Kurzes #39 – Der Gipsfuß

von
Armin A. Alexander

»Und dann war’s passiert. Ich spürte einen stechenden Schmerz im rechten Fuß und Sterne tanzten mir vor den Augen«, schloß er seine etwas blumenreiche Erzählung über den Unfallhergang.

»Und was sagt der Arzt«, fragte Bernd, der ihm aufmerksam und – wie er meinte – mit leichter Schadenfreude zugehört hatte.

»Daß er schon lange nicht mehr einen so sauberen Bruch eines Sprungbeins gesehen hätte, seit er die Universität verlassen habe«, erwiderte Rolf, trotz allem nicht ohne einen gewissen Stolz, denn er vertrat den Grundsatz, wenn man schon etwas macht, sollte man es auch richtig machen, selbst wenn’s weh tut.

»Der Mann hat jedenfalls Humor«, war Bernd nicht sehr beeindruckt. »Und wie lange muß der Fuß in Gips bleiben?«

»Sechs Wochen. Viel Laufen soll ich nicht. Am besten zu Hause bleiben und den Fuß die meiste Zeit hochlegen.«

»Kommst du denn zurecht?«

»Maria schaut ja regelmäßig vorbei und du willst ja auch ab und zu kommen. So brauche ich nicht raus. Na ja und außerdem habe ich jetzt viel Zeit zum Lesen.«

Bernd sah auf seine Uhr.

»Ich muß langsam gehen. Kathrin hat mich gebeten, noch etwas einzukaufen. Sie hat für heute abend eine neue Kollegin eingeladen, die extra für die aktuelle Ausstellung eingestellt worden ist. Sozusagen eine Art Arbeitsessen.« Bernd klang nicht gerade begeistert, was weniger am Gast als daran liegen dürfte, daß er mit Kathrin den Abend lieber allein verbringen würde.

Sie waren seit kurzen verheiratet und er der Ansicht, daß Frischvermählte während der ersten Monate ihre Abende ausschließlich in trauter Zweisamkeit verbringen sollten. Ungeachtet der Tatsache, daß sie schon vor der Hochzeit fast zwei Jahre zusammengelebt hatten.

»Kommt sie alleine?«

»Wer?« war er offenkundig in Gedanken.

»Kathrins Kollegin!«

»’tschuldigung, ich dachte gerade an was anderes. Nein, sie bringt ihren Mann mit. Soviel ich weiß, ist er irgendwo im mittleren Management.« Er schüttelte sich leicht angewidert.

Das war also der wahre Grund, weshalb er auf diesen Abend keine Lust hatte. Seit er vor Jahren eine unerquickliche Beziehung mit einer BWL-Studentin gehabt hatte, besaß er eine Aversion gegen alle, die diesen Berufszweig ergriffen haben. Was Rolf durchaus verstehen konnte, obwohl es ja ganz passable Leute darunter geben soll, wenn er bisher niemandem, auf den das zutraf, begegnet war.

»Kann ich noch was für dich tun«, erkundigte er sich hilfsbereit im Aufstehen.

»Nein, danke, grüß Kathrin von mir.«

»Werde ich machen«, versprach er.

»Wie geht’s Maria?« Er stand vor ihm, die Hände lässig in den Hosentaschen, wie jemand, der über endlos viel Zeit verfügte.

Rolf verkniff sich ein Schmunzeln. Bernd wollte seinen Aufbruch offenkundig so lange als möglich hinauszögern, dabei kann er es normalerweise gar nicht erwarten, seiner Kathrin in die Arme zu sinken.

