Kategorie-Archiv »Kurze Geschichten«

Kurzes #31 · Begegnung im Mondschein

Der folgende Text ist eine Leseprobe aus dem Buch »Die Villa nebenan«

 

Zu Beginn der neuen Woche zeigte sich der Frühling von einer weniger schönen Seite, nämlich einer feuchten. Zudem wurde es kühler. Nur wenige Grade, doch war es nicht angebracht, ohne Jacke das Haus zu verlassen. Die Schöne Künstlerin hatte die Atelierfenster jetzt die meiste Zeit geschlossen. Und auch Schlaf- und Badezimmerfenster öffnete sie nur noch zum Lüften. Da die geschlossenen Fenster ihm lediglich einen eng begrenzten, schemenhaften Einblick ermöglichten, widmete er sich wieder verstärkt seiner Geschichte.
Doch wollte die Handlung nicht so recht weiterfließen. Nicht selten brütete er mehr als eine Stunde über einem einzigen Satz, den er dann anschließend wieder verwarf. Es lag nicht allein daran, daß sich die Handlung allzu schnell entwickelte und dadurch ins Oberflächliche abzugleiten Gefahr lief, sondern er fühlte eine gewisse Einsamkeit in sich. Vielleicht hatte Vivians starke Persönlichkeit mal wieder einen zu nachhaltigen Eindruck bei ihm hinterlassen. Es wollte ihm auch nicht recht gelingen, seiner Protagonistin eine unverwechselbare Identität einzuhauchen. Dabei hatte ihm zu Anfang ihre Person plastisch vor Augen gestanden. Doch beim Durchlesen der ersten Seiten stellte er fest, daß sie deutliche Züge seiner Nachbarin hatte und seit Vivians Besuch sich immer mehr zu deren Zwillingsschwester entwickelte. Beim jungen Mann dagegen war alles klar, gab es keine Unsicherheiten, aber bei ihr… (mehr …)

Kurzes #30 · Felix spricht sich aus

Der folgende Text ist eine Leseprobe aus »Felizia & Felix«

 

Auch wenn Felizia einen anderen Eindruck haben mochte, Felix schlief kaum besser als sie. Als er Freitagvormittag an seinem Schreibtisch im Institut beinahe eingenickt wäre und bei einer späteren Besprechung überhaupt nichts mitbekommen hatte, erkannte er, daß er mit jemanden reden mußte. Felix mußte, die Gedanken und Befürchtungen, die ihn quälten, laut artikulieren. Vielleicht erschloß sich ihm auf diese Weise eine Lösung.
Sofort dachte er an seinen alten Schulfreund Wolfgang. Schon zur gemeinsamen Schulzeit stand Wolfgang in dem Ruf, ein geduldiger Zuhörer zu sein und für sein Alter erstaunlich reife Ratschläge geben zu können. Daß das von den Mitschülern mitunter weidlich strapaziert worden war, hatte nicht nur Felix erfolgreich verdrängt. Wolfgang war wohl derjenige von ihnen, der über den Liebeskummer seiner Mitschüler am besten informiert gewesen war, da nicht allein die Jungen sondern auch viele der Mädchen sich bei ihm nicht nur im übertragenen Sinn ausweinten. Daß er das nicht ausnutzte, brachte ihm zeitweise fast den Ruf des Übermenschlichen ein. Aus der Distanz betrachtet war wenig Übermenschliches daran. Wolfgang wußte einfach, daß er lediglich der vorübergehende Lebenströster gewesen wäre, und um die zweite Wahl zu sein war er sich einfach zu schade. (mehr …)

Kurzes #29 · Ein Spaziergang

Tillmann fühlte sich mehr im Urlaub als in einem neuen Haus. Des Morgens stand er nicht sofort auf, sondern sah zum Fenster, durch das er das Laub der großen vor dem Haus stehenden Buche sehen konnte. Ein durch das leicht geöffnete Fenster hereindringender Luftzug spielte mit der Gardine. Die Sonne warf einen hellen Fleck auf den Boden vor dem Bett. Der Gesang der Vögel war das vorherrschende Geräusch, lediglich vom entfernten Brummen eines Traktors durchbrochen. Die Aussicht, daß am kommenden Samstagmorgen Solveig neben ihm liegen würde, steigerte seine innere Zufriedenheit noch ein wenig.
Nach einem ausgiebigen Räkeln stand er auf. Er duschte kurz und ging in die Küche hinunter. Während er ein belegtes Brot aß und eine Tasse Tee dazu trank, sah er aus dem Küchenfenster, das ihm einen ungehinderten Blick auf das gegenüberliegende Haus gestattete, von dem er nur wußte, daß es von einer Frau bewohnt wurde. Gesehen hatte er sie noch nicht.
Er überlegte, ob er sich noch ein Brot mit Camembert machen sollte, als seine Nachbarin aus dem Haus trat und gemächlich zum Briefkasten ging, der neben dem niedrigen Gartentor angebracht war. Sie schloß den Briefkasten auf und entnahm sie ihm eine Zeitung und einige Briefe. Dabei wandte sie ihm das Profil zu. Einen der Briefe öffnete sie, benutzte dazu einen ihrer Schlüssel als Brieföffner. Sie las ihn, was Tillmann Zeit gab, seine Nachbarin in Ruhe zu betrachten. (mehr …)

