Schlagwort-Archiv »Literatur«

Kurzes #93 · Die Wette

Fortsetzung von »Der Einzug«

 

»So, das Regal hängt«, verkündete Steffen nicht ohne Stolz.

Es war nicht leicht gewesen, es zu montieren und nicht allein wegen der Glasplatte. Die beiden Halterungen waren zwar schön anzusehen, ihr Mechanismus jedoch stellte den Monteur vor eine Herausforderung. Dafür waren die Befestigungsschrauben unsichtbar. Abgesehen davon hatte die beiliegende Montageanleitung mehr zur Verwirrung als zur Klärung beigetragen. Was heutzutage nicht unbedingt ungewöhnlich ist.

»Ich hätte das nicht gekonnt«, sagte Nora mit ehrlicher Bewunderung. »Aber es sieht toll aus, nicht wahr?«

Nora blickte ihn freudestrahlend aus großen Augen wie ein junges Mädchen an.

›Toll‹ war in seinen Augen vielleicht etwas übertrieben, aber schlecht sah das Regal wirklich nicht aus.

»Ich finde, im Bad kann man gar nicht genug Ablagemöglichkeiten haben«, fuhr sie in naiver Bewunderung fort. (mehr …)

Kurzes #92 · Der Einzug

Es war spät geworden, viel zu spät für Steffens Empfinden. Selbst für einen Samstag und daß ein Sonnenaufgang mitten im Frühling einen nicht zu unterschätzenden Reiz besitzt. Andererseits wird man nur einmal im Leben dreißig. Außerdem war Holger sein bester Freund noch aus gemeinsamen Kindergartentagen; wie hätte er also dessen Bitte, bis zum Schluß zu bleiben, ablehnen können?

Mit einem herzhaften langanhaltenden Gähnen und dem bleiernen Gefühl, das typisch für eine Übernächtigung ist, zog er sich aus und war, nach einem letzten Blick auf die Uhr, bereits eingeschlafen, kaum hatte er mit dem Kopf das Kissen berührt. Sein letzter Gedanke vor dem Einschlafen war, so lange als möglich in Morpheus’ Armen zu ruhen, ganz gleich was da kommen mochte.

Ein heftiges Rumoren und Poltern im Treppenhaus, begleitet von lauten Stimmen, ließ ihn richtiggehend im Bett hochfahren. Für einen Moment glaubte er, es wäre nicht bloß im Treppenhaus, sondern tatsächlich in seiner Diele. Noch zu verschlafen, um wirklich verärgert zu sein, blickte er auf die Uhr. Es war nicht einmal neun. Demnach konnte er höchstens zwei Stunden geschlafen haben. (mehr …)

Zitat des Tages #120

Das seltsame Rezept

Es ist sonst kein großer Spaß dabei, wenn man ein Rezept in die Apotheke tragen muß; aber vor langen Jahren war es doch einmal ein Spaß. Da hielt ein Mann von einem entlegenen Hof eines Tages mit einem Wagen und zwei Stieren vor der Stadtapotheke still, lud sorgsam eine große tannene Stubentüre ab und trug sie hinein. (mehr …)

Kurzes #91 · Eine Hochzeitsnacht

Eine gummifetischistische Geschichte

Karen, laut Selbstbeschreibung eine ›gewöhnliche Gummifetischistin‹, womit sie hervorzuheben pflegt, daß sie darüber hinaus eine lupenreine Vanilla sei – was bei alter Freundschaft unkommentiert bleiben sollte – sammelt ›historische‹ – also nicht mehr hergestellte – Gummimäntel, bevorzugt von Klepper. Ihren ersten Kleppermantel hatte sie vor vielen Jahren erstanden, schließlich üben diese auf viele Gummifetischisten eine besondere Faszination aus, bei manchen bezieht sich ihr Fetischismus besonders auf diese. Ihren ersten in natura hatte sie während des Besuchs ihrer zweiten oder dritten Fetischparty bei einer Frau in mittleren Jahren gesehen und war vom ersten Moment an von der Leichtigkeit des Materials und der seidigen Oberfläche optisch wie haptisch begeistert. Sie mußte unbedingt einen in ihrem Besitz haben. Es blieb nicht bei diesem einen, sondern es wurde recht schnell eine Sammelleidenschaft daraus, die sich bald auf alle Arten von Gummimänteln und Regenbekleidung aus Gummi überhaupt ausgedehnt hat. Wie jeder Sammler kann sie lange und mit Verve von ihrer Leidenschaft berichten. (mehr …)

Zitat des Tages #119

Das wohlfeile Mittagessen

Es ist ein altes Sprichwort: Wer andern eine Grube gräbt, fällt selber darein. – Aber der Löwenwirt in einem gewissen Städtlein war schon vorher darin. Zu diesem kam ein wohlgekleideter Gast. Kurz und trotzig verlangte er für sein Geld eine gute Fleischsuppe. Hierauf forderte er auch ein Stück Rindfleisch und ein Gemüs für sein Geld. Der Wirt fragte ganz höflich: ob ihm nicht auch ein Glas Wein beliebe? »O freilich ja!« erwiderte der Gast, »wenn ich etwas Gutes haben kann für mein Geld.« (mehr …)

Zitat des Tages #118

Das Mittagessen im Hof

Man klagt häufig darüber, wie schwer und unmöglich es sei, mit manchen Menschen auszukommen. Das mag denn freilich auch wahr sein. Indessen sind viele von solchen Menschen nicht schlimm, sondern nur wunderlich, und wenn man sie nur immer recht kennete, inwendig und auswendig, und recht mit ihnen umzugehen wüsste, nie zu eigensinnig und nie zu nachgiebig, so wäre mancher wohl und leicht zur Besinnung zu bringen. (mehr …)

Kurzes #90 · Daphne hatte Recht – wieder einmal

Fortsetzung von »Regenspaziergang – Fortsetzung«, »Regenspaziergang«, »Der entscheidende Schritt«, »Die letzte Session mit Daphne?«, »Der erste gemeinsame Abend«, »Gespräch im Café«, »Gero und Daphne«, »Daphne« und »Die neue Zimmerwirtin«.

 

»So, nun erzähle mir, wie es zwischen Simone und dir steht. Du hast am Telephon reichlich aufgekratzt geklungen, so daß ich annehmen kann, es hat sich zum Positiven entwickelt.«

Es war kaum eine Woche später. Da Gero seit ihrem Spaziergang in der Rheinaue nichts mehr von sich hören ließ, hatte sie die Initiative ergriffen, ihn angerufen und für den nächsten Tag zum Essen eingeladen, was Gero nur zu gerne angenommen hatte. Er war derart voll von Überschwang, daß er sich unbedingt jemanden anvertrauen mußte und niemand war in seinen Augen dazu geeigneter als Daphne.

Sie saßen beim Essen, mit dem sie sich Mühe gegeben hatte, und hatten bisher lediglich über Belanglosigkeiten geplaudert. Wenigstens hatte er ihr ein Kompliment über ihren engen neuen schwarzen Lederrock, der weißen Bluse, dem Taillenkorsett aus schwarzem Leder, den schwarzen Nahtstrümpfe und den schwarzen hochhackigen Lackschuhen gemacht, was an sich schon auffallend genug war.

»Was soll ich sagen. Du hast so ziemlich in allem, was deine Einschätzung Simones betrifft, richtig gelegen.«

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