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Zitat des Tages #113

6. Dezember 2016

Das macht den Deutschen von heute so unbeliebt: Er beruft sich bei jeder Gelegenheit auf seine ›Geistesheroen‹, die doch fast immer nur im Gegensatz zu ihm gelebt haben, und ist dabei genau so auf seinen Vorteil bedacht wie der Nachbar.

Christian Morgenstern (6.05.1871–31.03.1914)

Kurzes #71 – Der Fetischist

2. Dezember 2016

Der folgende Text ist die Fortsetzung und der Schluß von Evamarias Gummiregenmantel.

 

Evamaria besaß die beiden Gummiregenmäntel vielleicht zwei Wochen.

Es nieselte seit dem Morgen ohne Unterbrechung. Evamaria stand wie üblich bei dieser Witterung allein in der Gasse. Sie schlenderte auf ihrem Platz auf und ab, die Hände in den Manteltaschen geschoben, lauschte auf das Klacken ihrer hohen Absätze auf dem ausgetretenen Pflaster, schritt genüßlich durch die beiden kleinen Pfützen vor der Einfahrt, genoß das Gefühl wie ihre Schuhe und Strümpfe sich mit dem Regenwasser vollsogen, sowie das leise monotone Trommeln des Regens auf der Kapuze und hing ihren Gedanken nach, weshalb sie den Mann nicht kommen gesehen hatte. Sie bemerkte ihn erst, als er sie ansprach und sich nach ihrem Preis erkundigte. Sie konnte nicht sagen, wie lange er sie beobachtet haben könnte.

Mit einem geschäftsmäßig freundlichen Lächeln, das dennoch liebenswürdig war, nannte sie ihren Tarif, der bei allen Frauen in dieser Gasse derselbe war.

»Was tust du dafür?« fragte er leise, fast schüchtern, obwohl niemand in der Nähe war, der sie hätte belauschen können. Selbst wenn es anders gewesen wäre, hätte sich keiner daran gestört.

Sie sah ihn mit leicht schiefgelegtem Kopf und einem freundlichen Lächeln um die Mundwinkel an. Sie hatte ihn hier noch nie gesehen. Er schien nicht unsympathisch, wirkte fast etwas schüchtern als sei es das erste Mal, daß er zu einer wie ihr ging. Er war relativ groß, schlank, doch nicht hager, wirkte irgendwie ›besser gestellt‹, sah insgesamt nicht schlecht aus. Er hielt seinen Schirm fest in der Hand, fast als wollte er sich daran festhalten. Sie schätzte ihn auf Anfang vierzig. In ihren Augen ein eher untypisches Alter, um das erste Mal zu einer Hure zu gehen. Aber das bedeutete letztlich nichts.

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Zitat des Tages #112

1. Dezember 2016

Erziehung

Der Vater zu dem Sohne spricht:
Zum Herz- und Seelengleichgewicht,
zur inneren Zufriedenheit
und äußeren Behaglichkeit
und zur geregelten Verdauung
bedarf es einer Weltanschauung.

Mein Sohn, du bist nun alt genug.
Das Leben macht den Menschen klug,
die Klugheit macht den Menschen reich,
der Reichtum macht uns Herrschern gleich,
und herrschen juckt uns in den Knöcheln
vom Kindesbein bis zum Verröcheln.

Und sprichst du: Vater, es ist schwer.
Wo nehm ich Geld und Reichtum her?
So merk: Sei deines Nächsten Gast!
Pump von ihm, was du nötig hast.
Sei’s selbst sein letzter Kerzenstumpen –
besinn dich nicht, auch den zu pumpen.

Vom Pumpen lebt die ganze Welt.
Glück ist und Ruhm auf Pump gestellt.
Der Reiche pumpt den Armen aus,
vom Armen pumpt auch noch die Laus,
und drängst du dich nicht früh zur Krippe,
das Fell zieht man dir vom Gerippe.

