Kurzes #108 – Nachhilfe tut Not

von
Armin A. Alexander

»Was ist mit Ihnen los? Sie sind bereits zum zweiten Mal durch meine Prüfung gefallen. Erneut mit dem schlechtesten Ergebnis, was mir unbegreiflich ist. Ich frage doch lediglich Grundlagen ab. Es fällt Ihnen doch sonst leichter. Sie haben doch so gut wie alle Scheine beisammen. Wollen Sie das alles aufs Spiel setzen?«

Ulla senkte unter den väterlich strengen Worten ihres Baustoffkundeprofessors mehr als nur schuldbewußt den Blick. Er hatte mit allem recht und gerade das machte es so schlimm. Sie verstand es ja selbst nicht. Es ging wirklich nur ums bloße Auswendiglernen, was ihr noch nie schwergefallen war.

Herbodtsheim unterbrach seine ›Standpauke‹ und betrachtete die bildhübsche junge Frau, die wie die sprichwörtliche arme Sündern in sich zusammengesunken auf dem Stuhl ihm gegenüber saß. In der Regel brachte er eine gehörige Portion Skepsis Studentinnen entgegen, die aussahen, als wären sie soeben den Titelseiten diverser Hochglanzmodemagazinen entstiegen. Das mochte bei Geisteswissenschaftlerinnen, Juristinnen und BWLerinnen nicht nur angehen, sondern sogar erwünscht sein, aber bei einer zukünftigen Ingenieurin fand er es fehl am Platz. Eine Baustelle ist nun einmal nicht der angemessene Ort für eine Modenschau. Doch bei dieser jungen Frau war einiges anders. Sie war fleißig und intelligent. Während einer Unterhaltung mit ihr traten die Äußerlichkeiten in den Hintergrund. Allerdings konnte er sie sich in Cordhosen und derben Schuhen auch gar nicht so recht vorstellen.

Ulla fühlte eine leichte Übelkeit aufsteigen. Herbodtsheim hatte aufgehört zu reden und sah sie mit väterlichem Wohlwollen an, was sie absolut nicht mochte. Es genügte, wenn ihr leiblicher Vater sie so ansah. Überhaupt hatten er und Herbotsheim manches gemein.

»Weiß Ihr Vater von Ihren Schwierigkeiten?« fragte er teilnahmsvoll.

Sie schrak auf und errötete leicht. Doch Herbodtsheim schien es nicht zu bemerken.

»Nein, bisher nicht. Ich möchte ihn nicht unnötig beunruhigen«, erwiderte sie mit leicht zitternder Stimme.

»Sie sollten unbedingt mit ihm darüber sprechen. Er rechnet schließlich damit, daß Sie einmal sein Konstruktionsbüro übernehmen werden.«

»Ja, das tut er«, erwiderte sie und unterdrückte einen Seufzer.

Seit der Oberstufe hatte ihr Vater kaum von etwas anderem gesprochen, sobald es ihre berufliche Zukunft betraf. Er unterstützte sie finanziell großzügig, damit sie sich vollständig auf ihr Studium konzentrieren und sich die Dinge leisten konnte, die sie brauchte, um vom Streß des Studiums abschalten zu können, was ihr bei den Kommilitonen den Ruf einer Prinzessin eingebracht hatte. Lediglich ihre guten Leistungen und ihr offenes, fröhliches Wesen verhinderten, daß sie als eine verwöhnte höhere Tochter abgestempelt wurde, die nur zum Spaß studiert. Ihr bisher gutes Abschneiden bei den meisten Prüfungen hatte ihren Vater Stolz auf seine ›schöne und kluge‹ Tochter werden lassen. Mittlerweile wußten so gut wie alle seine Geschäftsfreunde und Kunden, daß sie mittelfristig eine nicht unwichtige Rolle in seinem renommierten Büro für Tragwerksplanung spielen würde. Lediglich den Zeitpunkt, an dem er sich selbst aus dem Geschäft zurückziehen würde, hatte er noch nicht festgesetzt.

