{"id":919,"date":"2009-03-29T22:50:05","date_gmt":"2009-03-29T20:50:05","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=919"},"modified":"2026-04-07T21:04:56","modified_gmt":"2026-04-07T19:04:56","slug":"heinrich-mann-professor-unrat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=919","title":{"rendered":"Heinrich Mann \u00bbProfessor Unrat\u00ab"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/inter.jpg\" alt=\"Interpretationen\" \/><\/p>\n<p>Professor Raat ist ein vom Leben entt\u00e4uschter Lehrer in mittleren Jahren an einem Kleinstadtgymnasium um 1900. Weil naheliegend wurde einst sein Name zu \u00bbUnrat\u00ab verballhornt. Dieser Spitzname haftet ihm unver\u00e4ndert seit seinem Eintritt in den Schuldienst an. In seinen Sch\u00fclern sieht er nicht junge Leute, die seiner Erziehung anvertraut sind, sondern pers\u00f6nliche Gegner, die es zu \u00bbfassen\u00ab gilt.<!--more--> Alles was auch nur im Ansatz seine Autorit\u00e4t untergraben k\u00f6nnte mu\u00df im Keim erstickt werden, denn nichts f\u00fcrchtet er so sehr wie Machtverlust. Selbst in ehemaligen Sch\u00fclern, l\u00e4ngst erwachsen und im Leben stehend, sieht er noch den Hang zum Aufruhr gegen ihn, obwohl diese sich seiner nurmehr verkl\u00e4rt erinnern. Rufen sie ihn \u00bb<i>[\u2026] mit seinem Namen [\u2026]<\/i>\u00ab dann in beinahe wehm\u00fctiger Erinnerung an ihre Jugendzeit.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Auf drei seiner Sch\u00fcler hat es Unrat besonders abgesehen, da sie in seinen Augen nur darauf aus sind Unruhe zu stiften. Ertzum, ein junger Adliger von beschr\u00e4nktem Geist, Kieselack, Sohn eines kleinen Hafenbeamten mit Alkoholproblemen, und Lohmann, Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns, der wahrscheinlich intelligenteste unter Unrats Sch\u00fclern, obwohl seine Leistungen im Unterricht unterdurchschnittlich sind. Als die drei wieder einmal den Unterricht st\u00f6ren, verbannt Unrat sie ins Kabuff, einem kleinen Nebenraum, in dem die Sch\u00fcler ihre Jacken und M\u00e4ntel w\u00e4hrend des Unterrichts aufbewahren. Dabei ger\u00e4t ihm Lohmanns Schulheft in die H\u00e4nde, in dem er einige Verse unter anderem \u00fcber eine gewisse K\u00fcnstlerin Fr\u00f6hlich verfa\u00dft hat. Unrat, dem Lohmanns Intelligenz suspekt ist, wittert hier seine Chance, den Sch\u00fcler Lohmann zu \u00bbfassen\u00ab.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Unrat, der nie aus seinem \u00fcblichen Trott herausgekommen ist, t\u00e4glichen den gleichen Weg geht, versucht nun herauszubekommen, um wen es sich bei dieser Frau handelt. Zuerst denkt er an eine Schauspielerin, doch beim Theater kennt sie keiner. Auf der Suche nach ihr, ger\u00e4t Unrat ins Hafenviertel. Doch auch dort kann er nichts in Erfahrung bringen, eckt aber bei den einfachen Leuten an. Unrat wendet sich an den Schuhmachermeister Rindfleisch, von dem er glaubt, er k\u00f6nne es wissen. Rindfleisch ist Anh\u00e4nger der Herrenhuter, einer religi\u00f6sen Sekte, die alles Sexuelle verdammt und fest davon \u00fcberzeugt ist, \u00bb<i>[\u2026] da\u00df Gott es nur darum erlaubt, auf da\u00df er in seinen Himmel oben mehr Engel kriegt [\u2026]<\/i>\u00ab. Unrat verachtet innerlich die unterw\u00fcrfige Fr\u00f6mmigkeit des Meisters, der ihm auch nicht weiterhelfen kann.