Kurzes #48 – Fluchtgedanken

von
Armin A. Alexander

Ruhig glitt der Zug auf den Gleisen dahin. Er sah bereits das achte Mal innerhalb der letzten Viertelstunde auf seine Uhr und dann wieder nach draußen. Es war ein ungewöhnlich sonniger, jedoch kühler Novembertag. Der blaßblaue Himmel war wolkenlos. Die vorüberziehenden kahlen Bäume erschienen ihm wie schwarze Gerippe, stumme Zeugen einer vermeintlich besseren Zeit. Bald würde er jene Stelle erreicht haben, die für vier Jahrzehnte nicht nur das Land sondern die ganze Welt in zwei, lange für unversöhnlich gehaltene Hälften gespalten hatte.
Seit seiner ›Übersiedelung‹ war er nicht mehr in diesem Teil des Landes gewesen. Zwar hatte er es sich in den vergangenen Jahren oft genug vorgenommen, doch war im letzten Moment stets etwas ›dazwischen‹ gekommen. Innerlich war er für diese ›Zufälle‹ jedoch dankbar gewesen. Nun aber hatte er es nicht weiter aufschieben können. Er mußte, der Anlaß gebot es. Er empfand es als Ironie, daß er weder den Zeitpunkt seines Fortgangs noch den seiner Rückkehr selbst hatte wählen können.
Seiner Schätzung nach mußte es in wenigen Augenblicken soweit sein. Eine leichte Nervosität ergriff von ihm Besitz, Erinnerungen bemächtigten sich seiner, ließen einen fast schon überwunden geglaubten Abschnitt seines Lebens wieder lebendig werden.
Ob von dieser unseligen Trennungslinie noch etwas zu sehen war, fragte er sich unwillkürlich. Aber nein, es lag ja schon mehr als fünf Jahre zurück. Es war alles schnell entfernt worden, als handelte es sich um die Spuren einer peinlichen Krankheit, eines bedauernswerten Unfalls, an dem keiner so recht Schuld zu haben glaubte, und jeder für sich beanspruchte, nur ein Opfer der Verkettung unglückseliger Umstände zu sein. Fast drängte sich der Eindruck auf, als wäre es wichtig, daß später niemand mehr unmittelbar mit den stummen Zeugen jener Epoche konfrontiert würde und womöglich auf den Gedanken verfiel, unbequeme Fragen zu stellen.
Hatten sie jetzt etwa den Punkt passiert? Ja, doch, hier mußte es gewesen sein. Allerdings zeugte davon einzig noch eine ungewöhnlich breite Waldschneise, auf der aber schon vor einiger Zeit eine Schonung angepflanzt worden war. In wenigen Jahren würde der Wald an dieser Stelle wieder so dicht sein wie zuvor und es würde sich nicht einmal mehr erahnen lassen, welches Bollwerk des Jahrhunderts hier einst verlaufen war.
An dieser Linie hätte sein Leben fast geendet. Vergessen würde er den Tag – den achten August 1987 – nie. Sein Leben war ihm im damaligen ›Arbeiter- und Bauernparadies‹, wo weder der Arbeiter noch der Bauer etwas zu melden gehabt hatte, und wo es entgegen aller Beteuerungen der Verantwortlichen, niemals eine Herrschaft des Proletariats sondern nur eine Oligarchie mit Staatskapitalismus gegeben hatte, immer unerträglicher geworden.
Begonnen hatte alles mit einer Bemerkung in Staatsbürgerkunde, die bei ihnen der Schulleiter Sukow höchstpersönlich gab. Er besuchte zu der Zeit die achte Klasse der allgemeinen polytechnischen Oberschule von Waldeneck, Bezirk Suhl. Vielleicht war es nur als Provokation eines unbeliebten Lehrers gedacht, vielleicht hatte er aber auch zum ersten Mal in seinem Leben den Mut aufgebracht, eine eigene Meinung zu äußern. Im Nachhinein konnte er nicht einmal mehr andeutungsweise sagen, was ihn an dem Tag zu jener Äußerung verleitet hatte. Eigentlich wußten alle, wie sehr eine Aussage, die sich nicht mit Sukows Überzeugung vertrug, die nicht mit der Anschauung des Systems konform ging, verheerende Folgen für den Betreffenden nach sich ziehen konnte. Er wußte nur noch, wie Sukow sich wieder einmal zu einem seiner flammenden Vorträge über den ›Antiimperialistischen Schutzwall‹ emporgeschwungen hatte, der nur gut drei Kilometer vor den Toren ihres kleinen Ortes entfernt verlief. Voll Inbrunst schilderte er seinen Schülern, daß dieser für ihn den Garant der Freiheit seiner geliebten DDR und all ihrer Bewohner bedeutete, und unter welchen Opfern er errichtet worden sei. Verschwenderisch überschüttete er die ›Heroen‹ mit Lob, die Tag für Tag und Nacht für Nacht sich unermüdlich aufopferten, um zu verhindern, daß irgendwelche ›zwielichtigen Individuen‹ sich daran zu schaffen machten. Auf welche Art sich jene Personen daran zu schaffen machen könnten und woher sie kämen, verschwieg er. Sein Wortschwall, der selbst für vorbehaltlos staatstreue Gemüter unerträglich vor falschem Pathos und Theatralik überquoll, vereinnahmte nahezu die ganze Schulstunde.
