Kurzes #26 · Hausarbeitsübung

von
Armin A. Alexander

Nicht nur eine weitere Kurzgeschichte zum Thema Fetischismus, sondern auch die zweite mit den Freundinnen Isabelle und Ellen aus der Kurzgeschichte »Hundstage«.

 

Ellen saß auf dem alten Korbstuhl in ihrem Schlafzimmer, der links neben dem Fenster stand. Sie betrachtete das ausgestreckte rechte Bein aufmerksam, um auch nicht die kleinste Falte an den neuen hautfarbenen Nylons zu übersehen. Selbstverliebt strich sie mit den Fingern über den zarten Stoff, der leise unter ihren Berührungen knisterte. Ein wohliges Gefühl durchströmte sie. Ja, es war schon ein besonderes Gefühl echte Nylons zu tragen. Und nicht nur, weil sie teuer und auf Grund ihrer Seltenheit etwas Besonderes an sich waren. Eine Frau, die Strümpfe trägt, wirkt zwangsläufig damenhaft und elegant, aber zugleich auch ein wenig kokett.
Ellen befestigte auch den zweiten Klipp ihres ebenfalls neuen Überbrustkorsetts aus dunkelblau chargierendem Korsettstoff am Strumpfsaum. Dann stand sie auf und trat vor den großen Spiegel.
Ihr gefiel, was ihr der Spiegel zeigte und seufzte zugleich kurz. Das Korsett war zwar nur wenig teurer ausgefallen als sie geplant hatte, aber daß sie auch gleich drei Paar Nylons mit Naht dazu gekauft hatte, hatte ihren Finanzplan für diesen Monat gehörig durcheinander gebracht. Doch sie hatte einfach nicht widerstehen können. Gerade neu eingetroffen waren auch Farben darunter gewesen, die in der Regel nur schwer zu bekommen waren. Schwarze Nylons besaß sie genug. Die waren schließlich immer vorrätig. Anscheinend schienen die meisten Frauen, die Nylons schätzten, eine Vorliebe für Schwarz zu haben. Neben den hautfarbenen, die sie trug, hatte sie noch ein Paar in Grau und eines in Kaffee, das von der Farbe an Milchkaffee denken ließ, erstanden.
Doch die Reue währte nur kurz und schon betrachtete sie selbstverliebt ihr Spiegelbild von allen Seiten.
Die Nähte der Strümpfe saßen wie mit dem Lineal gezogen. Mit den Jahren hatte sie so viel Übung bekommen, daß es ihr bereits beim Anziehen gelang. Nur selten mußte sie korrigieren. Das Korsett hob ihre von Natur aus schon nicht sehr zierlichen Brüste an und ließ sie noch üppiger erscheinen. Ellen stellte sich gerade hin und blickte an sich hinunter. Nein, es war doch noch nicht so schlimm, zumindest konnte sie ihre Zehenspitzen noch sehen. Andererseits hätte es auch etwas, einen mütterlich wogenden Busen, der es einem unmöglich macht, die Fußspitzen zu sehen, zu haben, wie sie sich hin und wieder gerne vorstellte. Sie mußte sogleich an Sarah, eine ehemalige Kommilitonin denken. Sarah war bildhübsch, hatte etwas Sanftes an sich, obwohl sie sich durchzusetzen wußte, kam es darauf an. Ihr Körper an sich war gut proportioniert, zudem hatte sie schöne lange Beine, was sie auch wußte und am liebsten kurze Röcke trug, aber nicht ihre schönen langen Beine, ihr lockiges dunkelblondes Haar fielen ins Auge, sondern ihre ungewöhnlich üppige Oberweite, die es mit sich brachte, daß sie zwei deutlich von einander abweichende Konfektionsgrößen besaß. Sarah war beim besten Willen nicht mehr in der Lage ihre Fußspitzen zu sehen. Sie bevorzugte enge Pullover und tiefe Dekolletés. Genoß die Blicke, die man(n) ihrer entgegenbrachte. Und amüsierte sich über die Männer, die zwar davon träumen eine Frau mit großer Oberweite zu haben, aber sich nur ungern mit ihr zeigen, als würde sie ihren Ruf ankratzen. Doch die waren nicht sehr zahlreich und Ellen konnte sich nicht erinnern, daß Sarah ein tristes Singledasein gefristet hätte. »Ist man so ausgestattet wie ich, dann pflegt man besser eine exhibitionistische Ader. Es erleichtert vieles«, war ihr Credo geworden und sie hatte sich sichtlich wohl dabei gefühlt.
Ellen dachte nicht weiter an Sarah, von der sie seit Jahren nichts mehr gehört hatte, und widmete sich wieder ihm Spiegelbild.