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Unrat zieht es erneut ins Hafenviertel und findet endlich die K\u00fcnstlerin Fr\u00f6hlich in einem Lokal namens \u00bbDer Blaue Engel\u00ab. Rosa Fr\u00f6hlich arbeitet dort als mittelm\u00e4\u00dfige S\u00e4ngerin, ist aber durch ihre Sch\u00f6nheit die Attraktion des Lokals. Im Hinterzimmer, das als K\u00fcnstlergarderobe genutzt, halten sich allabendlich Kieselack, Ertzum und Lohmann auf. Unrats Erscheinen vertreibt sie. Unrat, der anfangs um seine Sch\u00fcler von der K\u00fcnstlerin Fr\u00f6hlich fernzuhalten, nun selbst jeden Abend in den \u00bbBlauen Engel\u00ab geht, kn\u00fcpft langsam eine pers\u00f6nliche Beziehung zu Rosa Fr\u00f6hlich, bis beide eine Liaison miteinander beginnen. Zwar ist es Unrat gelungen, seine Sch\u00fcler und ganz besonders Lohmann vom \u00bbBlauen Engel\u00ab fernzuhalten. Aber da es f\u00fcr einen Mann seiner Position nicht schicklich ist, permanent in einem solchen Haus zu verkehren, entsteht eine Pattsituation zwischen ihm und den dreien \u2013 Unrat kann sie nicht mehr mit der gleichen Strenge wie fr\u00fcher behandeln, aber sie k\u00f6nnen auch nicht wirklich aufbegehren.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Unrats Liaison mit der K\u00fcnstlerin Fr\u00f6hlich wird ruchbar, die bigotten Kollegen schneiden ihn, doch kann man den unbeliebten Kollegen nicht so ohne weiteres loswerden. Das besorgt Unrat letztlich selbst als er in einem Proze\u00df, in dem \u00fcber die Zerst\u00f6rung eines H\u00fcnengrabes verhandelt, dessen Lohmann, Ertzum und Kieselack angeklagt sind, leidenschaftlich f\u00fcr die K\u00fcnstlerin Fr\u00f6hlich, die verd\u00e4chtigt wird, einen der drei angestiftet zu haben, und gegen seine Sch\u00fcler Partei ergreift. Die drei werden von der Schule verwiesen, aber auch Unrat ist durch seinen Auftritt untragbar geworden. Er wird in den Ruhestand versetzt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er heiratet Rosa Fr\u00f6hlich und beginnt einen pers\u00f6nlichen Feldzug gegen die Kleinb\u00fcrgerlichkeit seiner Heimatstadt. Er will jeden \u00bbfassen\u00ab und vernichten, der ihn Zeit seines Lebens verunglimpft hat. Noch immer sieht er in allen Sch\u00fcler. Noch lebt er in der Vorstellung, da\u00df es f\u00fcr einen Menschen nichts Schlimmeres gibt als von der Schule verwiesen zu werden.<\/p>\n<p class=\"einzug\">W\u00e4hrend eines Sommerurlaubs am Meer werden er und seine Frau der \u2013 durchaus zweifelhafte \u2013 gesellschaftliche Mittelpunkt. Aber weil in ihrem Gefolge angesehene M\u00e4nner sind, echauffiert man sich nur hinter vorgehaltener Hand. Rosa Fr\u00f6hlich erkennt, da\u00df sie auf M\u00e4nner der \u00bbbesseren Gesellschaft\u00ab wirkt und beginnt das auszunutzen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Unrat erkennt seine M\u00f6glichkeiten und nach der R\u00fcckkehr aus dem Seebad wird sein Haus nach und nach zum besonderen Mittelpunkt des verschlafenen Ortes, der bisher keine M\u00f6glichkeit zum Laster geboten hat. \u00bb<i>[\u2026] Es gab kein ansehnliches Variet\u00e9. Die f\u00fcnf oder sechs f\u00fcr den Gebrauch besserer Herren abgerichteten Halbweltdamen waren zum \u00dcberdru\u00df bekannt, und die Freuden, die sie bieten konnten, wurden einem schal gemacht durch den Gedanken an Haus Unrat und seine Hausfrau. [\u2026]<\/i>\u00ab Man erz\u00e4hlt sich hinter vorgehaltener Hand unter anderem von Pf\u00e4nderspielen, was aber mehr Ger\u00fccht als Wahrheit ist.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Die Honoratioren des Ortes gehen in Haus Unrat ein und aus, mit Ausnahme Konsul Lohmanns, der als einziger mit den Vergn\u00fcgungsm\u00f6glichkeiten der gro\u00dfen europ\u00e4ischen St\u00e4dte bestens vertraut ist und deshalb dieser kleinb\u00fcrgerlichen Vorstellung von Vergn\u00fcgen und Laster nichts abgewinnen kann.