{"id":995,"date":"2009-05-05T23:32:22","date_gmt":"2009-05-05T21:32:22","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=995"},"modified":"2026-04-09T11:39:07","modified_gmt":"2026-04-09T09:39:07","slug":"franz-kafka-das-urteil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/?p=995","title":{"rendered":"Franz Kafka \u00bbDas Urteil\u00ab"},"content":{"rendered":"<p class=\"titelbild\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.arminaugustalexander.de\/wp-content\/gallery\/logos\/inter.jpg\" alt=\"Interpretationen\" \/><\/p>\n<p>Der junge Kaufmann Georg Bendemann sitzt an einem sonnigen Sonntagvormittag im Fr\u00fchling \u00fcber einen Brief an einen Freund, der vor einigen Jahren nach Sankt Petersburg \u00fcbergesiedelt ist, um dort den gesch\u00e4ftlichen Erfolg zu suchen, der ihm in seiner Heimatstadt seiner Meinung nach verwehrt geblieben ist. Georg denkt r\u00fccksichtsvoll an den Freund, ob er ihm \u00fcber den eigenen gesch\u00e4ftlichen Erfolg berichten soll, der im krassen Gegensatz zum bescheidenen des Freundes steht, ob der Freund nicht das Gef\u00fchl haben k\u00f6nnte, Georg sehe auf ihn herab. Georg hat die Leitung des v\u00e4terlichen Unternehmens \u00fcbernommen, nachdem sein herrischer Vater sich nach dem Tod seiner Mutter vor drei Jahren zur\u00fcckgezogen hat.<!--more--> Innerhalb von zwei Jahren hat er den Umsatz verf\u00fcnffacht und das Personal verdoppelt. Georg beschlie\u00dft dem Freund nichts von diesem Erfolg, aber entgegen der urspr\u00fcnglichen Absicht doch von seiner anstehenden Heirat mit Frieda Brandenfeld zu schreiben. Und fordert den Freund indirekt auf, diese Verm\u00e4hlung zum Anla\u00df zu nehmen, die alte Heimatstadt wieder einmal zu besuchen. \u00bb<i>[\u2026] Ich wei\u00df, es h\u00e4lt Dich vielerlei von einem Besuche bei uns zur\u00fcck, w\u00e4re aber nicht gerade meine Hochzeit die richtige Gelegenheit, einmal alle Hindernisse \u00fcber den Haufen zu werfen? [\u2026]<\/i>\u00ab. Mit diesem wohlbedachten Brief geht Georg \u00bb<i>[\u2026] in das Zimmer seines Vaters, in dem er schon seit Monaten nicht gewesen war. [\u2026]<\/i>\u00ab. Durch eine hohe Mauer in unmittelbarer N\u00e4he liegt das Zimmer selbst bei Sonnenschein im Halbdunkel. Unter der Woche sehen Vater und Sohn sich regelm\u00e4\u00dfig im B\u00fcro, bei den Mahlzeiten und im gemeinsamen Wohnzimmer beim Zeitunglesen. Georg ist entsetzt, wie der Vater sich nach dem Tod der Mutter immer mehr gehen l\u00e4\u00dft. Und wundert sich, denn \u00bb<i>[\u2026] Im Gesch\u00e4ft ist er doch ganz anders [\u2026]<\/i>\u00ab. Er hilft dem ersch\u00f6pften Vater ins Bett, macht sich Vorw\u00fcrfe, da\u00df er sich nicht ausreichend um ihn k\u00fcmmert als er dessen schmutzige Unterw\u00e4sche erblickt. Er plant nach der Heirat den Vater ins eheliche Heim mitzunehmen, um besser f\u00fcr ihn sorgen zu k\u00f6nnen. Er erz\u00e4hlt dem Vater von dem Brief, wie er mit sich gerungen, was er dem Freund berichten k\u00f6nne ohne ihn zu kr\u00e4nken und da\u00df er zuerst gar nicht von seiner Verlobung erz\u00e4hlen wollte, sich aber dann doch anders entschieden h\u00e4tte. Doch statt Anteilnahme bekommt Georg Vorw\u00fcrfe zu h\u00f6ren; der Freund in Sankt Petersburg sei erfunden. Wenigsp\u00e4ter behauptet der Vater, da\u00df ihm der Freund lieber sei als der eigene Sohn. Er wirft dem Sohn vor, nach dem Tod der Mutter alles an sich gerissen zu haben. \u00bb<i>[\u2026] Seit dem Tode unserer teueren Mutter sind gewisse unsch\u00f6ne Dinge vorgegangen. Vielleicht kommt auch f\u00fcr sie die Zeit und vielleicht kommt sie fr\u00fcher, als wir denken. Im Gesch\u00e4ft entgeht mir manches, es wird mir vielleicht nicht verborgen [\u2026]<\/i>\u00ab. Der Vater behauptet sich mit dem Freund gegen Georg verb\u00fcndet zu haben und die Kundschaft des Sohnes \u00bb<i>[\u2026] in der Tasche zu haben [\u2026]<\/i>\u00ab. Er l\u00e4\u00dft ebenso der Braut des Sohnes kein gutes Haar, \u00bb<i>[\u2026] Weil sie die R\u00f6cke gehoben hat\u00ab, fing der Vater zu fl\u00f6ten an, \u00bbweil sie die R\u00f6cke so gehoben hat, die widerliche