Schlagwort-Archiv »Literatur«

Kurzes #81 · Die neue Zimmerwirtin

Das Zimmer war geräumig, die Möbel unübersehbar neu. Das breite Bett, dessen Matratze sogar noch neu zu riechen schien, der Kleiderschrank wie auch das hohe schmale Regal, bislang ohne Inhalt, wollten erst noch in Besitz genommen werden. Nur der Schreibtisch und die beiden, um einen niedrigen Tisch mit einer farbenfrohen flachen Keramikschale darauf, aufgestellten bequemen Sessel waren eindeutig älteren Datums, jedoch sehr gut gepflegt.

»Es ist hier den ganzen Tag über sehr ruhig«, war ihr Bemühen offensichtlich, daß er das Zimmer nahm.

Sie stand mit vor dem Schoß gefalteten Händen im Türrahmen und beobachtete ihn erwartungsvoll, während er sich umschaute.

Die Art wie er das Zimmer durchmaß, verunsicherte sie leicht. Es gelang ihr nicht, die Befürchtung zu unterdrücken, daß es ihm nicht gefallen könnte. (mehr …)

Anaïs Nin »Wien war die Stadt der Statuen«

Anaïs Nin (21.2.1903–14.1.1977) dürfte den meisten als Autorin erotischer Werke weithin bekannt sein, bei denen es in erster Linie um Auftragsarbeiten gehandelt hat. Weniger bekannt dagegen dürfte ihr übriges erzählerisches Werk sein, zu dem »Wien war die Stadt der Statuen« zählt, und das seine besondere Faszination besitzt. Wer hier offenherzige Erotik sucht, wird wohl ›leider‹ enttäuscht werden.

 

Die Malerin Renate wächst in Wien auf. Von ihrem Fenster aus sieht viele Statuen. Ihre Ansicht nach starben die Menschen nicht, sie verwandeln sich in Statuen, von denen jede ihre eigene Geschichte besitzt. (mehr …)

Mark Twain »Querkopf Wilson«

Interpretationen

Im Staate Missouri, auf dem rechten Ufer des Mississippi, liegt die Stadt, welche der Schauplatz dieser Geschichte ist. Sie heißt Dawson, und man muß von St. Louis bis dahin noch sechs Stunden mit dem Dampfboot stromabwärts fahren.

Der Ort bestand im Jahre 1830 aus einer Anzahl freundlicher ein- oder zweistöckiger, weißgetünchter Häuser, die über und über mit einem Gewirre von Schlingrosen, Jelängerjelieber und vielfarbigen Winden bedeckt waren. Zu jeder dieser hübschen Heimstätten gehörte auch ein Vorgärtchen mit weiß angestrichenem Staketenzaun. Dort blühten Goldlack, Stockrosen, Federnelken, Balsaminen und anders altmodische Blumen in üppiger Fülle, während auf den Fensterbrettern Holzkästen mit Moosrosen prangten und Geranien in Blumentöpfen ihr feuriges Rot mit der zarteren Farbe der Schlingrosen mischten, die an der Mauer in die Höhe kletterten. Wenn draußen auf dem Blumenbrett neben Kästen und Töpfen noch Raum war, so lag – falls die Sonne schien – sicher eine Katze da. […]

 

Mit dem Stilmittel des Idylls beginnt Mark Twains seinen 1894 erschienen Roman »Querkopf Wilson«, im Deutschen auch als »Knallkopf Willson« betitelt. (mehr …)

Franz Werfel »Eine blaßblaue Frauenschrift«

Interpretationen

Leonidas hat vor kurzem seinen fünfzigsten Geburtstag gefeiert. Noch immer befinden sich Glückwunschbriefe unter der Post. Es ist einer jener Oktobertage, die noch mehr dem Sommer zugehörig scheinen, aber jederzeit in herbstlich stürmisches Wetter umschlagen können. Seine Lebensbilanz scheint auf der Habenseite sehr üppig aufgefallen. Als Sohn eines armen Schullehrers, dem er in einem Anflug von Selbstbewußtsein, den vermeintlich hochtrabenden Vornamen verdankt, und über den er mittlerweile gar nicht mehr unglücklich ist, der sich während seiner Studienzeit eine Zeitlang aus Hauslehrer verdingen mußte, ist ein angesehener Sektionschef im Ministerium für Kultur in Wien geworden, der zudem eine reiche Heirat getätigt hat, mit Amelie, einer Frau, die in der Wiener Gesellschaft für ihre Schönheit berühmt und begehrt war und die heute noch alles unternimmt, um für ihren Mann die gertenschlanke Schönheit zu bleiben, das Zierliche zu behalten, für das ihr Mann sie begehrt. Auch an ihm scheinen die Jahre äußerlich beinahe spurlos vorübergegangen zu sein. (mehr …)

Kurzes #80 · Das Ende oder vielleicht doch erst der Anfang?

