Schlagwort-Archiv »Literatur«

Kurzes #48 · Fluchtgedanken

Ruhig glitt der Zug auf den Gleisen dahin. Er sah bereits das achte Mal innerhalb der letzten Viertelstunde auf seine Uhr und dann wieder nach draußen. Es war ein ungewöhnlich sonniger, jedoch kühler Novembertag. Der blaßblaue Himmel war wolkenlos. Die vorüberziehenden kahlen Bäume erschienen ihm wie schwarze Gerippe, stumme Zeugen einer vermeintlich besseren Zeit. Bald würde er jene Stelle erreicht haben, die für vier Jahrzehnte nicht nur das Land sondern die ganze Welt in zwei, lange für unversöhnlich gehaltene Hälften gespalten hatte.
Seit seiner ›Übersiedelung‹ war er nicht mehr in diesem Teil des Landes gewesen. Zwar hatte er es sich in den vergangenen Jahren oft genug vorgenommen, doch war im letzten Moment stets etwas ›dazwischen‹ gekommen. Innerlich war er für diese ›Zufälle‹ jedoch dankbar gewesen. Nun aber hatte er es nicht weiter aufschieben können. Er mußte, der Anlaß gebot es. Er empfand es als Ironie, daß er weder den Zeitpunkt seines Fortgangs noch den seiner Rückkehr selbst hatte wählen können. (mehr …)

Zitat des Tages #61

Ein Narr, der sich einbildet, ein Fürst zu sein, ist von dem Fürsten, der es in der Tat ist, durch nichts unterschieden, als daß jener ein negativer Fürst, und dieser ein negativer Narr ist, ohne Zeichen betrachtet sind sie gleich.

Georg Christoph Lichtenberg (1.7.1742–24.2.1799)

Zitat des Tages #60

Ob ich gleich weiß, daß sehr viele Rezensenten die Bücher nicht lesen die sie so musterhaft rezensieren, so sehe ich doch nicht ein was es schaden kann, wenn man das Buch lieset, das man rezensieren soll.

Georg Christoph Lichtenberg (1.7.1742–24.2.1799)

Kurzes #47 · Lateinnachhilfe

»Ich frage mich ernsthaft, warum du Latein im Leistungskurs genommen hast. Nicht nur, daß du anscheinend die einfachsten Grammatikregeln nicht verstehst, sondern dich scheint das alles überhaupt nicht zu interessieren!«
Rolf sank auf seinem Stuhl tieferötend in sich zusammen. Frau Schellenbach hatte sich mit seinem Klassenarbeitsheft vor ihm aufgebaut und hielt es ihm wie eine Sünderkartei hin.
»Das ist ja wohl die mit Abstand schlechteste Arbeit, die ich in den letzten Jahren von einem Schüler bekommen habe. Wenn du mit diesen Kenntnissen im alten Rom nach dem Weg gefragt hättest, wärst du ganz bestimmt wegen Beleidigung verhaftet worden, wenn nicht Schlimmeres«, setzte sie bissig und auch ein wenig verächtlich hinzu.
Es war fast unbegreiflich, warum sie ihm das Heft nicht rechts und links um die Ohren schlug. Statt dessen legte sie es mit spitzen Fingern vor ihn hin und drehte sich, ohne ein weiteres Wort an ihn zu richten, auf den Absätzen um und ging zum Pult zurück um die übrigen Hefte den Schülern zurückzugeben. (mehr …)