{"id":975,"date":"2009-04-18T21:16:43","date_gmt":"2009-04-18T19:16:43","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=975"},"modified":"2026-04-09T11:26:56","modified_gmt":"2026-04-09T09:26:56","slug":"hermann-hesse-pater-matthias","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=975","title":{"rendered":"Hermann Hesse \u00bbPater Matthias\u00ab"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"wp-content\/gallery\/logos\/inter.jpg\" alt=\"Interpretationen\" \/><\/p>\n<p>Matthias ist in seinem Kloster ein angesehener, gesch\u00e4tzter und beliebter Pater, der hin und wieder heimlich dem Kloster entflieht, wenn ihn das kontrollierte Leben zu erdr\u00fccken scheint. Er legt die Kutte f\u00fcr kurze Zeit ab, um in einem b\u00fcrgerlichen Anzug einen Bummel durch die Welt zu machen. <!--more-->Eines Tages bekommt er den Auftrag f\u00fcr notleidende Bruderkl\u00f6ster im S\u00fcden Geld zu sammeln. Dabei wird er unter anderem bei der attraktiven und unabh\u00e4ngigen jungen Witwe eines Brauers vorstellig. Die beiden lernen einander zu sch\u00e4tzen. Nachdem Pater Matthias seine Mission beendet hat, stiehlt er sich einen freien Tag und f\u00e4hrt in eine nahegelegene Stadt, wo er sich einigerma\u00dfen sicher vor zuf\u00e4lliger Entdeckung glaubt, da die Mehrzahl der Bewohner protestantisch ist. W\u00e4hrend eines Stadtbummels nach einem ausgiebigen Mahl in einem guten Restaurant wird Matthias von einem Mann angesprochen, der ihm vorschl\u00e4gt, gemeinsam den Nachmittag bei einem Umtrunk zu verbringen. Der Mann f\u00fchrt Matthias in ein Lokal, in dem Matthias von ihm, der Kellnerin, die dem Pater sch\u00f6ne Augen macht, und drei weiteren betrunken gemacht wird. Am n\u00e4chsten Morgen erwacht Matthias in einem ihm unbekannten Hotel und mu\u00df zu seinem Schrecken entdecken, da\u00df ihm bis auf einen kl\u00e4glichen Rest die Brieftasche gestohlen wurde, in der sich das f\u00fcr sein Kloster gesammelte Geld befand. Er ist bereit die Konsequenzen zu ziehen, aus dem Kloster auszutreten und das ihm gestohlene Geld durch Arbeit zur\u00fcckzuerstatten. Bevor er jedoch zu seinem Kloster zur\u00fcckreist, sucht er jene reiche Brauerswitwe auf, erz\u00e4hlt ihr seine ganze Misere und bittet sie um Rat. Sie verspricht ihm den bis zum n\u00e4chsten Morgen. W\u00e4hrend der Nacht denkt sie ausf\u00fchrlich nach und kommt zu dem Schlu\u00df, dem Pater das Geld nicht zu leihen, denn sie sp\u00fcrt eine viel zu enge Verbundenheit zwischen ihnen, sondern ihm zu raten, da\u00df er sich den m\u00f6glichen Konsequenzen stellen mu\u00df und ist ihm das gelungen, zu ihr zur\u00fcckkehren darf. Der Pater akzeptiert den Rat und reist zu seinem Kloster zur\u00fcck. Er berichtet, was ihm widerfahren ist, da\u00df er bereit ist, das Geld zu erstatten und aus dem Kloster auszutreten. Jedoch will man es auf sich beruhen lassen und den Pater f\u00fcr einige Zeit in ein ausw\u00e4rtiges Kloster zur Bu\u00dfe schicken. Matthias besteht auf seinem Entschlu\u00df. Es wird sich zur Beratung zur\u00fcckgezogen, doch wird nichts zur L\u00f6sung unternommen bis jener Mann, der Matthias beraubt hat, festgenommen und unter den Sachen, die er bei sich hat, auch Matthias\u2019 Brieftasche und darin den Gep\u00e4ckschein f\u00fcr den Koffer gefunden wird, in dem Matthias seine Kutte zur Aufbewahrung gegeben hat. Matthias ger\u00e4t in den Verdacht der Mitt\u00e4terschaft. Das Kloster l\u00e4\u00dft ihn fallen, man f\u00fcrchtet in einen Skandal hineingezogen zu werden. Matthias wird der Proze\u00df gemacht. Zwar wird er von dem Verdacht mit jenem Mann gemeinsame Sache gemacht zu haben befreit, doch wird er wegen