{"id":8907,"date":"2026-04-30T18:42:43","date_gmt":"2026-04-30T16:42:43","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=8907"},"modified":"2026-04-30T18:44:24","modified_gmt":"2026-04-30T16:44:24","slug":"auszug-aus-der-bibliothekar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=8907","title":{"rendered":"Auszug aus \u00bbDer Bibliothekar\u00ab"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/werkstatt.jpg\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"float:left;padding-right:1rem;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/der-junge-nachbar-titel-189x300.jpg\" alt=\"\"\/><\/div>\n<p style=\"font-size:1.5rem;\"><b>1.<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nachdem er sich gezwungenerma\u00dfen \u00fcber mehrere Jahre von einem Zeitvertrag zum anderen gehangelt hatte, war Meinald bereit, <i>jede<\/i> Stelle anzunehmen, die auch nur ann\u00e4hernd etwas mit seinem Beruf als Bibliothekar zu tun hatte, solange er einen unbefristeten Arbeitsvertrag bekam. Seine Lebensplanung hatte er l\u00e4ngst an einem Zw\u00f6lfmonatsrhythmus orientiert, solange liefen im Schnitt seine Vertr\u00e4ge. Manchmal wurden sie zumindest um ein weiteres Jahr verl\u00e4ngert, oft aber nicht und meist wurde ihm letzteres erst wenige Wochen vor Vertragsende lapidar mitgeteilt, weshalb er sich grunds\u00e4tzlich einige Monate vor Ablauf auf Stellen bewarb, die auch nur ann\u00e4hernd mit seinem Beruf zu tun hatten. Jetzt befand er sich fast am Ende der zweiten H\u00e4lfte seiner Drei\u00dfiger und war seit seinem Studienabschlu\u00df vor ann\u00e4hernd f\u00fcnfzehn Jahren karrierem\u00e4\u00dfig wie finanziell nicht wirklich vorw\u00e4rtsgekommen. <!--more-->Er bewohnte noch immer die kleine Wohnung, die er zu Beginn des Studiums bezogen hatte \u2013 ein gro\u00dfes Zimmer, das zugleich Wohn-, Schlaf- und Arbeitszimmer war, eine kleine K\u00fcche und ein, f\u00fcr die Gr\u00f6\u00dfe der Wohnung relativ ger\u00e4umiges Bad, selbst die M\u00f6bel waren, bis auf wenige notwendige Neuerwerbungen, noch dieselben. Er war schon immer gen\u00fcgsam gewesen, was den materiellen Komfort in seinem Leben betraf und was ihm bisher geholfen hatte, einigerma\u00dfen \u00fcber die Runden zu kommen. Er bewarb sich nicht zum ersten Mal auf eine private Bibliothekarsstelle, doch bisher wurde ihm stets mitgeteilt, da\u00df diese bereits besetzt sei. Auch diesmal gab er sich keinen allzu gro\u00dfen Hoffnungen hin, zumal es nur eine halbe Stelle war, wenngleich die Bezahlung nur unwesentlich geringer ausfiel als f\u00fcr die ganze, f\u00fcr die sein Vertrag in wenigen Wochen endete. Vier Bewerbungen hatte er insgesamt eingereicht. Auf eine Reaktion mu\u00dfte er diesmal besonders lange warten. Seiner Erfahrung nach war es mittlerweile nicht un\u00fcblich, da\u00df manche nicht einmal eine lakonische Absage f\u00fcr n\u00f6tig erachteten. Wenige Wochen vor dem Auslaufen seines Vertrages trafen die ersten beiden Absagen ein, die dritte folgte eine Woche darauf. Zu Beginn des letzten Monats lag noch keine Nachricht auf die vierte f\u00fcr jene kleine private Bibliothek vor, von der zuvor noch nie etwas geh\u00f6rt hatte, obwohl er meinte, alle in der Stadt zu kennen. Er sah sich bereits in die lange, desillusionierende Schlange der Arbeitslosen einreihen. Drei Wochen vor dem Ende seines laufenden Vertrages erhielt er doch noch einen l\u00e4nglichen Brief, die Adresse altmodisch mit Schreibmaschine geschrieben.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Doch nicht nur die Adresse, der ganze Brief war maschinegeschrieben, daher h\u00e4tte es ihn auch nicht sonderlich \u00fcberrascht, wenn das Datum des Briefes 1950 und irgend etwas gelautet h\u00e4tte. In einem etwas steifen, leicht antiquierten Stil, der selbst um 1950 und irgend etwas als solcher gegolten h\u00e4tte, teilte ihm ein Notar namens August-Maria Sindtorf mit, da\u00df seine Bewerbung f\u00fcr die Postion des Bibliothekars der Bibliothek der <i>Sch\u00f6neburg-Borsing-Stiftung<\/i> mit Interesse gelesen worden war, er die Kriterien, die das Kuratorium der Stiftung an den Bewerber stelle, in allen Punkten erf\u00fclle und man ihn somit zu einem Vorstellungsgespr\u00e4ch einlade, das bereits am \u00fcbern\u00e4chsten Tag stattfinden sollte.