Drum pump, mein Sohn, und pumpe dreist!
Pump anderer Ehr, pump anderer Geist.
Was andere schufen, nenne dein!
Was andere haben, steck dir ein!
Greif zu, greif zu! Gott wird’s dir lohnen.
Hoch wirst du ob der Menschheit thronen!

Erich Mühsam (6.04.1878–10.07.1934)

Kurzes #70 – Evamarias Gummiregenmantel

29. November 2016

Die vielleicht dreihundert Meter lange Gasse mit dem ausgetretenen Pflaster, die sich mit geringer Steigung die kleine Anhöhe hinaufzog, auf der die kleine Stadt erbaut worden war, genoß bereits im Mittelalter einen zweifelhaften Ruf, der ihr bis heute anhaftet, ohne daß selbst alteingesessene Bewohner sagen konnten, worauf dieser sich begründete. Sie hatte sich seitdem nur insofern verändert, als daß alte Häuser neuen gewichen – die jedoch längst wieder alt waren – die Gasse befestigt und an die öffentliche Kanalisation angeschlossen worden war. Das Sonnenlicht drang lediglich am späten Nachmittag und auch nur im Sommer für zwei bis drei Stunden bis auf das Pflaster hinunter. Es gab zwei Werkstätten, die mehr schlecht als recht gingen. Wer hier wohnte, tat es nicht freiwillig, sondern weil es ihn hierher verschlagen hatte und er es nicht mehr schaffte, fortzuziehen.

Ungefähr in der Mitte, relativ nah am Scheitelpunkt des Bogens, in dem die Gasse verlief, lag ein kleines Hotel, strenggenommen eine Absteige, sauber zwar, doch alles andere als heimelig, da es schon vermeintlich bessere Zeiten gesehen zu haben schien. Wer hier ein Zimmer wollte, der nahm es nicht, um zu übernachten, denn Reisende verirrten sich nur höchst selten in diesen Teil der kleinen Stadt, sondern mietete es stundenweise.

Eine Handvoll Prostituierte ging in der Gasse unbehelligt von Zuhältern ihrem Gewerbe nach; das einzige in dieser Gasse ausgeübte Gewerbe, das sich für die, die es betrieben, einigermaßen bezahlt machte. Lediglich die lokale Verwaltung besaß ein wachsames Auge auf die Gunstgewerblerinnen, was sich jedoch in der Sorge erschöpfte, ob sie die regelmäßigen amtlichen Untersuchungen durchführen ließen und ihre Steuern und übrigen Abgaben ordnungsgemäß entrichteten.

Die Frauen warteten diskret auf Kunden. Jede besaß ihren festen Platz, den die anderen respektierten. Sie waren nicht übertrieben geschminkt, von durchschnittlicher Attraktivität und durchaus adrett zu nennen. Ihre Röcke waren nicht unbedingt kürzer als die herrschende Mode und auch die Oberteile nicht sonderlich tief ausgeschnitten. Sie unterschieden sich im großen und ganzen in keiner Weise von ›anständigen‹ Bürgersfrauen.

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Kurzes #69 – Das kleine Schuhgeschäft

27. November 2016

„Bis morgen.“ Robert schloß die Tür hinter Lore und Cornelia, seinen beiden Verkäuferinnen. Er warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Noch eine viertel Stunde, dann würde er das kleine Schuhgeschäft schließen, das auf Damenschuhe spezialisiert war und das er bereits in der dritten Generation führte.

Es war ein lauer Frühlingsabend mitten in der Woche. Im Grunde viel zu schade, um ihn mit den lästigen täglichen Büroarbeiten zu verbringen. Gut eine Stunde würde er noch damit zubringen müssen, bevor er ebenfalls nach Hause gehen konnte. Hoffentlich kam jetzt keine Kundin mehr. Aber vor der Zeit wollte er auch nicht schließen, selbst wenn es sich nur um fünf Minuten handelte. Jetzt waren es noch zehn.

Er spielte nervös mit den Schüsseln in der rechten Hosentasche. Er betrachtete die im großen Schaufenster ausgestellten Schuhe, die überwiegend mittelhohe bis beinahe turmhohe Absätze besaßen und ausnahmslos aus feinem Leder waren.

