{"id":850,"date":"2009-03-24T00:44:48","date_gmt":"2009-03-23T23:44:48","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=850"},"modified":"2026-04-07T20:38:13","modified_gmt":"2026-04-07T18:38:13","slug":"heinrich-spoerl-der-maulkorb","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=850","title":{"rendered":"Heinrich Spoerl \u00bbDer Maulkorb\u00ab"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/inter.jpg\" alt=\"Interpretationen\" \/><\/p>\n<p>Eine beschauliche rheinische Kleinstadt im alten Kaiserreich. Jeder kennt jeden. Der Kreis der \u00f6rtlichen Honoratioren ist \u00fcberschaubar. Man trifft sich regelm\u00e4\u00dfig samstagabends im gleichen Weinlokal. Man redet, debattiert \u00fcber das, was der Landesvater gesagt haben soll und was die Zeitungen dar\u00fcber <i>nicht<\/i> geschrieben haben. Man ereifert sich, erhitzt sich und l\u00f6scht den Durst mit reichlich Wein. Es wird sp\u00e4t. Der Wein tut seine Wirkung. Staatsanwalt von Treskow verl\u00e4\u00dft mit starker Schlagseite begleitet von seiner Dogge August als letzter das Wirtshaus. Irgendwie gelangt er nach Hause. Der Sonntag beginnt mit einem schier unglaublichen Ereignis: Ein Streife gehender Polizist entdeckt etwas Ungeheuerliches: Das Denkmal des Landesvaters ist von einem Unbekannt mit einen ordin\u00e4ren abgenutzten Maulkorb \u00bbverziert\u00ab worden. Es herrscht kein Zweifel; das riecht nach vors\u00e4tzlicher Majest\u00e4tsbeleidigung durch subversive Subjekte. Reaktion auf die Rede, die der Landesvater gehalten und in der er unter anderem gegen die notorischen N\u00f6rgler gewettert haben soll. Die Gerechtigkeit mu\u00df ihren Lauf nehmen, so etwas kann im Interesse der Allgemeinheit und der staatlichen Autorit\u00e4t nicht geduldet werden. Staatsanwalt von Treskow, der noch unter den Folgen seiner Zecherei leidet, wird mit der Untersuchung beauftragt.<!--more--> Von Treskow erkennt die Bedeutung des Falles und seine Chance, kl\u00e4rt er sie auf. Doch auch die \u00f6rtliche Polizei in der Person von Kriminalkommissar M\u00fchsam wittert ihre Chance, hier mit modernen Ermittlungsmethoden dem Staatsanwalt den Rang abzulaufen. Der Maulkorb alt und sichtbar abgewetzt, das einzige Beweisst\u00fcck gibt an sich nicht viel her. Es gibt viele Zeugen, aber so viele auch etwas gesehen haben wollen, in Wahrheit hat niemand etwas Verwertbares gesehen. M\u00fchsam bringt seinen neuerworbenen Sp\u00fcrhund zum Einsatz. Dieser nimmt Witterung auf. Eine eigenartig verlaufende Spurensuche, die auf einen stark alkoholisierten T\u00e4ter schlie\u00dfen l\u00e4\u00dft, endet vor von Treskows Haus. Der Kommissar ist blamiert. Sein teurer Hund eine Fehlinvestition. Als ob ein Staatsanwalt des Nachts einen alten Maulkorb an ein F\u00fcrstendenkmal befestigt! Undenkbar! Was von Treskows Gl\u00fcck ist, denn seine Gattin erkennt in dem sichergestellten Maulkorb den ihres Hundes. Doch sie verschweigt es ihrem Mann, der sich nicht mehr an die Vorg\u00e4nge der vergangenen Nacht erinnern kann. Sie weiht nur ihre Tochter Trude ein. Durch Indiskretion erf\u00e4hrt die Polizei, da\u00df