Am Ende einer solchen Rede herrschte stets gespannte Stille. War Sukow gut gelaunt, entließ er seine Schüler bald danach, war er dagegen schlecht gelaunt, dann griff er sich einen von jenen heraus, deren Nasen ihm mißfielen und unterzog diesen einer, einem Verhör gleichenden Befragung über den Inhalt des vorangegangenen Vortrages. In dem Moment konnte der Delinquent nur hoffen, daß ihm auf Anhieb die richtige Antwort einfiel, sonst war ihm ein absolut vernichtender Kommentar sicher, wenn nicht Schlimmeres.
An diesem Tag jedoch befand sich Sukow irgendwo zwischen beiden Gemütszuständen, denn er forderte seine Schüler auf, Fragen über diesen ›Garant‹ zu stellen. Das kam nur höchst selten vor und verunsicherte die Klasse nicht wenig, denn hier erschlossen sich zwei Varianten. Bei der ersten war die Aufforderung ausschließlich unverbindlich gemeint und Sukow erwartete keine Reaktion von seinen Schülern. Bei der zweiten jedoch, der ernsthaft gemeinten, war es äußerst wichtig, daß die richtige Frage vorgebracht wurde. In dieser Stunde jedoch traf ersteres zu, denn Sukow blickte mit dem Wohlwollen eines Herrschers über die Klasse, dem sein widerstandsloses Volk gläubig zu Füßen lag. Die Erleichterung, Sukow in wenigen Augenblicken bis zur nächsten Stunde in Staatsbürgerkunde nur noch aus der Ferne sehen zu müssen, hatte von ihnen schon Besitz ergriffen, da meldete er sich und überraschte so nicht nur seine Mitschüler. Sukow sah sich wider seinem Vorhaben gezwungen, ihm das Wort zu erteilen, wollte er seine Glaubwürdigkeit auf Dauer nicht in Frage stellen.
»Wenn uns dieser Wall vor den Imperialisten aus dem Westen schützen soll, warum wird dann mit einer derartigen Akribie darauf geachtet, daß keiner von hier hinaus kann? Denn wenn bei uns so alles viel besser ist, wie immer behauptet wird, wieso stürmen dann die armen, ausgebeuteten Werktätigen aus dem Westen nicht unsere Grenzen?«
Diese Frage besaß kaum im Ansatz einen provokativen Beiklang, vielmehr einen recht naiven, frei von jedwedem Hintergedanken. Seine Stimme hatte sogar ein wenig dabei gezittert. Vermutlich war er sich im ersten Moment als einziger im Raum der Tragweite seiner Frage nicht bewußt gewesen.
Die Klasse hielt den Atem an. Seine Frage war so voller Kühnheit, da sie offenkundig alles in Zweifel zu ziehen beabsichtigte, daß es ihnen ungeheuerlich erschien, sie überhaupt zu denken, geschweige denn auszusprechen, selbst wenn viele von ihnen in ihrem tiefsten Inneren ähnlich dachten.
Sukow wollte erst gar nicht glauben, was er da aus dem Mund eines Schülers von kaum fünfzehn Jahren hatte vernehmen müssen. Eine solche Dreistigkeit war ihm bisher bei keinem seiner Schüler untergekommen. Wie konnte es ein derart dummer Junge überhaupt wagen, die Werte eines ganzen Volkes auch nur im Ansatz in Zweifel zu ziehen?
Die Schüler beobachteten, wie sein Gesicht sich langsam rötete, einen heftigen Ausbruch ankündigte. In der augenblicklichen Stille hätte der Fall einer Stecknadel ein explosionsartiges Geräusch verursacht. Sie wagten kaum zu atmen. Und auf einmal wetterte Sukow los.
An den genauen Wortlaut konnte er sich nicht mehr erinnern. Sukow hatte ihn mit fast überschlagender Stimme niedergemacht, anders konnte man es nicht sagen. »Renitenter Aufwiegler« war noch die harmloseste Beschimpfung, die er in Erinnerung hatte. Eine Viertelstunde erbrach Sukow seine Wörter. Er redete nicht, er schleuderte sie nicht hinaus, er erbrach sie, eines nach dem anderen über dem mißliebigen Schüler.
