Kurzes #54 · Begegnung im Café
von
Armin A. Alexander

Wohl oder übel würde Marius das letzte Stück Weg laufen müssen, wollte er nicht bis auf die Haut durchnäßt werden. Im allgemeinen mochte er den Frühlingsregen, aber nicht unbedingt, wenn er sich mittendrin und ohne Schirm befand. Diese praktische Erfindung lag wieder einmal dort, wo sie in einer solchen Situation nicht liegen sollte: bei ihm zu Hause in der Diele auf dem Schuhschrank. So konnte er ihn unterwegs zwar nirgendwo liegen lassen, doch dafür war ihm jetzt eine kostenlose Dusche sicher.
Natürlich war der Himmel bereits mit dichten grauen Wolken tief verhangen gewesen als er das Haus verlassen hatte. Zeichen genug zu überprüfen, ob man denn nun das tragbare Regendach mitgenommen hatte und wenn nicht, noch einmal bequem umkehren konnte, um es zu holen. Doch wie dem meist so ist; man vertraut naiv auf sein mehr als zweifelhaftes Glück und fordert mit dieser Gleichgültigkeit der Macht der Elemente gegenüber, diese geradezu heraus, einem zum ungezählten Male zu beweisen, daß ihre eindeutigen Vorankündigungen stets Ernst zu nehmen sind.
Trotz allem war ihm das Glück doch noch ein wenig hold, denn bevor sich die Schleusen gänzlich öffneten, hatte er sein Ziel erreicht und trat durch die Eingangstür seines Stammbistros.
Hinter ihm ergossen sich jetzt wahre Sturzbäche. Auf dem Straßenpflaster stand innerhalb von Augenblicken eine dünne Wasserschicht, auf der die auftreffenden Tropfen große Blasen bildeten. Schnell waren die Wege wie leergefegt. Jeder versuchte eiligst einen schützenden Unterstand zu finden. Schirme boten bei einem derartigen Wolkenbruch kaum noch einen hinreichenden Schutz. Die Reifen der Autos schleuderten wahre Fontänen auf die Gehwege, die Scheibenwischer kamen trotz höchster Stufe nicht nach, die Windschutzscheiben einigermaßen blickfrei zu halten. In den Vertiefungen der abgefahrenen Fahrbahnteile bildeten sich schnell tiefe Pfützen, durch die viele Fahrer gedankenlos ihre Vehikel lenkten und manchem ahnungslosen Passanten, der sich nicht schnell genug mit einem beherzten Sprung in Sicherheit bringen konnte, von oben bis unten beschmutzten.
»Ja, es ist ein sehr feuchter Frühling heuer«, empfing ihn François, der Wirt, der gerade die Espressomaschine neu beschickte.
Marius strich sich das Wasser aus den Haaren, zog die Jacke aus und hängte sie an den Kleiderständer.
»Sehr feucht«, bestätigte Marius und trocknete mit einem Taschentuch seine Brillengläser. »Wer jetzt nicht das Glück hat, einen einigermaßen geschützten Unterstand zu finden, der braucht heute abend kein Bad mehr.«
»Oder eine gute Reinigung«, entgegnete François nüchtern und schloß den Deckel der Espressomaschine.
Auf jemanden, der ihn nicht kannte, konnte François schon als etwas humorlos erscheinen. Doch besaß er sehr wohl Humor, aber einen schwer ergründbaren. Darüber hinaus konnte sich wohl keiner, der ihn näher kannte, vorstellen, daß ihn irgend etwas oder irgend jemand ernsthaft aus der Ruhe bringen konnte. Er besaß stets ein offenes Ohr für den Kummer seiner Gäste, konnte stundenlang zuhören, gab dabei selten mehr als ein gelegentliches interessiertes Kopfnicken von sich und verstand es meisterlich, immer den Rat zu geben, den der andere sich aus tiefstem Herzen gewünscht hatte.
Für François’ Verhalten gab es zwei mehr oder weniger plausible Theorien: Erstens stammte er – zumindest nach eigenen Angaben, die bisher keiner widerlegen konnte –, aus einer alten Dynastie von Bistrowirten – es wurde gemunkelt, daß einer seiner Vorfahren schon bei Cäsars Einfall in Gallien in dritter Generation einen Gasthof betrieben haben soll, doch dürfte das ins Reich der Sagen und Fabeln gehören –, verbrieft war lediglich, daß sein Vater ein kleines Bistro bei Nantes besaß, das dieser wiederum von seinem Vater übernommen hatte, doch dann verlor sich die Spur im Dunkel der Geschichte. François selbst sah sich in jungen Jahren berufen, französische Bistrokultur ins östliche Nachbarland zu exportieren, und war damit bis heute sehr erfolgreich. Zum zweiten setzte sich die Mehrzahl seiner Gäste aus Künstlern zusammen; einigen etablierten, wozu Marius seine eigene Person in aller Bescheidenheit zählen durfte, viele die noch am Anfang ihres Werdeganges standen und sich mehr mit dem Problem beschäftigen mußten, woher sie nächste Woche das Geld für ihre warmen Mahlzeiten nehmen sollten als mit ihrer Arbeit, und – das war wohl unvermeidlich – einige wenige, die sich gerne dafür hielten, aber außer nichtssagenden Reden über sich ständig in der Schwebe befindlichen Projekten, die so diffus waren, daß sie wohl selbst nicht wußten, worüber sie eigentlich gerade sprachen, bisher nichts Erwähnenswertes vorweisen konnten.
