Kurzes #82 – Daphne

von
Armin A. Alexander

Fortsetzung von »Die neue Zimmerwirtin«.

 

Nachdem alles an seinem Platz, stattete Gero Daphne einen Besuch ab.

Daphne war eine renommierte Kunstkritikerin. Er hatte sie er vor einigen Jahren über Wolf kennengelernt, und längst war sie der beste Freund, den er zur Zeit besaß, von Wolf abgesehen. Wolf und Daphne waren für kurze Zeit liiert gewesen. Zumindest bezeichnete Wolf es so. Zu jener Zeit kannten Gero und Wolf sich noch nicht. Von Daphne mußte Gero, daß Wolf und sie lediglich einige Male miteinander gevögelt hatten, und das auch nur, weil Daphne letztlich Wolfs besonderem Charme irgendwann nicht mehr widerstehen konnte – Wolfs Lesart – und um endliche ihre Ruhe vor ihm zu haben – Daphnes Erklärung – wobei auch Neugierde von ihrer Seite aus mitspielte. Er war an sich kein schlechter Liebhaber, aber ihre ›besonderen‹ sexuellen Präferenzen, von denen er wußte, schließlich machte sie kein Geheimnis daraus, gingen in eine Richtung, mit der er nun gar nichts anzufangen wußte, aber sein männlicher Ehrgeiz einerseits und ihre Persönlichkeit und ihre starke erotische Ausstrahlung andererseits hatten ihm keine Ruhe gelassen. Daß es zu kaum mehr als einige wenige Male Sex zwischen ihnen kommen würde, war ihr vorher bewußt. Er sah auch schnell ein, wie unterschiedlich ihrer beider sexuellen Vorlieben tatsächlich waren, und sich nicht nur dabei nie eine gemeinsame Basis finden lassen würde. Mit nichts anderem schien er von Anfang an gerechnet zu haben, wie er Gero gegenüber mehr oder weniger offen erklärte. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen blieb er einer ihrer glühendsten Verehrer.

»Sie ist eine richtige Dame oder neudeutsch eine Lady – was dir lieber ist. Sie verfügt über eine Persönlichkeit und eine erotische Ausstrahlung der ein Mann sich einfach nicht entziehen kann. Früher haben ganze Herrscherhäuser solchen Frauen zu Füßen gelegen«, beschrieb er sie Gero gegenüber pathetisch.

»Übertreibst du nicht ein bißchen«, versuchte Gero den Freund zu bremsen.

Wolf hatte bereits fleißig dem Wein zugesprochen, was ihn stets redselig und euphorisch werden ließ, weshalb Gero Wolfs Eloge in erster Linie diesem Umstand zuschrieb.

Wolf schüttelte entschieden den Kopf.

»Warte bis du sie kennenlernst, dann wirst du verstehen, was ich meine, und eher finden, daß ich mit meiner Beschreibung hinter der Realität zurückbleibe. Sie kommt übrigens zu meiner nächsten Vernissage.«

Obwohl Gero nicht viel auf Wolfs Lobpreisung gab, war er doch auf Daphne neugierig, schon allein um herauszufinden, was so vermeintlich Besonderes an dieser Frau war, daß sie den Freund derart ins Schwärmen brachte, selbst wenn er maßlos übertrieb, so gab es sicherlich etwas an ihr, daß das ausgelöst haben mußte.

Als Gero sich auf den Weg zu Wolfs Vernissage in einer kleinen ein wenig abseits vom Zentrum gelegenen Galerie machte, dachte er bereits nicht mehr an Daphne. Eigentlich ging er nur aus der damals noch relativ frischen Freundschaft zu Wolf dorthin. Vernissagen langweilten ihn in der Regel. Sie besaßen für ihn etwas Verpflichtendes, war ihm der Künstler persönlich bekannt. Ansonsten waren ihm zu viele Leute anwesend, die aus allen möglichen Gründen dorthin gingen, jedoch nur selten wegen der Kunst allein.