Ihre Hüften könnten wirklich ein wenig schmaler sein. Es mochte zwar etwas für sich haben, ein »gebärfreudiges Becken« zu haben, aber bei Korsetts, obwohl Ellen ihre Taille damit nur wenig reduzierte, bekam sie sofort eine »Sanduhrfigur«, die nicht wirklich ihr Ding war. Aber auch ohne Korsett sah sie in Hosen von hinten wie ein Brauereipferd aus, weshalb sie nur selten welche trug. Lediglich in engen Lederhosen gefiel sie sich. Darin fand sie ihren Hintern sogar richtig sexy.
Auch wenn es den Eindruck machte, daß sie sich zum Ausgehen chic machte, so hatte sie nicht vor das Haus zu verlassen. Sie hatte das Korsett und die Nylons – ihre »Wohlfühlsachen« – nur für sich selbst angezogen. Sie hatte es kaum erwarten können, das neue Korsett und die neuen Nylons anzuprobieren.
Ellen blickte ihr Spiegelbild direkt an. Warum wirkten ihre Haare eigentlich immer, als sei ihr der Gebrauch von Kamm und Bürste unbekannt? »Du siehst irgendwie immer aus wie ein ungemachtes Bett«, pflegte ihre Freundin Isabelle zu sagen. Wäre diese Aussage von jemand anderen gekommen, Ellen hätte ihm die Meinung gesagt, aber bei Isabelle machte es ihr nichts aus. Nein, sie konnte machen, was sie wollte, sie würde höchstens im Ansatz etwas von der Damenhaftigkeit erreichen, die Isabelles zweite Natur war.
Ellen zuckte mit den Achseln. Es gibt einfach Frauen, die können machen was sie wollen, sie wirken stets wie frisch aus dem Ei gepellt. Und dann gibt es Frauen wie mich, die können machen, was sie wollen und wirken immer ein wenig wie Schlampen, dachte Ellen amüsiert. Dabei fiel ihr Blick auf ihren Schoß, wo sich ein gut sichtbarer dunkler Schatten abzeichnete. Apropos Schlampen, ich könnte mich mal wieder rasieren. Was muß ich auch fast schwarzes Schamhaar haben, dachte sie mit leichtem Bedauern. Abgesehen davon brauchte sie sich nicht nur vor Isabelle nicht zu verstecken.
Sie riß sich von ihrem Spiegelbild los, griff nach einem knielangen nicht sehr engen etwas älteren dunklen Rock und zog eine helle Bluse über.
Nun nahm sie den nächsten Punkt auf ihrem Tagesplan in Angriff: das Gehen auf hohen Absätzen zu üben. Isabelle hatte es endlich erreicht, daß Ellen dieses immer wieder nur halbherzige unternommene Vorhaben, konsequent anging. Bei Ellens ausgeprägter Vorliebe für Nylons und Korsetts gehörten sie einfach dazu. Es sei etwas halbherzig, sie lediglich beim Vögeln zu tragen, wie Isabelle Ellen immer wieder eingeschärft hatte, denn das war der einzige Anlaß, bei dem Ellen so gut wie immer Schuhe mit beinahe turmhohen Absätzen trug.
Ellen schlüpfte in ein Paar zehenfreier Schuhe aus weichem schwarzen Leder. Sie fühlte sich sogleich beträchtlich größer und – besser.
Anfangs war es ihr nicht leicht gefallen eine geraume Weile darauf zu gehen. Doch als sie ihre innere Faulheit überwunden hatte und konsequent dabei blieb, Isabelles Hinweise befolgte, wie sie zu gehen habe, ging es immer leichter. Sie hatte Isabelles anderen Rat beherzigt und dabei ihre Hausarbeit gemacht. Daß sie somit mühelos auch dort Staubputzen konnte, wo sie sich sonst strecken mußte, war nur eine der angenehmen Begleiterscheinungen, außerdem machte ihr die Hausarbeit so insgesamt mehr Spaß. Es war ein ganz anderes Gehen, ein sinnlicheres, selbstbewußteres.
Ellen warf noch einmal von allen Seiten einen Blick in den Spiegel. Ihre Beine wirkten wirklich länger und ihr Hintern erschien ihr auch nicht mehr so plump.
Sie verließ das Schlafzimmer und holte den Staubsauger aus der Abstellecke in der Diele.
Während sie die Wohnung saugte, summte sie fröhlich vor sich. Es strengte sie kaum noch an, sich auf ihren hohen Absätzen zu bewegen. Eigentlich sprach nichts dagegen, daß sie sie auch draußen trug.
