»Alte Krimis« – Eine Übersicht

von
Armin A. Alexander

Interpretationen

Als einer der Urväter, wenn nicht der Urvater des modernen Kriminalromans gilt Edgar Allan Poe (* 1809–† 1849), der mit C. Auguste Dupin den Typus des Liebhaberdetektivs geschaffen hat, der nach Lage der Fakten rein logisch vorgeht. In »Die Doppelmorde in der Rue Morgue« (1841) stellt Dupin seine Fähigkeiten zum ersten Mal unter Beweis. Erzähler ist aber nicht er selbst, sondern ein Freund, quasi ein Vorläufer des gutmütigen und auch ein wenig schwerfälligen Doktor Watson. Poe läßt seinen Dupin erneut in »Das Geheimnis der Marie Rogêt« auftreten, ebenso in »Der entwendete Brief«.

Arthur Conan Doyle (* 1859–† 1930) kreiert wenige Jahrzehnte später mit Sherlock Holmes den wohl berühmtesten Kriminalisten der Literaturgeschichte, ein ebenso brillanter Logiker wie Dupin. (»Eine Studie in Scharlachrot«, 1887). Während bei Poe und Doyle die ermittelnden Polizeibeamten als doch recht einfältige Bürokraten daher kommen, die sich immer auf der gänzlich falschen Fährte befinden und letztlich eine untergeordnete Rolle spielen, sind sie bei Edgar Wallace (* 1875– † 1932) überwiegend recht pfiffig. Bei Wallace steht nicht so sehr die minutiöse Rekonstruktion mit Hilfe der Logik und bei Doyle mit modernen naturwissenschaftlichen Mitteln, die zu Poes Lebzeiten noch bescheidener gewesen waren, im Vordergrund, die bei Wallace natürlich auch Teil der Erzählung sind, jedoch nicht mehr vom Detektiv selbst, dafür meist von dafür ausgebildeten Spezialisten erbracht werden, Ärzte, Chemiker, etc., sondern das Umfeld von Opfer und Täter. Zudem besitzen die Detektive in der Regel ein Privatleben, wodurch meist eine mit dem Fall verwobene Liebesgeschichte Teil der Handlung darstellt.

Dorothy L. Sayers (* 1893–† 1957) kreiert mit Lord Peter Wimsey den bekannten Liebhaberdetektiv der britischen Upperclass.

Dashiell Hammett (* 1894–† 1961) schafft mit seinem Sam Spade eine neue Form des Privatdetektivs, nicht mehr den strahlenden Helden, sondern jemand, der selbst am Rande der Gesellschaft steht und durch seine Ermittlungen einen tiefen Blick in die Abgründe der Gesellschaft tut. Es herrschen nicht mehr die Gegenpole Gut und Böse vor, sondern es werden gesellschaftliche Zustände beschrieben, in denen diese Zuschreibungen nicht mehr gelten, das Psychologische tritt in den Vordergrund und nicht mehr Logik und der vermeintliche Zufall beherrscht das Bild.

 

Neben den zuvor aufgeführten prominenten Beispielen, gibt es während der Zeit nach Poe und bis zu Beginn der 1940er Jahren weitere, zu ihren Lebzeiten populäre Autoren des Kriminalromans, deren Protagonisten oft mit dem Scharfsinn eines Dupins und eines Holmes ausgestattet waren, ohne jedoch ausschließlich reine Verstandesmenschen zu sein.

Anna Katharine Green (* 1846–† 1935), die wohl wichtigste amerikanische und eine zu Lebzeiten sehr populäre Autorin von Kriminalromanen neben Poe und Doyle, stellte mit ihrem Inspektor Gryce den ersten Polizeibeamten vor, der nicht nur wie bei Poe Staffage war. (Werke mit Gryce als Protagonisten zu finden bei Projekt Gutenberg). Etwa zwei Jahrzehnte später führte sie die wohlhabende altjüngferliche Amateurdetektivin Miss Amelia Butterworth ein, eine Vorläuferin der, dem heutigen Leser weitaus bekanntere Miss Marple von Agatha Christie (* 1890–† 1976).

Der irische Autor Matthias McDonnell Bodkin (* 1855–† 1933) schaffte nicht nur den Privatdetektiv Paul Beck (1899), sondern mit Dora Myrl – »Ein weiblicher Detektiv« (1900) – den wohl ersten professionellen weiblichen Detektiv der Literatur, die ihren männlichen Kollegen im Punkto Scharfsinn nicht nachsteht. In »Paul Becks Gefangennahme« (1909) läßt er seine beiden Detektive zum ersten Mal persönlich aufeinandertreffen und zu Kontrahenten werden. Das Kräftemessen endet, wie nicht anders zu erwarten, in einer ehelichen Verbindung der beiden und der Aufgabe ihrer Tätigkeiten als Detektive.