»Oder die«, pflichtete Marius François bei und setzte die Brille wieder auf ohne die er nicht allzuviel klar und deutlich wahrnehmen konnte.
Glücklicherweise waren seine Bilder und Photographien stets klar und deutlich.
»Das gleiche wie üblich«, sagte François und putzte eine Lache von dem kleinen Rost der Maschine auf den die Tassen gestellt wurden weg.
»Dasselbe wie immer«, bestätigte Marius und setzte sich an einen Tisch am Fenster.
Marius saß gerne am Fenster, beobachtete die Szenen, die sich in dieser schmalen Straße, umsäumt von Häusern die überwiegend um Neunzehnhundert erbaut worden waren, abspielten. Sie war eher mäßig belebt, aber gerade deshalb bot sich dem aufmerksamen Betrachter manch interessante Szenerie. Die soziale Struktur – wissenschaftlich ausgedrückt – war gemischt, wenn auch der Anteil jener mit künstlerischen Berufen überdurchschnittlich hoch zu sein schien. Marius’ geräumiges Atelier, aus dessen großzügigen Fensterflächen er eine gute Aussicht über diesen Stadtteil besaß, lag in einer kleinen Nebenstraße, lediglich zweihundert Meter vom Bistro entfernt. Das Haus selbst war als eines der ersten dieses Viertels bereits in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts erbaut worden und stand seit langem unter Denkmalschutz. Erst vor wenigen Jahren waren alle Installationen erneuert und eine moderne Gasheizung eingebaut worden. Wenn man den Erzählungen der älteren Bewohner Glauben schenkte, dann hatten schon einige große Kollegen das Atelier vor ihm bewohnt. Er mochte dieses Viertel, es besaß Charme und Geschichte, nicht zuletzt, weil es zwei große Kriege und vor allem die Erneuerungswut der Stadtplaner der Fünfziger und Sechziger Jahre nahezu unbeschädigt überstanden hat. Sogar das Kopfsteinpflaster war immer noch der vorherrschende Straßenbelag. Das Viertel selbst lag unweit des belebten Stadtzentrums und besaß trotzdem etwas kleinstädtisch Gemütliches. Einige Straßen wurden noch von uralten Linden gesäumt und ein kleiner gepflegter Park bildete fast eine Art Dorfanger.
»Hier, bitte, Ihr café au lait und Ihre Waffeln. Sie wurden eben erst frisch gemacht.« François stellte beides vor ihm auf den Tisch.
Die dampfenden Waffeln glänzten von der heißen Butter. Ihr Aroma zog schnell in Marius’ Nase und verstärkte die Vorfreude auf diesen Gaumenschmaus.
»Danke, François«, entgegnete er.
»Ich habe einen Auflauf mit Äpfeln im Ofen. Wenn Sie ein Stück möchten? Ich weiß doch, wie gerne Sie dergleichen mögen«, fügte er fast väterlich hinzu.
Marius konnte in der Tat allem Süßen nur schwer widerstehen. Aber er übertrieb es auch nie, denn es wäre ein zu hoher Preis für Naschsucht, wenn sich das in den berühmten Jahresringen niederschlüge. Außerdem behielt so das Naschwerk seinen Reiz als etwas Besonderem.
»Natürlich hätte ich gerne ein Stück davon, das wissen Sie doch genau, François.«
Mit einem Anflug der Zufriedenheit um die Mundwinkel widmete François sich wieder seinen übrigen, im Augenblick nicht sehr zahlreichen Gästen.
Im hinteren Teil saß einsam an einem Ecktisch ein junger Romancier, der bereits mit einem begehrten Nachwuchspreis bedacht worden war, vertieft in die Korrektur von Druckfahnen, die sich im Zeitalter des DTP auf Computerausdrucke beschränkten. Am Nebentisch versuchten sich zwei junge Musiker darüber einig zu werden, ob ein Akkord sich so oder anders vielleicht besser in die Harmonie eines neuen Liedes einfügte. Unweit von ihm hatte sich ein stadtbekannter Karikaturist niedergelassen und arbeitete an einer Karikatur für die morgige Ausgabe einer etablierten Tageszeitung. Am Tisch gegenüber seinem saß ein Pärchen. Er, ein vielversprechender junger Maler, sie sein bevorzugtes Modell und derzeitige Lebensgefährtin. Ein hübsches zartes Ding von zwanzig Jahren mit dunkelblonden Haaren und üppigen knallrot geschminkten Lippen. Sie hatte sich an seine Schulter gelehnt und schien zu schlummern, während er auf seinem Zeichenblock einige Skizze mit schnellen, sicheren Strichen anfertigte. François spülte derweil andächtig Gläser und Tassen und ließ seinen Blick mit beinahe väterlichem Stolz auf den Anwesenden ruhen.
Er machte sich über die erste Waffel her und genoß den café au lait, der wie wohl alles was es bei François gab, unzweifelhaft eine Spezialität darstellte.