Wolfs Vernissage war ausgezeichnet besucht. Da es ein warmer Frühlingsabend war, hielten sich einige der Besucher vor der Galerie auf. Innen drängten sich die Leute fast. Nur die wenigsten betrachteten Wolfs Arbeiten – verschiedene Gemälde und eine Handvoll Zeichnungen, die Geros Geschmack trafen – die Mehrzahl stand in kleinen Gruppen zusammen und redete über alles mögliche, doch kaum über Kunst im allgemeinen oder gar Wolfs Arbeiten im besonderen. Gero entdeckte den Freund im Raum mit dessen Zeichnungen im angeregten Gespräch mit einer Frau. Normalerweise wäre Gero geradewegs zu ihnen hingegangen, um Wolf zu begrüßen, doch blieb er fasziniert ein wenig von ihnen entfernt stehen. Sie standen seitlich zu Gero, so daß sie ihn nicht sofort bemerkten, auch schienen sie derart in ihre Unterhaltung vertieft, daß sie nicht auf ihre Umgebung achteten. Noch nie war Gero einer Frau begegnet, auf die das Attribut ›damenhaft‹ dermaßen zutreffend war. Sie war relativ groß, das rotbraune taillenlange Haar trug sie zu einem Zopf geflochten. Ihr Make-up war perfekt auf ihren Typ abgestimmt. Die vollen Lippen umspielte ein leises Lächeln, als amüsiere sie die Ausführungen ihres Gesprächspartners ein wenig. Gegen sie wirkten die übrigen anwesenden Frauen nachlässig gekleidet, obwohl ihr figurbetontes helles Leinenkostüm an sich nicht auffällig war. Die hautfarbenen Strümpfe, die ihre schönen Beine umhüllten, waren dagegen edler, wie auch ihre braunen Schuhe mit den beinahe turmhohen Absätzen handgearbeitet und aus feinem Leder waren. Gero benötigte einige Augenblicke, bis er erkannte, warum sie sich von der Mehrzahl der anwesenden Frauen spürbar absetzte, schließlich war sie beileibe nicht die einzige attraktive Frau hier – sie strahlte Selbstsicherheit und Souveränität in Verbindung mit natürlicher Autorität aus, Eigenschaften, wie sie Gero noch nie derart ausgeprägt in einer Person begegnet waren. Es schien schwer vorstellbar, daß sie ihre selbstgesteckten Ziele nicht erreichte. Gero fiel ihr Busen, der so mütterlich war, daß sie ihm Stehen ihre Füße nicht sehen konnte, besonders auf, auch unabhängig davon war sie auf eine ansprechende Weise gerundet. Frauen mit ausgeprägt weiblichen Formen – er vermied ebenso den durchaus liebevoll anzusehenden Terminus ›mollig‹, wie das nicht nur in seinen Ohren stets abwertend klingende und oft auch so gemeinte ›dick‹ – weckten stets zwiespältige Gefühle in ihm. Da er selbst groß und schlank mit deutlicher Tendenz zum Hageren war, bevorzugte er das optische Gegenstück zu sich, wenn er auch kein unkritischer Verehrer eines allzu knabenhaften, letztlich androgynen Ideals war. Dessen ungeachtet fühlte er sich auf eine besondere Weise zu dieser schönen üppigen Frau hingezogen. Es kam ohnehin hin und wieder vor – auf jeden Fall häufiger als es ihm selbst lieb war –, daß er sich besonders von schönen, üppigen Frauen mit ausgeprägter Persönlichkeit erotisch angezogen fühlte, was ihm mitunter Gewissenskonflikte nicht ersparte. Er rechtfertigte das vor sich selbst in der Regel damit, daß die Persönlichkeit eines Menschen letztlich über allem physischen steht. Wolf hingegen war ein offener Verehrer schöner üppiger Frauen.