Veruntreuung von Klostergeldern zu einer Haftstrafe verurteilt. Matthias nimmt die Strafe mit einer gewissen Zuversicht an, denn an deren Ende wird die Brauerswitwe ihr Versprechen einl\u00f6sen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Hermann schrieb diese Erz\u00e4hlung eines Paters auf Abwegen 1910. Pater Matthias, ein lebensfroher beliebter hilfsbereiter Mensch \u00bb<i>[\u2026] im besten Alter [\u2026]<\/i>\u00ab leidet unter der Enge und dem strengen Reglement des Klosterlebens, obwohl er sich gerne f\u00fcr sein Kloster engagiert. \u00bb<i>[\u2026] Nach heftigen St\u00fcrmen einer leidenschaftlichen Jugend hatte ein Schiffbruch diesen einst gl\u00fchenden Menschen in das Kloster gef\u00fchrt, wo er Jahre in zerst\u00f6render Selbstverleugnung hinbrachte, bis die geduldige Zeit und die urspr\u00fcnglich kr\u00e4ftige Gesundheit seiner Natur ihm Vergessen und neuen Lebensmut einbrachte. [\u2026]\u00ab<\/i> Matthias hat das Kloster demnach mehr als Flucht und \u2013 vermutlich \u2013 Selbstbestrafung gew\u00e4hlt als aus wirklicher Berufung. Dieses Dilemma scheint er nur teilweise \u00fcberwunden zu haben, andernfalls w\u00fcrde er nicht immer wieder f\u00fcr kurze Zeit dem Kloster entfliehen wollen. Bezeichnend auch eine \u00dcberlegung, die er anstellt, w\u00e4hrend er einen kleinen Zug Strafgefangener vom Fenster seines Arbeitszimmers aus beobachten kann. \u00bb<i>[\u2026] Jeder von diesen Gefangenen, dachte er, hat als ersehntes Ziel den Tag vor Augen, da er entlassen und wieder frei sein wird. Ich aber habe keinen solchen Tag vor mir, nicht nah noch ferne, sondern nur eine endlose bequeme Gefangenschaft, nur durch seltene gestohlene Stunden einer eingebildeten Freiheit unterbrochen. [\u2026]<\/i>\u00ab Er erkennt das Klosterleben, als das was auch ist, eine Form von Gef\u00e4ngnis und seine \u00bbAusfl\u00fcge\u00ab als Selbstt\u00e4uschung.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Von den Erlebnissen seiner Reise um Spenden zu sammeln ist die Begegnung mit der Brauerswitwe von gr\u00f6\u00dferer Relevanz als der Raub, den jener Mann an ihm begeht. Daran da\u00df sich zwischen der jungen Witwe und Matthias vom ersten Moment an tiefe gegenseitige Sympathie entwickelt, l\u00e4\u00dft Hermann Hesse keinen Zweifel. \u00bb<i>[\u2026] Trotz dieser Maskenspiele und Redek\u00e4mpfe hatten die beiden ein Gefallen aneinander. [\u2026]<\/i>\u00ab Hesse erkl\u00e4rt die Witwe am Ende dieses Gespr\u00e4chs zum moralischen Sieger, das weltliche \u00fcber das kl\u00f6sterliche.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Matthias geht dem Betr\u00fcger auf fast r\u00fchrend naive Weise ins Netz, was als Seitenhieb auf die Weltfremdheit der Klosterangeh\u00f6rigen zu verstehen ist. Als Matthias den Raub der Klostergelder bemerkt, scheint er fast erleichtert, da\u00df sein Doppelleben nun offenbar wird. Er stellt fest, da\u00df er zwar viele Mitbr\u00fcder in seinem Kloster hat aber keinen Freund, denn er br\u00e4uchte unbedingt jemanden, an den er sich vertrauensvoll wenden und um Rat fragen kann. Ihm f\u00e4llt nur die Witwe ein und zu ihr f\u00e4hrt nach kurzem \u00dcberlegen. Er erz\u00e4hlt ihr alles und sie stellt ihm f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag einen Rat in Aussicht.