Der Wolkenbruch ging langsam in einen ausgiebigen Landregen über. Die Straßen belebten sich wieder. Die Regentropfen tanzten nur noch auf den Pfützen. Die Menschen gingen mit hochgeschlagenen Kragen und aufgespannten Schirmen eilig ihrer Wege.
Marius wollte sich gerade an seiner zweiten Waffel laben, da erblickte er Annekathrin, wie sie die Straße überquerte. Ungeachtet des Regens war sie ohne Schirm unterwegs. Während es bei ihm die reine Schusseligkeit war, daß er gewöhnlich den seinen zu Hause ließ, war es bei ihr der Normalzustand. Marius war sich sogar sicher, daß sie gar keinen besaß. Regen machte ihr nichts aus. Es störte sie nicht, wenn sie naß wurde. Ihr brauner Trenchcoat triefte vor Nässe. Sie mußte schon länger in dem Wetter unterwegs sein. Sie hatte den Kragen hochgeschlagen, den Gürtel eng geschnürt, was ihre schmale Taille und ihre üppige Brust nur noch mehr betonte, und die Hände tief in den Taschen vergraben. Das rotbraune kurze lockige Haar klebte ihr am Kopf. Achtlos schritt sie mit ihren schwarzen hochhackigen Schuhen durch eine kleine Pfütze, die ihren Weg kreuzte. Ihre schwarzen Strümpfe waren mit deutlich sichtbaren Dreckspritzern übersät. Zielsicher steuerte sie das Bistro an. Ob sie ihn schon erblickt hatte, konnte er nicht sagen. Sie besaß die Fähigkeit alles zu sehen, ohne daß man sah, daß sie es sah.
Sie stieß die Tür kraftvoll auf, sah sich nicht um, sondern entledigte sich sogleich des nassen Mantels, den sie achtlos an den Kleiderständer hängte, wo das herabtropfende Wasser eine Lache auf dem Boden bildete. François war ihre Ankunft nicht entgangen. Mehr aus Höflichkeit grüßte sie ihn kurz und steuerte zielstrebig Marius’ Tisch an. Sie setzte sich mit einer fließenden Bewegung und schlug die langen muskulösen Beine mit den schmalen Fesseln übereinander, wobei, beabsichtigt oder nicht, bei ihr ließ sich das nie sagen, ihr enger nicht sehr langer schwarzer Lederrock hochrutschte und viel Bein sehen ließ.
Über acht Jahre kannten beide sich bereits, und noch immer empfand Marius in ihrer Gegenwart ein gewisses betörendes Kribbeln, das selbst weniger empfindliche Gemüter aus dem Konzept bringen konnte.
»Lange nicht gesehen«, sagte sie statt eines Grußes und bediente sich von seiner zweiten Waffel, die sie mit ihren schlanken feingliedrigen Fingern zerpflückte und stückchenweise zwischen die vollen sinnlichen Lippen schob.
»Wenn du eine ganze Woche als lang bezeichnest«, meinte er nur und beobachtete, wie seine Waffel ziemlich zügig in ihrem Mund verschwand.
»Es gab einmal Zeiten, da erschien dir eine Trennung von mir von drei Stunden als lang«, meinte sie nur und leckte sich die Butter eindeutig lasziv von den Fingern.
Anschließend nahm sie einen langen Schluck von seinem café au lait.
Damit hatte sie natürlich recht und er machte sich auch nicht die Mühe es zu leugnen.
Wie zufällig streifte sie unter dem Tisch seine Wade mit dem Fuß.
»Was darf ich Ihnen bringen«, erkundigte sich François bei Annekathrin.
»Einen Espresso.«
»Ich habe einen Apfelauflauf, frisch aus dem Ofen.«
»Bringen Sie ihr auch ein Stück«, entschied er für sie.
Es handelte sich dabei um reinen Selbstschutz, denn sie konnte einem köstlichen Naschwerk ebenso wenig widerstehen wie er, und ehe sie seine Portion ganz allein verschlang, sollte sie besser ihre eigene haben.
»Ja, bringen Sie mir eine Portion, François«, war Annekathrin einverstanden.
François zog sich zurück.
»Es freut mich, daß du dich immer noch um mein Wohlergehen bemühst«, sagte sie in einem Tonfall und mit einem Augenaufschlag, der Marius’ Blutdruck gegen seinen Willen ansteigen ließ.
»Ich möchte dich darauf aufmerksam machen, daß du es warst, die einfach so von einem Augenblick auf den anderen verschwand und einen Monat lang nichts von sich hören ließ«, stellte er richtig.
Vor sechs Jahren hatten sie für mehr als zwei Jahre in seinem Atelier zusammengelebt und anfangs eine sehr schöne Zeit miteinander verbracht. In den Augen ihrer Freunde und Bekannten galten sie sogar als ›Traumpaar‹; der erfolgreiche junge Maler und die bildschöne rothaarige Galeristin. Doch dann war sie von einem Tag auf den anderen auf und davon, hatte die Galerie ohne ein erklärendes Wort ihrer Geschäftspartnerin überlassen, weder dieser und schon gar nicht ihm gesagt, wo sie hinfuhr und war ebenso plötzlich wieder aufgetaucht als sei nichts gewesen. Bis heute wußte niemand, wo sie gewesen war und vor allem was sie dort gemacht hatte.
