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Kurzes #55 · Ängste

Die Angst ist ein gefährliches Raubtier, das geduldig auf den Moment lauert, in dem sein Opfer am ahnungslosesten ist, um dann gnadenlos zuzupacken.

 

Die Leuchtziffern des Radioweckers zeigten 2:52 Uhr. Holger versuchte sich zu erinnern, was ihn geweckt hatte. Soweit er sich entsinnen konnte, waren seine Träume reichlich konfus gewesen. Er war aus einem erwacht, der irgendeinen Bezug zu einem längst vergangenen Abschnitt seines Lebens besaß. Er wollte aufstehen, doch schien es, als drücke ihn die unsichtbare Hand eines Riesen aufs Bett. Er war nicht in der Lage, auch nur ein Glied zu regen, obwohl er nicht den Eindruck besaß, plötzlich von einer Lähmung befallen worden zu sein. Er versuchte sich gegen diesen Druck zu stemmen, denn das Gefühl, unter dem Druck der Riesenhand zu ersticken, und einer sich ihm von hinten nähernden Bedrohung nicht ausweichen zu können, wurde immer stärker. So sehr er sich jedoch auch anstrengte, der Druck der unsichtbaren Hand war stärker. Ein Anflug von Panik stieg in ihm auf, die Angst nie mehr aufstehen zu können und hilflos der sich ihm unweigerlich nähernden Gefahr ausgeliefert zu sein, wurde immer stärker. Bevor es für ihn jedoch wirklich bedrohlich zu werden begann, war er schweißgebadet erwacht. (mehr …)

Kurzes #54 · Begegnung im Café

Wohl oder übel würde Marius das letzte Stück Weg laufen müssen, wollte er nicht bis auf die Haut durchnäßt werden. Im allgemeinen mochte er den Frühlingsregen, aber nicht unbedingt, wenn er sich mittendrin und ohne Schirm befand. Diese praktische Erfindung lag wieder einmal dort, wo sie in einer solchen Situation nicht liegen sollte: bei ihm zu Hause in der Diele auf dem Schuhschrank. So konnte er ihn unterwegs zwar nirgendwo liegen lassen, doch dafür war ihm jetzt eine kostenlose Dusche sicher.
Natürlich war der Himmel bereits mit dichten grauen Wolken tief verhangen gewesen als er das Haus verlassen hatte. Zeichen genug zu überprüfen, ob man denn nun das tragbare Regendach mitgenommen hatte und wenn nicht, noch einmal bequem umkehren konnte, um es zu holen. Doch wie dem meist so ist; man vertraut naiv auf sein mehr als zweifelhaftes Glück und fordert mit dieser Gleichgültigkeit der Macht der Elemente gegenüber, diese geradezu heraus, einem zum ungezählten Male zu beweisen, daß ihre eindeutigen Vorankündigungen stets Ernst zu nehmen sind.
Trotz allem war ihm das Glück doch noch ein wenig hold, denn bevor sich die Schleusen gänzlich öffneten, hatte er sein Ziel erreicht und trat durch die Eingangstür seines Stammbistros. (mehr …)

Zitat des Tages #82

Selbstgefällig

Mein Büdelein
Is noch so tlein,
Is noch so dumm,
Ein ames Wum,
Muß tille liegen
In seine Wiegen
Und hat noch keine Hos’.
Ätsch, ätsch!
Und ich bin schon so goß.

Wilhelm Busch (1832–1908)

Zitat des Tages #81

Wie die Griechen das Leben blühend und heiter darstellten und zur Aussicht gaben die trübe Schattenwelt des Todes, so hingegen ist nach christlichen Begriffen das jetzige Leben trüb und schattenhaft, und erst nach dem Tod kommt das heitre Blütenleben. Das mag Trost im Unglück geben, aber taugt nicht für den plastischen Dichter. Drum ist die »Ilias« so heiter jauchzend, das Leben wird um so heiterer erfaßt, je näher unsre Abfahrt zur zweiten Schattenwelt, z.B. von Achilles.

Heinrich Heine (1797–1856)

Kurzes #53 · Begegnung im Auwald

Ein Spaziergang im Auwald bringt eine unerwartete Begegnung.