Die Nachmittagssonne schien ins Wohnzimmer. Das Summen des Staubsaugers überdeckte die Geräusche, die von draußen durch die geöffnete Balkontür hereindrangen. Die Tage wurden bereits spürbar kürzer und die Abende kühler. Daß es vor gerade einmal zwei Wochen noch so warm gewesen war, daß man sich kaum hatte rühren können, erschien Ellen als schwer vorstellbar. Sie überlegte, ob sie nicht einen kleinen Spaziergang machen sollte, wenn sie mit dem Staubsaugen fertig war. Im Grunde konnte sie so bleiben wie sie war, obwohl sie den Rock nur noch selten außer Haus trug. Die Bluse wollte sie aber auf jeden Fall wechseln. Die gehörte eigentlich längst in die Wäsche.
Als die Türklingel erscholl, schrak Ellen zusammen. Sie stellte den Staubsauger ab.
»Ich wollte dich fragen, ob du Lust zu einem Spaziergang hast«, sagte Isabelle anstelle einer Begrüßung.
Selbst in ihrem braunen Lederrock und dem schlichten grauen Pullover wirkt sie chic, dachte Ellen.
»Und wie ich sehe, beherzigst du meine Ratschläge«, meinte sie mit einem zufriedenen Lächeln als sie gewahr wurde, daß Ellen ein Paar der Schuhe mit den höchsten Absätzen trug, die sie besaß.
»Einen Rat von guten Freunden soll man nicht in den Wind schlagen«, entgegnete Ellen nonchalant.
»Und wie läuft es sich darauf?« fragte Isabelle erwartungsvoll.
»Einfach toll. Ich frage mich, warum ich solange gebraucht habe, bis ich es ernsthaft versucht habe.«
»Besser spät als nie«, meinte Isabelle lapidar, von einem leichten Achselzucken begleitet. »Wie ist das mit dem Spaziergang? Ich lade dich auch auf einen Kaffee anschließend ein.«
»Da sage ich nicht nein«, erwiderte Ellen. »Zumal ich bereits überlegt habe, ob ich nicht noch einen Gang um den Block machen soll, wenn ich mit dem Staubsaugen fertig bin.«
»Und? Bist du mit dem Staubsaugen fertig?«
»Gerade geworden«, meinte Ellen mit einem breiten Grinsen und im Bewußtsein, daß man stets dann fertig ist, wenn man überzeugt ist, daß man fertig ist. »Ich ziehe mir nur schnell etwas anderes an. Daß ich immer einen leicht schlampigen Eindruck erwecke, muß ja nicht zwangsläufig dazu führen, daß ich mich auch schlampig kleide.«
»Du weißt ja, daß kleine Schlampen bei vielen Männern gefragt sind«, meinte Isabelle mit unübersehbarer Zweideutigkeit und folgte Ellen ins Schlafzimmer.
»Große Damen auch«, konterte Ellen fröhlich, während sie die Bluse aufknöpfte.
»Chic, das Korsett«, pfiff Isabelle leicht durch die Zähne.
»Ja, und neu und eigentlich viel zu teuer für mich und die Nylons sind auch neu«, seufzte Ellen leicht, während sie auch aus dem Rock schlüpfte.
Isabelles Grinsen und das lautlose »kleine Schlampe«, das ihre Lippen formten, sagte Ellen, daß die Freundin auf ihren nackten Schoß geblickt hatte. Ja, eine perfekte Dame wie Isabelle rasierte sich mindestens jeden zweiten Tag. Allerdings war nicht nur ihr Haupthaar blond und dabei spürt man die Stoppeln bevor man sie sieht. Da aber keine Zeit war, das jetzt zu ändern, verschwendete Ellen keine weiteren Gedanken daran. Das konnte sie heute abend beim Baden in Angriff nehmen.
Sie zog einen knielangen fast neuen schwarzen Lederrock an und entschied sich, statt einer Bluse eine leichte beige Strickjacke überzuziehen. Sie fand es unsinnig, das schöne neue Korsett den Blicke zu entziehen. Bei Bedarf konnte sie die Strickjacke ja schließen. Sie löste das Band, mit dem sie das Haar im Nacken zusammengebunden hatte und schüttelte es. Sie machte sich erst gar nicht die Mühe, es wenigstens kurz zu kämmen. Es würde ohnehin nichts bringen.
Isabelle betrachtete ihre Freundin mit einem zufriedenen Lächeln. So gefiel sie ihr viel besser als auf ihren üblichen flachen Sohlen.
»Ich bin soweit. Wir können gehen«, verkündete Ellen.
»Und ich freue mich schon darauf, mich mit dir zu zeigen. Du wirst mir auf jeden Fall die Schau stehen«, fügte Isabelle schmunzelnd hinzu, doch war es nur halb so scherzhaft gemeint, wie es klingen sollte, was Ellen mit Stolz erfüllte.

Ein Kommentar zu „Kurzes #26 · Hausarbeitsübung

  1. Loisa sagt:

    Sehr schoene Geschichte. Sie haben einen interessanten Blog.

    Danke
    Loisa

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