<\/p>\n<p class=\"einzug\">W\u00e4hrend Unrats zweitem Sommer im Seebad spielt Rosa Fr\u00f6hlich ihre Macht, die sie \u00fcber die M\u00e4nner hat, bewu\u00dft aus. Ergebnis; die Braut Richters \u2013 ein ungeliebter ehemaliger Kollege Unrats \u2013 l\u00f6ste die Verlobung und ein ehemaliger Sch\u00fcler erleidet beinahe einen t\u00f6dlichen Badeunfall. Unrat triumphiert; er hat zwei weitere \u2013 Sch\u00fcler \u2013 \u00bbgefa\u00dft\u00ab. <\/p>\n<p class=\"einzug\">Doch nicht nur die M\u00e4nner der ersten Gesellschaft verkehren im Haus Unrat, mitunter auch deren Frauen und T\u00f6chter, so da\u00df nach einer Reihe von Maskenfesten \u00bb<i>[\u2026] Bevor der Sommer anbrach, zogen drei Frauen der guten Gesellschaft und zwei junge M\u00e4dchen sich pl\u00f6tzlich zur\u00fcck, zu einem, wie man fand, verfr\u00fchten Landaufenthalt. [\u2026]<\/i>\u00ab. Die Gatten werden Opfer ihrer Spielsucht. \u00bb<i>[\u2026] Drei neue gesch\u00e4ftliche Zusammenbr\u00fcche erfolgten. Der Zigarrenh\u00e4ndler Meyer am Markt beging Wechself\u00e4lschungen und erh\u00e4ngte sich. \u00dcber Konsul Breetpoot wird gemunkelt \u2026 [\u2026]<\/i>\u00ab. Breetpoots Fall, zugleich Treuh\u00e4nder des jungen Ertzum, wird f\u00fcr Unrat zur doppelten Freude.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Das Rad dreht sich immer schneller. Unrat gelingt es, so gut wie alle seine fr\u00fcheren Widersacher \u2013 tats\u00e4chliche und eingebildete \u2013 zu Fall zu bringen. Doch Letztlich werden sie nur Opfer ihrer eigenen Spie\u00dfigkeit und Doppelmoral.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Unrat wei\u00df, \u00bb<i>[\u2026] da\u00df die sogenannte Sittlichkeit in den meisten F\u00e4llen auf das innigste mit Dummheit verkn\u00fcpft ist. [\u2026]<\/i>\u00ab.<\/p>\n<p class=\"einzug\">In Konsul Breetpoots junge lebenslustige Frau Dora war der Sch\u00fcler Lohmann eine Zeitlang verliebt. Ihr galt seine Leidenschaft, war die Mehrzahl der Gedichte in seinem Schulheft gewidmet und nicht der Rosa Fr\u00f6hlich, wie Unrat f\u00e4lschlicherweise annahm.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Auf dem H\u00f6hepunkt von Unrats \u00bbHerrschaft\u00ab \u00fcber die Kleinstadt kehrt Lohmann aus dem Ausland zur\u00fcck, wohin ihn sein Vater nach dessen Schulverweis geschickt hat, um seine Ausbildung als Kaufmann zu vervollst\u00e4ndigen. Lohmann ist abgekl\u00e4rter geworden. Er sieht die Kleinstadt und ihre einstigen Honoratioren als das was sie sind; Provinzler. Die von ihm fr\u00fcher so innig verehrte Dora Breetpoot ist nur eine Kleinstadtsch\u00f6nheit wie Rosa Fr\u00f6hlich auch nur eine Kleinstadtkokotte ist.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Rosa \u00fcberredet Lohmann mit in ihr Haus zu kommen. Lohmann folgt der Einladung. Dort begegnet Lohmann Unrat. Unrat, der Rosa bereits im \u00bbBlauen Engel\u00ab den Umgang mit Lohmann verboten hat, versucht in einem Anfall von panischer Wut und Eifersucht, Rosa zu erw\u00fcrgen. Lohmann geht dazwischen. Rosa fl\u00fcchtet in ihr Zimmer. Unrat entdeckt die prall gef\u00fcllte Brieftasche Lohmanns auf dem Tisch, die dieser dorthin gelegt hat, um Rosa zu zeigen, da\u00df er ohne Gegenleistung bereit w\u00e4re, sie und Unrat aus finanzieller Verlegenheit zu helfen. Unrat nimmt die Brieftasche an sich. Doch anstatt sie ihm zu entrei\u00dfen, verliert Lohmann seine vermeidliche Weltgewandtheit und Toleranz. \u00bb<i>[\u2026] Lohmanns Geist, der durch so unglaubw\u00fcrdige Erlebnisse noch nie erprobt war, warf alle Eigenart ab und antwortete auf \u00bbVerbrechen\u00ab ganz b\u00fcrgerlich mit \u00bbPolizei\u00ab. Wohl bewahrte er das Bewu\u00dftsein, dies sei kein besonders seltener Fall, aber er sagte sich: \u00bbDa h\u00f6rt<span style=\"font-family:&apos;Original Garamond&apos;\">\u2019s auf<\/i>\u00ab, und schritt stramm \u00fcber das Bedenken hinweg. [\u2026]<\/i>\u00ab. Lohmanns Anzeige f\u00fchrt zur Verhaftung von Unrat und Rosa. Letzteres hat Lohmann nicht beabsichtigt. Aber die \u00bb<i>[\u2026] Stadt war in Jubel, weil Unrats Verhaftung beschlossen war. Endlich! Der Druck des eigenen Lasters war von ihr genommen, da die Gelegenheit dazu entfernt ward. [\u2026]<\/i>\u00ab.