Kurzes #81 – Die neue Zimmerwirtin

von
Armin A. Alexander

Das Zimmer war geräumig, die Möbel unübersehbar neu. Das breite Bett, dessen Matratze sogar noch neu zu riechen schien, der Kleiderschrank wie auch das hohe schmale Regal, bislang ohne Inhalt, wollten erst noch in Besitz genommen werden. Nur der Schreibtisch und die beiden, um einen niedrigen Tisch mit einer farbenfrohen flachen Keramikschale darauf, aufgestellten bequemen Sessel waren eindeutig älteren Datums, jedoch sehr gut gepflegt.

»Es ist hier den ganzen Tag über sehr ruhig«, war ihr Bemühen offensichtlich, daß er das Zimmer nahm.

Sie stand mit vor dem Schoß gefalteten Händen im Türrahmen und beobachtete ihn erwartungsvoll, während er sich umschaute.

Die Art wie er das Zimmer durchmaß, verunsicherte sie leicht. Es gelang ihr nicht, die Befürchtung zu unterdrücken, daß es ihm nicht gefallen könnte. Er war zwar nicht der erste Interessent, aber der erste, der ihr zusagte. Da sie nicht gezwungen war zu vermieten, konnte sie wählen. Selbst wenn es anders wäre, würde sie zwei Bewerbern auf jeden Fall abgesagt haben. Der eine war ein älterer Herr. Nicht daß sie grundsätzlich Vorbehalte gegenüber älteren Herren besaß. Jener hätte gut als Inbegriff des kultivierten und ruhigen Vertreter seiner Gattung herhalten können. Wäre es ihr lediglich ums Geld gegangen, könnte sie sich keinen besseren Mieter vorstellen. Der andere Bewerber war eine Frau, die von ihrer Firma für einige Monate in diese Stadt versetzt worden war und lediglich eine Schlafgelegenheit für unter der Woche benötigte, da sie am Wochenende nach Hause fuhr. An ältere Herren und Frauen wollte sie jedoch prinzipiell nicht vermieten. Darüber hinaus hatten noch zwei Studenten auf die Annonce reagiert, bei denen sie für kurze Zeit Zweifel hegte, ob sie nicht doch einen von ihnen nehmen sollte. Letztendlich hatte sie sich dagegen entschieden; sie waren ihr einfach zu jung. Ihn dagegen sah sie bereits beim Vorgespräch am Telephon als aussichtsreichsten Kandidaten. Als er dann vor ihrer Tür stand, sagte ihr die Intuition, daß er möglicherweise der Richtige sei.

»Vom Fenster aus haben Sie einen guten Blick in den Garten«, fuhr sie mit ihrer Anpreisung fort, eifriger als es wohl beabsichtigt war. »Er war der Stolz meines verstorbenen Mannes«, hier schneuzte sie sich leicht, aber es wirkte künstlich. Ihm schien, als sei sie überzeugt, daß dies von ihr erwartet würde. »Ursprünglich wollte mein Mann hier ein Arbeitszimmer einrichten, doch er kam nicht mehr dazu. Einzig den Schreibtisch konnte er noch anschaffen. Ich habe alles gut gepflegt.«

Für einen Moment erwog Gero, das Zimmer nicht zu nehmen, obwohl es ihm zusagte, auch war der Preis zu dem sie es vermieten wollte – einhundertfünfzig Euro im Monat – für die relativ nahe Lage zum Zentrum bemerkenswert günstig, weshalb er mit einer gewissen Skepsis zum Besichtigungstermin gefahren war, die sich angenehmerweise nicht bewahrheitet hatte. Trotzdem verspürte er nur wenig Lust, in einer Art Mausoleum zu leben, wo alles und jedes an den verstorbenen Vorbesitzer erinnerte und nichts verändert werden durfte.

»Ich vermiete es letztlich nur, weil ich in dem großen Haus nicht allein sein möchte«, hatte sie Gero bereits am Telephon erklärt, so daß ihr später nicht der Vorwurf gemacht werden konnte, sie habe andere Gründe vorgeschoben, und hatte schnell hinzugefügt – war es doch für sie mit der ausschlaggebende Punkt bei ihm: »An einen Kulturjournalisten sogar gerne.«

Er hatte sich ihr als Journalist für kulturelle Themen vorgestellt, was nur die halbe Wahrheit war. Er schrieb zwar hin und wieder Artikel, Kritiken und Essays über Literatur und gelegentlich auch über Kunst, aber nur um sich einigermaßen über Wasser halten zu können. Eigentlich war er Schriftsteller, doch bisher über die Veröffentlichung mehrerer Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und einen Band mit Erzählungen, der in einem kleinen rührigen Verlag erschienen war, nicht hinausgekommen. Leider verkaufte sich der Band mehr schlecht als recht, obwohl ihm von verschiedener Seite außergewöhnliche Begabung bescheinigt wurde, und die Kritik sich seiner wohl wollend angenommen hatte.

