{"id":933,"date":"2009-04-02T00:03:50","date_gmt":"2009-04-01T22:03:50","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=933"},"modified":"2026-04-07T21:11:06","modified_gmt":"2026-04-07T19:11:06","slug":"heinrich-boll-ende-einer-dienstfahrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=933","title":{"rendered":"Heinrich B\u00f6ll \u00bbEnde einer Dienstfahrt\u00ab"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/inter.jpg\" alt=\"Interpretationen\" \/><\/p>\n<p>Eine verschlafene rheinische Kleinstadt im Sp\u00e4tsommer Mitte der 1960er Jahre. Vater und Sohn Gruhl, die in ihrem Heimatort Ansehen und Sympathie genie\u00dfen, werden vor dem \u00f6rtlichen Amtsgericht, das im alten Schulgeb\u00e4ude des Ortes untergebracht ist, wegen \u00bb<i>[\u2026] Sachbesch\u00e4digung und groben Unfug [\u2026]<\/i>\u00ab angeklagt und zur Entsch\u00e4digungszahlung nebst sechs Wochen Haft verurteilt, letztere ist mit der Untersuchungshaft abgegolten. Im Vorfeld wird alles unternommen, damit die \u00d6ffentlichkeit nichts von dem Proze\u00df erf\u00e4hrt.<!--more--> Zum Gl\u00fcck wird zur selben Zeit in der nahen Gro\u00dfstadt der Strafproze\u00df des Kinderm\u00f6rders Schewen verhandelt, so da\u00df sich die lokale und \u00fcberregionale Presse ausschlie\u00dflich darauf konzentriert. Obwohl nur wegen Sachbesch\u00e4digung und groben Unfug verhandelt wird, mischen sich hohe und h\u00f6chste Stellen in den Fall ein, emsig bem\u00fcht, der Sache einen so unbedeutenden Rang zu geben, wie nur irgend m\u00f6glich. \u00dcber diese Bem\u00fchungen wissen nur drei Personen im Gerichtssaal Bescheid; der von seiner Dienststelle als Proze\u00dfbeobachter abgestellte Bergnolte, die Ehefrau des Staatsanwalts Dr. Kugl-Egger und die Ehefrau des Verteidigers Dr. Hermes. Den Vorsitz erh\u00e4lt der kurz vor seiner Pension stehende Richter Dr. Stollfuss, \u00bb<i>[\u2026] der seiner humanen Vergangenheit und Gegenwart wegen ber\u00fchmt und ber\u00fcchtigt war [\u2026]\u00ab<\/i>. Der Proze\u00df wird im kleinsten Verhandlungsraum abgehalten. Es verfolgen lediglich zehn Zuschauer den Proze\u00df, \u00bb<i>[\u2026] die fast alle mit den Angeklagten, Zeugen, Gutachtern, Gerichtspersonen oder anderen mit dem Proze\u00df befa\u00dften Personen verwandt [\u2026]\u00ab<\/i> sind. Bergnolte soll sicherstellen, da\u00df alles so unauff\u00e4llig und unkompliziert wie m\u00f6glich verl\u00e4uft, denn die Tat der beiden Gruhls ist weit mehr als nur \u00bbSachbesch\u00e4digung und grober Unfug\u00ab. Vater und Sohn Gruhl haben an einem hei\u00dfen Augustnachmittag in der N\u00e4he des Ortes an einer Stelle namens \u00bbK\u00fcppers Baum\u00ab einen Jeep der Bundeswehr in Brand gesetzt. Sohn Gruhl, einer Versorgungseinheit zugeteilt, sollte den Jeep durch zielloses Herumfahren auf die zur Inspektion n\u00f6tige Kilometerzahl bringen. Ein Vorgang, der, wie sich w\u00e4hrend des Prozesses zeigt, \u00fcblich ist. Die erforderlichen Inspektionen werden nicht nach erreichtem Kilometerstand durchgef\u00fchrt, sondern sie m\u00fcssen zu einem bestimmten Zeitpunkt den zur Inspektion erforderlichen Kilometerstand aufweisen. Damit diese Praktiken in der \u00d6ffentlichkeit nicht ruchbar werden, wird alles unternommen, das zu verhindern. Dem kommt zur Hilfe, da\u00df auf Grund eines Irrtums, der Wehrdienst des jungen Gruhls zur Tatzeit eigentlich beendet war. W\u00e4hrend des Proze\u00df kommen weitere Ungereimtheiten des b\u00fcrokratischen Alltags zur Sprache. Unter anderem warum der alte Gruhl trotz einer gutgehenden Schreinerei hoffnungslos beim Finanzamt verschuldet ist und seine Schulden immer weiter steigen. \u00dcber einen Kunstsachverst\u00e4ndigen gelingt es, der Jeepverbrennung den Charakter eines Kunstwerks, dem in den 1960er Jahren oft benutzten Bezeichnung des \u00bbHappenings\u00ab zu geben, was die Verurteilung wegen groben Unfugs und Sachbesch\u00e4digung zus\u00e4tzlich vereinfacht. Dar\u00fcber hinaus erkl\u00e4rt sich Agnes Hall, Stollfuss\u2019 Kusine ersten Grades, bereit, Gruhls Steuerschulden zu \u00fcbernehmen und der junge Gruhl wird die Tochter des Inhabers der \u00bbDuhr-Terrassen\u00ab, dem ersten Restaurant am Ort, heiraten, dessen Kind sie erwartet, das die beiden wahrscheinlich w\u00e4hrend der ersten Tagen der Untersuchungshaft gezeugt haben. Die junge Frau brachte den beiden Gruhls w\u00e4hrend der Untersuchungshaft t\u00e4glich das Essen.