»Es geht ihr gut.«

»Und wie steht es so zwischen euch?«

»Bernd«, lachte Rolf, »wir sind beide längst nur noch gute Freunde. Wobei man das ›nur‹ in Anführungsstriche setzen muß. Das weißt du doch!«

»Ja, ja«, meinte er gedankenverloren. »Nur habe ich nicht verstanden, warum ihr nicht mehr zusammen seid.«

»Warum bist du mit Gisela nicht mehr zusammen oder mit Veronika beispielsweise?« Gisela war die BWL-Studentin. Rolf konnte sich diesen Seitenhieb nicht verkneifen. Bernd zuckte leicht unter der schmerzlichen Erinnerung zusammen. »Bernd, ich glaube, du sollst jetzt wirklich gehen, wenn du noch etwas einkaufen willst. Außerdem solltest du Kathrin nicht unnötig warten lassen.«

Der Freund verstand diesen Wink mit dem Zaunpfahl.

»Ja, ja, schon gut«, lenkte er schuldbewußt ein. »Ich geh’ ja schon. Ich schaue morgen im Laufe des Tages wieder vorbei«, versprach er und reichte Rolf zum Abschied die Hand. »Du brauchst nicht aufzustehen«, wehrte er großmütig ab, als Rolf nach seinem Krückstock greifen wollte.

Nachdem die Tür ins Schloß gefallen war, lehnte Rolf sich mit einem tiefen Seufzer zurück. Er mochte Bernd sehr, aber manchmal war er froh, wenn er gegangen war.

Der Fuß begann unter dem Gips leicht zu jucken. Außerdem pochte er immer noch ein wenig. Es war nicht mehr wirklich schmerzhaft, nur lästig.

Er nahm das Buch wieder zur Hand, in dem er gelesen hatte, bevor Bernd gekommen war. Doch schon nach dem ersten Absatz verlor er die Lust und legte es wieder weg.

Der Unfall lag kaum vierundzwanzig Stunden zurück und schon begann er sich zu langweilen.

Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme im Nacken.

In der Wohnung war es ungewöhnlich ruhig. Es war ein herrlich sonniger Frühlingsnachmittag. Das Gezwitscher der Vögel war das einzige Geräusch, das durch das gekippte, zum Hof hinausgehende Wohnzimmerfenster drang. Es war kaum zu bemerken, daß es mitten in der Stadt war. Die Wohnung lag im dritten Stock eines verwinkelten Altbaus mit Innenhof. Genaugenommen waren es mehrere Häuser, die zur Straße zwar eine einheitliche Front bildeten, aber zum Hof hinaus von verschiedenen, scheinbar willkürlich hingesetzten Anbauten flankiert wurden. Vom Wohnzimmerfenster aus konnte er bequem das Bad und das Schlafzimmer einer, eine halbe Etage tiefer liegenden Wohnung im Nachbarhaus einsehen. Sie stand zur Zeit leer. Vom Haus gegenüber konnte aber niemand zu ihm hineinsehen, denn über jener Wohnung war bereits das Dachgeschoß. Das Bad blickte auf eine gut sechs Meter entfernte fensterlose Wand eines anderen Anbaus. Die Wohnungen waren so verwinkelt wie die Häuser selbst, was lange schmale und während der meisten Zeit des Tages dunkle Flure mit sich brachte. Die Räume selbst waren gut geschnitten und hell.

Die Sonnenstrahlen wanderten langsam über die Bücherwand.

Er muß wohl ein wenig eingenickt sein – er hatte vergangene Nacht nur sehr wenig geschlafen, einerseits hatte sein Fuß gepocht, andererseits war es alles andere als einfach mit einem Gipsfuß eine bequeme Schlafstellung einzunehmen –, denn das Läuten des Telephons, das er sich in Griffweite gelegt hatte, ließ ihn heftig zusammenschrecken.

Es war Angela. Sie hatte mehr aus einer Laune heraus kurz zuvor Maria angerufen und durch sie von seinem Unfall erfahren. Er freute sich über ihren Anruf. Seit sie vor zwei Jahren aus beruflichen Gründen nach Hamburg übergesiedelt war, war der Kontakt zwischen ihnen leider etwas eingeschlafen. Sie hatten sich somit viel zu erzählen und als er den Hörer wieder auflegte, hatte er nicht nur ein warmes Ohr.

Die schwächer werdende Abendsonne warf bereits lange Schatten.

 

 

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