»Wir haben unser Haus einfach zu großzügig geplant«, fuhr sie fort, während er durch das Fenster einen Blick hinunter in den großen gepflegten Garten warf. »Aber mein Mann meinte, daß es seiner Stellung angemessen sei.«

Er konnte sich nicht helfen, sie klang wie eine ältliche Frau, die nach mindestens vierzig Jahren Ehe – einschließlich längst erwachsenen Kindern, die schon lange aus dem Haus waren, vermutlich gab es bereits Enkelkinder – plötzlich von einem Tag auf den anderen in die Witwenschaft gestoßen worden war, und nun versuchte, sich mit der Einsamkeit zu arrangieren, was ihr mehr schlecht als recht gelingen wollte.

»Im Prinzip gefällt mir ein großer Garten«, fuhr sie wie beiläufig plaudernd fort, um jeden Eindruck zu vermeiden, sie wolle ihm das Zimmer aufdrängen. Sie hoffte, daß er, je länger diese Besichtigung dauerte, sich leichter entschließen würde das Zimmer zu nehmen. »Meine Großeltern besaßen einen vergleichbar großen Garten.«

Er hörte ihr lediglich mit halbem Ohr zu. Er würde das Zimmer doch nehmen. Allein auf Grund der Miete konnte er nicht ablehnen, aber noch mehr, weil er nicht länger in Wolfs Atelier wohnen wollte und konnte. Wolf war ohne Zweifel ein lieber Kerl und prima Kumpel, was auch niemand, der ihn näher kannte jemals ernsthaft bestritten hätte, doch lebte er in seiner eigenen Welt. Daneben begann Gero der Geruch von Ölfarbe und Zitrusterpentin, der bei Wolf alles zu beherrschen schien, lästig zu werden. Für sich genommen beileibe kein unangenehmer Geruch, doch durchdrang er bei Wolf wirklich alles. Selbst soeben mitgebrachtes frisches Gemüse schien bereits danach zu schmecken. Zudem mußte man immer aufpassen, daß man sich nicht auf einen der vielen mit Öl- und Acrylfarbe getränkten Lappen setzte, die Wolf überall achtlos verteilte.

»Ich nehme es«, sagte Gero laut und wandte sich ihr wieder zu.

»Wenn Sie wollen, können Sie sofort einziehen«, war sie sichtlich erleichtert über seine Entscheidung.

»Es wäre mir tatsächlich ganz recht«, sagte er von einem lautlosen inneren Seufzer begleitet.

Es gelang ihm nicht, die Befürchtung zu unterdrücken, daß sie ihn ›bemuttern‹ könnte., wenngleich sie nur wenige Jahre älter als er sein konnte. Sie schien der Typ dafür zu sein, zumindest weckte ihr bisheriges Auftreten diesen Gedanken bei ihm, obwohl sie nur wenig Mütterliches an sich hatte.

Sie hatte nach ihrem Telephonat den Eindruck einer ältlichen Witwe irgendwo in den Sechzigern bei ihm hinterlassen. Einzig ihre relativ junge Stimme, deren Tonfall Unsicherheit verriet, hatte ihn irritiert. Sie sei seit zwei Jahren Witwe. Ihr Mann, ein hoher Beamter bei der Stadtverwaltung, war nur wenige Jahre vor dem wohl verdienten Ruhestand überraschend einem Herzinfarkt erlegen.

Darum war Gero umso überraschter, als ihm eine etwas mehr als mittelgroße, ausnehmend attraktive, für seinen Geschmack allerdings ein wenig zu üppige Vierzigerin mit einem derart mütterlichen Busen, daß sie ihm Stehen ihre Füße nicht sah, in unaufdringlicher Eleganz gekleidet, öffnete, das dichte schwarze Haar schulterlang und gut frisiert. Ihr Make-up war trotz der verwendeten dezenten Erdfarben unübersehbar auf Wirkung bedacht, doch in keiner Weise aufdringlich. Es betonte ihre dunklen Augen und ihre vollen, fast schon ein wenig zu vollen Lippen. Alles in allem ein hübsches, sympathisches rundes Gesicht, in dem die Proportionen aufs beste miteinander harmonierten. Im ersten Moment hatte er sie für die Tochter gehalten. Auch jetzt fiel es ihm noch schwer, ihre Erscheinung mit dem Bild in Einklang zu bringen, das er sich während des Telephonats von ihr gemacht hatte. Was verhinderte, daß er ihre durchaus nicht schwache erotische Ausstrahlung bewußt wahrnahm. Er fühlte sich unbewußt zu ihr hingezogen – der wahre Grund weshalb der das Zimmer nahm. Sie zählte zu den Menschen, die vom ersten Moment etwas Liebeswertes ausstrahlen.