Der Franzose Émile Gaboriau (* 1832–† 1873) schaffte mit Inspektor Lecoq eine weitere prägende Figur des frühen Kriminalromans. Lecoq ermittelt Fakten, die mit Ergänzung von neuen wissenschaftlichen Methoden zur Klärung des Falls führen. Bei Gaboriau stehen die Schilderungen des Milieus und der psychologischen Befindlichkeiten im Vordergrund, besonders gut zu sehen in »Der Strick um den Hals« (1873).

 

Auch im deutschsprachigen Raum gab es zu jener Zeit erfolgreiche Autoren, die sich dem Kriminalroman verschrieben hatten.

Annie Hruschka (* 1867–† 1929) schuf mit Silas Hempel den ersten prominenten deutschsprachigen Detektiv. Auch bei ihr stehen das Umfeld, in dem die Tatn begangen wurde und die psychologischen Befindlichkeiten im Vordergrund. Eine Auswahl ihrer Werke ist auf Projekt Gutenberg zu finden.

Auguste Groner (* 1850–† 1929) ist eine weitere Vertreterin des zeitgenössischen deutschsprachigen Kriminalromans, ihre Detektivfigur heißt Joseph Müller. Eine Auswahl ihrer Werke auf Projekt Gutenberg.

Die wenigen Kriminalromane des Österreichers Hugo Bettauer (*1879–† 1925) setzen unterschiedliche Schwerpunkte. In »Bobbie oder die Liebe eines Knaben« (1921) macht sich der dreizehnjährige Bobbie mit seinem Hund auf die Suche nach seiner entführten neunjährigen Freundin Gertie. Bettauer kritisiert in dieser Geschichte zugleich den Wahn mit zweifelhaften Mitteln alternden reichen Menschen die ewige Jugend zu ermöglichen, die skrupellose Ärzte auf den Plan ruft. In »Der Frauenmörder« sprechen alle Indizien für die Täterschaft des talentierten, aber erfolglosen Autors Thomas Hartwig, doch die Leichen der verschwundenen Frauen sind unauffindbar. Der ermittelnde Kommissar Krause – mit richtigem Namen Joachim von Dengern den selbst ein »Geheimnis« umgibt – steht vor einer scheinbar unlösbaren Aufgabe, die in einer Überraschung endet. »Hemmungslos« ist weit mehr Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg als Kriminalroman, obschon der Protagonist Kolomann Isbaregg zum zweifachen Mörder wird. Isbaregg, dekorierter Offizier im Ersten Weltkrieg und von Adel gerät nach dem Umsturz in Armut und wird durch die Umstände zum Kriminellen. Obschon er seiner Taten überführt und vor Gericht gestellt, urteilt letztlich eine höhere Gerechtigkeit über ihn. Damit ist jetzt nicht die göttliche gemeint.

Robert Kohlrausch (* 1850–† 1934) verfaßte mit »Eine Affenkomödie« eine Persiflage auf die Ermittlungsmethoden eines Sherlock Holmes. Exaktes logisches Vorgehen löst einen Kriminalfall auf, den es nie gegeben hat. Weitere Werke von Robert Kohlrausch bei Projekt Gutenberg.

Der sudetendeutsche Schriftsteller Louis Weinert-Wilton (eigentlich Alois Weinert) (* 1875–† 1945) verfaßt seine Kriminalromane im Stil zeitgenössischer englischer Autoren wie Edgar Wallace. Sie spielen ausnahmslos in England, jedoch handelt es nicht um bloße Kopien, sondern um eigenständige Werke, die vom tiefen Verständnis der Originale zeugen.

Als letzten in dieser nur unvollständigen Auflistung internationaler und deutschsprachiger Krimiautoren der Zeit von ca. 1840 bis ca. 1940 sei der Deutsche Walther Kabel (* 1878–† 1935) genannt. Kabel war zu Lebzeiten ein bekannter und erfolgreicher Autor sogenannter Kolportageromane und -serien, die er unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlichte. Neben Abenteuer- und Liebesgeschichten, verfaßte er zahlreiche Kriminalromane, darunter über 300 mit dem Detektiv-Gespann Harald Harst und Max Schraut, eine etwas modernere Variante von Sherlock Holmes und Doktor John Watson. Wie Holmes und Watson, so sind Harst und Schraut äußerlich Gegenpole, Harst, der große hagere, Schraut, der kleinere dickliche. Ihm Gegensatz zu Watson ist Schraut jedoch kein solider Vertreter des Bürgertums, sondern ein gestrauchelter, zum Taschendieb gewordener ehemaliger Schauspieler, bevor er von Harst unter die Fittiche genommen und als dessen Assistent auf den rechten Weg zurückgeführt wird. Durch die erzwungene Kürze der Geschichten – Heftromane mit rund 60 Seiten – kommen diese ohne abschweifende Schnörkel daher, doch mit kniffliger Fragestellung, durchaus meist eines Conan Doyle würdig.

Werke von Walther Kabel sind auf der offiziellen Walther-Kabel-Seite zu finden.

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