Rabanus, ein junger Kunstmaler, der auf einem n\u00e4chtlichen Spaziergang beobachtet hat, wie der Maulkorb an dem Denkmal befestigt wurde. Er folgt der Vorladung. Dem Kommissar gibt er eine genaue Personenbeschreibung. Dann wird er zum Staatsanwalt gebracht, um seine Aussage zu wiederholen. Rabanus staunt nicht schlecht, als er von Treskow sieht. Er glaubt erst an eine Justizposse. Aber von Treskow scheint wirklich nicht mehr zu wissen, was er in jener Nacht auf dem Heimweg gemacht hat. Rabanus erkennt sofort die Brisanz seiner n\u00e4chtlichen Beobachtung und gibt dem Staatsanwalt eine vollst\u00e4ndig entgegengesetzte Personenbeschreibung. Nat\u00fcrlich macht er sich damit verd\u00e4chtig. Um die Angelegenheit noch etwas zu verkomplizieren, verliebt er sich in Trude, was auf Gegenseitigkeit beruht. Die Maukorbsache wird immer verworrener. Es wird eine hohe Belohnung ausgesetzt. Doch au\u00dfer etlichen unverwertbaren Zeugenaussagen, gibt kein greifbares Ergebnis. Daf\u00fcr erh\u00e4lt von Treskow anonyme Briefe, die ihn der T\u00e4terschaft bezichtigen. Rabanus ger\u00e4t als Urheber in Verdacht. Dabei unternimmt er alles, bis hin zu einem vertraulichen Gespr\u00e4ch mit dem Oberstaatsanwalt, damit von Treskow unerkannt aus der Sache kommt. Es gelingt ihm zwei Gelegenheitsarbeiter, die rheinischen Originale B\u00e4tes und Wimm, sich als T\u00e4ter und Augenzeuge anzubieten. Die mittlerweile ausgesetzte Belohnung von dreitausend Reichsmark ist verlockend und Entsch\u00e4digung genug f\u00fcr einige Zeit Gef\u00e4ngnisaufenthalt. Ihr Gest\u00e4ndnis, so fadenscheinig es auch sein mag, ist mehr als willkommen. Selbst von Treskow beginnt schon sich selbst als Verd\u00e4chtigen zu sehen. Dem Oberstaatsanwalt gelingt es, von Treskow zu \u00fcberzeugen, die Angelegenheit bis zum Schlu\u00df durchzuziehen, zumal ja jetzt ein idealer T\u00e4ter gefunden ist. Die Gerichtsverhandlung droht zur Farce zu werden, gar zu scheitern, denn als zum Eid kommt, machen B\u00e4tes und Wimm pl\u00f6tzlich einen R\u00fcckzieher. Am Ende gelingt es, B\u00e4tes zum Gest\u00e4ndnis zu bringen, da\u00df er es im Rausch und in Unkenntnis, da\u00df es sich um ein f\u00fcrstliches Denkmal handelt, getan zu haben. Wodurch aus der Majest\u00e4tsbeleidigung einfacher grober Unfug wird. \u00bb<i>[\u2026] wenn er [B\u00e4tes] es nur f\u00fcr eine Art Goethe [das Denkmal] hielt: Bei Goethe ist es keine Majest\u00e4tsbeleidigung. Bei Goethe ist es blo\u00df grober Unfug. Urteil: Drei Mark Geldstrafe, durch die Untersuchungshaft verb\u00fc\u00dft. [\u2026]<\/i>\u00ab. Alle sind zufrieden, die Autorit\u00e4t der Justiz ist nicht besch\u00e4digt worden und Rabanus, dessen Vater ein renommierter M\u00fcnchner Augenarzt ist, bekommt die Trude zur Frau.