<\/p>\n<p class=\"einzug\">An einem sonnigen Nachmittag Mitte April machte er sich auf den Weg in einen Teil der Stadt, den er lediglich vom H\u00f6rensagen kannte und der von alten Villen und einigen neueren und teuren Wohnanlagen dominiert wurde. Die <i>Sch\u00f6neburg-Borsing-Stiftung<\/i> hatte ihr Domizil in einer alten Villa mit weitl\u00e4ufigem Grundst\u00fcck. Durch den maschinegeschriebenen Brief \u203avorgewarnt\u2039, \u00fcberraschte es ihn wenig, als August-Maria Sindtorf sich als reichlich betagter, aber geistig reger Notar erwies, die weiteren Mitglieder des Kuratoriums als zwei sympathische \u00e4ltere Damen, die trotz ihres fortgeschrittenen Alters gegen\u00fcber dem Notar fast noch jugendlich wirkten.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Das Vorstellungsgespr\u00e4ch erschien ihm gr\u00f6\u00dftenteils wie ein geselliger Nachmittag mit Kaffee und Kuchen bei greisen Anverwandten \u2013 Kaffee und Kuchen gab es tats\u00e4chlich und auch die Art und Weise, wie der Notar das Gespr\u00e4ch weitgehend allein f\u00fchrte, die beiden alten Damen nickten nur hin und wieder zustimmend und schenkten Meinald und sich bei Bedarf Kaffee ein und legten frischen, offenkundig selbstgebackenen und ausgezeichnet schmeckenden Apfelkuchen auf den Tellern nach, erinnerte ihn an die Anekdoten, die seine Altvorderen bei solchen Gelegenheiten aus ihrer lange zur\u00fcckliegenden Jugend zum Besten gaben.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Aus der bed\u00e4chtigen und teilweise recht umst\u00e4ndlichen Rede des Notars erfuhr er, da\u00df sich die <i>Sch\u00f6neburg-Borsing-Stiftung<\/i> zur Aufgabe gemacht hatte, den literarischen Nachla\u00df des Autors Robert Laurentius Sch\u00f6neburg zu verwalten, zu erforschen und eine so kritische wie umfassende Werkausgabe zu erstellen. Au\u00dfer den umfangreichen Manuskripten des Autors wurde auch dessen private Bibliothek an diesem Ort aufbewahrt. Sch\u00f6neburg war zu Lebzeiten ein Autor nicht nur von lokaler Bedeutung, wenngleich sein Werk \u2013 bedauerlicherweise \u2013 nicht die Verbreitung fand, wie es seiner Qualit\u00e4t nach angemessen w\u00e4re. Da Sch\u00f6neburg einer wohlhabenden, ja sogar reichen Familie entstammte, er war zudem der letzte Nachfahre, war er nicht gezwungen, von den Einnahmen seiner Werke zu leben. Ein Teil erschien daher auch als Privatdrucke in kleiner Auflage. Vieles war daher bis zum heutigen Tag unver\u00f6ffentlicht geblieben. Sch\u00f6neburg, obwohl dem sch\u00f6nen Geschlecht alles andere als abgeneigt und zu seiner Zeit f\u00fcr manchen Skandal gut gewesen, was sich meist durch eine gro\u00dfz\u00fcgige \u203aSpende\u2039 an die Betroffenen hatte l\u00f6sen lassen, hatte leider keinerlei direkte Nachkommen hinterlassen und auch keine illegitimen. Durch diverse historische Gegebenheiten \u2013 zwei Weltkriege, eine Hyperinflation und eine ausgepr\u00e4gte Affinit\u00e4t zum sch\u00f6nen Geschlecht \u2013 war das Sch\u00f6neburg\u2019sche Erbe deutlich geschm\u00e4lert worden und somit bestand der Nachla\u00df fast ausschlie\u00dflich aus seinen Manuskripten und seiner privaten Bibliothek, als er in beinahe biblischem Alter Mitte der 1960er Jahre verstarb.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Aufgrund eines eklatanten Mangels bekannter unmittelbarer Erben und damit es nicht verfiel, gr\u00fcndete Sch\u00f6neburgs langj\u00e4hriger Freund und Bewunderer Richard Gotthilf Borsing, seines Zeichens Produzent von Naturkautschukwaren aller Art \u2013 hier senkte der Notar leicht r\u00e4uspernd die Stimme und die beiden Damen besch\u00e4ftigten sich auffallend mit dem Inhalt ihrer Tassen, als w\u00e4re ihnen bisher entgangen, was sie enthielten, weshalb Meinald ein verstehendes Grinsen unterdr\u00fccken mu\u00dfte \u2013 die <i>Sch\u00f6neburg-Borsing-Stiftung<\/i>, stattete sie \u00fcppig mit Kapital aus und \u00fcberschrieb der Stiftung eine Villa, die er einst g\u00fcnstig aus der Konkursmasse eines Konkurrenten erwarb. August-Maria Sindtorf, bei Gr\u00fcndung der Stiftung ein junger erfolgversprechender Notar und entfernter Neffe Borsings, wurde mit der Verwaltung der