Schlagwort-Archiv »Literatur«

Zitat des Tages #99

Der geistige Arbeiter in der Inflation

Wer nur den lieben Gott laßt walten – Ich arbeite an einer Monographie über die römischen Laren. Am Tage liege ich im Bett, um Kohlen zu sparen. Ich werde ein Honorar von drei Mark erhalten. Drei Mark! Das schwellt meine Hühnerbrust wie ein Segel. Ein kleines Vermögen. Ich werde es in einem Taschentuch anlegen. Wie ich es früher trug und wie die reichen Leute es heute noch tragen. Um vorwärts zu kommen, muß man eben mal leichtsinnig sein und was wagen. (mehr …)

Kurzes #64 · Die Belohnung

Die Fortsetzung von »bloß gestellt«, »Ein »blinde date« im Wortsinn« und »Der unbekannte nächtliche Anrufer«

 

»Auch diese Prüfung hast du bestanden«, sagte sie voll Zufriedenheit und hörbarem Stolz über das Erreichte. Ja, sie konnte Stolz auf sich sein, er konnte sich nicht erinnern, jemals soweit einer Frau entgegengekommen zu sein und wollte nichts sehnlicher, als ihr noch weiter zu folgen. Für ihn war es seit langem das schönste Lob, das er erhalten hatte. Er wuchs um mindestens drei Zentimeter.

»Weil ich unerwartet für einige Tage verreisen muß, muß ich das geplante nächste Treffen verschieben«, ein unangenehmer schmerzhafter Stich durchfuhr ihn, sollte er sie für länger nicht sehen? Konnte SIE ihm das zumuten? »Heute in genau einer Woche findest du dich wieder am bekannten Ort ein. Du bringst das Tuch mit. Du setzt dich wieder nackt auf den Stuhl. Das Tuch legst du auf den Tisch ab. Ich werde es wieder benötigen. Und damit du etwas hast, auf das du dich freuen kannst; dich erwartet eine kleine Belohnung für deine Folgsamkeit.«

Diese Woche wurde für in die längste, an die er sich erinnern konnte. War es nur die Aussicht auf eine ›Belohnung‹ oder weil er es generell nicht erwarten konnte, SIE wiederzusehen? Aber war das eine nicht untrennbar mit dem anderen verknüpft? Seine Gedanken waren fast immer bei IHR. (mehr …)

Lese-Empfehlungen · J. W. Goethe

Interpretationen

In dieser Rubrik gebe ich Empfehlungen, welche Werke von einem bestimmten Autor und aus welchen Gründen ich als besonders lesenswerte empfinde. Wie nicht anders möglich ist diese Auswahl subjektiv, wie alle Empfehlungen von Texten, die man »unbedingt« gelesen haben sollte, – gerne auch ein wenig hochtrabend als Literatur-Kanon bezeichnet 😉 – selbst die Heranziehung weitgehend objektiver Kriterien ändert daran nur bedingt etwas.

 

Den Anfang mache ich mit der wohl größten Identifikationsfigur für die deutsche Literaturgeschichte schlechthin – Johann Wolfgang von Goethe (28.8.1749–22.3.1832), vergleichbar in seiner Wirkung mit William Shakespeare (ca. 23.4.1564–23.4.1616) für die englische. Shakespeare ist an dieser Stelle nicht ohne Grund erwähnt, schließlich war Shakespeare für den Dramatiker Goethe ein wichtiger Inspirator, neben dem altgriechischen Drama. Die Gründe hierfür legt er in seinem autobiographischen Werk »Dichtung und Wahrheit« hier ausführlich dar. Seines Erachtens hatte das deutsche Theater seiner Zeit wenig Innovatives zu bieten, wie man heute sagen würde. Tatsächlich fällt es aus heutiger Sicht auch belesenen Zeitgenossen schwer, deutsche Dramatiker vor der sogenannten Goethe-Zeit aufzuzählen. Auch wenn er sich anfänglich besonders von Shakespeare inspirierte fühlte, so wendete er sich später stärker seinem zweiten Ideal zu, des altgriechischen Dramas. Gut zu sehen beim Faust; während der erste Teil, überwiegend vom Shakespearschen Theater inspiriert ist, sind beim durchaus sperrigen zweiten Teil, sind die Bezüge zur altgriechischen Tragödie unverkennbar und nicht nur, weil über weite Strecken die Themen dort entliehen worden sind. Wenngleich meist nur der erste Teil als Lektüre empfohlen wird, meine ich, daß für das Verständnis des Dramatikers Goethe beide Teile gelesen werden sollten. Auf Grund der besonderen Länge des zweiten Teils wird man kaum Gelegenheit bekommen, diesen ungekürzt auf der Bühne erleben zu können – es würden mehrere durchschnittliche Theaterabende benötigt werden. (mehr …)