Zuerst war es ihm nicht aufgefallen, aber ihr Parfum war trotz der fruchtigen Note ein wenig schwer; es beherrschte schnell den Raum, was aber nicht unangenehm war.

Er zahlte die erste Monatsmiete sofort. Sie setzte sich an den Schreibtisch, wobei sie die Beine mit der lässigen Eleganz einer Frau übereinanderschlug, die um deren Schönheit und Wirkung weiß. Der seitliche Schlitz des Rocks öffnete sich dabei soweit, daß ein Teil des Strumpfsaums sichtbar wurde. Dadurch zog sie unwillkürlich seinen Blick auf sich. Er nahm sie zum ersten Mal bewußt als Frau und nicht nur als seine neue Zimmerwirtin wahr. Für den Moment durchfuhr ihn ein angenehmes Gefühl. Es waren schöne, muskulöse Schenkel mit einer fast makellosen Haut, auf denen sein Blick ruhte.

Sie schien den bewundernden Blick, den er auf ihren Beinen, ihren schmalen Fesseln ruhen ließ, nicht zu bemerken. Sie stellte ihm eine Quittung in einer steilen, ein wenig fahrig wirkenden Handschrift aus und reichte sie ihm mit einem leicht zaghaften freundlichen Lächeln. Sie wollte ihre Zufriedenheit nicht zu offen zeigen, aus Furcht, er könnte es sich im letzten Moment doch anders überlegen.

Er nahm die Quittung entgegen und fragte sich, warum ihm nicht gleich aufgefallen war, daß sie schöne gepflegte Hände mit schlanken Fingern hatte, deren etwa mehr als halblange Nägel sie in einem hellen warmen Erdton lackiert hatte.

Er steckte die Quittung achtlos in die Jackentasche. Sie stand mit einer fließenden Bewegung auf und übergab ihm die Schlüssel. Nun war der Handel abgeschlossen. Mit einem sichtlich erleichterten Lächeln geleitete sie ihn zur Tür.

Obwohl er sich immer noch nicht darüber im klaren war, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, war er froh, bereits diese Nacht wieder in einem richtigen Bett schlafen zu können und nicht mehr mit Wolfs zwar breiter doch reichlich unbequemer Schlafcouch vorliebnehmen zu müssen.

Wolf tat zwar so, als bedauere er, ihn als Mitbewohner zu verlieren, doch seine Mimik sprach allzu offen ihre eigene Sprache. Der in seinen Augen vorhandene Ordnungsfimmel des Freundes war ihm bereits lästig geworden. Gero nahm es Wolf nicht übel. Er empfand ähnlich. Wolf fuhr Geros Sachen; die Wäsche, die vier Kisten mit Büchern, das nicht mehr allzu neue Notebook und dem dazugehörigen Drucker nebst diverser Utensilien mit seinem altersschwachen Kombi zu Geros neuem Domizil.

Geros neue Zimmerwirtin hielt sich während des Einzugs erfreulicherweise im Hintergrund und Wolf verschwand, kaum daß sie die Sachen in Geros Zimmer geschafft hatten, nicht ohne ihm vertraulich und mit einer leichten Anzüglichkeit zuzwinkern. »Eine hübsche Wirtin hast du dir da ausgesucht.« Ordentliches Einräumen war nicht Wolfs Ding, er vertrat den Grundsatz; wo etwas lag konnte es liegen bleiben, man fand es später umso leichter wieder. Gero war zwar auch kein Freund übertriebener Ordnung, doch bestimmte Dinge wußte er gerne an ihrem Platz. Suchen war ihm lästig.

Das Bett zwar zwischenzeitlich bezogen worden. Die unaufdringlich gemusterte Bettwäsche, nicht unangenehm zum Ansehen, roch frisch, war mit Sicherheit im Garten getrocknet und schien neu zu sein. Wolf dagegen ›vergaß‹ bisweilen frische Wäsche aufzuziehen, auch etwas, was ihn an dem Freund störte. Während seiner Zeit bei Wolf hatte Gero dafür gesorgt, daß stets saubere Bettwäsche zur Verfügung stand.

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