»Ich schätze Ihren Vater«, fuhr Herbotsheim im Plauderton fort. »Ich hatte das Vergnügen, ihm auf verschiedenen Tagungen zu begegnen. Ich bin überzeugt, daß Sie das Zeug haben, in seine Fußstapfen zu treten. Darum wäre es doppelt ärgerlich, wäre Ihnen wegen eines Scheins eine vielversprechende Karriere verbaut. Vielleicht sollten Sie einfach eine Auszeit nehmen. Zeitlich sind Sie gut im Rennen und Sie stehen nicht unter finanziellem Druck, wie die meisten Ihrer Kommilitonen.«

Sie schüttelte entschieden den Kopf.

»Nein, das wäre nicht gut. Ich fürchte auch, daß mir die Ruhe dazu fehlt. Außerdem hat mein Vater mir angeboten, daß ich nach meinem Abschluß, wenn ich möchte, ein Jahr oder auch etwas länger tun und lassen kann was ich will, bevor ich in die Firma eintrete.« Und außerdem würde ich das Studium gerne endlich hinter mich bringen, da es mich langsam zu nerven beginnt, fügte sie in Gedanken hinzu.

»Sie müssen es wissen«, erwiderte Herbotsheim etwas kühl, weil sie seinen gut gemeinten väterlichen Rat nicht einmal überdenken wollte. »Vielleicht sollten Sie sich intensiv mit jemanden vorbereiten, der die Prüfung bereits bestanden hat«, riet er ihr und gab ihr zugleich zu verstehen, daß er das Gespräch damit als beendet betrachtete.

Mit leicht zitternden Knien stand sie auf, froh, entlassen zu sein.

Draußen auf dem Gang atmete sie tief durch, ehe sie den Gebäudetrakt der Ingenieurswissenschaftlichen Fakultät verließ, in dem die Professoren ihre Büros hatten.

Näher betrachtet war sein Vorschlag die einzig erfolgversprechende Möglichkeit, die Prüfung beim nächsten Mal zu bestehen. Leicht fiel ihr die Erkenntnis nicht. Sie, die immer nur Nachhilfestunden gegeben und sich, seit der achten Klasse damit beträchtlich ihr Taschengeld aufgebessert hatte, brauchte zum allerersten Mal in ihrem Leben selbst welche, alles schön und gut, nur von wem?

Spontan fiel ihr niemand ein. Zumindest keiner, der nicht eine gewisse Schadenfreude an den Tag legen würde.

Nachdenklich betrat sie die kleine Cafeteria.

Wie an einem Freitagnachmittag üblich war nicht viel los. Entweder fuhr man nach Hause oder hatte Besseres zu tun, als sich noch in der Alma mater aufzuhalten, weshalb sie auch nicht damit rechnete, hier irgendeinem Bekannten zu begegnen. Sie holte sich einen Kaffee, der zwar nichts Besonderes, aber immerhin genießbar und heiß war, und setzte sich an einen Tisch, von dem aus sie den Raum bequem überblicken konnte, ohne selbst sogleich ins Blickfeld Hereinkommender zu geraten. Sie streckte die schönen zartbestrumpften langen Beine aus, trank von ihrem Kaffee und ließ die Blicke gedankenverloren schweifen.

Rüdiger, wie üblich in der Nähe des Eingangs sitzend, war er alleine, war überrascht sie an einem Freitagnachmittag, um diese Zeit hier noch zu sehen. Sie machte keinen glücklichen Eindruck. Es war nicht zu übersehen, daß sie etwas bedrückte. Er folgte ihr mit den Blicken, wie sie sich einen Kaffee holte und bei der gelangweilten Kassiererin bezahlte, die keinen Hehl daraus machte, daß sie es für unsinnig ansah, Freitagnachmittag für die paar Studenten geöffnet zu lassen. Ulla steuerte einen Platz an, von dem sie nahezu den gesamten Raum im Blick hatte. Und obwohl sie ihre Blicke schweifen ließ, nicht wirklich etwas sah.