Hochwertige und dennoch erschwingliche Schuhe waren seit jeher das Motto des Geschäfts gewesen. Wohlhabend war er dadurch nicht geworden. Trotz allem würde er es gegen nichts anderes eintauschen wollen, ein nicht unbeträchtlicher Teil seiner Kundinnen besaß schöne Beine, und schöne Frauenbeine gefielen ihm nun einmal sehr. Somit konnte er seiner Vorliebe ungestört frönen, ohne daß sich irgend jemand etwas dabei dachte.

Lore und Cornelia ahnten zwar, daß er sie nicht nur auf Grund ihrer guten Zeugnisse eingestellt hatte, sondern deren schöne langen Beine den eigentlich Ausschlag gegeben hatten. Aber da er ein umgänglicher Chef war und zudem ein attraktiver, wenn auch etwas zurückhaltender vierziger, waren sie überzeugt, daß sie es kaum besser hätten treffen können, zumal sie Schuhe und echte Nylons – ihre persönliche Leidenschaft, die er in seinem Geschäft in großer Auswahl führte – zum Selbstkostenpreis erstehen konnten.

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Zitat des Tages #111

25. November 2016

Die Einkommensteuer

Bei meiner schriftlichen Erklärung zur Bemessung der Einkommensteuer ging ich heuer mit jener Bescheidenheit vor, wie sie wahrhaft großen Männern geziemt. Das wichtige Schriftstück sendete ich eingeschrieben an das zuständige Steueramt. Ich wählte diesen Weg, um den für die Erhaltung des Staates so wichtigen Steuerbeamten durch meine Erscheinung nicht in unnötige Aufregung zu versetzen.

Die Folge meines Vorgehens war eine freundliche Aufforderung, an einem bestimmten Tage und zu einer bestimmten Stunde zuversichtlich im Zimmer Nr. 8 des Steueramtes zu erscheinen. Da ich daraus ersah, daß die Herren dringend wünschten, mich persönlich kennenzulernen, folgte ich der Einladung und begab mich um die angegebene Zeit in das Zimmer Nr. 8.

Dort fand ich einen Herrn in mittleren Jahren, dem ich mich vorstellte. Er begrüßte mich mit so gewinnender Liebenswürdigkeit, wie ich eine solche einem Steuerbeamten niemals zugetraut hätte. Noch größer aber ward mein Erstaunen, als der freundliche Herr, statt mit seinen Amtsobliegenheiten zu beginnen, mir zu meinen großen Erfolgen als Dichter herzlichst Glück wünschte.

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Neue Galerie »Skulpturen- & Schloßpark Stammheim, Köln«

19. November 2016

Der Skulpturen- & Schloßpark in Köln-Stammheim liegt unmittelbar am Rhein. Er lädt nicht nur den Liebhaber junger zeitgenössischer Kunst zu einem Spaziergang ein. Die Skulpturen fügen sich mitunter derart gut in den Park ein, daß sie erst beim zweiten Blick wirklich auffallen.
Die Galerie kann hier angesehen werden.

Zitat des Tages #110

14. November 2016

Politische Wetterfahnen
(Auswahl)

Sie beschwören Stürme und verlassen sich auf ihre Beweglichkeit – sie vergessen, daß ihnen ihre Beweglichkeit nichts helfen wird, wenn mal der Sturmwind den Turm stürzt, worauf sie stehen.

 

Wenn ich von Pöbel spreche, nehme ich davon aus: erstens alle, die im Adreßbuch stehen, und zweitens alle, die nicht drin stehen.

 

Auch Rothschild könnte eine Walhalla bauen – ein Pantheon aller Fürsten, die bei ihm Anlehen gemacht.

 

Nach den fetten Kühen kommen die magern, nach den mageren gar kein Fleisch.

 

Das alte Märchen der drei Brüder realisiert sich. Der eine läuft hundert Meilen in einigen Stunden, der andere sieht hundert Meilen weit, der dritte schießt so weit, der vierte bläst Armeen fort – Eisenbahn, Fernrohr, Kanonen, Pulver oder Presse.