»Ach, Gero, es gibt so viele schöne, begehrenswerte dicke Frauen. Die Beschränkung des allgemeinen Schönheitsbegriffs auf das im Grunde hagere mit mäßigen weiblichen Attributen ausgestattete verstellt die Sicht auf die Buntheit des Lebens«, hatte Wolf mit einem theatralischen Seufzer mehrmals zu Gero bemerkt. Gero, dem Diskussionen über Schönheit im allgemeinen wie im besonderen mit Wolf von jeher zu anstrengend waren – viele seiner Argumente waren leicht nachvollziehbar und somit kaum ernsthaft zu widerlegen, auch wenn Gero sie nicht teilte, oder bezüglich der Schönheit und des erotischen und sexuellen Reizes ›dicker‹ Frauen nicht teilen wollte – nickte meist nur pflichtschuldig dazu und ließ, die sprachlich nicht uninteressanten Elogen des Freundes, die gerade bezüglich weiblicher Schönheit, besonders episch ausfielen, über sich ergehen.

Er konnte nicht sagen, wie lange er dagestanden und zu Wolf und der Frau hinübergesehen hatte, bis Wolf in seine Richtung blickte und den Freund erkannte. Liebenswürdig winkte dieser ihm zu. Mit einer Mischung aus Höflichkeit, Neugier und ein wenig Scheu vor der Persönlichkeit dieser Frau, trat Gero zu ihnen.

»Gero, darf ich dir Daphne vorstellen«, sagte Wolf mit einer leichten Feierlichkeit. »Das ist Gero, Daphne. Ich habe dir ja von ihm erzählt, ein guter Freund, lesenswerter, wenn auch leider nicht so erfolgreicher Autor, wie er es verdienen würde, und ein ungläubiger Thomas. Er wollte mir absolut nicht glauben, daß du etwas ganz Besonderes bist.«

Gero hätte dem Freund am liebsten einen kräftigen Tritt vors Schienbein für diesen, ihm peinlichen Nachsatz gegeben. Daphne jedoch lächelte ihn dermaßen freundlich an, während sie ihm die Hand reichte, daß er sich eine entsprechende Entgegnung für später aufhob, und fast schon wieder versöhnt war.

Ihre Hand fühlte sich angenehm an, ihr Händedruck war fest. Ihre schönen schlanken Hände waren unberingt, die Nägel etwas mehr als halblang und dunkelrot lackiert, die gleiche Farbe besaß ihr Lippenstift, von dem sie einen üppigen Gebrauch für ihre vollen Lippen machte. Sie benutzte ein dezent fruchtiges Parfum. Trotz ihrer hohen Absätze war sie gerade so groß wie Gero, dessen Blick unwillkürlich von ihrem üppigen Dekolleté angezogen wurde. Ihr weißes seidenes Oberteil enthüllte mehr als es verhüllte und wirkte trotzdem in keiner Weise kokett. Daß sie ihren Körper nicht nur vorbehaltlos akzeptierte, sondern ihn liebte wie er war, war nicht zu übersehen. Was ihre starke erotische Ausstrahlung betraf, hatte Wolf in keiner Weise übertrieben. Zugleich umgab sie eine Aura des Unnahbaren – zumindest redete Gero sich das ein – die ihm Schwierigkeiten bereitete, sich vorzustellen, daß tatsächlich etwas zwischen ihr und Wolf gewesen sein sollte. Ihre warme Altstimme rundete in Geros Augen ihre Erscheinung gelungen ab.

Nachdem sich die erste Überraschung über das Zusammentreffen und Daphnes außergewöhnliche Erscheinung bei Gero gelegt hatte, wuchs der Freund doch in seiner Achtung. Seiner Ansicht nach gehörte Einiges dazu, um eine solche Frau erobern zu können.

Seine anfängliche Vermutung, daß Daphne sich nach einigen Worten, die sie rein aus Höflichkeit, weil er Wolfs Freund war mit ihm wechselte, von ihnen verabschieden würde, bewahrheitete sich nicht. Im Gegenteil unterhielt sie sich über eine Stunde angeregt mit ihm, während Wolf sich längst seinen anderen Besuchern widmete.

Als sie sich von ihm verabschiedete – da sie am nächsten Tag den Frühzug nach Berlin nehmen mußte, konnte sie nicht mit zum anschließenden kleinen Essen gehen, zu dem Wolfs Galerist eingeladen hatte, darunter einige Freunde Wolfs einschließlich Gero – besaß Gero nicht nur ihre ebenso schlichte wie edle Visitenkarte mit ihrer Privatadresse, sondern zugleich eine Einladung zum gemeinsamen Abendessen am kommenden Dienstag. Sie setzte einfach voraus, daß er am kommenden Dienstag Zeit habe und er kam gar nicht auf den Gedanken, zu überlegen, ob er an jenem Abend überhaupt Zeit habe.

