Wolfgang Borchert »Schischyphusch«

von
Armin A. Alexander

Interpretationen

Ein kleiner Junge, zugleich der Erzähler, geht mit seiner jungen Mutter und seinem Onkel an einem heißen Sommersonntagnachmittag in ein Gartenlokal. Der Onkel hat im Ersten Weltkrieg ein Bein verloren und durch eine ebenfalls dort erhaltene Schußverletzung an der Zunge lispelt er. Ansonsten ist der Onkel ein großer breitschultriger lebensfroher Mensch, eine imposante Erscheinung. Einer der Kellner des Gartenlokals ist das genaue Gegenteil; klein, unscheinbar, verschüchtert, mußte in seinem Leben unzählige Demütigungen hinnehmen und erfährt Mißachtung weiterhin Tag für Tag. Doch haben er und der Onkel eines gemeinsam: Das Lispeln. Was zuerst zwischen ihnen zu einem Mißverständnis führt; der Onkel denkt, der Kellner wolle ihn wegen seines Sprachfehlers verhöhnen und der Kellner glaubt, der Onkel führe, was ihn betrifft, dasselbe im Schilde. Nachdem sich das Mißverständnis aufgeklärt hat, empfindet der Onkel Mitleid und Sympathie für den vom Leben derart geschundenen kleinen Mann. Nach dem gemeinsamen Genuß einiger Schnäpse, die der Onkel weitaus besser verträgt, erzählt er dem Kellner, wie er Bein und Zungenspitze verloren hat. Der Kellner akzeptiert die Entschuldigung, worauf der Onkel aus der ihm eigenen Freude am Leben schallend zu lachen beginnt, derart laut, daß die übrigen dreihundert Besucher des Lokals auf ihn aufmerksam werden. Der Kellner stimmt in das Lachen ein und geht dabei derart aus sich heraus wie vielleicht noch nie in seinem Leben. Dabei ruft er immer wieder »Schischyphusch«, bis es dem Onkel zu viel wird und er den Kellner ruppig fragt, was dieses »Schischyphusch« bedeuten soll. Erneut verschüchtert erzählt der Kellner, wie er diesen verballhornten Namen der griechischen mythologischen Figur Sisyphus von seinen Mitschülern bekommen hat, weil er ihn auf Grund seines Sprachfehlers nicht richtig aussprechen kann. Der Onkel ist beschämt als er hört, welche Mißachtung der Kellner bereits als Kind erfahren mußte. Wortlos reicht der dem Kellner einen großen Geldschein und geht gesengten Hauptes mit Nichte und Neffe fort. Der kleine Junge empfindet Mitleid mit dem Kellner, meint nach einem Blick zu diesem zu erkennen, daß er weint und sagt es dem Onkel, der selbst zwei dicke Tränen in den Augen hat. Der Onkel sieht zum Kellner hinüber und geht auf ihn zu, wobei er ihm jovial zuruft, daß er am nächsten Sonntag wiederkommen werde und »[…] donnerte sein Riesenlachen über die Tische des Gartenlokals hin: „Schischyphusch! Schischyphusch!“ […]«. Der Kellner erkennt, daß er in diesem Mann vielleicht den ersten wirklichen Freund in seinem Leben gefunden hat, winkt freudestrahlend zurück. Außer Sichtweite des Kellners entschuldigt sich der Onkel der Nichte für sein lärmendes Auftreten, aber in Anbetracht der Umstände habe nicht anders handeln können.

 

Diese frühe Erzählung Wolfgang Borcherts enthält noch nichts von der tiefen Nachdenklichkeit, der Düsternis, den destruktiven Erfahrungen des Krieges. Borcherts schöne poetische bildhafte Sprache vermittelt hier ein frisches lebhaftes tiefgründig humorvolles Bild. Es ist die Geschichte zweier Menschen, mit denen das Leben gegensätzlicher nicht hätte verfahren können, obwohl beide denselben eigentlich unbedeutenden Sprachfehler haben. Das heißt unbedeutend ist er lediglich für den Onkel, der scheinbar selbst über den viel schwerwiegenderen Verlust seines Beines mühelos hinweggekommen zu sein scheint. Dem Kellner haftet der Sprachfehler jedoch wie ein Stigma an, wegen dem er bereits als Kind verspottet wurde. Diese tiefe seelische Verletzung hat ihm jedes Selbstvertrauen geraubt. »Schischyphusch« ist in diesem Zusammenhang nicht einfach als Verballhornung eines antiken Helden zu sehen, sondern es besteht viel mehr eine Parallelität zwischen ihm und dem Kellner. Denn Sisyphus war der Sage nach dazu verurteilt einen schweren Felsen einen Berg hinaufzuschieben. Als dieser Felsen oben war, rollte er hinunter und Sisyphus mußte den Felsen erneut nach oben rollen, der immer wieder nach unten rollte, und der folglich auch immer wieder nach oben gerollt werden mußte. Für Sisyphus bedeutete es, daß er sein eintöniges an sich vollkommen sinnloses Tun ewig fortführen mußte ohne jemals das Ziel, den Felsen dauerhaft auf den Berg hinaufzubekommen, erreichen konnte. Die fortwährenden Demütigungen auf Grund seines Sprachfehlers bedeuten für den Kellner nichts anderes. Aber während Sisyphus in seinem Los verharren muß, erfährt der Kellner zumindest eine Erleichterung des seinigen; eben durch die Begegnung mit einem Mann, der denselben Sprachfehler besitzt, aber dessen Selbstvertrauen das nicht berührt, entwickelt sich in ihm auch etwas wie Selbstvertrauen. Nur hat der Onkel – was diesem später bewußt wird – eben nicht die seelischen Verletzungen, die letztlich einschneidender sind – körperliche Verletzungen vernarben irgendwann, seelische unter Umständen nie – des Kellners von Kindheit auf an erfahren müssen. Der Sprachfehler des Onkels, wie auch das verlorene Bein, haben andere Ursachen. Womit die Gemeinsamkeit zwischen ihm und dem Kellner nur eine oberflächliche bleibt. Der Onkel erkennt dies und das beschämt ihn. Er ist einem Menschen begegnet, der körperlich zwar unversehrt ist, aber ein weitaus schlimmeres Los zu tragen hat als er selbst. Der Kellner verdient seine Solidarität, die er auch bereit ist, ihm zu geben.

Ein Kommentar zu „Wolfgang Borchert »Schischyphusch«

  1. Stascha sagt:

    Super Interpretation!
    Muss diese Geschichte jetzt in der Schule bearbeiten und was (bis ich diese Seite entdeckt habe) völlig verzweifelt, weil ich den Zusammenhang Sisyphos-Kellner nicht verstanden habe.

    Aber jetzt kann ich einen guten Eindruck machen, da ich es weiss 😀

    Liebe Grüsse
    Staschasita

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