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Zwei Erzählungen in den »Böse Geschichten Nr. 29«

 

Im Sammelband »Böse Geschichten & schmutzige Fotos · Nr. 29« des Hamburger Charon-Verlages, der unter anderem auch das renommierte und älteste deutschsprachige BDSM-Szene-Magazin »Schlagzeilen« herausgibt, sind meine beiden Kurzgeschichten »Die Gouvernante« und »Nachbarschaftshilfe« erschienen.

Bestellmöglichkeit hier.

 
 

Zitat des Tages #86

Trostspruch

Das Schicksal kann den Körper prügeln,
kann mit Kandare, Sporen, Bügeln
den Fuß, die Hand, die Stimme zügeln. –
Der Geist steigt auf mit freien Flügeln
und lacht ins Tal von Wolkenhügeln.

Erich Mühsam (6.4.1878–10.7.1934)

Zitat des Tages #84

Hülfe in der Not

Ein rechter Freund erscheint uns in der Not
Zu rechter Zeit und sicher wie der Tod.
Doch offen, Bester, sag ich dir,
Du hast eine ganz verwünschte Manier!
Du trocknest mir den Jammerschweiß,
Und machst mir doch die Hölle heiß,
Du bringst das ganze Jüngste Gericht
Mit dir – bei Gott, so meint ich’s nicht!

Eduard Mörike (1804–1875)

Zitat des Tages #83

Nach dem Gewitter

Der Blitz hat mich getroffen.
Mein stählerner, linker Manschettenknopf
Ist weggeschmolzen, und in meinem Kopf
Summt es, als wäre ich besoffen.

Der Doktor Berninger äußerte sich
Darüber sehr ungezogen:
Das mit dem Summen wär’ typisch für mich,
Das mit dem Blitz wär’ erlogen.

Joachim Ringelnatz (1883–1934)

Kurzes #57 · Der Brief

Kaffeeduft erfüllte wie jeden Morgen seit über fünf Jahrzehnten die kleine, zur Straße hinausliegende Küche im dritten Stock. Auf dem Küchentisch stand ein altmodischer Toastständer mit zwei frischen, leicht gebräunten Scheiben Toast neben einem Glas Erdbeermarmelade, einer Butterdose und einem Teller mit einem Stück Leberwurst und Holländerkäse.
Früher war die Küche um diese Zeit stets von Lärm erfüllt gewesen, schien sie zu klein für die beiden Kinder, ihren Mann und sie selbst zu sein. Wie oft hatte sie sich damals gewünscht, hin und wieder allein frühstücken zu können. Dabei liebte sie die Geschäftigkeit am Morgen, das fröhliche Lachen der Kinder, der stets halbverschlafene Zustand ihres Mannes.
Die Kinder waren größer und ruhiger geworden, waren seltener zum gemeinsamen Frühstück erschienen. Mit ihrem Auszug war es mit einem Schlag ruhiger und ihr Mann noch wortkarger als früher geworden. Sie aßen schweigend. Er las die Zeitung, bis es für ihn Zeit war, zur Arbeit zu fahren. (mehr …)

Kurzes #56 · Chambre d’Amour

Blitze zuckten. Der Donner grollte unnatürlich laut. Das Gewitter befand sich genau über dem Stadtteil. Er schaffte es gerade noch, den schützenden Hausdurchgang zu erreichen, bevor der fast schwarze Himmel seine Schleusen öffnete.
Der Regen peitschte durch die Straßen. Das Wasser konnte gar nicht so schnell abfließen, wie es von oben kam. Die auftreffenden Tropfen bildeten auf der dünnen, alles überziehenden Wasserschicht Blasen. In den Straßenrinnen hatten sich kleine reißende Bäche gebildet. Keine Menschenseele war mehr zu sehen.
Er lehnte sich mit der linken Schulter an die Wand des Durchgangs und beobachtete interessiert das Naturschauspiel. Was blieb ihm auch anderes übrig, wollte er nicht innerhalb kürzester Zeit bis auf die Haut durchnäßt werden?
Es waren nur wenige Augenblicke vergangen, als er hinter sich eine Tür gehen und das Klacken hoher Absätze auf Betonplatten hörte. Diese Melodie erfüllte ihn stets mit einem leichten, angenehm sinnlichen Gefühl. Es waren kraftvolle, entschlossene Schritte, die sich schnell näherten. Er widerstand dem Drang, sich umzudrehen, weil er kaum mehr als Umrisse gesehen hätte, lag doch der ganze Durchgang im Dunkel. (mehr …)