»Ich habe mich eben eingeengt gefühlt. Ich brauche nun einmal meine Unabhängigkeit. Das habe ich dir von Anfang an gesagt«, meinte sie lakonisch von einem leichten Achselzucken begleitet und sah an ihm vorbei nach draußen.
»Die ich dir auch immer gelassen habe«, konterte er trocken.
»Das habe ich auch nie in Abrede gestellt«, sagte sie ruhig und strich sich eine nasse Locke aus der Stirn.
»Das wollte ich damit auch nicht sagen«, fühlte Marius sich mißverstanden. »Es handelte sich lediglich um eine Feststellung.«
»Als solche habe ich es auch aufgefaßt«, blickte sie ihn durchaus freundlich an.
Wie nebenbei begann sie seine auf dem Tisch ruhende Rechte mit den Fingerspitzen zu streicheln. Er vermochte bis heute nicht zu sagen, wann sie etwas aus Gedankenlosigkeit tat, wann aus Kalkül. Dabei war es ihm alles andere als unangenehm
»Trotzdem könntest du dir wenigstens angewöhnen, eine kurze Notiz zu hinterlassen, wenn du mich in aller Frühe verläßt«, warf er ihr zum ungezählten Male vor und hielt ihre Hand mit der Linken zärtlich fest.
Sie unternahm keinen Versuch sich seinem Griff zu entziehen.
»Was soll ich denn hinterlassen? Es war schön mit dir, ich muß aber leider schon gehen. So etwas in der Art? Daß wir voneinander nicht lassen können und nach jeder Eskapade mit anderen Partnern wieder zueinander zurückkehren, wissen wir. Auch daß wir es sogar fertiggebracht haben miteinander zu vögeln, während wir jeder einen anderen Partner hatten. Auch wenn man es mir nicht wirklich glauben will; das war das erste Mal in meinem Leben, daß ich wirklich fremdgegangen bin. Und so wie ich dich kenne, war es bei dir mit Sicherheit dein erster Seitensprung. Ebenso weißt du, wo ich wohne und ich weiß, wo du wohnst. In diesem Zusammenhang darf ich dich daran erinnern, daß auch du nur selten eine Notiz hinterläßt, wenn du mich verläßt.«
»Aber immerhin hinterlasse ich eine Notiz«, sagte er mit ungewollter Schärfe.
»Das kann ich nicht in Abrede stellen, das stimmt«, erwiderte sie darauf kühl. »Aber du mußt selbst zugeben, daß sie nicht sehr geistreich sind. – Es war ein wundervolles Erlebnis mit Dir, meine schöne Geliebte. Ich liebe dich noch immer sehr. – Als Dichter hättest du damit kaum eine Chance, außer vielleicht mit Groschenromanen.«
»Warum? Es klingt doch aufrichtig. Und wie du selbst sagst, bin ich kein Dichter.«
»Zum Glück malst und photographierst du besser. Würdest du so malen und photographieren, wie du deine kleinen Billets verfaßt, dann hätte ich bis heute nicht eines deiner Werke verkaufen können. Du wärst einer von diesen Möchtegernkünstlern, die viel über diffuse Projekte reden, aber nicht einmal in der Lage sind, eine Visitenkarte ansprechend zu gestalten.«
»Du kannst einen manchmal ganz schön aufbauen«, war Marius leicht gekränkt und drückte vielleicht deshalb umso zärtlicher ihre Hand.
»Ich sage nur die Wahrheit. Und außerdem weiß ich, daß du konstruktive Kritik ganz gut einstecken kannst. – Himmel, jetzt schaue mich nicht aus treuen Hundeaugen an! Das paßt nicht zu dir, dafür bist du viel zu selbstsicher. Daß du mich liebst, weiß ich. Das zeigst du mir nicht nur im Bett ausgiebig. Ich genieße den Sex mit dir mehr als mit jedem anderen Mann und auch mancher Frau, die ich bis heute hatte. Du bist mir auch alles andere als gleichgültig. Aber glaubst du wirklich, daß es dadurch glaubhafter wird, wenn wir es uns ständig sagen? Besonders nach langen orgastisch befriedigen Liebesnächten und -nachmittagen?«
Ehe Marius darauf antworten konnte, kam François und brachte den Apfelauflauf. Marius war froh über diese Unterbrechung, denn er hätte nicht gewußt, was er Annekathrin darauf antworten sollte.
»Nein, mein Lieber«, fuhr sie fort, als François sie allein gelassen hatte, ohne eine Antwort von ihm abzuwarten. »Wenn du mich anschließend in die Arme nimmst, dann beweist mir das mehr, daß du mich liebst als alle schönen Worte und Phrasen.«
Sie trennte mit der Gabel ein Stück von dem dampfenden Apfelauflauf ab, Zimtduft stieg aus der Füllung empor, und schob es zwischen die vollen Lippen. Dabei massierte sie seine Wade ausgiebig mit ihrem Fuß. Sie machte das stets, wenn sie sich irgendwo gegenüber oder nebeneinander saßen und er hatte es immer gemocht.
Marius schaute aus dem Fenster, während er seine Portion aß. Der Regen würde wohl noch etwas anhalten, aber in der grauen Wolkendecke zeigten sich bereits erste Strukturen. Die Passanten gingen mit aufgespannten Schirmen weniger eilig ihres Weges als noch vor einer dreiviertel Stunde. Der Regen schien als das unvermeidliche Tageswetter akzeptiert worden zu sein.
