Kurzes #45 · Schönheit ist subjektiv

von
Armin A. Alexander

»Sag mal, warum hast du immer eine so glückliche Hand bei der Auswahl deiner Frauen«, fragte Daniel seinen besten und ältesten Freund Florian mit einem langgezogenen Seufzer.
»Ach? Ja? Habe ich das?« erwiderte Florian und mußte sich ein leicht ironisches Grinsen verkneifen. »Was bringt dich auf den Gedanken?«
Florian kannte seinen Freund lange genug, um an seiner Frage zu erkennen, daß bei ihm in Liebesdingen wieder einmal gehörig etwas anders verlaufen sein mußte, als er es sich vorgestellt hatte.
»Ja, das hast du«, antwortete Daniel im Brustton der Überzeugung und von einem nicht zu überhörenden Vorwurf begleitet, der weniger Florians vermeintlichen Erfolgen als der ›Weigerung‹ galt, seinen besten Freund in sein ›Erfolgsgeheimnis‹ einzuweihen.
Florian ahnte bereits den Grund, weshalb der Freund sich in dieser Stimmung befand.
»Ist etwas mit dieser Solveig? Du warst doch so begeistert von ihr?«
»Ja, schon, es war ja auch faszinierend sich mit ihr zu unterhalten, und nicht nur im Rahmen der Tagungsvorbereitungen. Soviel Warmherzigkeit, Fröhlichkeit, Weltoffenheit und Ungekünsteltes findet man viel zu selten bei einer Frau, vor allem in unserem Kulturkreis. Aber… «
Florian erinnerte sich nur zu gut, wie Daniel ihm Solveig überschwenglich und in den lebhaftesten Farben geschildert hatte, obwohl er sie lediglich durch gemeinsamen e-mail- und Telephonverkehr kannte. Mehr als einmal war Florian versucht gewesen, Daniels Euphorie zu dämpfen, ihm zu sagen, daß er erst ihre erste persönliche Begegnung abwarten solle, bevor er sich weiter hineinsteigerte. Aber er wußte, daß Daniel ihm lediglich mit fast gönnerhafter Nachsicht vorgeworfen hätte, die Dinge immer zu sehr aus einem rationalen Standpunkt aus zu sehen und daß es ihm mitunter ganz schön an Begeisterungsfähigkeit fehle.
Daniel gehörte zu den Menschen, die nicht nur jede berechtigte Warnung in den Wind schlagen, sondern dann erst recht das tun, wovon ihnen abgeraten wird, um schließlich die bisweilen ganz schön schmerzliche Erfahrung zu machen, daß sie sich von ihrer eigenen Euphorie haben blenden lassen.
»Aber… ?« fragte Florian und musterte den Freund, der ein wenig nervös die Tasse auf der Untertasse hin und her drehte.
Bevor Daniel antwortete und dabei konzentriert in seinen halb erkalteten Milchkaffee blickte, seufzte er schwermütig.
»Na ja, im Grunde war vom Zauber auch noch auf der Tagung genug da. Wir mußten uns aus organisatorischen Gründen lange vor Beginn treffen. Ich holte sie am frühen Morgen im Hotel ab. Wir hatten beschlossen, das Frühstück gemeinsam einzunehmen und dabei bereits das wichtigste besprechen.«
Hier unterbrach sich Daniel. Die widersprüchlichen Empfindungen von jenem Morgen waren wieder lebendig geworden.
Florian wußte, daß Ernüchterung auf Euphorie erfolgt war, was ihn zum ersten Mal wirklich neugierig auf diese Solveig machte.
»Man sagt ja immer, daß man diffuse Erwartungen hat, bevor man einem Menschen begegnet, den man eben nur vom Telephon oder von e-mails her kennt. Nur, wenn man diesem Menschen dann tatsächlich gegenübersteht, muß man – leider – oft genug feststellen, daß man eben doch konkrete Vorstellungen gehabt hat. Was ich sagen will, daß man bei einer Frau, die eine wahnsinnig erotische Stimme besitzt, eben auch entsprechende Erwartungen besitzt.«
Daniel blickte Florian direkt an. Es war unübersehbar, daß er um Bestätigung heischte. Florian nickte als Antwort nur schwach.