Kurzes #63 · »bloß gestellt«

Die Fortsetzung von »Ein »blinde date« im Wortsinn« und »Der unbekannte nächtliche Anrufer«

 

Am Abend hätte es Simon viel mehr überrascht, hätte das Telefon nicht pünktlich um Mitternacht geläutet.

»Ich muß dich loben«, erscholl die vertraute Stimme ohne Gruß, »obwohl ich nichts anderes von dir erwartet habe, als daß du soviel Disziplin besitzt, meinen Anweisungen bedingungslos Folge zu leisten.«

»Und wenn ich nicht so diszipliniert gewesen wäre«, fragte er und versuchte den Kloß im Hals, der sich einstellte, weil er die Antwort schon vor der Frage kannte, sie nicht hören zu lassen.

»Ich bin überzeugt, daß du die Antwort bereits weißt«, entgegnete sie und er glaubte zu sehen, wie ein diabolisches Lächeln ihre Lippen umspielte.

»Naja, es gibt auch nur eine mögliche Antwort«, versuchte er nonchalant zu klingen, war sich aber sicher, daß ihm das nur unzureichend gelang.

»Darum sehe ich deine Frage auch als rein rhetorische an. Wie gesagt, ich war mir ziemlich sicher, daß du nicht den Versuch machen würdest, dich umzudrehen. Ich kenne dich mittlerweile besser als du dir vorstellen kannst.«

»Klar, wir haben in der letzten Zeit ja häufig miteinander gesprochen«, meinte er leger.

Ihr tiefes unverhohlenes Auflachen irritierte ihn. (mehr …)

Zitat des Tages #97

Es gibt eine gewisse Art Menschen, die mit jedem leicht Freundschaft machen, ihn eben so bald wieder hassen und wieder lieben, stellt man sich das menschliche Geschlecht als ein Ganzes vor, wo jeder Teil in seine Stelle paßt, so werden dergleichen Menschen zu solchen Ausfüll-Teilen die man überall hinwerfen kann. Man findet unter dieser Art von Leuten selten große Genies, ohneracht sie am leichtesten dafür gehalten werden.

Georg Christoph Lichtenberg (1.7.1742–24.2.1799)

Kurzes #62 · Ein ›blinde date‹ im Wortsinn

Der folgende Text ist die Fortsetzung von »Der unbekannte nächtliche Anrufer«

 

Weil Simon an den beiden darauffolgenden Abenden keinen weiteren Anruf von der Unbekannten erhielt, festigte es in ihm die Überzeugung, daß es ein einmaliges Gespräch gewesen war. Doch am nächsten Abend läutete das Telefon Punkt Mitternacht, so wie beim ersten Mal. Er schrak heftig zusammen. Schon vor dem Abheben war ihm klar, daß SIE es war.

»Ja?« meldete er mit leicht unsicherer Stimme.

»Hast du meinen Anruf erwartet«, es war eine Feststellung und keine Frage. Es war der gleiche ruhige, scheinbar aus leichter Entfernung kommende Tonfall wie beim ersten Mal.

»Ja«, antwortete er ohne nachzudenken, was ihm erst bewußt machte, daß er nie an ihrem erneuten Anruf gezweifelt hatte.

»Was anderes hätte mich auch gewundert«, fuhr sie ohne eine Spur von Selbstgefälligkeit fort.

»Du … Du hast eine wundervolle Stimme«, platzte er heraus.

Das Kompliment geschah aus einem inneren Zwang heraus. Er mußte ihr einfach sagen, wie nachhaltig ihn ihre Stimme beeindruckt hatte.

Ein warmes, herzliches, ja beinahe zärtliches Lachen folgte als Antwort. (mehr …)