Fortsetzung von »Marlies redet ihm ins Gewissen«, »Erneutes Rendezvous mit der schönen Unbekannten«, »Nachklang«, »Das geheimnisvolle Rendezvous«, »Marlies« und »Zwölf erotische Aquarelle«.

 

Anfänglich war er zwar ein wenig überrascht, aber dachte sich erstaunlicherweise nicht wirklich viel dabei, als nach der üblichen Woche, die zwischen ihren Rendezvous’ verstrich, der gewohnte Umschlag mit den Schlüsseln nicht in seinem Briefkasten lag. Er versuchte sich mit der Erklärung zu beruhigen, daß ihr etwas Unvorhersehbares dazwischen gekommen sein mußte. Er vertröstete sich auf den morgigen Tag und versuchte nicht unruhig zu werden, was ihm nicht vollständig gelang. Doch auch am nächsten Tag erhielt er keine Nachricht von IHR, ebensowenig wie am darauffolgenden. Langsam aber stetig stieg seine innere Unruhe und wurden seine Befürchtungen größer, daß sie ernstlich erkrankt sein könnte, oder vielleicht sogar schlimmeres, was er vermied, sich vorzustellen. Er versuchte sich damit zu beruhigen, daß wirklich schwerwiegende Ereignisse den wenigsten Menschen zu stoßen. Noch vermied er es, Marlies davon in Kenntnis zu setzen. Er fürchtete, daß sie auf eine, für ihn höchst unangenehme Weise, die entsprechenden Schlüsse ziehen könnte. (mehr …)

Kurzes #79 · Marlies redet ihm ins Gewissen

Fortsetzung von »Erneutes Rendezvous mit der schönen Unbekannten«, »Nachklang«, »Das geheimnisvolle Rendezvous«, »Marlies« und »Zwölf erotische Aquarelle«.

 

»Sie bestellt dich also jede Woche in diese Wohnung. Ihr sprecht kein Wort miteinander, vögelt aber hemmungslos miteinander. Du darfst sie nicht ausziehen und ihr nicht die Maske abnehmen, ansonsten hast du sozusagen weitgehend freie Hand bei ihr, oder was man so nennt. Sie trägt stets Kleider unterschiedlichen Zuschnitts aus weichem Leder, die alle ihren Körper wie eine zweite Haut umschließen, dazu entweder High-Heels oder Stiefel je nach Witterung, wobei letzteres meines Erachtens weniger von der Witterung als von ihrer Stimmung abhängig zu sein scheint. Wenn ich dich richtig verstanden habe, hat sie bis auf zwei Male ausschließlich Stiefel getragen. Was mir nebenbei sehr gut gefällt und nicht nur, weil sexy Kleidung beim Sex auch meines ist, besonders Leder, und ich, wie du weißt, auch gerne und oft Stiefel trage. Leder hat so etwas Animalisches und Selbstbewußtes zugleich. Deine schöne Unbekannte und ich scheinen ohnehin das eine und andere gemeinsam zu haben, doch das nur nebenbei. Sie geht als erste, womit sie stets auch das Ende eures geheimnisvollen Rendezvous’ bestimmt, und nimmt immer den Schlüssel mit, den sie dir zuvor in einem Brief schickt und den sie dich bittet, in der Jackentasche aufzubewahren. Dieses Szenario spielt sich nun wöchentlich seit rund eineinhalb Monaten zwischen euch ab. Korrigiere mich, wenn ich in der Aufzählung etwas vergessen haben sollte«, rekapitulierte Marlies. (mehr …)

Kurzes #78 · Erneutes Rendezvous mit der schönen Unbekannten

Fortsetzung von »Nachklang«, »Das geheimnisvolle Rendezvous«, »Marlies« und »Zwölf erotische Aquarelle«.

 

Fast eine Woche war seit jenem geheimnisvollen Rendezvous vergangen. Seit zwei Tagen regnete es nahezu ohne Unterbrechung. Ein ergiebiger Landregen hatte sich über der Region festgesetzt. Jeden Morgen sah er erwartungsvoll in den Briefkasten und jeden Morgen wurde er enttäuscht. Keine wie immer geartete Nachricht von IHR war vorzufinden. Das Gefühl der Enttäuschung war jedoch nur am ersten Morgen wirklich quälend gewesen. Mittlerweile war es einer Art schmerzlichen, aber erträglichen Gewohnheit gewichen, doch hatte sich noch keine Resignation in ihm breit gemacht. Um so größer war verständlicherweise seine Freunde, als er einen gepolsterten kleinen Umschlag mit ihrer Handschrift darauf und mit etwas Hartem darin vorfand.

Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Er fühlte sich auf einmal wie ein Pennäler, den das hübscheste Mädchen der Klasse, das er ohne sich von ihr jemals erhört zu glauben, anbetete, und sie ihm endlich, als bereits die tiefe Enttäuschung ihn packen wollte, ein Rendezvous gewährte. Dennoch zügelte er seine Ungeduld, wollte die Vorfreude auskosten und öffnete erst in der Wohnung den Umschlag. (mehr …)