Sachbuchempfehlungen zu BDSM

von
Armin A. Alexander

Zwar besitzen wir heute über das Internet Zugriff auf eine schier erschlagende Menge an Information, auch bezüglich BDSM, doch wird leider zu vieles nur gestreift oder ist unvollständig, oder wird seit Jahren nicht mehr gepflegt, ein Schicksal, das leider auch datenschlag.org ereilt hat, daher eine kleine Auswahl an gedruckten Büchern (von einigen gibt es auch e-book-Ausgaben oder es gibt sie derzeit nur als solches), von denen einige schon als Klassiker bezeichnet werden können, die immer wieder Neuauflagen erleben.

 

Die Wahl der Qual

Die Wahl der Qual von Kathrin Passig (Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises 2006) und Ira Strübel ist der erste deutschsprachige BDSM-Ratgeber, der 2000 in einem großen Publikums- und nicht in einem rührigen Nischenverlag erschienen ist. Die Autorinnen berichten frisch und lebendig, was BDSM wirklich ist, räumen mit Vorurteilen auf, lassen aber auch wichtige historische und andere Fakten nicht zu kurz und »Betroffene« zu Wort kommen.

Das Buch erlebt mittlerweile die aktualisierte 3. Auflage und kann bereits zu Recht als ein Klassiker der sadomasochistischen Literatur angesehen werden.

Man kann es – wie im Untertitel beschrieben »Handbuch für Sadomasochisten und solche die es werden wollen« – auch als Handbuch sehen. Auf jeden Fall ist es ein Muß für Menschen, die aus welchem Grund auch immer mehr über ein Thema erfahren wollen, das ungerechtfertigterweise zu lange ein Tabuthema war und doch eigentlich »nur« eine von vielen Möglichkeiten ist Sexualität lustvoll und befriedigend zu leben. Wer selbst BDSM-Neigungen bei sich entdeckt hat und nicht weiß, wie er damit umgehen soll, dem wird es helfen Ängste und Vorurteile abzubauen und alle anderen werden erkennen, wie leicht Vorurteile entstehen, aber wie schwer sie wieder zu beseitigen sind.

(Rowohlt, Hamburg ISBN 978-3-499-62408-7, Broschur 9,99 €) Bei Amazon

 

Das SM-Handbuch

Matthias T. J. Grimme, Herausgeber des wohl ältesten deutschsprachigen BDSM-Szene-Magazins »Schlagzeilen«, dessen erste Ausgabe als Infoblatt der Hamburger SM-Szene bereits 1988 erschien, brachte 1996 die ursprüünglich als »Sicherheitsbrevier« im Magazin betitelte Artikelserie mit Sicherheitsratschlägen, als Buch heraus, wobei die einzelnen Artikel einer Bearbeitung unterworfen worden sind. (Sicherheits-)Ratgeber in dieser Form gab es bis dahin fast nur im angloamerikanischen Sprachraum, wobei diese sich in erster Linie an lesbische BDSMer wie Pat Califas »SM: Sensuous Magic« oder an Schwule, »Leatherman’s Handbook« von 1972, das erst 1999 auf Deutsch veröffentlicht wurde.

M. T. J. Grimme zählt in diesem Buch die verbreitetsten BDSM-Praktiken und ihre Risiken auf und wie sie sich minimieren lassen. Die Lektüre ersetzt in keiner Weise das Gespräch mit in der Sache erfahrenen BDSMern, da auch Grimme nur einen Überblick geben kann und für eine ausführliche Behandlung eines jeden Themas ein eigenes umfangreiches Buch benötigt würde. Zum Glück begegnet man heute in der BDSM-Szene in jedem Bereich erfahrenen Leuten und werden Infoveranstaltungen im Rahmen von Stammtischen oder eigene Lehrgänge, teilweise in mehreren Sitzungen, abgehalten.

(Charon-Verlag, Hamburg, ISBN 978-3-9314-0601-1, Hardcover 21,50 €) Bestellmöglichkeit hier

 

Ein bißchen härter ist viel besser

Der 2009 erschiene Ratgeber des Autorenpaars Sabine und Wolf Deunan, beide erfahrene BDSMer seit sich die nicht-kommerzielle BDSM-Szene in Deutschland entwickelt hat, ist eine Mischung aus Sicherheitsratgeber und Information über BDSM im allgemeinen und besonderen. Jedes relevantes Thema wird mit einem kurzes Abriß behandelt, so daß der Interessierte sich nicht durch Abschnitte »quälen« muß, wenn er sich informieren will. Dafür gibt es ausreichend, bestimmte Themen vertiefende Informationsquellen.Behandelt werden die »Klassiker« Bondage, Schlagen, Dominanz und Unterwerfung. Beim Fetischismus liegt der Schwerpunkt auf Fußbekleidung, Füße an sich, die Kleidungs- und Materialfetische werden nur gestreift und auf die Klassiker, Lack, Leder und Latex beschränkt, lediglich das Korsett wird ausführlicher behandelt.

(Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin, ISBN 978-3-89602-833-4, Broschur, 9,90 €) Bei Amazon

 

Lust auf Schmerz

Die Herausgeberin Cornelia Jönsson läßt in diesem Buch 33 Frauen zu Wort kommen, wie sie ihre Neigung zu BDSM entdeckt haben. Sicherlich wird manche(r) Parallelen zu ihrem eigenen Werdegang entdecken. Auszug aus dem Vorwort:

33 Strauchlerinnen 33 Frauenfußpaare im Dickicht 33 Einsamkeiten 33 Orientierungsverlust 33 Neuanfänge 33 Abzweigungen 33 Wege weg vom Weg 33 Tauchgänge 33 Blicke in die Tiefe 33 Verdunkelungen 33 Wahrheiten 33 Suchende 33 Frauen die anders sind 33 Frauen die sich selbst neu erfinden 33 Ausbrüche 33 Einbrüche 33 Durchbrüche 33 Ankommende 33 Entdeckerinnen neuer Kontinente 33 Reisende in unbekanntes Gebiet 33 Dompteurinnen ihrer eigenen Bestien 33 Frauen die sich ins Angesicht blicken 33 Frauen die die Straßen der meisten verlassen 33 Frauen die ihren eigenen Weg gehen 33 Geschichten die sich selbst schreiben 33 Bilder die sich dem Malen nach Zahlen entziehen 33 Versuche es anderes zu machen 33 Frauen die ihre Lust entdecken [–]«

Als Lektüre auch allen Nicht-BDSMern empfohlen, die noch immer der Auffassung sind, Frauen hätten grundsätzlich nur Kuschelsex im Sinn 😉

(Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin, ISBN 978-3-89602-909-6, Broschur 9,90 €) Bei Amazon

 

SM-Lexikon

Das »SM-Lexikon« von Arne Hoffmann besitzt zwar die eine oder andere leichte Schwäche, bietet davon abgesehen eine umfangreiche Übersicht. Teilweise sind die einzelnen Artikel recht ausführlich, u. a. zu »Gewaltpornografie« worin gesellschaftliche Kontext und die historische Entwickelung und wie Moral und nicht Empirie die Diskussion beherrschte und noch beherrscht, bei »Ponygirl« findet sich ein historischer Abriß, der zeigt, daß auch diese Spielart sehr alt ist und mit dem nicht unwichtigen Hinweis, wenn ein Verdacht auf Knöchelschädigung vorliegen würde, die Behandlung keinem Tierarzt zu übergeben, »Gehirnwäsche«, »Frauenbewegung«, »Zensur« und ein Überblick über die Entwicklung der »Sexualwissenschaft« und deren Einstellung zu BDSM. Aber auch zu Bereichen, die gemeinhin nicht direkt mit BDSM in Verbingungen gebracht werden, und selbstverständlich die üblichen Punkte wie »Bondage«, »Fetischismus«, klassischer SM, Kunst und Literatur, die im Kontext steht.

(Passion Publishing, ISBN 978-3-9399-0728-2,Broschur 12,17 €) Bei Amazon

 

Liebe an der Schmerzgrenze

»Liebe an der Schmerzgrenze« aus dem Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag gibt es derzeit nur als E-Book im epub-Format. Anders als in Cornelia Jönssons »Lust auf Schmerz« kommen im Buch von Stephanie Maria und Tim Bussen in ausführlichen Gesprächen auch Männer und Paare zu Wort. Dabei erfährt der Leser, daß die Grenzen vom »normale« zu BDSM fließend sind und manchem gar nicht bewußt ist, daß das, was er macht, BDSM ist. Und es manchmal auch eine Gratwanderung an der Grenze zwischen dem ist, was guten Gewissens als für Seele und Körper als ungefährlich angesehen werden, und dem, was nachhaltige negative Folgen für den Einzelnen haben kann, ohne daß es auf den ersten Blick bewußt wird. Aber auch das ist bei jedem Menschen anders gelagert.Wirklich gefährlichen Tun ist meist ersichtlich.

(Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin, ISBN 978-3-84751-145-8, E-Book epub 6,99 €)

 

111 Gründe SM zu lieben

Aus der Feder von Cornelia Jönssons stammt »111 Gründe SM zu lieben«, in dem sie auf lockere Weise Gründe aufzählt, die für SM sprechen. Es werden Gründe aufgeführt, wie »Weil wir Strukturen für Urlaube haben«, »Weil wir Machtwissen besitzen«, »Weil wir gewisse Bildungsgüter fließig in uns aufsaugen», »Weil wir überhaupt einen relativ erotischen Alltag haben, wenn wir wollen, »Weil wir die Einheit der Gegensätze herstellen«, »Weil wir auch als Laien medizinisches Know-How besitzen« oder praktische Schönheitstips wie »Weil SM ein guter Grund für einen dicken Arsch ist«, »Weil wir uns nicht ausziehen müssen, um Sex zu haben«, »Weil Schläge gut für die Durchblutung sind«, »Weil wir der Faulheit huldigen können« oder auch »Weil wir öffentlich Sex haben und keiner merkt es«, »Weil wir so viele interessante Menschen kennenlernen«

(Schwarzkopf & Schwarzkopf, erweiterte Neuausgabe, ISBN 978-3-86265-079-8, Broschur, 14,95 €) Bei Amazon

 

Neben den vorgenannten gibt es weitere Ratgeber, die einzelne Themen, wie Bondage, die Problematik, eine Herrin, eine Sklavin, etc zu finden behandeln. u. a. bei Schwarzkopf & Schwarzkopf und im Charon-Verlag, über den Online-Shop von letzterem können auch viele Bücher von anderen Verlagen zum Thema bestellt werden – es muß schließlich nicht immer Amazon sein. 😉

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