Florian wußte nur zu gut, wie eine Stimme den Gesamteindruck radikal verändern kann. Eine dünne und vielleicht auch noch näselnde Stimme konnte aus einem Hünen einen Zwerg werden lassen, über den man sich eher amüsiert. Eine topgestylte Frau wurde durch eine Piepsstimme womöglich noch in Verbindung mit vulgärer Aussprache zu jemandem, der jeden Reiz verlieren konnte. Während die vermeintlich graue Maus durchaus zur faszinierenden Schönheit werden konnte, besaß ihre Stimme ein warmes dunkles Timbre und war ihre Aussprache gewählt. Selbstverständlich sind das Extrembeispiele, aber sie verdeutlichen.
Florian kannte Daniels Vorstellungen bezüglich Frauen gut; große, asketisch-schlanke Blondinen, in schlichter Eleganz gekleidet mit bevorzugt dezentem Make-up, gebildet, lebensbejahend und warmherzig – in dieser Reihenfolge lagen die Prioritäten. Und diese Solveig schien das ›Pech‹ zu haben, daß nur die drei letzten Eigenschaften auf sie zutrafen und wie es schien, auch noch in umgekehrter Reihenfolge.
»Du weißt ja, daß ich mit üppigen Frau überhaupt nichts anfangen«, riß Daniel Florian unvermittelt aus seinen Gedanken, als er unvermittelt seinen Bericht nach einer längeren Pause wiederaufnahm
Florian unterdrückte den dritten oder vielleicht schon vierten Seufzer, seit sie auf der Terrasse des gemütlichen Cafés am Stadtpark saßen, wo sie sich verabredet hatten.
So lieb Florian Daniels Gesellschaft war, so sehr nervte es ihn, daß Daniel anscheinend nichts Besseres einfiel, als sich selbst um angenehme Erfahrungen zu bringen, nur weil er seine Fixierung auf einen bestimmten Frauentyp nicht aufgeben konnte. Er hatte sich in den zurückliegenden Jahren entschieden zu viele von diesen ›Enttäuschungen‹ anhören und die frustrierende Erfahrung machen müssen, daß Daniel gegen jede Form von Ratschlägen resistent war. Dennoch tat er sich das weiterhin an, denn zu seinem Verständnis von Freundschaft gehörte nun einmal auch, einem Freund in dessen Kummer beizustehen und sei es nur, daß er ihm zuhörte, wenn dieser ihm sein Leid klagte.
Trotzdem hätte Florian an einem derart strahlenden Frühsommertag lieber mit dem Freund bei einem Kaffee oder Tee gesessen, geplaudert und die Seele baumeln gelassen, so wie sie es bereits unzählige Male gemacht hatten.
»Was heißt schon üppig«, entfuhr es Florian dennoch ein wenig gereizt, was Daniel aber nicht wahrnahm. »Ein reichlich dehnbarer Begriff.«
»Na ja, etwa so wie Katharina«, verstand Daniel das als Frage.
Florian mußte nun doch wider seiner inneren Stimmung lächeln. Keine Frage, wurde das allgemein geltende Schönheitsideal der Medien, das relativ deckungsgleich mit dem persönlichen Daniels war, zu Grunde gelegt, dann war Katharina üppig oder mollig, was Florian als Attribut lieber war, da es etwas Liebevolles beinhaltete.
Aber was bedeutete ›Üppig‹ für sich oder warum war es gar als Nachteil zu betrachten? Sicher, Florian hätte als letzter abgestritten, daß es genug Menschen gibt, deren Beleibtheit das Ergebnis von Maßlosigkeit im Essen, eine Vernachlässigung ihres Körpers ist, die sind eine Sache für sich. Aber daneben gibt es auch Menschen, die für ihre Körperfülle nichts können, weil ihr Stoffwechsel nicht so funktioniert wie er sollte und die versuchen auf die eine oder andere Weise das beste daraus zu machen und die gelernt haben, ihre Vorzüge herauszustellen und dadurch oft eine besondere Faszination ausstrahlen, eben weil sie sich akzeptieren wie sie sind.