»Ich komme mir manchmal selbst wie eine alte Schlampe vor, daß ich nicht gänzlich bei dir bleibe«, fuhr Annekathrin fast wie im Selbstgespräch fort. »Doch vielleicht machst du es mir auch zu leicht. Du wartest geduldig, bis ich wieder zu dir zurückkomme, bist einfach zu nachsichtig. Deine durchaus berechtigten Zurechtweisungen sind einfach zu sehr von väterlicher Nachsicht geprägt. Ganz gleich wie ich mich dir gegenüber benommen habe. Ich würde an deiner Stelle vermutlich anders reagieren.«
»Du vergißt, daß ich dich bereits mehr als einmal quasi hinausgeworfen habe«, sah er sich genötigt zu bemerken, um nicht den Eindruck eines geduldigen Schafes noch zu verstärken, obwohl ihre Beschreibung seiner Reaktionen weitgehend den Tatsachen entsprach.
»Stimmt«, sagte sie und um ihre Mundwinkel spielte sich ein leicht amüsiertes Lächeln, während sie ein weiteres Stück von ihrem Apfelauflauf mit der Gabel abtrennte. »›Annekathrin, du gehst mir tierisch auf den Geist‹, man kann durchaus als Rauswurf bezeichnen.«
Sie mochte in diesem Moment so tun, als habe sie seinen Wutausbruch nicht wirklich ernst genommen, doch als er es seinerzeit gesagt hatte, war es ihr wirklich nahegegangen. Vor allem sein Nachsatz: ›manchmal sind mir deine Berührungen einfach zuviel‹, hatte sie tiefer getroffen als sie jemals zugeben würde. Sie hatte ihn im Sinne von; ›ich ekle mich vor dir‹ verstanden. Obwohl Marius nicht einen Augenblick daran gedacht hatte, ihr das zu verstehen zu geben. Es war ihm mehr herausgerutscht, getrieben aus einem Bedürfnis nach Genugtuung. Er hatte damit in erster Linie seinen Wunsch nach vorübergehender Distanz bekunden wollen. Ihn hatte einfach zum ungezählten Mal ihre Wankelmütigkeit genervt. Bereits eine Stunde nach diesem Streit, der wahrscheinlich der heftigste in ihrer Beziehung war, war er wieder in der Stimmung, ihr alles zu verzeihen und hätte sie, wäre sie nur greifbar gewesen, mit offenen Armen empfangen.
Seit rund acht Jahren kannten sie sich und seitdem war sie auch seine Galeristin. Ein Zusammenhang bestand nicht, auch wenn es nach außen hin so schien. Von ihr selbst und ihrer Geschäftspartnerin Johanna wußte er, daß er der erste und auch einzige Künstler war, den sie vertraten, mit dem Annekathrin jemals eine sexuelle Beziehung gepflegt hatte. Zwar hatten es einige bei ihr versucht – es wäre auch eine Beleidigung ihr gegenüber gewesen, wenn nicht –, aber sie hat es immer verstanden, dergleichen mit Kühle und Entschlossenheit schon im Ansatz zu ersticken, wofür ihr im Nachhinein ihre Künstler sogar dankbar waren.
»So, Sie sind also der junge vielversprechende Künstler, der mir so warm ans Herz gelegt worden ist«, waren ihre ersten Worte zu Marius gewesen.
Er war reichlich nervös mit seiner Mappe zu ihr in die Galerie gekommen. Ein junger Künstler, der erst vor kurzem sein Studium beendet und schon während desselben mit seinen Arbeiten einige Aufmerksamkeit erregt hatte. Dieser junge Mann stand nun an einem warmen Junitag einer Frau gegenüber, die kaum älter als er selbst war, die sich jedoch schon einen Namen als Galeristin erworben hatte und die ihm zudem noch so verführerisch wie die Sünde selbst erschien. Ihr kurzes enges Seidenkleid betonte ihre üppige Büste und ihre schmale Taille und hochhackige Schuhe ließen ihre schönen zartbestrumpften Beine noch länger erschienen. Kurzes rotbraunes Haar umrahmte ein bildschönes Antlitz. Verständlich wenn das einen jungen Mann aus dem Konzept brachte. Sie bemerkte es und lächelte ihn aufmunternd an. Dann widmete sie sich seiner Mappe und kaum eine viertel Stunde später legte sie schon den Termin für seine erste Ausstellung fest. Und nach weiteren zwei Tagen fand er sich mit ihr in Bett seiner damaligen kleinen Wohnung wieder, die aus einem mittelgroßen Zimmer, einer kleinen Küche und einem ebenso kleinen Bad bestand und auf einen heimeligen Hinterhof, den er in unzähligen Zeichnungen und Photos zu allen möglichen Jahres- und Tageszeiten festgehalten hatte, hinausging. Dazwischen lagen lediglich ein gemeinsames Abendessen und zwei geschäftliche Termine. Wenn er sagte, daß sie ihn verführt hatte wie einen schüchternen Jüngling, dann traf das relativ genau die Tatsachen und es war für ihn das bis dahin schönste Erlebnis mit einer Frau gewesen.