Nachdem Sukow seinen ganzen Ekel über des Schülers Ulrich Bernows renitente Frage in Worten erbrochen hatte, wirkte die einsetzende Stille noch beklemmender als der scheinbar endlose heftige Wortschwall zuvor. Ihrer aller Überzeugung nach war er in der ganzen Schule gehört worden. Sie hielten ihre Blick gesenkt, wagten weder zu Sukow aufsehen, und schon gar nicht einen verstohlenen Blick nach ihrem Mitschüler Ulrich zu werfen, dem Urheber dieser ›peinlichen‹ Szene, um nur ja jeden Verdacht einer stillen Übereinstimmung mit ihm von sich zu weisen. Sie waren nur froh, daß nicht einer von ihnen diese Tortur verursacht hatte.
Nach einer Pause, während der er neue Kräfte sammelte, fügte Sukow mit einer Ruhe hinzu, die erschreckender war als seine ganze Heftigkeit zuvor, begleitet von einer offenen Drohung, es müsse dem Schüler Ulrich Bernow wohl einleuchten, wie er mit seiner zersetzenden Äußerung, seine Zukunft, wenn schon nicht gänzlich zerstört, so doch nicht unerheblich beeinträchtigt habe. Man würde ihn von nun an strengstens im Auge behalten müssen, damit er nicht Gefahr liefe, ein Volksfeind zu werden, denn er habe schließlich durch seine Frage gezeigt, in der zwar noch die Unwissenheit der Jugend mitsprach – die einzige Entschuldigung für sein Handeln –, daß er aber den Keim des Konterrevolutionärs bereits in sich trage.
Es verging einige Zeit, ehe seine Mitschüler sich wieder trauten mit ihm in aller Öffentlichkeit zu sprechen. Die Angst, selbst Opfer von Repressalien zu werden, hatte sie davon abgehalten. Ulrich dagegen hatte das ganze Aufheben um seine Person nicht verstanden. Er fühlte sich nur von allen mißverstanden und gekränkt.
Daß Ulrich trotz der Schikanen, denen er sich danach von Sukow ausgesetzt sah, jedes Jahr versetzt wurde, verdankte er zu einem nicht unbeträchtlichen Teil der Abneigung, die die Mehrheit der Lehrerschaft ihrem Direktor Sukow gegenüber hegte. Manch einer von ihnen hätte sich lieber selbst auf dessen Posten gesehen. Ulrichs Versetzungen gaben ihnen eine Möglichkeit an die Hand, sich ein wenig an Sukow rächen.
Doch nicht allein im Kollegium war Sukow gefürchtet, sondern im ganzen Ort, da er auch im Rat der Gemeinde eine nicht unerhebliche Rolle spielte. Ihm haftete der Ruf an, ein Einhundertzehnprozentiger zu sein. Daß er bereits zweimal persönlich vom Genossen Erich Honecker empfangen worden war, stärkte seinen Nimbus nicht unerheblich. Der Genosse Honecker soll sich beide Male sehr lobend über ihn geäußert haben, darüber waren sich alle einig. Viele sahen Sukow darob schon in der Volkskammer sitzen, die Kühnen in ihm sogar ein neues Mitglied des Politbüros, aber alle hätten ihn am liebten weit weg von ihrem geliebten Waldeneck gesehen.
Seit jenem denkwürdigen Tag schien der Schüler Ulrich Bernow für Sukow nicht mehr zu existieren. Sukow blickte durch ihn hindurch, wenn er seine Stunden in Bernows Klasse gab. Ja, er gab ihm nicht einmal mehr Noten. Zu Hause schwieg man Ulrichs Vergehen einfach tot, ging davon aus, daß die Wogen sich mit der Zeit von allein glätten würden.
Jedoch traf ihn nach der Schule Sukows Macht ungehindert. Ihm wurde die gewünschte technische Ausbildung im ›VEB-Seifen-Kombinat-Waldeneck‹, dem größten Betrieb im Ort, mit der lapidaren Begründung verweigert, daß sein Abschlußzeugnis leider nicht ausreichend genug sei. Kein weiteres Wort der Erklärung. Er wurde statt dessen der Reinigungskolonne zugeteilt und dort verblieb er auch.
Schnell wurde in Ulrich die Vermutung zur Gewißheit, Sukow würde ihn, so lange er lebte, seine Verachtung spüren lassen. Nicht nur darum reifte in ihm der Wunsch nach ›Drüben‹ zu fliehen. Die Grenze war ja so nahe. Die Waldeneckner kannten sie bald besser als die Grenzsoldaten, die in regelmäßigen Abständen ausgewechselt wurden.