 

Unser Tal war schon immer äußerst regenreich gewesen. Durch die besondere geographische Lage – unser Tal war umgeben von einem Mittelgebirgszug – waren die Winter mild und trocken, die Sommer zwar nicht allzu warm, dafür waren die Temperaturen bereits Ende März angenehm. Erst Anfang November wurde es kühler, zugleich mit dem Nachlassen der Niederschläge. Diese gingen die meiste Zeit des Jahres als anhaltender Nieselregen oder ergiebiger Landregen nieder. Richtig heftige Güsse gab es nur in den Sommermonaten, meist nach mehreren regenfreien und sonnigen Tagen. Dichte Wälder und üppige Weiden durchzogen unser Tal, nebst einem größeren Fluß und vielen kleineren Bäche. Das Tal war schon immer relativ dünn besiedelt gewesen, da die Feuchtigkeit nur bestimmte Formen der Landwirtschaft ermöglichte. Zwar sind unsere durchweichten Ackerböden sehr fruchtbar, aber sie lassen sich schlecht bearbeiten.
Die überwiegend nasse Witterung machte regenfeste Kleidung unentbehrlich, weshalb die meisten von uns wohl mehr Regenbekleidung und Gummistiefel besaßen als andere Sachen und ein geradezu fetischistisches Verhältnis dazu entwickelt hatten. (mehr …)

Kurzes #52 · Hausputz

Für Ines gab es lange kaum etwas Unangenehmeres als den notwendigen Hausputz. Bis ihre Freundin Ursula ihr einen Tip gab, wie sie sich die Hausarbeit versüßen kann. Und als Ines beim Fensterputzen auch noch ein netter junger Mann von gegenüber zusieht, wird das Putzen beinahe zur Nebensache.

 

Die ins Schlafzimmer scheinende Frühlingssonne kitzelte Ines im Gesicht und weckte sie. Blinzelnd schlug sie die Augen auf. Sie fühlte sich wundervoll ausgeruht. Tief und fest hatte sie geschlafen. Das morgendliche Konzert der Vögel war im vollen Gang, der durch das gekippte Fenster hereinströmende Luftzug spielte mit der Gardine.
Ines verschränkte die Arme im Nacken und beobachtete eine Weile das Schattenspiel auf den türkisfarbenen Gardinen, bevor sie aufstand. Sie fühlte, daß es ein besonderer Tag war und nicht nur weil heute ihr Urlaub begann. Sie hatte sich für ihren ersten Urlaubstag einiges vorgenommen, jedoch nur, damit sie ihn ab morgen unbeschwert genießen konnte.
Ines gab sich einen inneren Ruck, damit sie nicht von einer wohligen Trägheit befallen wurde und es sich erneut in Morpheus Armen behaglich einrichtete. Dazu würden sich in den nächsten beiden Wochen noch genug Gelegenheit bieten.
Schwungvoll schlug sie die Decke zurück. Sie blieb für einen Moment auf der Bettkante sitzen, um ihrem Kreislauf die Möglichkeit zu geben, sich an eine aufrechte Haltung ihres Körpers zu gewöhnen. Dabei blickte sie fröhlich auf ihre schlanken gepflegten Füße, deren Nägel sie erst gestern abend in einem dunklen Rotton lackiert hatte. (mehr …)

Kurzes #51 · Marmeladentörtchen

Jetzt fing es auch noch an zu regnen! Als ob es nicht schon reichte, im Dunkeln entlang dieser einsamen Landstraße zum Bahnhof laufen zu müssen, nur weil der stündlich verkehrende Bus zu früh abgefahren war! Hätte dieser nur eine halbe Minute gewartet – auch dann wäre er immer noch vier zu früh gewesen –, säße er bereits in seinem Zug nach Hause.

Sicher, er hätte die Stunde bis zum nächsten Bus – der dann garantiert zu spät gekommen wäre –, an der Haltestelle warten oder einfach zu seinem Gastgeber zurückgehen können. Lust hatte er zu beidem nicht gehabt. Außerdem war ein Spaziergang von einer dreiviertel Stunde so schlecht nun wieder auch nicht. Er hatte sowieso zu wenig Bewegung.

Zuerst waren es nur einige dünne Tropfen. Nicht so schlimm – glaubte er. (mehr …)