{"id":872,"date":"2009-03-28T21:28:53","date_gmt":"2009-03-28T20:28:53","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=872"},"modified":"2026-04-07T20:58:44","modified_gmt":"2026-04-07T18:58:44","slug":"wolfgang-borchert-das-brot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=872","title":{"rendered":"Wolfgang Borchert \u00bbDas Brot\u00ab"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/inter.jpg\" alt=\"Interpretationen\" \/><\/p>\n<p>Eine Frau erwacht von einem Ger\u00e4usch in der K\u00fcche. Es ist halb drei in der Nacht. Ihr Mann liegt nicht neben ihr. Sie steht auf, geht durch die dunkle Wohnung und findet ihn in der K\u00fcche. Sie schaltet das Licht ein. Sofort f\u00e4llt ihr Blick auf den mitten auf dem Tisch stehenden Brotteller. Auf der Tischdecke liegen Kr\u00fcmel, obwohl sie am Abend zuvor saubergemacht hat. Ihr Mann behauptet, er h\u00e4tte ein Ger\u00e4usch geh\u00f6rt und sei aufgestanden, um nachzusehen. Die Frau wei\u00df, da\u00df er sie bel\u00fcgt, denn nur er kann etwas vom Brot abgeschnitten haben. Sie weicht seinem Blick aus, da sie nicht ertragen kann, da\u00df er sie nach neununddrei\u00dfig Jahren Ehe bel\u00fcgt. <!--more-->Sie entfernt beil\u00e4ufig die Kr\u00fcmel von der Tischdecke. Doch statt ihm zu sagen, da\u00df er l\u00fcgt, tut sie als glaube sie ihm und bringt ihn dazu, wieder mit ihr zu Bett zu gehen. Im Bett liegend h\u00f6rt sie, wie er das Brot i\u00dft, das er die ganze Zeit im Mund hatte. Sie stellt sich schlafend und schl\u00e4ft \u00fcber die vorsichtigen Kauger\u00e4usche ihres Mannes tats\u00e4chlich ein. Am n\u00e4chsten Abend gibt sie ihm vier anstelle der \u00fcblichen drei Scheiben Brot, wodurch sie selbst nur zwei Scheiben zur Verf\u00fcgung hat. Ihrem Mann ist das unangenehm, da\u00df sie seinetwegen auf eine Scheibe verzichtet, aber sie versichert ihm, da\u00df sie abends nicht mehr vertr\u00e4gt.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Wolfgang Borchert beschreibt in dieser Kurzgeschichte eine Situation, die auf den ersten Blick f\u00fcr den heutigen Leser nur schwer nachvollziehbar ist: Was soll daran so schlimm sein, da\u00df ein Mann nachts Hunger bekommt, in die K\u00fcche geht, sich eine Scheibe Brot abschneidet und seine Frau deshalb eine Scheibe weniger zum Essen hat? Wenn kein Brot mehr da ist, wird halt neues gekauft. Brot geh\u00f6rt schlie\u00dflich zu den Grundnahrungsmitteln, die in unseren Breiten im \u00dcberflu\u00df vorhanden und preiswert sind. Doch zu der Zeit als Wolfgang Borchert diese Kurzgeschichte schrieb, waren Lebensmittel gleich welcher Art rationiert. Jedem stand pro Tag nur eine bestimmte Menge an Brot, Eier, Butter, Fleisch etc. zur Verf\u00fcgung. A\u00df jemand mehr als die ihm zugedachte Menge, hatte ein anderer weniger zu essen. Brot ist zudem Symbol f\u00fcr (Grund-)Nahrungsmittel. Da es seit jeher das Hauptnahrungsmittel schlechthin ist. Heute in unserer Kultur nicht mehr \u00fcblich, wurde lange Zeit Brot und Salz dem Gast als Willkommensgabe gereicht, als Zeichen, da\u00df er vorbehaltlos in die Hausgemeinschaft aufgenommen war, \u00bb<i>das Brot miteinander zu brechen<\/i>\u00ab ist eine Friedens- und Freundschaftsgeste.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Doch stellt die Frau, wie es in einer solcher Situation verst\u00e4ndlich w\u00e4re, ihren Mann nicht zur Rede, sondern tut nicht nur so als h\u00e4tte sie nicht bemerkt, da\u00df er sich vom Brot genommen hat, sondern gibt ihm am n\u00e4chsten Abend sogar einen Teil ihrer eigenen Ration ab. Besch\u00e4mt und im Wissen, da\u00df er ihr damit etwas Lebenswichtiges wegnimmt, zumal er nun wei\u00df, da\u00df sie am Abend zuvor sofort bemerkt hat, wie er vom Brot genommen hat, antwortet er: \u00bb<i>[\u2026] Du kannst doch nicht nur zwei Scheiben essen\u00ab, sagte er auf seinen Teller. [\u2026]<\/i>\u00ab. Sie beruhigt seine Vorbehalte mit der Aussage: \u00bb<i>[\u2026] Abends vertrag ich das Brot nicht gut. [\u2026]<\/i>\u00ab. Er mu\u00df ihre Geste akzeptieren, andernfalls w\u00fcrde er sie tief kr\u00e4nken.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Zugleich ist ihr Handeln eine Geste der Selbstlosigkeit, denn offenkundig scheint er einen gr\u00f6\u00dferen Bedarf an Nahrung zu haben als sie \u2013 das kann verschiedene Ursachen haben, die aber aus dem Text nicht hervorgehen und darum f\u00fcr Borchert auch nebens\u00e4chlich gewesen sein m\u00fcssen, ihm war nur die Situation an sich wichtig. Wie es auch eine Geste der Zuneigung ist, denn trotz der fast vierzig Jahre, die das Paar verheiratet ist, scheinen sie sich nicht auseinandergelebt zu haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Frau erwacht von einem Ger\u00e4usch in der K\u00fcche. Es ist halb drei in der Nacht. Ihr Mann liegt nicht neben ihr. Sie steht auf, geht durch die dunkle Wohnung und findet ihn in der K\u00fcche. Sie schaltet das Licht ein. Sofort f\u00e4llt ihr Blick auf den mitten auf dem Tisch stehenden Brotteller. 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