<\/i><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Heinrich B\u00f6ll beschreibt mit den Mitteln des humoristischen Romans einen in seinen eigenen Vorgaben gefangenen Amtsapparat, in dem alles bis ins Kleinste organisiert ist, aber der den Kontakt zur Praxis l\u00e4ngst verloren hat. Fahrzeuge gehen nicht zur Inspektion, sobald die erforderliche Fahrleistung erbracht ist, sondern sie haben zu festgelegten Terminen die erforderliche Fahrleistung aufzuweisen. Da im Alltag naturgem\u00e4\u00df das eine Fahrzeug einmal mehr, das andere einmal weniger benutzt wird, m\u00fcssen eben hin und wieder die weniger genutzten Fahrzeuge mit ziellosen Spazierfahrten auf die erforderliche Kilometerzahl gebracht werden. Doch nicht nur dieser Aberwitz findet im Roman Widerhall, sondern auch ein Steuersystem, das dazu neigt, die Unternehmer zu belohnen, die Kosten verursachen, obwohl kein Grund dazu besteht. Verst\u00e4ndlich, da\u00df mehrere Dienststellen kein Interesse daran haben, da\u00df der Fall Gruhl \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit erregt. Alles wird betont niedrig angesetzt, die Verhandlung besitzt mehr den Charakter eines Familientreffens. Irgendwie sind alle, die auf irgendeine Weise mit dem Fall zu tun haben, miteinander verwandt, befreundet oder verschw\u00e4gert.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Doch B\u00f6ll schildert nicht nur den Proze\u00df, er beschreibt auch die Menschen dahinter, ihre Pers\u00f6nlichkeiten. Stollfuss, der v\u00e4terliche Richter ist mit einer Frau verheiratet, die darunter leidet, da\u00df sie keine Kinder bekommen konnte. Agnes Hall, fr\u00fcher w\u00e4re sie als alte Jungfer bezeichnet worden, war Zeit ihres Lebens in Stollfuss verliebt, aber es hat sich keine Ehe mit ihm ergeben. Es sind diese Abschnitte, die die Ernsthaftigkeit der Handlung betonen, als Kontrast zur streckenweise mehr an eine Posse erinnernden Schilderung der Verhandlung. Nicht umsonst ist das Gericht in einem alten Schulhaus untergebracht, was sofort bestimmte Assoziationen aufdr\u00e4ngt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Der Auftritt des jungen Kunstprofessors B\u00fcren, der einerseits als den gesellschaftlichen Konventionen skeptisch Gegen\u00fcberstehenden beschrieben wird, andererseits selbst Teil der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft ist \u2013 mit einer vom Ministerpr\u00e4sidenten unterschiebenden Bestallungsurkunde ist er sogar pensionsberechtigt \u2013 demonstriert anschaulich, da\u00df es lediglich eine Frage der Einstellung ist, ob etwas als Kunst bezeichnet wird oder nicht.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Die Welt dieser beschaulichen rheinischen Kleinstadt stellt mehr oder weniger nur einen Spiegel der gro\u00dfen St\u00e4dte dar, selbst sie besitzt ein Vergn\u00fcgungslokal, ein Bordell, das in der Person der Sanni Seiffert ihren Niederschlag findet.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Heinrich B\u00f6ll schildert eindrucksvoll wie nah Heiterkeit und Nachdenklichkeit doch zusammenliegen und da\u00df sich die Absurdit\u00e4t manch allt\u00e4glicher amtlicher Vorg\u00e4nge ad\u00e4quat nur mit den Mitteln der Satire beschreiben l\u00e4\u00dft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine verschlafene rheinische Kleinstadt im Sp\u00e4tsommer Mitte der 1960er Jahre. 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