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Heinrich Manns vermutlich bekanntester Roman erschien 1905 und ist mehr als nur die vordergr\u00fcndige Geschichte eines verh\u00e4rmten alternden Kleinstadtgymnasiallehrers der in sp\u00e4ter Liebe zu einer Kleinstadtkokotte entbrennt und aus seiner gewohnt kleinb\u00fcrgerlichen Bahn ger\u00e4t. Unrat kennt seine Umgebung und deren Spie\u00dfigkeit nur zu genau und verachtet sie in ihrer provinziellen Dummheit. Unrat ist Witwer, der eine ungl\u00fcckliche Ehe hinter sich hat. Sein einziger Sohn mu\u00dfte die Stadt verlassen, nur weil er in nicht genehmer weiblicher Gesellschaft gesehen wurde, und von Unrats bigottem Kollegen H\u00fcbbenett diffamiert wurde. H\u00fcbbenett findet sich sp\u00e4ter wie viele andere auch unter Unrat \u00bbOpfern\u00ab wieder. Jedoch f\u00e4llt es schwer von wirklichen Opfern Unrats zu sprechen. Sie werden vielmehr Opfer ihrer eigenen Kleingeistigkeit oder wie Unrat gegen\u00fcber Rosa Fr\u00f6hlich formuliert: \u00bb<i>[\u2026] da\u00df die sogenannte Sittlichkeit in den meisten F\u00e4llen auf das innigste mit Dummheit verkn\u00fcpft ist. [\u2026]<\/i>\u00ab.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Unrats Zeit versucht sich in Moral und f\u00f6rdert durch dieses enge Korsett nur das Laster, denn die ganze aufgezwungene vermeidliche Anst\u00e4ndigkeit, die wider die menschliche Natur ist und nur dazu dient, das Volk gef\u00fcgig zu halten, wie Unrat seine Sch\u00fcler mit vergleichbaren Methoden, mu\u00df sich irgendwann ein Ventil verschaffen. Wie ein Druckkessel, der immer st\u00e4rker aufgeheizt wird, \u00fcber ein Ventil Dampf ablassen mu\u00df, weil er sonst platzt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Unrats Haus wird zu diesem Ventil. Doch da die Kleinb\u00fcrger das Dampfablassen nicht gewohnt sind, werden sie in ihrem Laster genauso so ma\u00dflos wie in ihrer Sittlichkeit. Mehrere ruinieren sich im Spiel. Die nach au\u00dfen hin ehrbaren Frauen und T\u00f6chter werden ungewollt schwanger, da die Sittlichkeit verhindert, da\u00df sie Kenntnisse \u00fcber Verh\u00fctung erhalten.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Unrat erf\u00e4hrt jedoch nicht nur Triumphe; er mu\u00df auch die Tiefen der Eifersucht durchleben, wenn Rosa mit einem anderen Mann zusammen ist, wenn auch aus keinem anderen Grund als diesen zu \u00bbfassen\u00ab. Unrat erkennt das Dilemma seiner Situation. \u00bb<i>[\u2026] Es steht unter allen Dingen eines fest: Da\u00df jemand, dem die hellsten Gipfel zu erklimmen gelang \u2013 da\u00df ein solcher auch mit den undurchdringlichen Schl\u00fcnden wohlvertraut ist. [\u2026]<\/i>\u00ab.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Heinrich Mann teilt seine Zeit nicht einfach in anst\u00e4ndige Frauen und Kokotten ein. Die Frauen der \u00bbguten Gesellschaft\u00ab sind nicht besser als Rosa, vielleicht sogar schlimmer, denn bei ihnen geschieht es hinter einer verlogenen Fassade aus Anst\u00e4ndigkeit, w\u00e4hrend Rosa es f\u00fcr alle sichtbar tut. Rosa Fr\u00f6hlich besitzt ein Gegenst\u00fcck innerhalb der \u00bbGuten Gesellschaft\u00ab: Dora Breetpoot, die zu Beginn des Romans vom jungen Lohmann heimlich verehrt wird. Und von der die ganze Stadt munkelt, da\u00df ein Kind, das sie erwartet, entweder vom Assessor Knust oder vom Offizier von Gierschke aber auch von ihrem Mann sein k\u00f6nnte. Mit der sp\u00e4teren Erw\u00e4hnung von Dora Breetpoots reicher Kinderzahl wird zugleich auf ihre zahlreichen Liebhaber