Von wirklicher Leibesfülle, wie sie den vorgenannten Personengruppen eigen ist, konnte bei Katharina kaum gesprochen werden, dafür war ihre Bauchwölbung, die zweifellos vorhanden war, nicht ausgeprägt genug. Im Gegenteil, sie besaß, nicht nur in Florians Augen, einen liebenswerten Reiz. Stämmig wäre ein Attribut, das auf ihre Erscheinung durchaus paßte. Nicht nur für Florian war bei Katharina ohnehin jede Rundung an der richtigen Stelle und kein Kilo zuviel. Katharinas Hüften waren breit, keine Frage, weshalb sie auch nur ungern Hosen trug, obwohl Florian sie in einer engen Lederhose besonders sexy fand, aber sie ließen ihre Taille schmaler erscheinen. Ihre Schenkel waren muskulös aber die Fesseln im Gegenzug auffallend schmal. Katharina wußte um die Schönheit ihrer langen Beine und betonte sie zu gerne mit knielangen schicken Röcken, zarten Nahtnylons und hochhackigen Schuhen, wodurch sie noch größer wirkte als sie war und eigentlich immer Florian überragte, der ebenfalls nicht gerade kleinwüchsig zu nennen war. Zu ihren auch objektiv üppigen Brüsten besaß sie ein narzißtisches Verhältnis, was sich nicht zuletzt auch in tiefen Dekolletés äußerte.
Katharina verkörperte den Typus der kultivierten Genießerin geradezu auf ideale Weise. Ob es sich um kulinarische, geistige oder erotische Genüsse handelte, sie konnte hemmungslos in ihnen schwelgen, doch überschritt sie nie den Grat zur gedankenlosen Völlerei. Genuß war für sie immer Zweck niemals Mittel oder gar Ersatz für irgend etwas.
Würde Florian gefragt, was Katharina von seinem Frauenideal besäße, dann würde er für den Frager, der Katharina kannte und wußte, wie leidenschaftlich Florian ihr zugetan war, überraschend antworten; eigentlich nur das lange schwere dunkelbraune Haar, die tiefbraunen, meist fröhlich blickenden Augen und die vollen weichen Lippen. Selbst Katharinas schöne lange Beine waren ihm im Grunde zu kräftig.
Aber ein Ideal ist ein eben nur ein Ideal, ein Muster, eine Idee von etwas, damit man überhaupt eine Vorstellung von dem hat, was man sucht, bevor man es gefunden hat. Letztlich geht es ja gar nicht so sehr ums Suchen als ums Finden.
Er hatte Katharina nicht gesucht, sondern gefunden. Es war der Fund, der ihn faszinierte. Was Daniel an Solveig von Anfang an begeistert hatte, war auch das, was Florian an Katharina begeisterte. Die vielleicht amüsante Parallele zwischen den Freunden war, daß Florian und Katharina sich auf vergleichbare Weise begegnet waren, wenn es sich auch um keine Vorbereitung für eine Tagung gehandelt hatte und sie beide in derselben Stadt lebten. Doch im Gegensatz zu Daniel hatte das erste Treffen Florians Begeisterung für Katharina alles andere als abgekühlt, denn ihre Persönlichkeit war ihm in der unmittelbaren Gegenwart noch faszinierender erschienen. Daran hätte sich für Florian auch nichts geändert, wäre Katharina klein und zart oder auch groß und schmal gewesen, wie es Daniels Ideal entsprach. Obwohl … hier setzte Florian ein Fragezeichen hinter seine Gedanken. Eine kleine zarte Katharina wäre eine andere Katharina als eine große schmale. Nicht allein wegen der Erscheinung, sondern wegen ihrer Persönlichkeit. Die Katharina, die Florian so sehr mochte, konnte es nur als die große üppige Dunkelhaarige geben, die sie war. Ihre Persönlichkeit war das Ergebnis ihrer Üppigkeit und ihre Üppigkeit war das Ergebnis ihrer Persönlichkeit. Wie es auch die Solveig, von der sich Daniel so angezogen gefühlt hatte, nur als üppige Solveig geben konnte.
Wobei Florian fand, daß Katharina ohnehin die erotischste Stimme besaß, die er je bei einer Frau erlebt hatte. Weshalb er sich zum ersten Mal wirklich für Telephonsex begeistern konnte, denn Katharina verstand es, nicht nur ihre Stimme zu gebrauchen, sondern auch die Worte entsprechend zu wählen und berauschte sich dabei nicht selten an ihren eigenen lebhaften Schilderungen.
Wieso sagte Florian Daniel nicht, daß die Solveig, die ihn derart begeistert hatte, nur mit diesem Körper gab?
»Ich weiß, die Geschmäcker sind verschieden«, riß Daniel den Freund fast entschuldigend aus seinen Gedanken, denn er hatte das Schweigen des Freundes falsch gedeutet, weil er wußte, wieviel Katharina Florian bedeutete. »Und ich wollte auch nichts gegen Katharina sagen. Sie ist eine der interessantesten und attraktivsten Frauen, die ich kenne«, beeilte er sich zu versichern.