Während er nachdenklich vor der Galerie stand, ihre Visitenkarte noch nicht eingesteckt, ihr nachsah, wie sie würdevoll davonschritt, die breiten Hüften auf eine elegant betörende Weise wiegend, trat Wolf, der mit sichtlicher Genugtuung beobachtet hatte, wie Daphne und Gero lange anregend miteinander geplaudert hatten, zu ihm und sagte ein wenig selbstgefällig:

»Habe ich nun recht gehabt, was Daphne angeht oder habe ich recht gehabt?«

»Zumindest hast du nicht allzu sehr übertrieben«, erwiderte er mit einem leicht verlegenen Lächeln.

Er brachte es nicht über sich, Wolf gegenüber offen Abbitte abzuleisten, denn seines Erachtens konnte man bei Daphne gar nicht übertreiben.

»Für einen Dichter bist du reichlich nüchtern eingestellt«, schmollte Wolf kurz. »Aber gib zu, daß du trotzdem ihrer Faszination erlegen bist.«

»Wenn es dich beruhigt«, antwortete er mit einem schwach unterdrückten Seufzer, abgesehen davon hatte Wolf recht; er hätte sich ihrer Faszination wirklich nicht entziehen können, selbst wenn er gewollt hätte.

Seine Gedanken waren während des Abends überwiegend bei ihr. Er fragte sich, warum sie sich mit ihm zum Essen verabredet hatte.

Nach ihrem gemeinsamen Essen verschwendete Gero keinen Gedanken mehr auf die Frage, warum sie seine Gesellschaft suchte. Er nahm es einfach als unabänderliche Tatsache hin. Ihm war nicht entgangen, mit welch mal mehr mal weniger offener Bewunderung sie von anderen angesehen wurde und sie mühelos den meisten Vertreterinnen des geltenden schlanken Schönheitsideals die Schau stahl.

Aus dieser Einladung wurden schnell regelmäßige Treffen, bei denen er auch erfuhr, welches die besonderen sexuellen Präferenzen waren, die nicht wenig eine Beziehung zwischen Daphne und Wolf verhinderten; Daphne war Domse aus Leidenschaft, woraus sie keinen Hehl machte. Es gab nur wenige Personen in ihrem Umfeld, die nichts davon wußten. Ihre sadomasochistische Dominanz war untrennbarer Teil ihrer Persönlichkeit. Darin lag auch die besondere Ausstrahlung, die er von Anfang an bei ihr gespürt hatte. Anders als Wolf war Gero zwar nicht unbedingt ein Anhänger der guten alten ›Hausmannskost‹ – wie Daphne scherzhaft Wolfs bescheidene sexuelle Variationsbreite beschrieb – doch wäre er nie auf den Gedanken verfallen, sich als SMer bezeichnen, obschon es ihm durchaus gefiel, einer Frau im Wortsinn zu Füßen zu liegen – seine Phantasien in dieser Richtung waren sehr ausgeprägt, da sie aber in keiner Weise mit dem ›Erdulden‹ von Schmerzen verknüpft waren, brachte er sie naiverweise mit SM nicht in Verbindung – sah es jedoch mehr als besondere Abwechslung und in seinem ausgeprägten Hang fürs Romantische begründet, so wie man sich hin und wieder ein mehrgängiges Menü in einem guten Restaurant gönnt. Allerdings war sie auch die erste offen auftretende SMerin, die er bisher kennengelernt hatte.

