Schlagwort-Archiv »Literatur«

Kurzes #22 · Begegnung im Café

Die zweite Kurzgeschichte zum Thema Fetischismus.

 

Wohl oder übel würde Tillmann das letzte Stück Weg laufen müssen, wollte er nicht bis auf die Haut durchnäßt werden. Im allgemeinen mochte er den Frühlingsregen, aber nicht unbedingt, wenn er sich mittendrin und ohne Schirm befand. Diese praktische Erfindung lag wieder einmal dort, wo sie in einer solchen Situation nicht liegen sollte: bei ihm zu Hause in der Diele auf dem Schuhschrank. So konnte er ihn unterwegs zwar nirgendwo liegen lassen, doch dafür war ihm jetzt eine kostenlose Dusche sicher.
Natürlich war der Himmel bereits mit dichten grauen Wolken tief verhangen gewesen als er das Haus verlassen hatte. Zeichen genug zu überprüfen, ob man denn nun das tragbare Regendach mitgenommen hatte und wenn nicht, noch einmal bequem umkehren konnte um es zu holen. Doch wie dem meist so ist; man vertraut naiv auf sein mehr als zweifelhaftes Glück und fordert mit dieser Gleichgültigkeit der Macht der Elemente gegenüber, diese geradezu heraus, einem zum ungezählten Male zu beweisen, daß ihre eindeutigen Vorankündigungen stets Ernst zu nehmen sind. (mehr …)

Wer rastet, der rostet #6

Zwar ist bis Weihnachten noch eine Woche hin und der Frühling erscheint einem nicht nur auf Grund des Winters noch in weiter Ferne. Doch kann ein kleiner Ausblick darauf nicht schaden. Mein Roman »Adalberts Erbe« wird zwar aus mehreren Gründen wohl erst im kommenden Frühjahr erscheinen können, doch ist er im großen und ganzen einschließlich Einband fertiggestellt, den ich hier bereits vorab präsentiere nebst dem Klappentext.

Klappentext
Malte erbt von seinem geliebten Patenonkel zur Hälfte dessen großes altes Haus und Vermögen. Wer sein Miterbe ist, soll Malte von diesem selbst erfahren. Als Malte für einige Zeit in das Haus zieht, in dem er die schönste Zeit seiner Kindheit verbracht hat, begegnet er der faszinierenden Zoí«. Zwischen Malte und Zoí« entwickelt sich eine leidenschaftliche Beziehung. Bis Zoí« eines Tages plötzlich verschwindet. Malte glaubt, sie auf immer verloren. Als er einen Termin beim Notar bezüglich seiner Erbschaft wahrnimmt, erwartet ihn eine Überraschung, die das Bild, das er von seinem Patenonkel besitzt, in ein ganz neues Licht rückt.

 

Fetischismus · Kultivierung des Sexuellen

 

Ihm sagen die über die Knie reichenden Röcke, die nahezu wadenlangen, mehr zu. Die nur die Hälfte der Waden zeigen, den Beginn dieser mal mehr weniger ausgeprägt geschwungenen Linie, die Fesseln. Den Rest gibt er lieber seiner Phantasie anheim. Zarte Strümpfe in allen Farben und hochhackiges Schuhwerk, bevorzugt mit schlanken, nicht zwingend dünnen Absätzen, sind seinen Augen ein Labsal. Aber auch flache Schuhe können unter Umständen einen reizvoll harmonischen Abschluß bilden.

(Zitat aus der Erzählung »Ein Bewunderer« aus dem Band
»Geheimnisvolles Rendezvous«)

Ein Zitat mit unverkennbar fetischistischem Bezug, das zugleich gut das Wesen des Fetischismus beschreibt. Das Zitat ist aus der – männlichen – voyeuristischen Sicht; bezeichnen wir es einmal als passiven Fetischismus. Er genießt den Anblick zartbestrumpfter Frauenbeine nicht nur, weil sie für ihn ein erotisches Stimulans sind, sondern auch, weil sie nicht alle natürlichen Reize entblößen, sondern teilweise verhüllen. »[…] Den Rest gibt er lieber seiner Phantasie anheim. […]« Fetischismus als Reiz der verheißungsvollen Verhüllung, die zwar einiges sehen, aber noch mehr Raum für die Phantasie läßt. Doch davon später noch.

Fetischismus ist gleichermaßen die Freude am Betrachten einer reizvollen »Verpackung« wie auch der Genuß an »Verkleidung«, am Tragen dieser »Verpackung«.

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Kurzes #20 · Autor–Verleger

Der folgende Text ist eine Passage aus dem noch mitten im Entstehen befindlichen Roman »Eine Lesereise«. Der Protagonist Kai stellt die Beziehung Verleger–Autor etwas deutlich dar.

 

»Weißt du schon, was du aus deinem Werk vorträgst?« wechselte Kais Verleger das Thema.
»Ich dachte einen Querschnitt aus meinem gesamten Schaffen«, meinte Kai von einem leichten Grinsen begleitet, das seinem Verleger leicht erschrocken aufhorchen ließ.
Kai lachte in sich hinein, wie leicht war es doch, seinen Verleger aus seiner scheinbar unerschütterlichen Ruhe zu bringen. (mehr …)

SM · Eine kurze Begriffsgeschichte

»Der modernen Sexualforschung sei es zum derzeitigen Stand nicht möglich, zwischen gesundem und pathologischem Sexualverhalten zu unterscheiden. So ist das Sexualverhalten ein gänzlich ungeeignetes Kriterium, um zwischen gesunden und behandlungsbedürftigen Persönlichkeitsprofilen zu unterscheiden«

Charles Moser, Ph.D., M.D. und Peggy J. Kleinplatz, Ph.D.

Ein kurzer Blick auf die Historie

Die Frage ob es sich beim Sadomasochismus, Fetischismus, etc. um eine »Störung der Sexualpräferenz« handelt, stellt sich ohnehin erst seit rund 120 Jahren, seit Richard von Krafft-Ebing 1886 seine 110 Seiten umfassende »klinisch-forensische Studie« »Psychopathia Sexualis« veröffentlichte. Im Gegensatz zu anderen medizinisch-psychologischen Werken seiner Zeit läßt er die Patienten selbst zu Wort kommen und kommentiert ihre Aussagen. Das, was heute als SM (bzw. BDSM, wobei der Begriff BDSM im angloamerikanischen Sprachraum im Laufe der 1990er Jahre entstanden ist und dem Spektrum gerechter wird, da er auch Bondage und Disziplin bzw D/S mit einschließt. BDSM = Bondage and Disziplin, Domination and Submission, Sadism and Masochism [dt.: Bondage und Disziplin, Dominanz und Unterwerfung, Sadismus und Masochismus]) bezeichnet wird, kommt in diesem Band noch so gut wie gar nicht vor. Tatsächlich nimmt die Homosexualität, damals noch als »conträres Sexualempfinden« bezeichnet, den weitaus größten Raum ein. Dem von ihm geprägten Begriff des »Masochismus«, bis dahin unter anderem als »passive Flagellation« bezeichnet, widmet er sich erst 1890 ausführlich in seinem Buch »Neue Forschungen auf dem Gebiet der Psychopathia Sexualis«. (mehr …)