Kurzes #28 · Die ›Unnahbare‹

»Kennst du eine unnahbare Frau«, fragte mich Hansegon unvermittelt.
»Wie meinst du das?« verstand ich nicht so recht, worauf er hinauswollte.
Ich setzte meine Tasse Kaffee, die ich gerade zum Mund führen wollte, wieder auf die Untertasse zurück.
»Ich meine, ob du jemals einer Frau begegnet bist, bei der du sofort wußtest, daß, egal, was du auch versuchst, du niemals Erfolg haben würdest«, fuhr er fort.
»Ja, ich erinnere mich an eine, die aus einem katholischen Elternhaus kam und nur als Jungfrau in die Ehe gehen wollte. Oder meinst du die, die sich ausschließlich einen wohlhabenden Mann vorstellte?« beantwortete ich seine Frage alles andere als in seinem Sinne, das sah ich schon an seiner Miene.
»Witzbold. Natürlich meine ich nicht diese Art von Unnahbarkeit.« (mehr …)

Kurzes #27 · Der Gummiregenmantel

Eine weitere Kurzgeschichte zum Thema Fetischismus, in der diesmal ein Gummiregenmantel eine Rolle spielt.

 

Das gleichmäßige Rauschen des Regens drang durch die geöffnete Balkontür herein. Regenfrische Luft erfüllte das Zimmer. Maria drehte sich gedankenverloren mit dem rechten Zeigefinger noch mehr Locken als sie bereits von Natur aus besaß, ins dunkle schulterlange Haar und schien ganz in die Betrachtung der Karten in ihrer linken Hand versunken zu sein. Ab und zu scharrte sie leicht mit dem Fuß über dem Teppich, knabberte an ihrer vollen Unterlippe.

Holger war auch nicht aufmerksamer bei der Sache. Auf Anhieb hätte er nicht sagen können, welche Karten er bereits ausgelegt oder welche er noch auf der Hand hatte. Dabei streichelte er, nicht unbedingt konzentrierter, Marias linken Fuß mit seinem rechten. Sie erwiderte seine Liebkosung ebenso gedankenverloren, wie sie sich Locken ins Haar drehte. Draußen zwitscherte ein Vogel auf.

»Ich würde mal sagen, du bist dran«, sagte er in die Stille hinein, nur um überhaupt etwas zu sagen.

»Wer? Womit?« Maria sah ihn leicht irritiert aus ihren braunen, unter dichten Brauen liegenden Augen an. Sie mußte mit ihren Gedanken wirklich weit weg gewesen sein. (mehr …)

Kurzes #26 · Hausarbeitsübung

Nicht nur eine weitere Kurzgeschichte zum Thema Fetischismus, sondern auch die zweite mit den Freundinnen Isabelle und Ellen aus der Kurzgeschichte »Hundstage«.

 

Ellen saß auf dem alten Korbstuhl in ihrem Schlafzimmer, der links neben dem Fenster stand. Sie betrachtete das ausgestreckte rechte Bein aufmerksam, um auch nicht die kleinste Falte an den neuen hautfarbenen Nylons zu übersehen. Selbstverliebt strich sie mit den Fingern über den zarten Stoff, der leise unter ihren Berührungen knisterte. Ein wohliges Gefühl durchströmte sie. Ja, es war schon ein besonderes Gefühl echte Nylons zu tragen. Und nicht nur, weil sie teuer und auf Grund ihrer Seltenheit etwas Besonderes an sich waren. Eine Frau, die Strümpfe trägt, wirkt zwangsläufig damenhaft und elegant, aber zugleich auch ein wenig kokett. (mehr …)

Kurzes #25 · Wahre Schönheit

Eine weitere Kurzgeschichte zum Thema Fetischismus und daß erst eine faszinierende Persönlichkeit wahre Schönheit ausmacht.