»Wo warst du vergangene Woche«, brachte er das Gespräch wieder in Gang und verscheuchte damit die Erinnerungen.
Sie hatten beide ihren Apfelauflauf fast vollständig verdrückt.
Marius saß in der Öffentlichkeit nicht gerne schweigend mit Annekathrin zusammen, das ließ ihn zuviel über sie, über seine Beziehung zu ihr, über sie beide nachdenken. Das Ergebnis war stets ein tiefer innerer Zwiespalt seinerseits.
Natürlich war sie für ihn immer noch die Frau, die er wirklich begehrte, allen anderen vorzog und die er nie verlieren wollte, andererseits hatte die Zeit mit ihr jede Menge Narben auf seiner Seele hinterlassen, die zudem alle schlecht verheilt waren. Gelegentlich, wenn er sie zufällig mit einem anderen Mann sah, was jedoch nur selten vorkam, versetzte ihm das einen inneren Stich. Eifersucht war es aber nicht. Er wußte, daß sie sich nie wirklich trennen würden. Nein, es handelte sich mehr um ein Gefühl der Ausgeschlossenheit, das ihn befiel, daß nun ein anderer, wenn auch nur für eine kurze Zeit, all die Streicheleinheiten vor ihr erhielt, die er so genoß. Wobei das allerdings reine Spekulation war, denn er wußte nicht, ob sie die anderen ebenso behandelte wie ihn. Oder ob sie, was sie ihm schon des öfteren zwischen den Zeilen mitgeteilt hatte, bei ihnen nur auf ihre eigene Befriedigung aus war und sie zusehen mußten, wie sie auf ihre Kosten kamen. Laut ihren eigenen Worten – und er hegte keine Zweifel daran, so gut kannte er sie mittlerweile – besaß sie über die Anzahl ihrer One-night-stands keinen Überblick mehr, während es ihm keine Mühe bereitete die seinen an den fünf Fingern der rechten Hand abzuzählen. Lieber war ihm da schon, wenn er sie in Begleitung einer Frau sah, von der er annehmen konnte, daß sie für den Augenblick ihre Geliebte war, was aber auch nicht häufiger vorkam. Er wußte nicht, was sie dabei empfand, wenn sie ihn in Begleitung einer anderen Frau sah, denn sie ließ nie ein Wort darüber verlauten. Dabei erging es ihr kaum anders als ihm. Aber ihr Bedürfnis nach Unabhängigkeit war einfach zu tiefsitzend. Oder waren es am Ende doch Bindungsängste? Lag es an dem Nebeneinanderherleben ihrer Eltern, die sich kaum noch etwas zu sagen hatten und das bereits solange Annekathrin denken konnte, sie sich sogar fragte, ob das Verhältnis zwischen ihren Eltern jemals anders gewesen war?
»Wenn du gelegentlich einmal die Galerie aufsuchen würdest, dann wüßtest du wo«, entgegnete sie schnippisch. »Aber das meinst du sicherlich nicht. Wenn du es genau wissen willst; ich war mit dieser großen üppigen Brünetten zusammen, mit der du auch schon einige Male dein Nachtlager geteilt hast.«
»Carina? Du warst mit Carina zusammen?« war Marius nun wirklich überrascht, obwohl er den Grund nicht nennen konnte.
»Ja, ich habe die letzte Woche meist mit Carina im Bett verbracht«, bestätigte sie und konnte einen leicht verklärten Blick nicht unterdrücken.
Carina war auch so eine Geschichte. Sie war eine schöne große dunkelhaarige und erfolgreiche Journalistin, mit einem üppigen Körper, bei dem aber jede Rundung an der richtigen Stelle war, mit endlos lang erscheinenden Beinen mit schmalen Fesseln, die durch ihre kräftigen muskulösen Schenkel noch betont wurden. Eine elegante damenhafte Erscheinung dazu. Und ›scharf wie tausend Russen‹, wie Annekathrin einmal zu Marius gesagt hatte; eine Charakterisierung, die auch auf sie und ihn zutraf. Carina schrieb hauptsächlich über Kulturelles und besaß darin ein beachtliches Renommee.
»Erlaube bitte«, hatte Marius sich wieder gefangen, »aber noch vor drei Tagen war sie die ganze Nacht bei mir gewesen.«
»Das Luder!« entfuhr es Annekathrin wütend, doch noch mehr amüsiert. »Und sie verzog sich so schnell aus meinem Schlafzimmer, beteuerte mir glaubhaft, daß sie noch unbedingt einen Artikel schreiben müßte und daher nicht mehr länger bleiben könne.«
»Was trug sie denn als sie dich verließ«, hegte er einen bestimmten Verdacht und bemühte sich ein Grinsen über Carinas Bubenstück zu unterdrücken.
»Ober- oder Unterbekleidung?«
»Beides.«
»Hellblauer, spitzenverbrämter BH, passendes Seidenhemdchen, weiße Strümpfe, darüber ein beiges Leinenkostüm, weiße Seidenbluse und braune hochhackige Schuhe«, gab sie bereitwillig Auskunft, seinen Verdacht ahnend.