Heinrich Heine (13.12.1797–17.2.1856)

Zitat des Tages #109

11. November 2016

Der friedliche Michel

Hört man nicht in allen Reden
feierlich den Krieg befehden?
Und besonders bei Visiten
an den Höfen fremder Fürsten —
fühlt man in den Redeblüten
nicht die Welt nach Frieden dürsten?
Stets gebärdet Michel sich
ringsherum freundnachbarlich.

Ja, das Deutsche Reich entschieden
ist beflissen auf den Frieden.
Doch — wenn die Hereros wollen
nicht gehorchen bis aufs Jota,
sie die Frechheit büßen sollen,
und man schickt den Herrn von Trotha!
Dennoch aber sag’ ich euch:
Friede sinnt das Deutsche Reich!

Ja, der Kriegsgott liegt am Bändel,
und wir suchen nirgends Händel.
Dieses ward jüngst in Saarbrücken,
in Karlsruh’ und Mainz gepredigt,
und wir sehn, wie mit Entzücken
alles friedlich sich erledigt.
Kriegsschiff und Kanone ruht –
wenn der Andre uns nichts tut!

Doch, da haben wir den Haken!
Unterm weißen Friedenslaken
schlummern so geheime Kräfte,
wo wir niemals wissen können,
ob man nicht als Flintenschäfte
sie wird eines Tags erkennen. – –

Drum, ob man auch milde spricht –
Ich – trau diesem Frieden nicht!

(aus: Der Wahre Jacob, 1904)

Erich Mühsam (6.04.1878–10.07.1934)

Kurzes #68 – Lediglich aus Liebe?

10. November 2016

»Ich bin auch davon überzeugt, daß die meisten Frauen das mehr ihrem Partner zuliebe machen als wirklich aus eigener Neigung«, sagte Britta in einem Tonfall, der keinen Raum für Zweifel ließ. Wie um das zu unterstreichen, schob sie sich ein dickes Stück Schwarzwälderkirsch in den Mund und zeigte dabei demonstrativ die gepflegten Zähne als wollte sie zusätzlich zum Stück Kuchen auch noch jedem Gegenargument den Garaus machen.

Lisa fragte sich, über was sie sich mehr wundern sollte, über Brittas unumstößliche Überzeugungen oder darüber, daß sie trotz ihres reichhaltigen Konsums an Süßem kein Gramm zunahm. Im Büro knabberte sie den ganzen Tag irgendeinen Schokoriegel oder vergleichbares. Sie war zwar keine zarte Elfe, eher reichlich üppig, doch waren bei ihr alle Rundungen an den richtigen Stellen. Sie wußte das und unterstrich das narzißtisch mit körperbetont geschnittener Kleidung. Während manch schlankere in einem engen Kleid leicht wie die Wurst in der Pelle wirkte, war Brittas Erscheinung weit davon entfernt. Ihre Dekolletés überließen nur sehr wenig der Phantasie. Lisa hatte in den mittlerweile fünf Jahren, in denen sie sich ein Büro teilten, nicht herausfinden können, ob das Blond ihrer seidigen Haare echt war. Sie wußte nicht, warum sie sich geärgert hatte, als Harmut euphorisch meinte, daß Britta verdammt tolle Beine hat. Sie fand ihre ja auch nicht schlecht und er ließ keine Gelegenheit aus, ihr deswegen Komplimente zu machen. Sie hatte sich bereits mehr als einmal gefragt, warum sie in Britta eine Rivalin sah, wofür es keinen Grund gab: hübsch, groß, schlank, mit langem dichten Haar, dessen Schwarz echt war. Außerdem traute ihr Lisa nicht genug Hinterhältigkeit zu, um einer anderen den Mann abspenstig zu machen, und – was Lisa allein schon beruhigen mußte – gehörte er just zu jenen Männern, über Britta gerade ihre ›Weisheiten‹ ausbreitete, die sie in irgendeiner obskuren Kolumne irgendeiner der zahlreichen Frauenzeitschriften beim Friseur oder auf dem Weg zur Arbeit in der Bahn gelesen hatte. Britta verschlang genüßlich diese Presseerzeugnisse. Besonders jene, in denen über Männer auf eine Art und Weise hergezogen wurde, daß einem Mann, käme er auch nur im Ansatz auf den Gedanken, sich vergleichbar über Frauen zu äußeren, Frauenfeindlichkeit vorgeworfen würde – und das zu Recht. Ob die Autorinnen diese Artikel aus persönlicher Abrechnung oder weil sich mit dergleichen vorzüglich Kasse machen ließ, verfaßten, war nur selten eindeutig nachzuvollziehen. Weiter brachte es die Gesellschaft in keinem Fall. Niemand leugnete, daß es unzählige Arschlöcher unter den Männern gab, Lisa war selbst oft genug einem von diesen Exemplaren begegnet, am besten ignorierte frau die, dann starben die mit der Zeit von allein aus – hoffte sie jedenfalls.