Er teilte seine Fluchtgedanken keinen mit, aus Angst vor den Stasi-Spitzeln, die augenscheinlich überall lauerten, den gewöhnlichen Denunzianten, vor denen man nicht einmal innerhalb der eigenen Familie sicher sein konnte, und aus Furcht vor Repressalien, die am Ende die ganze Familie betrafen, stellte sich heraus, daß sie etwas gewußt oder gar nur geahnt und den Behörden verschwiegen hatten.
Von seinem Zimmer im ersten Stock des elterlichen Hauses aus konnte er in der Ferne die Spitze des Wachturms ausmachen, der einsam drohend emporragte. Nachts drang oft das Gebell der Hunde, die die Soldaten auf ihren Gängen begleiteten, bis zu ihnen hinüber. Im Ort ging das Gerücht, die Hunde seien derart scharf gemacht worden, um auf Kommando ohne weiteres einen Menschen zu zerreißen, ohne daß dieser sich überhaupt zu wehren in der Lage sei.
Auf diesem Abschnitt hatte bisher noch keiner einen Fluchtversuch gewagt. Das Gelände war nie vermint worden und niemals waren hier Selbstschußanlagen montiert gewesen. Deswegen rechnete er sich gute Chancen auf ein Gelingen aus. Er hoffte, die Wächter waren durch diesen Umstand weniger aufmerksam, als an einem Abschnitt, wo es schon Zwischenfälle gegeben hatte.
Jedoch verstrichen von der Idee bis zu ihrer Durchführung mehrere Jahre. Er benahm sich unauffällig, ordnete sich im Betrieb bereitwillig unter und leistete seinen Dienst in der NVA brav ab. Er hoffte, sie kämen so davon ab, in ihm einen ›Aufwiegler‹ zu sehen, aber mehr noch, daß Sukow ihn irgendwann vergessen würde.
Ulrichs Spaziergänge führten ihn häufig in die Nähe der Grenze, so nah, wie es Zivilpersonen erlaubt war. Geschützt durch den kleinen angrenzenden Wald versuchte er, die Gewohnheiten der Grenzsoldaten auszukundschaften und eine für sie schwer einsehbare Stelle zu entdecken, wo eine Flucht am ehesten gelingen konnte. Doch das war schwerer, als er sich vorgestellt hatte. Allein schon durch die große Entfernung, die er immer zum Befestigungszaun einhielt – er traute sich nicht näher heran, aus Angst vor einer Entdeckung durch die Grenzstreife und daß so seine Flucht vereitelt würde, ehe er überhaupt die Möglichkeit einer Chance gehabt hatte, sie zu verwirklichen –, war es kein leichtes Unterfangen. Es dauerte Wochen, ehe er eine Stelle ausgemacht hatte, wo er glaubte, es eines Tages relativ gefahrlos wagen zu können. Diese lag ein ganzes Stück vom Ort entfernt in einer kleinen Senke. Der Wald wuchs hier bedeutend dichter an den Zaun heran als an jedem anderen Punkt. Vom Wachturm aus konnte sie nicht eingesehen werden, dessen war er sich sicher. Auch die besaßen ihre natürlichen Grenzen. Sie hatten es zwar geschafft, eine der undurchdringlichsten Grenzen zu erbauen, die jemals von Menschenhand errichtet worden war, aber die Natur wies sie in ihre Grenzen. Fast schon ein kleines Glücksgefühl machte sich in ihm über diese Entdeckung breit.
Von nun an begab er sich häufiger in die Nähe dieser Stelle. Im Schutze des Dickichts schaffte er es sogar, so nahe an den Zaun zu gelangen, wie nirgendwo sonst. Doch riskierte er es nur zweimal, sonst hielt er Distanz. Der Winter war für sein Vorhaben gänzlich ungeeignet, das stand außer Frage; die kahlen Bäume und Sträucher boten zu wenig Sichtschutz. Er hätte dann ebenso gut versuchen können, die Grenze beim Wachturm zu überqueren. Die größten Aussichten auf Erfolg versprach eigentlich nur der Sommer. Die Nacht und der Schutz des Dickichts mußten ausreichen, ihn nahe genug heranzubringen. Das restliche Stück würde er auf dem Bauch kriechend zurücklegen müssen, so wie sie es ihm bei der NVA beigebracht hatten. Dann schnell ein kleines Loch auf Bodenhöhe in den Zaun schneiden, durchrobben und man war ›Drüben‹. Nun brauchte er nur noch zu laufen und vielleicht sammelten ihn schnell ein paar von den Grenzern auf der anderen Seite auf. Ihm war aufgefallen, daß auch die recht oft an der Grenze entlangfuhren und nicht weniger aufmerksam waren wie die ›eigenen‹ Leute.

Wie Ulrich seine Fluchtpläne umsetzt und ob er damit erfolgreich ist, kann unter Der Fluchtversuch nachgelesen werden.

 

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