter vorbeikommt \u00bb<i>Gesegnetes Fest, Herr Wachtmeister<\/i>\u00ab zu sagen und sich dabei leicht zu verbeugen. Der junge Gefangene rechnet aus, da\u00df sein Vordermann, dem er den Namen Theologe gibt, zweihundertundvierzig Verbeugungen am Tag macht und er sich deshalb ebensooft konzentrieren mu\u00df, dar\u00fcber nicht verr\u00fcckt zu werden. Mit einer harmlosen List gelingt es ihm, zu einem neuen Vordermann zu kommen, einem schlaksigen Riesen. Im Schutz dieses phlegmatischen Vordermanns gelingt es ihm endlich, die kleine Blume zu pfl\u00fccken und unbemerkt mit in die Zelle zu nehmen. Dort stellt er sie in seinen Trinkbecher und betrachtet sie sehr lange. Sie gibt ihm den inneren Frieden zur\u00fcck.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>In seiner ersten gr\u00f6\u00dferen Prosaarbeit, entstanden im Winter 1945\/46 im Hamburger Elisabeth-Krankenhaus, verarbeitet Wolfgang Borchert Erfahrungen aus seiner Haftzeit. Nachdem er in eine Zelle gesperrt wurde, macht sein Protagonist sich Gedanken \u00fcber T\u00fcren, das Schlie\u00dfen von (Haus-)T\u00fcren hinter einem im allgemeinen und \u00fcber die \u00bb<i>[\u2026] h\u00e4\u00dfliche T\u00fcr mit der Nummer 432 [\u2026]<\/i>\u00ab im besonderen. Seine Gedanken wandern zu der Problematik, was es hei\u00dft wirklich mit sich allein sein zu <i>m\u00fcssen<\/i> ohne Aussicht auf Gesellschaft eines anderen Menschen, allein mit sich und seiner Angst. Der Gefangene erkennt seine Ohnmacht. \u00bb<i>[\u2026] Man schl\u00e4gt wohl ein paar Stunden an Wand und T\u00fcr \u2013 aber wenn sie sich nicht auftun, sind die F\u00e4uste bald wund, und der kleine Schmerz ist dann die einzige Lust in dieser \u00d6de. [\u2026]<\/i>\u00ab Aber \u00bb<i>[\u2026]Es gibt wohl nichts Endg\u00fcltiges auf dieser Welt. Denn die eingebildete T\u00fcr hatte sich aufgetan und viele andere dazu [\u2026]<\/i>\u00ab. Der Gefangene 432 \u2013 Einem Menschen statt eines Namens eine Nummer zugeben ist der Versuch ihm seine Individualit\u00e4t abzusprechen, was aber niemals vollst\u00e4ndig gelingen wird, denn Individualit\u00e4t h\u00e4ngt nicht von einem Namen allein ab. Der Gefangene 432 wird mit seinen Mitgefangenen zum morgendlichen Rundgang im Hof abgeholt. Bei Borchert sind nicht nur die Gefangenen anonyme Wesen in dieser Umgebung, sondern ihre Bewacher ebenso. Borchert vergleicht sie mit (Wach-)Hunden \u00bb<i>[\u2026] ein heiseres Bellen von blauen Hunden mit Lederriemen um den Bauch. [\u2026]<\/i>\u00ab, womit er zugleich ihre einsch\u00fcchterne Wirkung auf die ihnen hilflos ausgelieferten Gefangenen unterstreicht. Borchert beschreibt in seiner bildreichen Sprache eindrucksvoll die Eint\u00f6nigkeit der morgendlichen Rundg\u00e4nge, aber auch die willkommene Abwechslung, die die Gefangen dabei zuerst empfinden. \u00bb<i>[\u2026] Fast ein Fest, ein kleines Gl\u00fcck [\u2026]\u00ab.