Gans\u00ab, und er hob, um das darzustellen, sein Hemd so hoch, da\u00df man auf seinem Oberschenkel die Narbe aus seinen Kriegsjahren sah, \u00bbweil sie die R\u00f6cke so und so und so gehoben hat, hast du dich an sie herangemacht, und damit du an ihr ohne St\u00f6rung dich befriedigen kannst, hast du unserer Mutter Andenken gesch\u00e4ndet, den Freund verraten und deinen Vater ins Bett gesteckt, damit er sich nicht r\u00fchren kann. Aber kann er sich r\u00fchren oder nicht? [\u2026]<\/i>\u00ab. Georg kann dem Vater nur noch mit Entsetzen zuh\u00f6ren, der auch noch die Heirat verhindern will. \u00bb<i>[\u2026] H\u00e4ng dich nur in deine Braut ein und komm mir entgegen! Ich fege sie dir von der Seite weg, du wei\u00dft nicht wie! [\u2026]<\/i>\u00ab. Georg mu\u00df mitanh\u00f6ren, wie der Vater ihn vernichtet. \u00bb<i>[\u2026] Und darum wisse; Ich verurteile dich jetzt zum Tode des Ertrinkens! [\u2026]<\/i>\u00ab. Georg rennt aus dem Haus. Er hat das Urteil angenommen. Noch bevor von der Br\u00fccke in den Flu\u00df springt, \u00bb<i>[\u2026] rief <\/i>[er]<i> leise: \u00bbLiebe Eltern, ich habe euch doch immer geliebt [\u2026]<\/i>\u00ab.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Franz Kafka verarbeitet in dieser Erz\u00e4hlung, die er 1912 verfa\u00dfte und die 1913 das erste Mal in \u00bbArkadia. Ein Jahrbuch f\u00fcr Dichtkunst\u00ab erschien, das problematische Verh\u00e4ltnis zu seinen Eltern, die dem Sohn gleich dem Georg der Erz\u00e4hlung Undankbarkeit vorwarfen und \u00fcber den erwachsenen jungen Mann bestimmen, ihn unbedingt zum Gesch\u00e4ftsmann machen und seine Verlobung unterbinden wollten, aber insgesamt wenig Interesse an ihm zeigen. Kafka konnte sich Zeit seines Lebens nicht von der Vorstellung befreien, da\u00df er seinen Eltern etwas schuldete.<\/p>\n<p class=\"einzug\">In der Erz\u00e4hlung wird Georg das, was Kafka selbst nicht werden konnte oder wollte: Der erfolgreiche Gesch\u00e4ftsmann, den sich seine Eltern gew\u00fcnscht hatten. Trotzdem bleibt Kafkas Protagonisten die Anerkennung des verwitweten Vaters verwehrt. Im Gegenteil wirft dieser ihm vor ihn aus dem Gesch\u00e4ft gedr\u00e4ngt, alles an sich gerissen zu haben. Er vermittelt dem Sohn starke Schuldgef\u00fchle, die ihn gerade darum so schwer treffen, weil er alles unternimmt, seinem Vater einen angenehmen Lebensabend zu breiten, einschlie\u00dflich ihn das eheliche Heim mitzunehmen, damit er nicht allein bleiben mu\u00df. Der Wunsch nach Anerkennung durch den Vater ist in Georg so gro\u00df, da\u00df er, nachdem der Vater ihn verst\u00f6\u00dft, keinen anderen Ausweg wei\u00df als tats\u00e4chlich das tun, was der Vater von ihm verlangt; sich in den Flu\u00df zu st\u00fcrzen. Georg kann nicht verstehen, da\u00df sein Vater ihn so behandelt, schlie\u00dflich habe er seine Eltern <i>[\u2026] doch immer geliebt [\u2026]<\/i>\u00ab.<\/p>\n<p class=\"einzug\">Neben der Verarbeitung der eigenen problematischen Beziehung zu seinen Eltern zeigt Kafka mit Feingef\u00fchl, welche seelischen Qualen und Selbstzweifel fehlende Liebe und \u00fcbersteigerter Ehrgeiz der Eltern in einem Kind alles zerst\u00f6ren kann, da\u00df sogar ein Selbstmord weniger schlimm erscheint als von den Eltern versto\u00dfen zu werden. Je mehr das Kind versucht Liebe und Aufmerksamkeit von den Eltern zu erlangen, in desto tiefere N\u00f6te ger\u00e4t es, sucht die Schuld f\u00e4lschlicherweise bei sich und nicht bei denen, die allein die Verantwortung daf\u00fcr tragen: den Eltern. Wie schwer das Abnabeln gerade von einem solchen Elternhaus f\u00e4llt, obwohl gerade der Abbruch des Kontakts die einzig sinnvolle L\u00f6sung w\u00e4re.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der junge Kaufmann Georg Bendemann sitzt an einem sonnigen Sonntagvormittag im Fr\u00fchling \u00fcber einen Brief an einen Freund, der vor einigen Jahren nach Sankt Petersburg \u00fcbergesiedelt ist, um dort den gesch\u00e4ftlichen Erfolg zu suchen, der ihm in seiner Heimatstadt seiner Meinung nach verwehrt geblieben ist. 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