Kategorie-Archiv »Kurze Geschichten«

Kurzes #33 · Frühling

Er war noch nicht vollständig aufgewacht, da wußte er bereits, daß dieser Tag etwas Besonderes besaß. Ein leises Glücksgefühl durchströmte ihn, als habe sich etwas ereignet, das er schon lange herbeigesehnt hatte. Voll Elan sprang er aus dem Bett und zog die Vorhänge zurück. Morgendliches Sonnenlicht flutete ins Zimmer. Er mußte kurz die Augen schließen, denn die Helligkeit schmerzte seine noch ans Halbdunkel gewöhnten Augen. Dann riß er förmlich das Fenster auf. Milde Wärme strömte ins Zimmer, begleitet vom Gesang der Vögel und einem leicht süßlich herben Aroma. – Der Frühling war endlich da! (mehr …)

Kurzes #32 · Nächtliche Schritte

Der folgende Text ist ein kurzer Auszug des Roman »Adalberts Erbe«. Zur Zeit noch in Bearbeitung.

 

Während der Nacht schlief Malte unruhig. Er hatte die Tür zu seinem Zimmer geschlossen als fürchtete er, die Leere im Haus könnte in der Nacht auch sein Zimmer besetzen.
Zuvor hatte er lange wach gelegen, versucht sich mit einem Buch abzulenken. Das Fenster hatte er leicht geöffnet gelassen. Von den verwilderten Sträuchern, die vor dem Haus wuchsen, stieg süßlich herber Duft ins Zimmer. Das Zirpen der Grillen war in der Stille gut zu vernehmen – ein Geräusch, das er in der Stadt vermißte. Das Laub der beiden Buchen rauschte leise im seichten Nachtwind.
Es war ihm gelungen zwei Seiten an einem Stück in seinem Buch zu lesen – er hatte sich jenen Band mit orientalischen Märchen aus der Bibliothek geholt – als ihn näherkommende Schritte aufhorchen ließen. Normalerweise gewöhnliche Geräusche wie das Vorbeifahren eines Autos oder Schritte auf dem Pflaster waren zu nächtlicher Stunde in dieser Seitenstraße derart selten, daß sie sofort aufhorchen ließen. (mehr …)

Kurzes #31 · Begegnung im Mondschein

Der folgende Text ist eine Leseprobe aus dem Buch »Die Villa nebenan«

 

Zu Beginn der neuen Woche zeigte sich der Frühling von einer weniger schönen Seite, nämlich einer feuchten. Zudem wurde es kühler. Nur wenige Grade, doch war es nicht angebracht, ohne Jacke das Haus zu verlassen. Die Schöne Künstlerin hatte die Atelierfenster jetzt die meiste Zeit geschlossen. Und auch Schlaf- und Badezimmerfenster öffnete sie nur noch zum Lüften. Da die geschlossenen Fenster ihm lediglich einen eng begrenzten, schemenhaften Einblick ermöglichten, widmete er sich wieder verstärkt seiner Geschichte.
Doch wollte die Handlung nicht so recht weiterfließen. Nicht selten brütete er mehr als eine Stunde über einem einzigen Satz, den er dann anschließend wieder verwarf. Es lag nicht allein daran, daß sich die Handlung allzu schnell entwickelte und dadurch ins Oberflächliche abzugleiten Gefahr lief, sondern er fühlte eine gewisse Einsamkeit in sich. Vielleicht hatte Vivians starke Persönlichkeit mal wieder einen zu nachhaltigen Eindruck bei ihm hinterlassen. Es wollte ihm auch nicht recht gelingen, seiner Protagonistin eine unverwechselbare Identität einzuhauchen. Dabei hatte ihm zu Anfang ihre Person plastisch vor Augen gestanden. Doch beim Durchlesen der ersten Seiten stellte er fest, daß sie deutliche Züge seiner Nachbarin hatte und seit Vivians Besuch sich immer mehr zu deren Zwillingsschwester entwickelte. Beim jungen Mann dagegen war alles klar, gab es keine Unsicherheiten, aber bei ihr… (mehr …)

Kurzes #30 · Felix spricht sich aus

Der folgende Text ist eine Leseprobe aus »Felizia & Felix«

 

Auch wenn Felizia einen anderen Eindruck haben mochte, Felix schlief kaum besser als sie. Als er Freitagvormittag an seinem Schreibtisch im Institut beinahe eingenickt wäre und bei einer späteren Besprechung überhaupt nichts mitbekommen hatte, erkannte er, daß er mit jemanden reden mußte. Felix mußte, die Gedanken und Befürchtungen, die ihn quälten, laut artikulieren. Vielleicht erschloß sich ihm auf diese Weise eine Lösung.
Sofort dachte er an seinen alten Schulfreund Wolfgang. Schon zur gemeinsamen Schulzeit stand Wolfgang in dem Ruf, ein geduldiger Zuhörer zu sein und für sein Alter erstaunlich reife Ratschläge geben zu können. Daß das von den Mitschülern mitunter weidlich strapaziert worden war, hatte nicht nur Felix erfolgreich verdrängt. Wolfgang war wohl derjenige von ihnen, der über den Liebeskummer seiner Mitschüler am besten informiert gewesen war, da nicht allein die Jungen sondern auch viele der Mädchen sich bei ihm nicht nur im übertragenen Sinn ausweinten. Daß er das nicht ausnutzte, brachte ihm zeitweise fast den Ruf des Übermenschlichen ein. Aus der Distanz betrachtet war wenig Übermenschliches daran. Wolfgang wußte einfach, daß er lediglich der vorübergehende Lebenströster gewesen wäre, und um die zweite Wahl zu sein war er sich einfach zu schade. (mehr …)