»Dann ist sie von dir flugs zu mir gefahren. Denn sie trug genau das.«
»Warum überrascht uns das eigentlich noch«, meinte Annekathrin belustigt. »Sie unterhält nicht nur mit uns beiden ein lockeres Verhältnis, sondern das auch noch zur selben Zeit.«
»Gib zu, daß es der Sex mit ihr aber auch Wert ist. Ihr Körper ist ein Traum von Sinnlichkeit, ihre üppigen schweren prachtvollen Brüste mit den großen rosigen Warzen laden zum Liebkosen auf jedwede Art einfach ein; ihre strammen Schenkel, ihr dichtes seidiges Haar will gar nicht oft genug gestreichelt sein. Sie duftet immer wie eine frische Sommerwiese, auch an einem heißen Sommertag – genau wie du. Und sie gibt einem immer das Gefühl, als wäre man der einzige Liebhaber, den sie im Augenblick hat und bei dem sie wirklich Befriedigung findet«, geriet Marius mit verklärtem Blick ins Schwärmen.
»Das ist wahr. – Weißt du, daß ich mir schon oft gewünscht habe, gemeinsam mit ihr und dir zu vögeln?«
»Reizvoll wäre es, gewiß. Aber ich glaube kaum, daß sie dafür zu gewinnen wäre. Sie zieht doch aus der Tatsache Nutzen, daß wir nicht wissen, oder so tun als wüßten wir nicht, daß sie mit uns beiden mitunter gleichzeitig vögelt.«
»Aber dennoch sollte man mit der Guten einmal ein ernstes Wort reden«, meinte Annekathrin, weniger aus einem Anflug von Moral als aus leichtem Ärger heraus, von Carina wieder einmal zum Besten gehalten worden zu sein, dabei war Carina gar keine Frau mit der man eine ernsthafte Beziehung haben konnte. Sie war so dauerhaft eine Beziehung mit ihrer Arbeit eingegangen, die sie zudem um die halbe Welt führte, das daneben alles andere zweitrangig war. Vermutlich besaß wie ein Seemann in jedem Hafen jemanden.
»Warum? So ist es doch ganz gut. Außerdem würde sie alles abstreiten und uns durch ihre charmante Art überzeugen, daß ihre Sicht die einzig wahre ist.«
»Vermutlich.«
Annekathrin schaute geistesabwesend aus dem Fenster. Ihre Haare warfen sich beim Trocknen in Locken.
Langsam wuchs die Anzahl der Gäste. François hatte alle Hände voll zu tun. Der junge Romancier war immer noch mit der Korrektur beschäftigt. Die beiden Musiker hatten ihr Problem offenbar gelöst und die Freundin des Malers schlummerte noch immer an seine Schulter gelehnt.
»Für dein Bild Traurige Geliebte haben wir drei Interessenten«, sagte Annekathrin ohne den Blick vom Fenster abzuwenden.
»Auf einmal«, war das wirklich einmal eine Überraschung. Marius hatte wieder begonnen, ihre Rechte sanft zu streicheln. »Seit einem dreiviertel Jahr hängt es doch jetzt schon bei euch. Und keiner schien bisher Interesse daran zu zeigen.«
»Ich sagte dir gleich, daß es zu eigenwillig ist, selbst für dich. Allein schon der Titel! Was wolltest du eigentlich mit der Traurigen Geliebten sagen? Die Ähnlichkeit mit mir ist natürlich kaum zu übersehen. Das ist bisher keinem entgangen. Doch kann ich mich nicht unbedingt damit identifizieren, was wohl von dir auch nicht beabsichtigt worden ist. – Ich mag es, wie du meine Hand streichelst.«
»Mir fiel der Titel einfach so ein. Wohl auch weil du, als ich es dir das erste Mal zeigte – die Farben waren noch feucht –, ein wenig traurig in meinen Augen erschienst.«
»Auch eine Erklärung«, meinte sie achselzuckend. »Wenn du immer auf diese Weise an deine Bildtitel kommst, dann dürfte einen gar nichts mehr wundern. – Aber nun liegen drei Gebote vor, eigentlich sind es mehr Kaufabsichten, aber ich bin mir sicher, daß zumindest einer es erwerben wird. Ich habe ihnen eine Frist bis morgen elf Uhr gegeben, mir ein Angebot zu nennen. Wenn wir Glück haben, liegt es deutlich über dem beabsichtigen Preis.«
»Die geschäftliche Seite ist mir doch gleich, die weiß ich bei euch in den besten Händen.«
»Ich würde gerne wieder einmal mit dir vögeln und ich verspreche dir auch, daß ich diesmal nicht so schnell wieder verschwinde.«
»Natürlich würde ich auch gerne mit dir, das weißt du doch! Du hast die schönste Möse, die je eine Frau ihr eigen nannte. Sie gefällt mir sogar besser als Carinas, deren ohne Zweifel auch eine Augenweide ist.«
»Du hast die meine auch schon oft genug gemalt und photographiert wie auch die Carinas. Und einige dieser Bilder haben sich bestens verkauft, meist an Frauen. – Carinas ist auch wirklich eine Schönheit, das muß der Neid ihr lassen.«
»Das sage ich doch!«
