{"id":797,"date":"2009-03-16T00:49:45","date_gmt":"2009-03-15T23:49:45","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=797"},"modified":"2026-04-07T20:31:58","modified_gmt":"2026-04-07T18:31:58","slug":"wolfgang-borchert-nachts-schlafen-die-ratten-doch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=797","title":{"rendered":"Wolfgang Borchert \u00bbNachts schlafen die Ratten doch\u00ab"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/inter.jpg\" alt=\"Interpretationen\" \/><\/p>\n<p>Abends nach einem Bombenangriff. Ein neunj\u00e4hriger Junge sitzt vor einem zerst\u00f6rten Haus. Pl\u00f6tzlich taucht ein Schatten vor ihm auf. Der Junge bef\u00fcrchtet, da\u00df man ihn entdeckt hat und wegbringen will. Doch es ist nur ein alter Mann, der zwischen den Schuttbergen nach Gr\u00fcnfutter f\u00fcr seine Kaninchen sucht. Der alte Mann verwickelt den Jungen in ein Gespr\u00e4ch und erf\u00e4hrt, da\u00df der Junge, der lediglich ein halbes Brot bei sich hat und halb verhungert ist, bereits seit einigen Tagen an diesem Ort Wache h\u00e4lt, da im Keller des zerst\u00f6rten Hauses sein toter kleiner Bruder l\u00e4ge und er die Ratten vertreiben wolle, damit sie die Leiche seines Bruders nicht anfr\u00e4\u00dfen und seine Eltern noch leben. Darauf erkl\u00e4rt der alte Mann dem Jungen, da\u00df er nachts nicht wachen m\u00fcsse, denn \u00bb<i>[\u2026] hat euer Lehrer euch denn nicht gesagt, da\u00df die Ratten nachts schlafen?[\u2026]<\/i>\u00ab<!--more--> und macht ihn auf seine Kaninchen neugierig, will ihm sogar eins schenken. Der Junge m\u00f6chte auch die Kaninchen sehen, aber erst nach der D\u00e4mmerung. Der alte Mann verspricht dem Jungen, ihn, sobald es dunkel ist, abzuholen und zu seinen Eltern zur\u00fcckzubringen, und will ihnen zeigen, wie man einen Kaninchenstall baut, doch vorher m\u00fcsse er noch seine Kaninchen f\u00fcttern. Der Junge sieht im aufziehenden Abendrot wie der alte Mann geht und da\u00df das Gr\u00fcnf\u00fctter seiner Kaninchen \u00bb<i>[\u2026] etwas grau vom Schutt [\u2026]<\/i>\u00ab war.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Wolfgang Borchert beginnt seine Erz\u00e4hlung \u00fcber eine in den zerbombten St\u00e4dten des Zweiten Weltkriegs fast allt\u00e4gliche Situation mit einer poetischen Beschreibung, wie sie h\u00e4ufig in romantischen Texten zu finden ist: \u00bb<i>Das hohle Fenster in der vereinsamten Mauer g\u00e4hnte blaurot voll fr\u00fcher Abendsonne. Staubgew\u00f6lke flimmerte zwischen den steilgereckten Schornsteinresten. Die Schuttw\u00fcste d\u00f6ste. [\u2026]<\/i>\u00ab. Im ersten Moment ist man versucht, sich die Ruine einer alten gotischen Kathedrale im Abendlicht eines lauen Sommertages vorzustellen. Doch wird man sich schnell bewu\u00dft, da\u00df es sich um ein zerbombtes Haus handelt. Der alte Mann k\u00f6nnte ebensogut in Schatten der zuerst assoziierten Kirchenruine das Gr\u00fcnfutter f\u00fcr seine Kaninchen suchen, das in der N\u00e4he einer solchen zuhauf zu finden w\u00e4re. Doch in einer Schuttw\u00fcste d\u00fcrfte wenig zu finden sein und verdeutlich damit die M\u00fchseligkeit seiner Bem\u00fchungen. Der Junge k\u00f6nnte ebensogut ein einsamer Wanderer sein, der sich im Schatten der Ruine ausruht. Aber der Junge ist halbverhungert, weil er sich nicht von dem zerbombten Haus wegtraut, da sich sonst die Ratten an der Leiche seines kleinen Bruders zu schaffen machen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Mit den Stilmitteln des Idylls beschreibt Wolfgang Borchert ein Bild der Zerst\u00f6rung, der Hilflosigkeit gegen\u00fcber Machtmi\u00dfbrauch, entfesselte Gewalt und Willk\u00fcr M\u00e4chtiger. Und l\u00e4\u00dft so die Szene beim Leser lebendig werden.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der alte Mann, der von Anfang an zu ahnen schien, was den Jungen hier festh\u00e4lt, lockt ihn mit einem ebenso einfachen wie wirkungsvollen Mittel fort; die Faszination, die Haustiere wie Kaninchen auf Kinder aus\u00fcben. Wie er auch die nat\u00fcrliche Autorit\u00e4t Erwachsener Kinder gegen\u00fcber ausnutzt, in dem er ihm versichert, \u00bb<i>[\u2026] da\u00df die Ratten nachts schlafen [\u2026]<\/i>\u00ab w\u00fcrden, was der Junge ihm \u2013 gerne \u2013 glaubt. Die Kaninchen stehen hier auch als Symbol f\u00fcr das Leben, der Bau des Stalls f\u00fcr das Kaninchen, das der alte Mann dem Jungen schenken will, f\u00fcr zukunftsorientiertes Handeln. Der Junge soll seinen toten kleinen Bruder selbstverst\u00e4ndlich nicht vergessen, doch er soll nicht in der Vergangenheit leben, sondern er mu\u00df an die Zukunft, an die Leben denken, die Hilfe n\u00f6tiger haben.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Mit derselben poetischen Beschreibung mit der Wolfgang Borchert seine Erz\u00e4hlung eingeleitet hat, beendet er sie auch: Der alte Mann \u00bb<i>lief mit seinen krummen Beinen auf die Sonne zu. Die war schon rot vom Abend und J\u00fcrgen konnte sehen, wie sie durch die Beine hindurchschien, so krumm waren sie. [\u2026]<\/i>\u00ab<\/p>\n<p class=\"einzug\">\u00a0<\/p>\n<p class=\"einzug\">Alle Zitate aus: Wolfgang Borchert: Das Gesamtwerk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abends nach einem Bombenangriff. 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