Stiftung und dem Vorsitz des Kuratoriums betraut. Die beiden \u00e4ltlichen Damen waren T\u00f6chter von Brosings Nichten und Cousinen oder Tanten dritten oder vierten Grades, so genau lie\u00df sich das f\u00fcr Meinald aus den umst\u00e4ndlichen Ausf\u00fchrungen des greisen Notars nicht entnehmen, wurden die ersten offiziellen Kuratoriumsmitglieder. Bernharda Bechthold-Werner, das vierte Kuratoriumsmitglied, Nichte einer entfernten Cousine, bei Stiftungsgr\u00fcndung einzige noch bekannte lebende Verwandte Sch\u00f6neburgs, die der alte Notar durch eine anfangs nicht beachtete Notiz Sch\u00f6neburgs ausfindig gemacht hatte, befand sich zurzeit auf Reisen. Sie war gegenw\u00e4rtig die einzige, die sich der Erforschung und der Herausgabe der Gesamtausgabe des Sch\u00f6neburg\u2019schen Werkes widmete und, dem Tonfall des alten Notars glaubte Meinald zu entnehmen, bisher auch die einzige, die den Nachla\u00df je ernsthaft erforschte. Daher hegte er keinerlei Zweifel, da\u00df es sich bei ihr um eine ebenso liebenswerte, vielleicht nicht ganz so alte Dame handelte, wie die beiden Gro\u00dfnichten Borsings.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Gegen Ende der ausschweifenden Ausf\u00fchrungen des Notars kannte Meinald zwar die Geschichte der <i>Sch\u00f6neburg-Borsing-Stiftung<\/i> in allen Details, wu\u00dfte aber immer noch so gut wie nichts \u00fcber Sch\u00f6neburgs Werk, nicht einmal, ob er in Lyrik oder Prosa gedichtet hatte. Anschlie\u00dfend wurde er fast beil\u00e4ufig gefragt, wann es ihm m\u00f6glich sei, die Stelle anzutreten. Er war nicht allzu \u00fcberrascht, es f\u00fcgte sich in das Bild, da\u00df er in den zur\u00fcckliegenden beiden Stunden bekommen hatte, vermutlich war er ohnehin der einzige Bewerber, was ihm noch nie passiert war. Seine wenig rosigen Zukunftsaussichten vor Augen sagte er daher f\u00fcr den n\u00e4chsten Ersten zu. Sollte ihm die Arbeit nicht zusagen, besa\u00df er zumindest ausreichend Zeit f\u00fcr die Suche nach einer ad\u00e4quateren. Seine Zusage wurde als selbstverst\u00e4ndlich zur Kenntnis genommen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der alte Notar holte aus einer Mappe einen gleichfalls maschinegeschriebenen Arbeitsvertrag und reichte ihm diesen mit der Anmerkung, ihn in Ruhe und aufmerksam zu lesen. Der Vertrag war nicht sehr umfangreich und beinhaltete das \u00dcbliche, jedoch ohne das viele Kleingedruckte, f\u00fcr ihn war lediglich wichtig, da\u00df er keinen Passus mit irgendeiner Befristung enthielt. Mehr aus Respekt und H\u00f6flichkeit dem alten Notar gegen\u00fcber las er ihn in Ruhe durch und setzte anschlie\u00dfend seine Unterschrift darunter. Der alte Notar h\u00e4ndigte ihm eine Kopie aus und er ward entlassen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Drau\u00dfen vor der Villa und beschienen von der Aprilsonne war er \u00fcberzeugt, das wohl eigent\u00fcmlichste Bewerbungsgespr\u00e4ch seiner bisherigen Laufbahn hinter sich gebracht zu haben. Nicht einmal die R\u00e4umlichkeiten waren ihm gezeigt worden. Nun, f\u00fcr eine unbefristete Anstellung war er durchaus bereit, einiges in Kauf zu nehmen und die Stiftung der alten Leutchen schienen nicht das schlechteste zu sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><i>Wie es weiter mit Meinalds neuer Stelle geht, kann im Erz\u00e4hlband \u00bbDer junge Nachbar\u00ab nachgelesen werden.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Armin A. Alexander<br \/>Der junge Nachbar<\/b><br \/>ISBN 978-3-7519-2385-9<br \/>156 S., PB, \u20ac 8,99<br \/>eBook, no-drm, \u20ac 5,99<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/buchshop.bod.de\/der-junge-nachbar-armin-a-alexander-9783751923859\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zur Bestellm\u00f6glichkeit Buch und eBook ePUB<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; 1. &nbsp; Nachdem er sich gezwungenerma\u00dfen \u00fcber mehrere Jahre von einem Zeitvertrag zum anderen gehangelt hatte, war Meinald bereit, jede Stelle anzunehmen, die auch nur ann\u00e4hernd etwas mit seinem Beruf als Bibliothekar zu tun hatte, solange er einen unbefristeten Arbeitsvertrag bekam. 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