Sie war ihrerseits von ihm von Anfang an angenehm überrascht. Zwar hatte Wolf ihr mehrmals von seinem Dichterfreund mehr vorgeschwärmt als erzählt, aber gleich Gero neigte sie dazu, Wolfs Aussagen grundsätzlich mit Vorsicht zu genießen, zumal sie Wolf mehr als Leser leichter literarischer Kost kannte. Gero erwies sich sogleich als höchst angenehmer belesener Gesprächspartner. Außerdem besaß dieser, für ihren Geschmack ein wenig allzu zurückhaltende Mann – was er gar nicht nötig hatte! – etwas, das sie neugierig machte und für entwicklungsfähig betrachtete. Sie zweifelte nicht einen Moment daran, daß er im Grunde seines Herzens sadomasochistische Neigungen besaß, wenn er sich deren auch noch nicht richtig bewußt sein mochte. Sie war zu erfahren, kannte zu viele SMer der unterschiedlichsten Couleur, um sich zu irren. Aber das würde sie ihm noch verständlich machen. Allerdings konnte sie nicht sicher sagen, ob er den aktiven oder den passiven Part bevorzugte. Nach einiger Zeit kam sie zu dem Schluß, daß es bei ihm lediglich von seiner Partnerin abhing, nach welcher Seite bei ihm das Pendel ausschlug.

Sie schätzte seine Texte, allerdings waren sie ihr insgesamt doch bislang zu kopflastig. Sie zeigten, daß er noch zu sich selbst finden mußte, damit sie tatsächlich gut wurden, und sich auch der Erfolg einstellen würde. Sie entschloß sich ihm bei dieser Selbstfindung tatkräftig zu unterstützen.

Ebenso war es ihr nicht entgangen, daß er mit der wundervollen Üppigkeit ihres Körpers schwer tat. Er war diesbezüglich ein offenes Buch, ohne es zu bemerken, gerade weil er sich bemühte, so zu tun, als wäre es für ihn nebensächlich, bewirkte er damit bei seinem Gegenüber das Gegenteil.

Er mußte sich bald eingestehen, daß er auf eine besondere Weise von ihr fasziniert war. Doch nicht so, daß er sich eine Beziehung mit ihr wünschte, dafür fühlte er sich ihr nicht gewachsen genug, wenn er keinen stichhaltigen Grund dafür angeben konnte. Es war mehr die Leidenschaft eines Bewunderers, der weiß, daß das Objekt seines Begehrens aus unterschiedlichsten Gründen nicht für ihn bestimmt war, und damit zufrieden ist, hin und wieder ihre Gesellschaft teilen zu können. Andererseits gab es außer Wolf, wenn auch auf andere Weise, derzeit niemanden, mit dem ihn eine derartige Vertrautheit verband, selbst die meisten langjährigen Paare, die er kannte, schienen sich untereinander fremder zu sein als Daphne und er.

Mehr als bei jeder anderen Frau, für die er auf die eine oder andere Weise bisher ›entflammt‹ war, ›mißfielen‹ ihm ihre üppigen Formen – was natürlich ein vorgeschobenes Argument war, wie er selbst merkte, aber das einzige, an das er sich klammern konnte –, um die Scheu zu kaschieren, sich mit ihr intimer ›einzulassen‹. Er fürchtete sich schlicht vor einer Beziehung mit einer Frau mit derart starker Persönlichkeit, die einen nicht unwesentlichen Einfluß auf sein Leben nehmen könnte und ihre auch gelingen würde. Dazu hatte er es sich in seinem bisherigen Leben bereits zu gemütlich gemacht. Sein einzigen Gegenargument wurde bereits dadurch nachhaltig entkräftet, daß er sich gerne mit ihr in der Öffentlichkeit sehen ließ, weil er der Überzeugung war, daß eine Frau wie sie sein eigenes Ansehen beträchtlich hob.

Daß bisher so gut wie alle seine, wenn auch nicht sehr zahlreichen Beziehungen zu Frauen, die seinen Vorstellungen entsprachen, salopp gesagt eine Pleite waren, überging er ebenso. »Viel zu viel Geist und viel zu wenig Körper«, pflegte Wolf regelmäßig lakonisch zu bemerken, wenn der Freund ihm niedergeschlagen von dem Scheitern einer Beziehung berichtet hatte, die kaum den Namen verdiente, wobei seine Aussage bezüglich des Körperlichen wörtlich zu sehen war. »Schau dir dagegen Daphne an«, fuhr der Freund mit unübersehbarer Euphorie fort, »da hast du ein Paradebeispiel für den harmonischen Zusammenklang von Geist und Körper. Und was für ein Körper! Der Aphrodite eines Tizian und Rubens würdig!« An dieser Stelle versank Wolf regelmäßig in sehnsüchtiger Erinnerung.