Es war nicht falsch zu behaupten, daß er seit dem ersten Semester auf eine besondere Weise in sie verliebt war. Aber das waren einige ihrer Kommilitonen und nicht nur die männlichen, selbst wenn es die wenigsten zugäben. Doch ernsthaft hatte er sich nie Hoffnungen gemacht, wie letztlich alle. Er war alles andere als schüchtern, das war es nicht. Aber sie gehörte nun einmal zu den Frauen, bei denen scheinbar nur bestimmte Männer landen können. Zuerst hatte er in ihr lediglich eine von diesen verwöhnten ›Höheren Töchtern‹ gesehen, die mehr aus Langeweile irgendein Fach studieren, doch hatte er seine Meinung schnell ändern müssen, was ihn keine große Überwindung gekostet hatte. Im Gegenteil war er erleichtert, daß sich ein Klischee wieder einmal nicht bewahrheitet hatte. Sie war nicht nur ausnehmend attraktiv, sondern auch im gleichen Maße intelligent und von liebenswertem Wesen.

Sie blickte schon eine geraume Zeit in seine Richtung und sah ihn doch nicht. Sie hielt die Tasse mit beiden Händen, als wollte sie sich an ihr wärmen, und nahm hin und wieder einen Schluck daraus. Es hätte auch warmes Wasser sein können. Sie war derart mit ihren Gedanken beschäftigt, daß ihr der Unterschied nicht aufgefallen wäre. Ihr wollte einfach kein Kommilitone einfallen, dem sie sich hätte anvertrauen wollen.

Für einen Augenblick erwog sie, Angela zu bitten. Doch dann dachte sie daran, daß Angela, seit sie sich vor ein paar Monaten von ihrer Freundin getrennt hatte, ihr eindeutige Avancen machte und sie fürchtete, Angela könnte es zu ihrem Vorteil ausnutzen. Nicht daß sie sich nicht vorstellen konnte, auch mit einer Frau zu vögeln, aber Angela wäre aus mehreren Gründen als letzte infrage gekommen. Ihr Bemühen, grundsätzlich einen androgynen Eindruck zu erwecken, war nur einer davon. Wenn schon eine Frau, dann das, was in der Szene mit einer ›Femme‹ bezeichnet wird, gerne auch mollig. Sie entsprach dem Bild einer ›Femme‹ auf geradezu ideale Weise. Angelas fast schon derbe männliche Art sie anzubaggern, stand als weiterer Minuspunkt auf der Liste.

Darüber hinaus fiel ihr nur noch Wolfgang ein. Aber Wolfgang kam ebensowenig infrage. Er war ihr zwar nicht wirklich unsympathisch, besaß jedoch ein paar Eigenheiten, für die er zum Teil wenig konnte, die ihr seine Gegenwart aber unangenehm werden ließen. Es war nicht nur sein starkes Rauchen, so daß er zwangsläufig beim Sprechen immer das Aroma eines kalten Aschenbechers verbreitete. Schlimmer war sein chronisches Magenleiden, so daß er trotz der Einnahme spezieller Medikamente einen fortwährend unangenehmen Atem besaß, das Rauchen verstärkte das lediglich. Außerdem neigte er zur Ungeduld. Weshalb sie fürchtete, daß er rasch mißmutig wäre, wenn sie etwas nicht so zügig verstand wie sie aus seiner Sicht sollte.

Es schien absurd zu sein, daß es unter mehr als einhundert Kommilitonen nicht einen einzigen geben sollte, der für sie als Nachhilfelehrer infrage kam.

Rüdiger schlug das Buch zu, in dem er seit Ullas Eintreten nicht mehr gelesen hatte, und trank den Rest von seinem längst erkalteten Tee. Während er beinahe ungeniert den Blick auf Ullas langen Beinen ruhen ließ – daß sie wirklich ausschließlich Strümpfe und keine Strumpfhosen trug, hatte sein Kennerblick schnell herausgefunden –, überlegte er, ob er noch ein wenig bleiben sollte. Mit ihr würde sich sicherlich kein Gespräch ergeben und nicht nur auf Grund offenkundiger Geistesabwesenheit. Die wenigen Male, die sie sich beide seit ihrer Erstimmatrikulation miteinander unterhalten hatten, ließen sich an den Fingern der rechten Hand abzählen. Wenn es überhaupt die Möglichkeit gegeben haben sollte, daß sich so etwas wie Freundschaft zwischen ihnen entwickelt – von einer Beziehung ganz zu schweigen –, war diese längst vorübergegangen. Und versäumten Gelegenheiten pflegte er grundsätzlich nicht nachzutrauern.

