Schlagwort-Archiv »Literatur«

Blog-Notizen #2

Regelmäßigen Lesern meines Blogs dürfte sicherlich nicht entgangen sein, daß sich meine Kurzgeschichten in erster Linie um das Thema Beziehungen drehen mit unverkennbarer erotischer Komponente und dabei oft genug das vermeintlich »Außergewöhnliche« beschreiben – Fetischismus, Hydrophilie, etc. Sie sollen vor allem die Lebenfreude beschreiben, in der sich Erotik widerspiegelt, denn Erotik ist in erster Linie Ausdruck von Lebensfreude. Sie hilft eine Auszeit aus dem täglichen Allerlei zu nehmen, lehrt das unbeschwerte – gemeinsame – Genießen, einen Weg zu sich selbst, zum anderen, zum eigenen Körper zu finden.
Den Gegenpool bilden die Zitate, die Interpretationen und die Rezensionen, von denen sich bisher nur letztere mit Büchern beschäftigt haben, die explizit Erotik als Thema haben. Die Rezensionen betreffen Texte, die mich auf irgendeine Weise beeindruckt haben, die einfach beeindruckend sind! Zeitlos in ihrer Aussage, und oft genug trotz ihres Alters noch immer erschreckend aktuell, auch wenn sie mitunter – sprachlich – ein wenig angestaubt erscheinen mögen. Wie z. B. »Frankenstein« von Mary Shelley oder »Ein Weihnachtslied« von Charles Dickens oder die die Kurzgeschichten von Wolfgang Borchert.

Kurzes #37 · Quälende Hoffnung

Die letzten Strahlen der Juniabendsonne bahnten sich mühsam einen Weg durch den schmalen Spalt des dichten, leicht staubigen Vorhangs. Das Fenster war ein wenig geöffnet, damit die frische Luft Zugang in dieses spärlich möblierte Zimmer, dessen Tapeten schon lange ihre ursprüngliche Farbe eingebüßt hatten und stumpf und fleckig geworden waren, fand. Die Einrichtung bestand lediglich aus einem schmalen Bett mit leicht durchgelegener Matratze, einer niedrigen Kommode, deren Oberfläche längst ihren Glanz eingebüßt hatte, einem altersschwachen Schrank, dessen knarrende Türen im ganzen Haus zu vernehmen waren; ein kleiner runder Eßtisch mit drei wackligen Stühlen vervollständigte die Einrichtung. Es war das Zimmer eines einsamen alten Menschen, der sich mit einer kargen Rente kaum über den Monat bringen konnte, obwohl er ein ganzes Leben hart gearbeitet hatte, der ein düsteres Leben ohne rechte Freuden führen mußte. (mehr …)

Zitat des Tages #40

Ehrgeiz ein Surrogat des moralischen Gefühls. – Das moralische Gefühl darf in solchen Naturen nicht fehlen, welche keinen Ehrgeiz haben. Die Ehrgeizigen behelfen sich auch ohne dasselbe, mit fast gleichem Erfolge. – Desshalb werden Söhne aus bescheidenen, dem Ehrgeiz abgewandten Familien, wenn sie einmal das moralische Gefühl verlieren, gewöhnlich in schneller Steigerung zu vollkommenen Lumpen.

Friedrich Nietzsche (1844–1900): Menschliches, Allzumenschliches · Ein Buch für freie Geister

Kurzes #36 · Eine Vernissage

Der folgende Text ist Ausszug aus »Ein neues Zimmer« aus dem Erzählband »Felizia & Felix«

 

Als Gero sich auf den Weg zu Wolfs Vernissage in einer kleinen ein wenig vom Zentrum entfernt gelegenen Galerie machte, dachte er bereits nicht mehr an Marlies. Im Prinzip ging er nur aus der damals noch relativ frischen Freundschaft zu Wolf dorthin. Vernissagen langweilten Gero in der Regel. Sie besaßen für ihn immer etwas Verpflichtendes, war ihm der Künstler persönlich bekannt. Ansonsten waren ihm zu viele Leute anwesend, die aus allen möglichen Gründen dorthin gingen, jedoch nur selten der Kunst allein wegen. (mehr …)

Kurzes #35 · Sommerlicher Spaziergang

Als sollte der lange kalte Winter so bald als möglich in diesem Jahr ausgeglichen waren, war der Juni bereits zu Anfang von beinahe hochsommerlichen Temperaturen geprägt. Aber nicht nur das Wetter hielt in diesem Jahr Ungewohntes bereit. Auch für Till hatte es eine – angenehme – Überraschung parat.
Sonja war etwas mehr als mittelgroß, mit einem wunderbar femininem Körper, dichtem, langem schwarzen Haar, das sie meist zu einem Zopf geflochten trug. Ihr fröhliches Wesen, ihr Humor und die Lebensfreude, die sie ausstrahlte, hatten Till sogleich gefangen genommen. Ihre Spontanität stand fast schon im Gegensatz zu seiner Bedächtigkeit in manchen Dingen. Es war ihrer Spontanität geschuldet, die ihn noch immer nicht so recht glauben ließ, daß Sonja mit ihm zusammen war. Dabei litt er in keiner Weise an Selbstunterschätzung. (mehr …)

Zitat des Tages #39

Freude im Alter. – Der Denker und ebenso der Künstler, welcher sein besseres Selbst in Werke geflüchtet hat, empfindet eine fast boshafte Freude, wenn er sieht, wie sein Leib und Geist langsam von der Zeit angebrochen und zerstört werden, als ob er aus einem Winkel einen Dieb an seinem Geldschranke arbeiten sähe, während er weiß, daß dieser leer ist und alle Schätze gerettet sind.

Friedrich Nietzsche (1844–1900): Menschliches, Allzumenschliches · Ein Buch für freie Geister

Zitat des Tages #38

Die höhere Kultur wird notwendig mißverstanden. – Wer sein Instrument nur mit zwei Saiten bespannt hat, wie die Gelehrten, welche außer dem Wissenstrieb nur noch einen anerzogenen religiösen haben, der versteht solche Menschen nicht, welche auf mehr Saiten spielen können. (mehr …)

Kurzes #34 · Begegnung auf dem Friedhof

Der folgende Text ist ein kurzer Auszug des Roman »Adalberts Erbe«. Zur Zeit noch in Bearbeitung.

 

Die Schatten waren beträchtlich länger und durchsichtiger geworden. Malte mußte wohl etwas eingenickt sein. Ihm fiel ein, daß er auf jeden Fall noch zum Friedhof gehen wollte, dem Grab seines Patenonkels einen Besuch abstatten. Eilig räumte er das Geschirr in die Küche. Tisch und Stühle ließ er stehen, wo sie waren. Er holte die etwas ungelenk angefertigte Skizze, die ihm der alte Notar von der Lage des Grabes gegeben hatte, aus einer mitgebrachten Mappe mit diversen Schriftstücken das Erbe betreffend. Vermutlich hätte er das Grab nach einigem Suchen auch ohne diese Skizze gefunden, allzu groß war der alte Friedhof ja nicht, wenn auch in die Länge gezogen. (mehr …)