»Es hat halt nicht gepaßt«, erwiderte Gero stets mit einem gewissen Fatalismus, gar nicht wirklich auf Wolfs Loblied auf Daphne achtend, um anschließend wieder den gleichen Fehler zu begehen.

Daphne nahm diese Versuche Geros, eine Beziehung aufzunehmen, nicht weiter ernst. Meist kamen sie ohnehin nicht über das Anfangsstadium hinaus. Seit Gero und sie sich kannten, war es erst einmal auch zu Sex zwischen Gero und einer der Frauen gekommen, die er favorisierte. Doch auch das war schnell im Sande verlaufen.

Überhaupt fühlte er sich ihrem sexuellen Erfahrungshorizont in keiner Weise ebenbürtig, und nicht nur seit er von ihren sadomasochistischen Neigungen wußte. Ihm war bekannt, daß meist über mehrere Spielpartner – Männer wie Frauen – verfügte, manche nur für kurze Zeit, andere bereits über einen längeren Zeitraum. Mit einigen von ihnen ging sie sehr weit. Da er aus seinem Überlegenheitsgefühl diesbezüglich den zwar menschlich verständlichen, jedoch falschen Umkehrschluß zog, wunderte es ihn umso mehr, als sie ihm eines Tages eine gemeinsame Session vorschlug, wenige Tage nachdem er bei ihr auf Grund einer Enttäuschung mit einer Frau Trost gesucht hatte.

Er wußte zuerst nicht, was er darauf antworten sollte. Ein Nein kam ihm erst gar nicht in den Sinn und vor einem Ja besaß er Scheu. Sie glaubte, durch sein eigentümliches Zögern leicht verunsichert, ein wenig voreilig gewesen zu sein, und erklärte ihm freundlich, daß es ihn zu nichts verpflichte, sie habe Verständnis, wenn er im Augenblick nicht in der Stimmung dafür sei. Gerade die Möglichkeit, ohne das Gefühl zu haben, sie mit seiner Zurückweisung zu kränken, ließ ihn dann zustimmen. Allerdings war sie dabei das Gefühl nicht losgeworden, daß es aus reiner Höflichkeit geschehen war, was aber nur zu einem kleinen Teil den Tatsachen entsprach. Ihre starke erotische Ausstrahlung hatte mit der Zeit doch ein unterschwelliges sexuelles Verlangen nach ihr entstehen lassen, das sich immer schwerer unterdrücken ließ, insofern kam ihm ihr Angebot mit dem aufgezeigten Hintertürchen ganz recht. Vielleicht bestätigte es sich, daß üppige Frauen tatsächlich nichts für ihn waren, dann hatte es auf jeden Fall sein Gutes für ihn.

Im Prinzip hatten sie nichts Besonders gemacht, letztlich konnte es nur mit viel Wohlwollen als Session bezeichnen werden, obwohl beide auf ihre Kosten gekommen waren, und sie feststellten mußte, daß er ein ausgezeichneter und einfühlsamer Liebhaber war, wenn er einmal aus sich herausging, woran sie allerdings nicht wirklich gezweifelt hatte.

Sie hatte sich in verführerische Dessous gekleidet, edlen Nahtnylons und schwarzen Lack-High-Heels mit beinahe turmhohen Absätzen, das rotbraune, das sie meist zu einem Zopf geflochten trug, offen tragend.

Gero, der bald nicht mehr daran gedacht zu haben schien, daß er ja eigentlich deutlich schlankere Frauen bevorzugte, mußte sich anschließend mit einem gewissen Widerstreben eingestehen, daß er sich nicht erinnern konnte, wann er das letzte Mal den Sex mit einer Frau dermaßen genossen hatte.