Kurzes #29 · Ein Spaziergang

Tillmann fühlte sich mehr im Urlaub als in einem neuen Haus. Des Morgens stand er nicht sofort auf, sondern sah zum Fenster, durch das er das Laub der großen vor dem Haus stehenden Buche sehen konnte. Ein durch das leicht geöffnete Fenster hereindringender Luftzug spielte mit der Gardine. Die Sonne warf einen hellen Fleck auf den Boden vor dem Bett. Der Gesang der Vögel war das vorherrschende Geräusch, lediglich vom entfernten Brummen eines Traktors durchbrochen. Die Aussicht, daß am kommenden Samstagmorgen Solveig neben ihm liegen würde, steigerte seine innere Zufriedenheit noch ein wenig.
Nach einem ausgiebigen Räkeln stand er auf. Er duschte kurz und ging in die Küche hinunter. Während er ein belegtes Brot aß und eine Tasse Tee dazu trank, sah er aus dem Küchenfenster, das ihm einen ungehinderten Blick auf das gegenüberliegende Haus gestattete, von dem er nur wußte, daß es von einer Frau bewohnt wurde. Gesehen hatte er sie noch nicht.
Er überlegte, ob er sich noch ein Brot mit Camembert machen sollte, als seine Nachbarin aus dem Haus trat und gemächlich zum Briefkasten ging, der neben dem niedrigen Gartentor angebracht war. Sie schloß den Briefkasten auf und entnahm sie ihm eine Zeitung und einige Briefe. Dabei wandte sie ihm das Profil zu. Einen der Briefe öffnete sie, benutzte dazu einen ihrer Schlüssel als Brieföffner. Sie las ihn, was Tillmann Zeit gab, seine Nachbarin in Ruhe zu betrachten. (mehr …)

Kurzes #28 · Die ›Unnahbare‹

»Kennst du eine unnahbare Frau«, fragte mich Hansegon unvermittelt.
»Wie meinst du das?« verstand ich nicht so recht, worauf er hinauswollte.
Ich setzte meine Tasse Kaffee, die ich gerade zum Mund führen wollte, wieder auf die Untertasse zurück.
»Ich meine, ob du jemals einer Frau begegnet bist, bei der du sofort wußtest, daß, egal, was du auch versuchst, du niemals Erfolg haben würdest«, fuhr er fort.
»Ja, ich erinnere mich an eine, die aus einem katholischen Elternhaus kam und nur als Jungfrau in die Ehe gehen wollte. Oder meinst du die, die sich ausschließlich einen wohlhabenden Mann vorstellte?« beantwortete ich seine Frage alles andere als in seinem Sinne, das sah ich schon an seiner Miene.
»Witzbold. Natürlich meine ich nicht diese Art von Unnahbarkeit.« (mehr …)

Kurzes #27 · Der Gummiregenmantel

Eine weitere Kurzgeschichte zum Thema Fetischismus, in der diesmal ein Gummiregenmantel eine Rolle spielt.

 

Das gleichmäßige Rauschen des Regens drang durch die geöffnete Balkontür herein. Regenfrische Luft erfüllte das Zimmer. Maria drehte sich gedankenverloren mit dem rechten Zeigefinger noch mehr Locken als sie bereits von Natur aus besaß, ins dunkle schulterlange Haar und schien ganz in die Betrachtung der Karten in ihrer linken Hand versunken zu sein. Ab und zu scharrte sie leicht mit dem Fuß über dem Teppich, knabberte an ihrer vollen Unterlippe.

Holger war auch nicht aufmerksamer bei der Sache. Auf Anhieb hätte er nicht sagen können, welche Karten er bereits ausgelegt oder welche er noch auf der Hand hatte. Dabei streichelte er, nicht unbedingt konzentrierter, Marias linken Fuß mit seinem rechten. Sie erwiderte seine Liebkosung ebenso gedankenverloren, wie sie sich Locken ins Haar drehte. Draußen zwitscherte ein Vogel auf.

»Ich würde mal sagen, du bist dran«, sagte er in die Stille hinein, nur um überhaupt etwas zu sagen.

»Wer? Womit?« Maria sah ihn leicht irritiert aus ihren braunen, unter dichten Brauen liegenden Augen an. Sie mußte mit ihren Gedanken wirklich weit weg gewesen sein. (mehr …)

Kurzes #26 · Hausarbeitsübung

Nicht nur eine weitere Kurzgeschichte zum Thema Fetischismus, sondern auch die zweite mit den Freundinnen Isabelle und Ellen aus der Kurzgeschichte »Hundstage«.

 

Ellen saß auf dem alten Korbstuhl in ihrem Schlafzimmer, der links neben dem Fenster stand. Sie betrachtete das ausgestreckte rechte Bein aufmerksam, um auch nicht die kleinste Falte an den neuen hautfarbenen Nylons zu übersehen. Selbstverliebt strich sie mit den Fingern über den zarten Stoff, der leise unter ihren Berührungen knisterte. Ein wohliges Gefühl durchströmte sie. Ja, es war schon ein besonderes Gefühl echte Nylons zu tragen. Und nicht nur, weil sie teuer und auf Grund ihrer Seltenheit etwas Besonderes an sich waren. Eine Frau, die Strümpfe trägt, wirkt zwangsläufig damenhaft und elegant, aber zugleich auch ein wenig kokett. (mehr …)