Florian schmunzelte gegen seinen Willen über Daniels voreilige Entschuldigung und den Widerspruch in seinen Worten. Einerseits lehnte er ›üppige‹ Frauen für sich ab, andererseits schien gerade eine solche Frau, die ›interessanteste und attraktivste‹ für ihn zu sein.
Florian nahm einen langen Schluck von seinem bereits erkaltetem Tee.
»Und sonst«, fragte Florian.
»Wie meinst du das«, erwiderte Daniel, der anscheinend mit den Gedanken abgeschweift war.
»Ich meine, wie ist diese Solveig insgesamt?«
»Wie soll ich sagen? Im Grunde eine hübsche Frau, die es ganz gut versteht, ihre Körperfülle mit geschmackvoller Kleidung zu … nun, zu kaschieren«, es war nicht zu übersehen, daß Daniel nach einem passenden Wort suchte und ihm kein besseres einfiel. »Wenn auch nicht so elegant, wie Katharina.«
»Dunkel oder Blond?«
»Fast schwarzes mittellanges Haar. Ich würde sagen, ein ausgeprägt südländischer Typ. Was einen anfangs etwas irritiert, denn bei ihrem nordischen Namen denkt man eigentlich an eine Blondine«, entschuldigte sich Daniel fast.
»Im Grunde beneide ich dich«, fuhr Daniel nach einer kurzen Pause fort. »Du scheinst keinen Typ zu haben, den du bevorzugst.«
»Wie kommst du darauf, daß ich keinen bestimmten Typ bevorzuge?« fragte Florian herausfordernd, denn in seinen Ohren klang das ein wenig zu sehr nach Beliebigkeit.
»Wir kennen uns seit der Schulzeit und zumindest äußerlich besteht nur wenig Gemeinsamkeit zwischen den Frauen mit denen du über die Jahren eine Beziehung hattest.«
»Und nur weil sich, was das Äußere betrifft, scheinbar kein gemeinsamer Nenner finden läßt, heißt das noch lange nicht, daß ich nicht trotzdem einen bestimmten Typ als Ideal habe.«
»Entschuldige«, entgegnete Daniel ein wenig kleinlaut, denn Florian hatte schärfer geantwortet als er erwartet hatte.
»Wenn du es wissen willst; ich bevorzuge Frauen, die warmherzig, humorvoll, gebildet, lebensfroh sind, sich selbst und ihren Körper mögen, ihn vorbehaltlos akzeptieren und zu genießen wissen«, erklärte Florian spürbar verärgert
Daniel blickte den Freund ein wenig irritiert an. Es war lange her, daß er während einer Unterhaltung mit ihm derart heftig reagiert hatte. Es schien sich ein regelrechter Streit anzubahnen. Daß es nicht dazu kam, war Katharina zu verdanken, die an ihren Tisch trat.
»Ich hoffe, ich störe euch nicht«, sagte sie mit einem freundlichen Lächeln und strich sie eine Strähne aus der Stirn, die der leichte Wind dorthin gewehte hatte. »Ich habe einen Spaziergang durch den Park gemacht und habe euch hier sitzen sehen.«
»Du störst nie«, erwiderte Florian mit einem Strahlen und einer Zuvorkommenheit, die Katharina auflachen ließ.
»Alter Schleimer«, erwiderte sie liebevoll.
Sie verstand es wirklich, sich zu kleiden. Selbst bei vielen schmaleren Frauen hätte ein derart körperbetontes mit großen bunten Blumen bedrucktes leichtes Kleid wie die Wust in der Pelle gewirkt, doch ihr stand es bestens.
»Ich will euch nicht weiter stören«, sagte sie, bevor die beiden Freunde sie zum Bleiben überreden konnten. »Ich habe noch einen Termin. Wir sehen uns ja später. Bis die Tage, Daniel.«
Sie küßte Florian fast schwesterlich auf die Wange und ließ die beiden Freunde wieder allein. Florian sah ihr mit einer gewissen Wehmut nach obwohl er sie in kaum zwei Stunden wiedersehen würde.
»Habe ich schon gesagt, daß Solveig auch derart hohe Absätze getragen hat«, sagte Daniel gedankenverloren.
»Nein«, erwiderte Florian und überlegte, aus welchem Grund er sich beinahe mit Daniel gestritten hätte.

Ein Kommentar zu „Kurzes #45 · Schönheit ist subjektiv

  1. philip_12 sagt:

    Hallo.
    Interessante Homepage die du hier hast – mit vielen nützlichen Infos.
    Besten Dank und weiterhin alles gute!!

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