Mit einem zufriedenen inneren Lächeln stellte sie fest, daß sie schon lange nicht mehr so gerne mit einem Mann gevögelt hatte. Er nannte einen schönen geraden dicken Schwanz von der richtigen Länge, spürbar über dem Durchschnitt, doch wiederum noch derart lang, daß es für eine Frau problematisch beim Vögeln werden konnte, drang er so tief als möglich in sie ein, vor allem wußte er ihn zu gebrauchen. Seine linguistischen Fertigkeiten standen dem im nichts nach. Er erwies sich als ausdauernd und hatte den Grundsatz ›Ladies first‹ verinnerlicht, obschon sie es verstand, jederzeit selbst für ihren Orgasmus zu sorgen.

Das erste Mal mit ihm, machte ihr Lust auf eine Fortsetzung, vor allem war sie überzeugt, daß er es verdiene, einen guten Sub oder einen guten Dom für eine Frau aus ihm zu machen.je nachdem was ›gefordert‹ war. So gern sie ihn auch hatte, für eine Beziehung mit ihr kam er einfach nicht infrage. Zum einen gefiel ihr das Arrangement zu gut, das sie derzeit für sich getroffen hatte; verschiedene Spielpartner, die mitunter wechselten, mit denen sie unterschiedliche Facetten ihres Sadomasochismus’ ausleben konnte, auch vermeintlich extreme. Dabei schloß sie nicht aus, daß sie eines Tages sehr wohl dem Mann begegnete, der alle ihre bisherigen Subs ersetzen und einen festen Platz in ihrem Leben einnehmen würde. Wäre Gero ausschließlich devot, wäre er womöglich in die engere Wahl aufgenommen worden, doch das war nur ein Gedanke von ihr, den sie bald wieder verwarf.

Ihre nächste Session verdiente schließlich auch den Namen. Er folgte unverkrampft und mit Genuß ihren Anweisungen. Ihm gefiel es, zu ihren schönen zartbestrumpften Füßen zu liegen, ihr persönlicher Diener zu sein. Zudem besaß er angenehmerweise nicht die Unart ›erfahrener‹ Subs ihrer Domse vorschreiben zu wollen, was sie mit ihnen tun, aber auch absolut lassen soll. Sie verabscheute diese Subs, die in einer Domse nichts anderes als die Erfüllungsgehilfin ihrer Masturbationsphantasien sahen. Eine Session war letztlich für beide erst wirklich befriedigend, wenn der aktive Teil freie Hand besaß. Nur dann konnte sie sich auf den Sub einstellen, somit das tun, was beiden Lust bereitete. Sie war schließlich erfahren genug, um schnell zu erkennen, ob ein Sub ›Schmerzen‹ genoß und wie intensiv diese sein durften oder wie bei Gero, der ›Schmerzen‹ erotisch so gut wie nichts abgewinnen konnte, dann baute sie solche Situationen erst gar nicht in die Session ein, ging aber dafür in anderen Bereichen einen Schritt weiter. Zwar muß ein Sub auch Dinge ertragen, die ihm nicht so angenehm sein mögen, doch alles mit Maßen. Schließlich ist es mindestens ebenso unsinnig jemanden der beim ersten Blutstropfen die Augen verdreht und kurz davor ist, ohnmächtig zu werden, mit Nadeln oder gar einem Skalpell zu kommen, wie jemandem der mit ›Wasserspielen‹ absolut nichts anfangen kann, einen halben Blaseninhalt trinken zu lassen. Schließlich soll es allen Beteiligten Spaß machen und seelische und körperliche Befriedigung bringen, auch wenn es für einen Außenstehenden mitunter so aussehen mag, als empfinde nur der Dominante überhaupt Vergnügen beim ›Mißhandeln‹, und der Sub das Gegenteil davon. Mit Gero ging sie körperlich zwar ›sanft‹ um, aber das lag mehr an seinen Vorlieben, die für sie überraschender- doch zugleich angenehmerweise auch ›Wasserspiele‹ umfaßten, wenngleich er zugab, bisher nicht einen Gedanken daran verschwendet zu haben. Eine Erkenntnis, die für beide das Ergebnis eines gewissen Übermuts auf ihrer Seite war.

 

Die auf dem Titelfoto abgebildeten Arbeiten sind von dem Kölner Künstler Axel Fabry, der auch Herausgeber der Künstleredition 1 von 100 ist.

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