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Heinrich Spoerls beschreibt auf humoristische Weise, wie eine losgelassene B\u00fcrokratie aus einer offenkundigen Lappalie \u2013 dem Hundemaulkorb am Denkmal \u2013 eine Staats\u00e4ffere macht. Wie selbst ein angesehener B\u00fcrger \u2013 der Staatsanwalt Treskow \u2013 nach einer durchzechten Nacht \u00fcber die Str\u00e4nge schl\u00e4gt und sich an nichts mehr erinnert. Wie niemand glauben will, da\u00df er der T\u00e4ter sein k\u00f6nnte, obwohl alles gegen ihn spricht. Kurzerhand wird der Sp\u00fcrhund als unf\u00e4hig erkl\u00e4rt, denn es kann nicht sein, was nicht sein darf. Diejenigen, die die Wahrheit wissen, unternehmen alles, da\u00df sie nicht bekannt wird. So grotesk es aus Sicht einer Gesellschaft auch erscheinen mag, in der die freie Meinungs\u00e4u\u00dferung per Verfassung garantiert ist; Majest\u00e4tsbeleidigung war zur Zeit in der der Roman spielt, ein Kapitalverbrechen, das mit einer harten Gef\u00e4ngnisstrafe geahndet wurde. Was f\u00fcr von Treskow nicht nur mit dem Verlust seines Postens als Staatsanwalt geendet h\u00e4tte, sondern er zudem eine weitaus h\u00e4rte Strafe als ein einfacher B\u00fcrger bekommen h\u00e4tte, wie auch zu Ehr- und Ansehensverlust seiner ganzen Familie gef\u00fchrt. So gesehen wurde nicht einfach das Ansehen der Justiz gerettet, sondern vor allem von Treskow und seine Frau und Tochter. Heinrich Spoerl, selbst Jurist, beschreibt zudem anschaulich, wie ein einmal in Gang gesetzter Amtsapparat stur sich beinahe selbst l\u00e4cherlich macht. Da\u00df es in diesem auch Mitglieder gibt, die die Absurdit\u00e4t des ganzen erkennen, zeigt die Frage eines Beisitzers an den im Proze\u00df aussagenden Wachtmeister, der den Maulkorb am Denkmal als erster entdeckte. \u00bb<i>[\u2026] \u00bbWarum haben Sie das Ding nicht einfach heruntergenommen?\u00ab fragte ein Beisitzer [\u2026]. Der Schutzmann ist durch die Zumutung tiefst ersch\u00fcttert und schnappt nach Luft. \u00bbJa, dann w\u00e4re \u2013 dann w\u00e4re ja gar nichts \u2013\u00ab Er kann sich nicht vorstellen, was dann w\u00e4re. [\u2026]<\/i>\u00ab So ergeht es fast allen. Sie k\u00f6nnen sich nicht vorstellen, da\u00df einfach jemand den Maulkorb entfernt h\u00e4tte, wie es das naheliegendste w\u00e4re. Zum Schlu\u00df glaubt von Treskow selbst, da\u00df es tats\u00e4chlich B\u00e4tes gewesen ist. Bezeichnend ist die Reaktion des Landesvaters auf das Urteil und die Rede, an der sich alles entz\u00fcndet und die nie gehalten hat; er hat nur schallend gelacht. Mag Spoerl die Monarchie auch etwas unkritisch sehen, eine losgelassene B\u00fcrokratie, die beginnt sich selbst als Zweck zu sehen, ist jeder Zeit in der Lage aus einer Lappalie eine Staatsaff\u00e4re zu machen und scheut sich dabei nicht, sich der L\u00e4cherlichkeit preiszugeben, und l\u00e4uft somit Gefahr, das eigene Ansehen nachhaltiger zu sch\u00e4digen als es Au\u00dfenstehenden jemals gelingen k\u00f6nnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine beschauliche rheinische Kleinstadt im alten Kaiserreich. Jeder kennt jeden. Der Kreis der \u00f6rtlichen Honoratioren ist \u00fcberschaubar. Man trifft sich regelm\u00e4\u00dfig samstagabends im gleichen Weinlokal. Man redet, debattiert \u00fcber das, was der Landesvater gesagt haben soll und was die Zeitungen dar\u00fcber nicht geschrieben haben. 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