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Nach einer durchwachten Nacht w\u00e4hrend der sie die Beziehung zwischen sich und dem Pater von allen Seiten betrachtet, wird sie sich bewu\u00dft, da\u00df zwischen ihnen eine tiefere Beziehung besteht. Sie k\u00f6nnte ihm problemlos den geraubten Betrag ersetzen und ihm so erm\u00f6glichen, unbescholten aus der Aff\u00e4re zu kommen und in allen Ehren dem Kloster den R\u00fccken zu kehren. Doch w\u00fcrde sie ihn damit auf eine Weise von sich abh\u00e4ngig machen, die nicht in ihrem Sinn ist. Sie sch\u00e4tzt ihre Freiheit und ist nicht bereit, diese so einfach wieder aufzugeben. Sie r\u00e4t Matthias sich den Konsequenzen zu stellen und verspricht ihm, auf ihn zu warten. Mit dieser Hoffnung, die nichts anderes als eine \u2013 weltliche \u2013 Pr\u00fcfung darstellt, stellt er sich seinem Kloster. Das nat\u00fcrlich um Schadensbegrenzung bem\u00fcht ist. Niemand soll etwas von ihrem abtr\u00fcnnigen Bruder erfahren, um das sch\u00f6ne harmonisch idyllische Bild des Klosterlebens nicht zu besch\u00e4digen. Matthias\u2019 Weigerung das milde Urteil anzunehmen und sein Beharren auf Austritt verst\u00f6rt. Es wird auf Zeit gespielt, in der Hoffnung, da\u00df die Angelegenheit sich mit der Zeit von selbst erledigt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Doch als der Betr\u00fcger verhaftet und Matthias durch den Gep\u00e4ckschein f\u00fcr seinen Koffer in dem er seine Kutte verwahrt, den man bei dem Betr\u00fcger findet, in den Verdacht der Mitt\u00e4terschaft ger\u00e4t, es also wirklich darauf ankommt, Solidarit\u00e4t mit einem Mitbruder, christliche N\u00e4chstenliebe zu zeigen, auch und gerade mit einem Gestrauchelten, l\u00e4\u00dft ihn das Kloster ohne jeden Skrupel fallen, st\u00f6\u00dft ihn \u00bb<i>[\u2026] mit aller Feierlichkeit aus dem Orden [\u2026]<\/i>\u00ab, \u00fcbergibt ihn der Staatsanwaltschaft und klagt ihn obendrein noch der Veruntreuung von Klostergeldern an. Hermann Hesse beschreibt hier anschaulich, wie christlich sich die sogenannten christlichen Institutionen verhalten, geht es um ihre ureigensten Interessen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Matthias trifft es schlimmer als es seinen Verfehlungen angemessen w\u00e4re. Pater Matthias kam \u00bb<i>[\u2026] in eine wahre H\u00f6lle von Verdacht und Verleumdung und bekam eine schlimmere Suppe auszuessen, als er sich eingebrockt zu haben meinte. [\u2026]<\/i>\u00ab Zwar wird Matthias vom Verdacht der Mitt\u00e4terschaft befreit aber auf Grund des \u00f6ffentlichen Drucks zu einer strengen Strafe verurteilt.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Die Witwe verfolgt den Proze\u00df und ist emp\u00f6rt \u00fcber die Ungerechtigkeit, die dem armen Mann widerf\u00e4hrt. Sie beginnt einen aufmunternden Brief an ihn, den sie aber nicht abschickt, denn sie sieht keinen Grund an Matthias zu zweifeln. Sie ist bereit ihr Versprechen zu halten, sollte er die gestellte Pr\u00fcfung bestehen.<\/p>\n<p class=\"einzug\">W\u00e4hrend er nun als Gefangener denselben Weg des kleinen Zuges geht, den er seinerzeit von seinem Fenster aus beobachtet hat, denkt er an jenen Tag \u00bb<i>[\u2026] vor seiner Schicksalsreise [\u2026], da er noch aus dem Schutz und Schatten des Klosters in Langeweile und Mi\u00dfmut hier her\u00fcbergeblickt hatte, da ging ein feines L\u00e4cheln \u00fcber sein mager gewordenes Gesicht, und es schien ihm das halbzufriedene Damals keineswegs besser und w\u00fcnschenswerter als das hoffnungsvolle Heute.<\/i>\u00ab Denn anders als seinerzeit ist seine jetzige Gefangenschaft zeitlich begrenzt und an deren Ende steht die Freiheit und ein Leben an der Seite der sch\u00f6nen Brauerswitwe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Matthias ist in seinem Kloster ein angesehener, gesch\u00e4tzter und beliebter Pater, der hin und wieder heimlich dem Kloster entflieht, wenn ihn das kontrollierte Leben zu erdr\u00fccken scheint. 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