Mit einem kaum wahrnehmbaren Achselzucken stand er auf, packte gemächlich seine Sachen zusammen und verließ die Cafeteria, ohne noch einmal zu ihr hinüberzusehen.

»Ach, Rüdiger. Hättest du vielleicht einen Moment Zeit?«

Ullas leicht zitternde Stimme so dicht an seinem Ohr ließ ihn erschrocken zusammenfahren. Er war vielleicht drei Schritte weit gekommen.

»Oh, tut mir leid, wenn ich dich störe«, entschuldigte sie sich sichtlich verlegen, durch ihre innere Anspannung interpretierte sie seine Reaktion falsch.

Natürlich, es war auch blöd, ihm einfach hinterzulaufen. Er hatte sicher Besseres zu tun als einer Kommilitonin, die er kaum kannte, für eine Prüfung zu helfen, die er bereits beim ersten Mal mit Leichtigkeit bestanden hatte. Er war nun einmal neben ihr einer der besten – sah man einmal von ihren Schwierigkeiten in Bauststoffkunde ab. Ihm schien noch mehr als ihr alles zuzufliegen.

Er blieb stehen und sah sie interessiert an. Sie hatte in diesem Moment etwas von einem kleinen leicht verschüchterten Mädchen an sich. Dieser Gegensatz zu ihrem üblichen selbstbewußten Auftreten stimmte ihn sanftmütig.

»Nein, du störst nicht«, sagte er freundlich, war neugierig was sie wollte.

»Da bin ich aber froh«, entfuhr ihr ein ehrlicher Seufzer.

Ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel.

»Ich möchte dich um einen Gefallen bitten und ich kann verstehen, wenn du keine Zeit hast, es dir lästig sein sollte. Ich muß Baustoffkunde unbedingt bestehen. Ich habe nur noch einen Versuch. Den darf ich nicht verpatzen. Könntest du mit mir üben? Du mußt es auch nicht umsonst tun. Du bist der einzige, von dem ich weiß, daß er mir helfen kann«, sagte sie fast ohne Atem zu holen.

Ihr Mimik besaß etwas so offen Bittendes und damit auch etwas überaus Rührendes, daß es ihm, selbst wenn er es vorgehabt hätte, schwergefallen wäre, ihre Bitte abzulehnen.

»Warum nicht?«

»Wirklich?« Sie schien offenbar nicht mit seiner Zusage gerechnet haben. »Danke!«

Spontan drückte sie ihm einen Kuß auf die rechte Wange.

»Am Montag besprechen wir alles weitere, ja? Ich muß jetzt los!«

Er schaute ihr leicht kopfschüttelnd nach, wie sie sich mit schnellen und sicheren Schritten auf ihren hohen Absätzen entfernte. Die Stelle wo sie flüchtig seine Wange mit den Lippen berührt hatte, pulsierte angenehm warm.

Sie war so erleichtert über seine Zusage, daß sie nicht einem Moment auf den Gedanken kam, ob es ihm überhaupt recht gewesen war, ihm ihre Freude so familiär zu zeigen. Sie konnte nicht verstehen, warum sie nicht gleich auf ihn gekommen war. Er war nett. Sah gut aus. Sie wußte von keiner ›Unart‹. Er war für seine sprichwörtliche Engelsgeduld bekannt, solange man sie nicht über Gebühr strapazierte. Sie gab zu, daß sie zu Anfang ihres Studiums ein wenig in ihn verknallt gewesen war. Aber da er sich nie wirklich für sie zu interessieren schien, hatte es sich auf ihrer Seite schnell wieder abgekühlt.

Aber so ist es nun einmal mit Typen, bei denen die Frauen Schlange stehen, weil sie das gewisse Etwas haben, das anderen fehlt und das sich eigentlich nicht wirklich beschreiben läßt. Je mehr man versucht, es beschreiben, umso mehr muß man erkennen, daß man sich vom Wesentlichen entfernt anstelle sich diesem zu nähern.

Vielleicht war sie auch gar nicht sein Typ. Doch war es müßig darüber nachzudenken. Vermutlich war es auch besser, daß bei ihm kaum die Gefahr bestand, angebaggert zu werden. Das würde ein entspanntes Lernverhältnis ermöglichen.

 

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