<\/i> An das sich aber gew\u00f6hnt werden kann und mit der Zeit wird der \u00bb<i>[\u2026] Rundgang im Kreis eine Qual [\u2026]\u00ab<\/i>. Die Hoffnungslosigkeit jemals aus dieser Situation entkommen zu k\u00f6nnen, l\u00e4\u00dft aggressiv werden, den \u00bb<i>[\u2026] Vordermann und Hintermann nicht mehr als Br\u00fcder und Mitleidende [\u2026]\u00ab<\/i> zu empfinden, <i>\u00bb[\u2026] sondern als wandernde Leichen, die nur dazu da sind, uns anzuekeln [\u2026]<\/i>\u00ab. Und Borchert vergleicht die Runde der Gefangenen mit einem \u00bb<i>endlosen Lattenzaun<\/i>\u00ab in dem jeder Gefangene eine Latte darstellt. Die Lattenzaun-Metapher bekommt durch die Beschreibung des kleinen Rasenst\u00fccks, das die Gefangenen umrunden eine besondere Bedeutung. Mit einem Zaun wird schlie\u00dflich ein Beet vor dem Betreten und somit Zerst\u00f6ren gesch\u00fctzt, somit sch\u00fctzen die Gefangenen den die Sonne symbolisierenden L\u00f6wenzahn, den der Gefangene 432 unbedingt besitzen will. Zuerst aber reflektiert Borchert \u00fcber seinen Vordermann, gesteht offen seinen Ha\u00df gegen ihn, erkennt aber auch, da\u00df hier jeder zugleich Vorder- <i>und<\/i> Hintermann ist und somit automatisch Hasser und Geha\u00dfter, da\u00df jeder zugleich T\u00e4ter <i>und<\/i> Opfer sein kann und die augenblickliche Lage bestimmt, welche Stellung einer einnimmt. Der L\u00f6wenzahn \u2013 die Hundeblume wie Wolfgang Borchert sie volkst\u00fcmlich nennt \u2013 ist hier nicht einfach als Abwechslung innerhalb eines hoffnungslosen immergleichen auswegslosen Daseins zu sehen, sondern Symbol des Lebens, der Hoffnung, das auch in der trostlosesten Umgebung wachsen kann. Zugleich symbolisiert das Gelb, die Form des L\u00f6wenzahns \u2013 der ja wie miniaturisierte Ausf\u00fchrung der Sonnenblume erscheint \u2013 die leben spendende Sonne, das Licht und somit auch die Freiheit. Sie soll nicht nur die Zelle dekorieren. Diese kleine Blume gibt dem Gefangenen Kraft, auch die ihm bevorstehende Hinrichtung gefa\u00dft entgegen zu blicken, woran Borchert im letzten Absatz keinen Zweifel l\u00e4\u00dft, da\u00df seinem Protagonisten dies bevorsteht: \u00bb<i>[\u2026] Die ganze Nacht umspannten seine gl\u00fccklichen H\u00e4nde das vertraute Blech seines Trinkbechers <\/i>[in das er den L\u00f6wenzahn gestellt hat. Anm. d. A.],<i> und er f\u00fchlte im Schlaf, wie sie Erde auf ihn h\u00e4uften, dunkle, gute Erde, und wie er sich der Erde angew\u00f6hnte und wurde wie sie \u2013 und wie aus ihm Blumen brachen: Anemonen, Akelei und L\u00f6wenzahn \u2013 winzige, unscheinbare Sonnen.\u00ab<\/i>.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Wolfgang Borchert konnte einem solchen Schicksal entkommen, wenn er es auch nicht lange \u00fcberlebte, Millionen andere nicht. Durch die Schilderung seiner Erfahrungen hat er ihnen eine Stimme gegeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein junger Mann wird in eine Einzelzelle mit der Nummer 432 gesperrt. Seine ersten Gedanken drehen sich darum, wie schwer es ist, mit sich selbst allein sein zu m\u00fcssen. Jeden Morgen m\u00fcssen die ann\u00e4hernd achtzig Gefangenen im Hof im Kreis um ein kleines armseliges Rasenst\u00fcck gehen, von einem Dutzend Blauuniformierter bewacht. 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