 

Äußerlich läßt sie sich als jemand beschreiben, der weder auffallend attraktiv noch das Gegenteil ist ohne dabei durchschnittlich zu sein; unauffällig zwar aber nicht unscheinbar – unscheinbar im Sinne einer grauen Maus. Eine solche ist sie in keiner Weise. Sie zieht ihre Attraktivität überwiegend aus ihrer Persönlichkeit. Sie gehört zu den Frauen, die mit sich selbst im Einklang sind, ihren Körper vorbehaltlos akzeptierten, trotz oder vielleicht gerade wegen der kleinen »Makel«, die aber gerade das reizvolle sein können, weil sie seine angenehmen, seine erfüllenden Seiten nur zu gut kennen und darum strahlen sie eine Faszination aus, der sich letztlich niemand entziehen kann. Ihre Persönlichkeit ist ungekünstelt, sie versucht erst gar nicht es jedem recht zu machen und geht schon einmal das Risiko ein, sich zwischen alle Stühle zu setzen. Sie besitzt ihren – charmanten – Dickkopf, ist es erforderlich, aber sie gibt auch überraschend schnell nach, erkennt sie, daß eine Position kaum zu halten ist oder wenn sie damit jemandem, an dem ihr viel liegt, einen Gefallen tun kann und es für sie kein schmerzlicher Kompromiß ist. Ihre äußeren Vorzüge bestehen in schönem, dichten dunklen Haar, das sie relativ lang trägt und wohl geformten Beinen, die vielleicht nicht den Puristen erfreuen können, da ihre Waden zu stämmig erscheinen, die Fesseln zum Ausgleich jedoch auffallend schmal sind, und mit ihren muskulösen Schenkeln, die wie bei vielen Frauen von einer leichten Zellulitis zwar ein wenig »verunziert« werden, aber insgesamt ein harmonisches Ganzen bilden. Ihre Beine sind relativ lang für ihre eigentlich nur wenig über dem Durchschnitt liegenden Körpergröße. Sie mag für machen auf den Blick etwas Bäuerliches an sich haben, doch wirkt ihre Haltung damenhaft elegant. Sie geht mit Make-up sorgsam um, betont ihre vollen weichen Lippen und ihre schönen dunklen Augen, um die stets ein leises Lächeln zu spielen scheint. Ihr Parfum ist leicht fruchtig. Ihre Hüften sind breit, breiter jedenfalls als es für ihre Figur angemessen wäre, was aber wiederum ihre Taille schmaler erscheinen läßt. Sie trägt selten Hosen, weil sie weiß, daß sie optisch darin noch breiter wirkt. Ungeachtet dessen bevorzugt sie ohnehin knielange oft enge schicke Röcke, zarte Strümpfe und hochhackige Schuhe, die ihre schönen Beine betonen. Die Absätze ihrer Schuhe können ihr eigentlich gar nicht hoch genug sein. Sie bewegt sich sicher darauf wie manch andere Frau nicht auf flachen Sohlen. (mehr …)

Kurzes #24 · Hundstage

Eine weitere Geschichte zum Thema Fetischismus, in der sich zwei Frauen an einem heißen Sommertag eine besondere Abkühlung verschaffen.

 

Ellen bewunderte ihre Freundin Isabelle zum Teil für das, was sie selbst nicht war, oder nicht glaubte zu sein. Sie bewunderte an Isabelle deren Spontanität und Esprit und ebenso, daß sie es verstand sich gleichermaßen chic wie damenhaft zu kleiden, stets mit einer Portion Koketterie und bisweilen auch von mehr als einer Portion begleitet. Ein wenig Neid verursachte Ellen der Umstand, daß Isabelle es verstand, auf den überwiegend beinahe turmhohen Absätze ihrer eleganten Schuhe ebenso damenhaft wie sicher zu gehen, in das sie nicht selten ein kaum mehr unterschwelliges laszives Wiegen der Hüften mischte, was Ellen zu ihrem Bedauern leider nicht gelingen wollte, obwohl sie eine Passion für hochhackiges Schuhwerk besaß. Bisher war sie nicht über eine mittlere Absatzhöhe hinausgekommen, worüber sie sich gelegentlich bei Isabelle beklagte, die der Freundin darauf – nicht zu unrecht – vorwarf, daß es ihr an der nötigen Geduld mangelte es zu erlernen. Ellen mußte sich widerstrebend eingestehen, daß die Freundin recht hatte; Geduld war noch nie Ellens Stärke gewesen. Und somit fristeten die wenigen wirklich hochhackigen Schuhe, die sie sich im Laufe der Zeit angeschafft hatte, in ihrem Schuhschrank ein Schattendasein. Obwohl Ellen die attraktivere von ihnen war, und sich in keiner Weise wie ein Mauerblümchen gab, richtete sich dennoch die ganze Aufmerksamkeit stets auf Isabelle, erschienen beide Frauen gemeinsam irgendwo. Kleider machen halt doch Leute! (mehr …)