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Zitat des Tages #108

10. November 2016

Der Revoluzzer
Der deutschen Sozialdemokratie gewidmet

War einmal ein Revoluzzer,
im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: »Ich revolüzze!«
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
mitten in der Straßen Mitten,
wo er sonsten unverdrutzt
alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
aus dem Straßenpflaster aus,
zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer
schrie: »Ich bin der Lampenputzer
dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn’ das Licht ausdrehen,
kann kein Bürger nichts mehr sehen.
Laßt die Lampen stehn, ich bitt! –
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!«

Doch die Revoluzzer lachten,
und die Gaslaternen krachten,
und der Lampenputzer schlich
fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
nämlich, wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt.

Erich Mühsam (6.04.1878–10.07.1934)

Zitat des Tages #107

10. November 2016

Das Neue Deutschland
Geschrieben in der Haftanstalt Ansbach, 1919

Sich empfehlend den Genossen
für die nächste Reichstagswahl,
saßen viele deutsche Sozi
jüngst bei Sklarz im Speisesaal.

Grinsend rief der dicke Ebert
von dem Präsidentensitz:
»An mein Volk: Du hältst die Schnauze!«
Und gleich schrie man: »Bravo, Fritz!«

Scheidemann, der mit der Glatze,
sprach in überlegnem Ton:
»Ich erwürgt’ zwar nicht die Feinde,
doch die Revolution!«

Dann erhob sich Parvus-Helphand
und begehrt’ das höchste Lob,
weil im ganzen Land kein Schieber
soviel in die Tasche schob.

Erhard Auer sprach aus München:
»Ich bin meines Siegs gewiß.
Mir bestätigt Lindners Kugel,   [Fußnote]
daß ich Bayerns Volk beschiß.«

Aber plötzlich ward es stille,
Noske ballte seine Faust,
und es rollten seine Augen,
daß es den Genossen graust,

und er rief: »Euch lobt der Bürger,
denn ihr meint’s ja alle gut.
Aber hier, seht meine Hände:
Jeder Finger trieft von Blut.

Ruhe, Sicherheit und Ordnung
tun dem Kapitale not.
Fünfzehntausend Proletarier
schlugen meine Garden tot.«

Stürmisch schrien: »Prosit, Noske!«
Eberi Parvus, Scheidemann.
Bauet, David, Landsberg, Heine
stießen mit dem Sektglas an.

»Heil dir, Justav, Held und Sieger,
dir verneigen wir uns stumm.
Wir betrügen unser Volk nur,
aber, du, du bringst es um!«

Erich Mühsam (6.04.1878–10.07.1934)

Zitat des Tages #106

9. November 2016

Exlibris

Ein Anonymus aus Tibris
sendet Palman ein Exlibris.

Auf demselben sieht man nichts
als den weißen Schein des Lichts.

Nicht ein Strichlein ist vorhanden.
Palma fühlt sich warm verstanden.

Und sie klebt die Blättlein rein
allenthalben dankbar ein.

Christian Morgenstern (6.05.1871–31.03.1914)

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