{"id":967,"date":"2009-04-15T01:02:30","date_gmt":"2009-04-14T23:02:30","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=967"},"modified":"2026-04-09T11:21:01","modified_gmt":"2026-04-09T09:21:01","slug":"heinrich-boll-ansichten-eines-clowns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=967","title":{"rendered":"Heinrich B\u00f6ll \u00bbAnsichten eines Clowns\u00ab"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/inter.jpg\" alt=\"Interpretationen\" \/><\/p>\n<p>Hans Schnier w\u00e4chst als zweit\u00e4ltestes Kind einer protestantischen Unternehmerfamilie auf, die ihren Reichtum in erster Linie der Braunkohlenabbau verdankt. Nach seinem Schulabbruch kurz vor dem Abitur versucht er sich als Clown und Pantomime. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten ist er sehr gefragt. Doch als ihn seine Lebensgef\u00e4hrtin Marie verl\u00e4\u00dft, nimmt ihn das derart mit, da\u00df er Trost im Alkohol sucht.<!--more--> Er verpatzt immer h\u00e4ufiger seine Auftritte und nach dem er sich bei einem Sturz auf der B\u00fchne derart am Knie verletzt, da\u00df er f\u00fcr einige Zeit pausieren mu\u00df, f\u00e4hrt er in seine Heimatstadt Bonn zur\u00fcck, in seine luxuri\u00f6se Wohnung, ein Geschenk seines Gro\u00dfvaters. Horst Schnier, dessen gesamtes Barverm\u00f6gen sich im Augenblick auf eine Mark bel\u00e4uft, stellt eine Liste von Personen zusammen, die auf unterschiedliche Weise mit seinem Leben verbunden sind. Er plant sie reihum anzurufen und um Geld zu bitten, als \u00dcberbr\u00fcckung bis er sich so weit gefangen hat, da\u00df er seinen Lebensunterhalt wieder aus eigener Kraft bestreiten kann. Zwischen den Telephonaten und einem Besuch seines Vater l\u00e4\u00dft er sein bisheriges Leben Revue passieren. Am Ende setzt er sich auf die Treppe des Bonner Hauptbahnhofs und beginnt zur Gitarre zu singen, w\u00e4hrend er auf die R\u00fcckkehr Maries von ihrer Hochzeitsreise wartet.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Heinrich B\u00f6lls Roman erregte bei seinem Erscheinen 1963 gro\u00dfes Aufsehen. Sein Protagonist lebt mit einer Frau zusammen, ohne da\u00df beide weder vor dem Staat noch vor der Kirche rechtm\u00e4\u00dfig verbunden sind. Was \u00fcber vierzig Jahre nach Erscheinen des Romans l\u00e4ngst als m\u00f6gliche Form partnerschaftlichen Zusammenlebens akzeptiert ist, galt damals noch als Ungeheuerlichkeit. B\u00f6ll greift nicht nur die \u2013 katholische \u2013 lebensfremde, ja lebensfeindliche Moral an, die die Menschen ohne objektiven Grund in seelischen Konflikte st\u00fcrzt (Vgl. auch: <i>Im Tal der donnernden Hufe<\/i>), sondern ebenso die Selbstgef\u00e4lligkeit mit der sich Verb\u00e4nde \u2013 hier die katholischen \u2013 anma\u00dfen \u00fcber andere zu bestimmen, die Deutungshoheit beanspruchen ohne eine ausreichende demokratische Legitimation daf\u00fcr zu besitzen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Zwar wird vordergr\u00fcndig die Beziehung von Hans und Marie scheinbar akzeptiert, doch wird Marie hinter Hans\u2019 R\u00fccken systematisch moralisch unter Druck zu setzten, damit sie Hans bewegt, ihr \u00bbs\u00fcndiges\u00ab Verh\u00e4ltnis zu legalisieren und Hans als Protestant einwilligt, die zuk\u00fcnftigen gemeinsamen Kinder katholisch erziehen zu lassen. Hans ist bereit Marie sehr weit entgegenzukommen, einschlie\u00dflich der katholischen Erziehung der Kinder, doch als er erkennt, da\u00df die H\u00fcrden immer h\u00f6her werden, zieht er eine klare Grenze, worauf Marie ihn verl\u00e4\u00dft und eine Ehe mit Heribert Z\u00fcpfner eingeht, einem einflu\u00dfreichen Katholiken.<\/p>\n<p class=\"einzug\">W\u00e4hrend Hans in seiner Wohnung sitzt und \u00fcberlegt, wen er anrufen und um Geld bitten k\u00f6nnte, l\u00e4\u00dft er sein bisheriges Leben Revue passieren. Er erinnert sich daran, wie er seine \u00e4ltere Schwester Henriette in den letzten Kriegsmonaten zu den Flaghelferinnen abfahren sieht, als handle es sich um einen Schulausflug. Henriette wird wenig sp\u00e4ter bei einem Angriff der Alliierten get\u00f6tet. Dieses traumatische Erlebnis ver\u00e4ndert den zehnj\u00e4hrigen Hans. Hans\u2019 Mutter erkl\u00e4rt ihren Sohn Henriettes Weggang mit den Worten: \u00bb<i>[\u2026] Du wirst doch einsehen, da\u00df jeder das seinige tun mu\u00df, die j\u00fcdischen Yankees von unserer heiligen deutschen Erde wieder zu vertreiben. [\u2026]<\/i>\u00ab Nach