Henning Mankell »Die italienischen Schuhe«

von
Armin A. Alexander

Der Chirurg Frederik zieht sich nach einer mißglückten Operation, die er selbst nebulös mit »Die große Katastrophe« bezeichnet, auf eine abgelegene Schäreninsel zurück, die er von seinen Großeltern geerbt hat. Seine einzigen Gefährten in der selbstgewählten Einsamkeit sind ein alter Hund und eine alte Katze. Mehrmals in der Woche kommt das Postboot vorbei. Der hypochondrische Briefträger holt sich bei Frederik immer wieder Rat bezüglich seiner eingebildeten Krankheiten. Obwohl Frederik ihm stets versichert, daß ihm nichts fehle, beruhigt ihn das nicht. An einem eisigen Wintertag taucht plötzlich Harriet auf. Mit ihr hatte Frederik vor vielen Jahren eine Beziehung, verschwand aber plötzlich aus ihrem Leben und hat seitdem nie wieder etwas von ihr gehört. Harriet ist krebskrank und hat nur noch wenige Monate zu leben. Sie erinnert ihn an ein Versprechen, das er ihr damals gegeben hat: Ihr den Waldsee zu zeigen, in dem Frederik als Kind mit seinem Vater geschwommen ist. Mehr widerwillig macht Frederik sich mit Harriet auf die Reise, auf der er nicht nur Menschen kennenlernt, die scheinbar nicht in ein gutbürgerliches Schema passen, die aber auf ihre Weise ihren Platz gefunden haben und diesen zu behaupten wissen.

 

Henning Mankell zeichnet einfühlsam das Portrait eines Mannes, der einen begangenen Fehler nicht verkraften kann und sich gekränkt in die Einsamkeit zurückzieht. Obwohl ihm von amtlicher Seite nur eine Teilschuld attestiert wird und er seine Arbeit hätte fortsetzen können, empfindet er seinen begangenen Irrtum als derart schwerwiegend, daß es ihm unmöglich erscheint, seinen Beruf weiterhin auszuüben. Sein Tagesablauf auf der Schäreninsel ist minutiös festgelegt. Er überläßt nichts mehr dem Zufall. Seine Gedanken beschäftigen sich oft mit seinem Vater, einem Kellner, der in seinem Berufsleben manch Demütigung hat erdulden müssen, Demütigungen, die der junge Frederik mitkommen hat. Es sind diese Kindheitserinnerungen, die später den erfolgreichen Chirurgen haben dünnhäutig werden lassen. So wie er vor der Verantwortung bezüglich seines Kunstfehlers flieht, flieht er vor der Verantwortung, die eine Beziehung mit Harriet bedeutet hätte. Sein Leben auf der großelterlichen Schäreninsel scheint bis zum Ende seiner Tage vorbestimmt zu sein. Doch Harriets Erscheinen an einem eisigen Wintertag läßt diese Sicherheit zur Illusion werden. Frederik erfährt, daß er eine erwachsene Tochter hat, der es schwerfällt, ein bürgerlich geordnetes Leben zu führen, die dennoch ihren Platz gefunden hat. Frederik beginnt sich der Realität zu stellen, zu seiner Tochter eine Beziehung aufzubauen. Er nimmt sogar Kontakt zu Agnes auf, jener jungen Frau, der er seinerzeit irrtümlich den Arm amputiert hat. Sie kümmert sich um ausgestoßene junge Frauen und hat ihm seinen Kunstfehler verziehen. Frederik erkennt, daß es noch etwa anderes gibt, als sich kleinmütig vor der Welt zu verschließen. Harriet stirbt in seinem Haus, in dem auch eines der Mädchen, die Agnes betreut, aus Verzweiflung Selbstmord begeht, aber Frederik stellt sich diesen »Schicksalsschlägen« und flieht nicht mehr vor ihnen.

 

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