verwiesen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Heinrich Mann betont, da\u00df die sogenannten ehrbaren Frauen sich in keiner Weise von den Kokotten unterscheiden und auch nicht anders als ihre M\u00e4nner sind, die ebenfalls ihre Liebschaften haben, sei es mit Prostituierten oder mit einer Geliebten, die sie aushalten. Aber bei verheirateten Frauen wurde ein Auge zugedr\u00fcckt und solange der Gatte es nicht merken wollte, nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt, wenn \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der junge Lohmann, den Unrat als seinen pers\u00f6nlichen Gegner betrachtet, obwohl Lohmann mit Unrat sogar ehrliches Mitleid empfindet, ist mehr Beobachter und Kommentator als Beteiligter, den seine heimliche Liebe zu Dora Breetpoot intensiv besch\u00e4ftigt und der dabei mehrmals in jugendlicher Romantik an Selbstmord denkt. Womit Heinrich Mann auch die seelischen N\u00f6te beschreibt, in die junge Menschen seiner Zeit zwangsl\u00e4ufig gerieten, weil sie ihre aufkeimende Sexualit\u00e4t rigoros unterdr\u00fccken mu\u00dften. Lohmanns Sympathien bleiben bei Unrat, obwohl dieser ihn bek\u00e4mpft. Lohmann erkennt fr\u00fch, da\u00df Unrat in seinem tiefen Inneren ein Anarchist ist und sieht dessen Entwicklung voraus.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Doch so weltgewandt Lohmann sich selbst auch einsch\u00e4tzt, am Ende reagiert er ebenso kleinb\u00fcrgerlich wie alle mit seiner Anzeige, anstatt Unrat einfach die Brieftasche wieder abzunehmen. Jedoch bezahlt auch Lohmann einen Preis; Rosa wird ebenfalls verhaftet.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Unrat, der anfangs n\u00fcchtern berechnend seinen Mitb\u00fcrgern die Maske der Ehrbarkeit vom Gesicht gerissen und finanziell davon profitiert hat, wird am Ende Opfer seiner Vernichtungsgier, denn er verliert Ma\u00df und Ziel. Selbstverst\u00e4ndlich ist mit seinem Ende nicht gesagt, da\u00df nicht irgendwann jemand anderer kommt und den Kleinb\u00fcrgern wieder Gelegenheit zum Laster geben kann.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Unrats Verhaftung kann auch als Strafe gesehen werden, da\u00df er sich an dem einzigen Menschen vergreift, der nie etwas gegen ihn hatte. Aber ebenso zeigt sie, da\u00df auch Lohmanns Weltgewandtheit auch nur Fassade ist wie die Sittsamkeit der anderen. Auch darunter zeigt sich der Spie\u00dfer, der Kleinb\u00fcrger, wenn an seinen Grunds\u00e4tzen ger\u00fcttelt wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Professor Raat ist ein vom Leben entt\u00e4uschter Lehrer in mittleren Jahren an einem Kleinstadtgymnasium um 1900. Weil naheliegend wurde einst sein Name zu \u00bbUnrat\u00ab verballhornt. Dieser Spitzname haftet ihm unver\u00e4ndert seit seinem Eintritt in den Schuldienst an. In seinen Sch\u00fclern sieht er nicht junge Leute, die seiner Erziehung anvertraut sind, sondern pers\u00f6nliche Gegner, die es [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"footnotes":""},"categories":[34,32],"tags":[42,41],"class_list":["post-919","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-der-besondere-buch-tip","category-literarisches","tag-bucher","tag-literatur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/919","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=919"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/919\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8261,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/919\/revisions\/8261"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=919"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=919"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=919"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}