dem Krieg engagiert sie sich in einem Verein f\u00fcr V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung. Doch sie ist nicht die einzige aus Hans\u2019 Umfeld, die ihr F\u00e4hnchen politisch in den Wind h\u00e4ngt und ihre Begeisterung f\u00fcr das Naziregime als Irrtum bereut, was Hans zu der \u00dcberlegung veranla\u00dft: \u00bb<i>[\u2026] Gro\u00dfe Sachen zu bereuen ist ja kinderleicht: Politische Irrt\u00fcmer, Ehebruch, Mord, Antisemitismus \u2013 aber wer verzeiht einem, wer versteht die Details? [\u2026]<\/i>\u00ab<\/p>\n<p class=\"einzug\">Ihren ersten gemeinsamen Sex erleben Hans und Marie voller Schuldgef\u00fchle, schlie\u00dflich wurde ihnen die herrschende Ideologie, nach der Sex nur unter Eheleuten legitim ist, von klein auf eingetrichtert. Marie bricht die Schule ab. Maries Vater, der Hans sehr zugetan ist \u2013 ein \u00bbalter Linker\u00ab \u2013 nimmt Hans lediglich \u00fcbel, da\u00df er nicht die n\u00f6tige Diskretion hat walten lassen \u2013 als Hans am folgenden Morgen das Haus verl\u00e4\u00dft wird er von Nachbarn gesehen, die sofort die \u00bbrichtigen\u00ab Schl\u00fcsse ziehen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Auf Hans Schniers Telephonliste befindet sich auch sein Bruder Leo, der zum Katholizismus konvertiert ist und sich zum Priester ausbilden l\u00e4\u00dft. W\u00e4hrend Hans ein K\u00e4mpfer ist, der sich mit den Gegebenheit nicht abfindet, unterwirft sich Leo kritiklos den Regeln des Priesterseminars. Nach dem Besuch seines Vater erkennt Hans, wie wenig Vater und Sohn sich eigentlich kennen.<\/i><\/p>\n<p class=\"einzug\">Hans Schniers Dilemma ist seine Konsequenz, w\u00e4hrend die meisten in seiner Umgebung ihre Einstellungen \u00e4ndern wie es gerade opportun ist, beharrt er auf seiner Treue zu Marie. Und definiert damit den Begriff Ehe als etwas Absolutes, als ein Versprechen, das die Partner einander freiwillig geben und das keine institutionelle Sanktionierung ben\u00f6tigt. Er verweigert sich jeder Doppelmoral, die die anderen pflegen \u2013 z. B. hat sein Vater seit Jahren eine Geliebte und die katholischen Verbandsvertreter billigen das unter bestimmten Umst\u00e4nden auch. Hans, der in \u00bbWilder Ehe\u00ab lebende ist in Wahrheit moralischer als die Moralisten und christlicher als die Verbandskatholiken, da der sich dieser Probleme bewu\u00dft ist.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Hans Schnier ist entschlossen eine endg\u00fcltige Kl\u00e4rung seiner Beziehung zu Marie herbeizuf\u00fchren. Er wei\u00df, da\u00df Marie bald von ihrer Hochzeitsreise mit ihrem Mann zur\u00fcckkehrt. Er will sie in seiner Rolle als Clown vor dem Bonner Hauptbahnhof erwarten.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Er bereitet seinen Auftritt mit derselben Akribie vor, mit der bisher alle Nummern einstudiert hat. Er entscheidet sich nach ausf\u00fchrlichem Abw\u00e4gen bewu\u00dft gegen die urspr\u00fcngliche Idee die Lauretanische Litanei zu singen, da er die Gefahr erkennt von bestimmten Gruppierungen instrumentalisiert zu werden. Er korrigiert nicht die schlecht haftende und teilweise abgebr\u00f6ckelte wei\u00dfe Schminke in seinem Gesicht. Er \u00fcberlegt minuti\u00f6s, wie er den Hut plazieren mu\u00df und die Lockm\u00fcnze. Er ist sich auch der Gefahr bewu\u00dft, da\u00df er m\u00f6glicherweise durch diesen Auftritt f\u00fcr seinen Agenten nicht mehr vertretbar ist. Doch f\u00fcr Hort Schnier ist der Auftritt als Stra\u00dfenmusikant der letzte Versuch, Marie wiederzugewinnen und festzustellen, ob er ihr noch etwas bedeutet, denn \u00bb<i>[\u2026] Wenn Marie mich so sah und es dann \u00fcber sich brachte, ihm <\/i>[Z\u00fcpfner]<i> die Wachsflecken aus der Malteserritterunform zu b\u00fcgeln \u2013 dann war sie tot, und wir waren geschieden. Dann konnte ich anfangen, an ihrem Grab zu trauern [\u2026]<\/i>\u00ab. Erst wenn er sich dar\u00fcber Klarheit verschafft hat, wird er seinen Lebensweg, seine Karriere als Clown fortsetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans Schnier w\u00e4chst als zweit\u00e4ltestes Kind einer protestantischen Unternehmerfamilie auf, die ihren Reichtum in erster Linie der Braunkohlenabbau verdankt. Nach seinem Schulabbruch kurz vor dem Abitur versucht er sich als Clown und Pantomime. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten ist er sehr gefragt. 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