»Darum können wir beide auch so schlecht die Finger von ihr lassen«, wandte Annekathrin sich wieder ihm zu, um dann das Thema zu wechseln. »Manchmal meine ich, daß deine Photoarbeiten besser gehen als deine Bilder. Aber Johanna besitzt da einen besseren Überblick. In Buchhaltung ist sie einfach ein As. Ohne sie hätte die Galerie längst nicht einen so guten Stand. – Meine Arbeit über deinen ersten Photozyklus ist übrigens mit Lob aufgenommen worden.«
»Das freut mich für dich. Schließlich kennt mich niemand besser als du.«
»Von Carina einmal abgesehen. Doch ist dieses Wissen dabei nicht so sehr gefragt«, entgegnete Annekathrin trocken von einem anzüglichen Grinsen begleitet. »Aber da ich viele deiner Arbeiten schon während ihrer Entstehung kennenlernen konnte, ist es für mich natürlich leichter als für andere, das stimmt schon. – Warum bist du damals nicht mit Carina zusammengeblieben?«
»Das ist jetzt mehr als zehn Jahre her und hat schon mehr als ein Jahr vor unserer ersten Begegnung geendet. Ich weiß selbst nicht genau, aus welchem Grund wir uns trennten. Sie war halt schon immer unbeständig, was Beziehungen betrifft. Sie verdiente sich damals ihr Studium als Aktmodell. Eigentlich war sie es, die mich seinerzeit nach einer Zeichenstunde ansprach. Es war auf jeden Fall eine schöne Zeit, eine richtige Jugendliebe. Wir hatten beide kaum Geld und man verbrachte deshalb notgedrungen gemeinsame Abende mit einer Flasche billigen Roten in den eigenen vier Wänden statt in einem gemütlichen Lokal. Wobei man auf diese Weise natürlich Dinge machen konnte, die in einem gemütlichen Lokal nicht so recht angebracht wären«, fügte Marius mit einem breiten Grinsen hinzu, das Annekathrin zu einem Schmunzeln veranlaßte. »Dann sahen wir uns einige Zeit nicht. Den Rest kennst du ja.«
»Wünschen Sie noch etwas«, erkundigte sich François, der wieder an ihren Tisch getreten war.
Er räumte die leeren Teller weg.
»Ich habe genug«, sagte Marius. »Und du, Annekathrin?«
»Ich auch, danke. Der Apfelauflauf war einfach köstlich, François.«
»Das freut mich«, erwiderte François und entfernte sich.
»Hast du gesehen? Er ist zufrieden, daß wir hier einträchtig beisammen sitzen«, sagte sie, nachdem er außer Hörweite war und beugte sich leicht vor.
»Ja«, meinte er mit einem tiefen Seufzer.
»Warum so trübsinnig«, fragte Annekathrin zärtlich und streichelte ihm die linke Wange.
»Weil es mir trotz allem lieber wäre, wenn die Zeiten unserer Harmonie dauerhafter wären«, klang es fast trotzig.
»Das haben wir doch schon etliche Male durchdiskutiert. Wenn wir zu lange zusammenleben, gehen wir uns irgendwann derart auf die Nerven, daß es in einer verfahrenen Situation endet. Ich will dich nur an die beiden Jahre unseres Zusammenlebens erinnern. Manche unserer Dispute standen kurz davor, in Handgreiflichkeiten auszuarten. Und wenn ich mich recht entsinne, dann habe ich dich sogar einmal geschlagen. Wir können einfach auf Dauer nicht friedlich zusammenleben, nicht auf engem Raum. In einer großen Villa, vielleicht, wo sich jeder so weit vom anderen zurückziehen kann, daß wir uns für einige Zeit nicht über den Weg laufen müssen, wenn wir es nicht unbedingt wollen. Doch dein Atelier ist wie meine Wohnung zu klein für uns beide. Wir sind eben beide zu eigenwillige Persönlichkeiten. Das beißt sich irgendwann. Wir brauchen getrennte Wohnungen und Freiräume. Und ich benötige ab und an auch sexuell eine Abwechslung. Nur noch einen Liebhaber bis ans Ende meiner Tage zu haben, liegt mir einfach nicht. Eine schnelle Abnutzung wäre die Folge. Und nur in gegenseitiger Achtung zu leben, ist nicht meine Sache. Gib zu, selbst du brauchst ab und zu eine andere Frau, und wenn es sich nur um Carina handelt.«
»Nur wird ihr ja wohl ganz nicht gerecht«, stellte Marius leicht amüsiert richtig. »Aber ansonsten hast du recht. Außerdem habe ich deine Ohrfeige auch selbst provoziert. Ich hätte dich neben nicht eine…«
»Sage es nicht«, legte sie einen Finger auf seinen Mund. »Es hat uns beide getroffen, das müßte genügen. Ich habe dich zuvor aber auch ganz nett beleidigt. Keiner hat dem anderen etwas geschenkt. Wahrscheinlich muß man einander viel bedeuten, um sich vom anderen derart getroffen fühlen zu können. Wir sollten über unsere Gefühlsausbrüche, über die Tränen die wir vergossen haben, besser den Mantel des Vergessens breiten. Mit Ruhm haben wir uns in dieser Hinsicht wahrlich nicht bekleckert, sondern ausschließlich mit Peinlichkeiten.«
»Wahrscheinlich. – Wollen wir ein wenig im Park spazieren gehen? Ich glaube, der Regen hat fast aufgehört.«
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