Kurzes #42 · Die neue Nachbarin

von
Armin A. Alexander

Der folgende Text ist die Fortsetzung von »Der Gipsfuß«, »Der Rekonvaleszent« und »Rolf wird umsorgt« Rolf beobachtet ein feuchtes Vergnügen der besondersreizvollen Art.

 

Es regnete bereits seit drei Tagen ohne Pause. Zwei Wochen frühlingshafter Sonnenschein mit lediglich einem Tag Unterbrechung konnten schließlich nicht von Dauer sein.
Vier Tage zuvor war die Wohnung gegenüber bezogen worden. Mehrere Leute waren dabei zugange gewesen, so daß es Rolf nicht gelungen war, herauszufinden, wer nun von ihnen seine neuen Nachbarn waren.
Am späten Vormittag sah Rolf seine neue Nachbarin zum ersten Mal durch das geöffnete Badezimmerfenster. Sie war Mitte zwanzig, ein wenig das hübsche Mädchen von nebenan, relativ groß, mit einem femininen Körper und mittellangen dichten dunkelblonden Haaren. Sie trug einen engen roten Satinrock mit breitem schwarzen Lackgürtel, eine weiße Seidenbluse, züchtig bis zum Hals geschlossen und zugleich figurbetont, um nur wenig der Phantasie zu überlassen, hautfarbene Strümpfe und – ihrem Gang nach zu urteilen – hochhackige Schuhe. Sie stand vor dem Spiegel und steckte sich das Haar mit gekonnter Nachlässigkeit hoch. Anschließend schminkte sie sich sorgfältig in dezenten Farben.
Ob ihr bereits aufgefallen war, daß man von Rolfs Wohnung aus in ihre sehen konnte, wenn die Fenster offen standen? Und kümmerte sie das überhaupt?
Als sie fertig war, betrachtete sie sich prüfend im Spiegel und schien sichtlich zufrieden mit dem was sie sah.
Rolf erwartete nun, daß sie das Fenster schließen würde, darum zog er unwillkürlich den Kopf ein. Obwohl es nicht seine Schuld war, daß man von seiner Wohnung aus so gut in ihre sehen konnte und sie nicht nur in seiner Richtung sondern auch hätte hinaufsehen müssen, um ihn zu bemerken.
Doch sie ging nicht zum Fenster und verließ auch nicht das Badezimmer, sondern nahm den Duschkopf aus der Halterung, drehte das Wasser auf, ließ es kurz über die Linke laufen, um zu prüfen, ob es die richtige Temperatur besaß, dann stieg sie wie sie war in die Wanne und richtete den Wasserstrahl unmittelbar über den schönen schweren Brüsten. Sofort saugte sich der Stoff ihrer Bluse voll, wurde halbtransparent und schmiegte sich an ihre Haut. Das Wasser floß an ihr hinunter. Der Rock saugte sich gleichfalls voll und färbte sich dabei dunkel.
Sie ließ den Wasserstrahl einige Augenblicke über ihre Brüste wandern, wobei sie genießerisch die Augen halb schloß, während ihre Brustwarzen auch für Rolf sichtbar steif wurden. Dann wanderte sie mit dem Wasserstrahl so über ihren Körper, daß sich ihre Kleider gleichmäßig vollsaugen konnten.
Während sie den Wasserstrahl über den Rücken laufen ließ, wandte sie Rolf das Profil zu, streckte leicht den für ihre Figur ein wenig zu üppigen Hintern heraus, was Rolf etwas wehmütig an Marias denken ließ.
Rolfs Nachbarin ließ das Wasser ausgiebig über den Körper laufen, schob für einen Moment den Duschkopf zwischen die Knopfleiste ihrer Bluse. Der Stoff schwebte auf dem Wasserpolster, das sich auf ihrer Haut bildete, floß unter den Rock und zwischen ihren Schenkeln wieder hervor. Ihre Mimik, ihre Haltung verrieten nur allzu deutlich, wie sehr sie es genoß.
Nun war Rolf Hydrophilie – wenn er sich richtig erinnerte, war das die trockene wissenschaftliche Bezeichnung für dieses harmlose, sinnlich feuchte Vergnügen –, zumindest dem Hörensagen nach nicht unbekannt. Abgesehen davon bot seine Nachbarin einen derart erotischen Anblick, daß peinlich berührtes Wegsehen albern gewesen wäre. Zumal sie nicht einen Augenblick daran dachte, in seine Richtung zu sehen. Sie war ganz in ihren Genuß vertieft.
Sie duschte ausgiebig. Dann legte sie an der Mischbatterie den Hebel um, so daß das Wasser über den Hahn in die Wanne lief, hängte den Duschkopf ein und legte sich in die Wanne. Erst als die Wanne gut gefüllt war, stellte sie das Wasser ab und lag eine Weile mit geschlossenen Augen, die Arme und den Kopf auf dem Wannenrand ruhend im warmen Wasser.
Da Rolf aus seiner Position heraus nicht von oben in die Wanne sehen konnte, war er auf seine Phantasie angewiesen, die jedoch ließ, inspiriert durch das Bild der schönen selbstvergessenen Genießerin, Marias Bild vor seinem inneren Auge entstehen. Maria, die an Stelle seiner hübschen Nachbarin angezogen duschte und sich anschließend genüßlich in der Wanne regte. Diese Vorstellung ließ einen elektrisierenden Schauer durch seinen Körper laufen, und voller Wehmut bedauerte er zum ungezählten Mal, daß nichts mehr zwischen Maria und ihm zu sein schien.
Darum war Rolf direkt ein wenig erleichtert, als die junge Frau aufstand, einige Augenblicken stehen blieb, damit das Gros des Wasser aus ihren Kleidern lief, die sich an ihren schönen femininen Körper schmiegten und seine Reize auf eine faszinierende Weise hervorhoben, und dann aus der Wanne stieg und das Wasser in der Wanne ablaufen ließ.
Rolf nahm es ihr beinahe übel, daß sie ihn so an Maria erinnert hatte.
Sie nahm von einem Haken, den er von seinem Platz aus nicht sehen konnte, einen dunkelblauen modischen Gummiregenmantel, zog ihn über die nassen Sachen und knöpfte ihn bis obenhin zu. Dann trat sie ans Fenster, um es zu schließen und Rolf zog unwillkürlich den Kopf ein.
Da sie anscheinend vorhatte einen Spaziergang im strömenden Regen zu machen, und die Neugierde Rolf ganz in ihren Bann hatte, stand er auf und humpelte zum Küchenfenster, das nach vorne hinausging.
Er stand kaum am Küchenfenster, da sah er sie auch schon aus dem Nachbarhaus kommen. Sie hatte die Kapuze übergezogen, die Hände in den Manteltaschen vergraben und schritt fröhlich durch den strömenden Regen, mitten durch eine Pfütze, so daß das Wasser aufspritzte. Da das Wasser in ihren Kleidern unter dem wasserdichten Mantel nicht verdunsten konnte und es zudem warm war, würde sie nicht einen Moment frieren.
Rolf sah ihr nach, wie sie fröhlich ausschreitend die Straße hinunterspazierte. Kurz bevor sie seinen Blicken entschwand, begegnete sie Maria. Beide Frauen gingen ohne einander anzusehen aneinander vorbei. Rolfs neue Nachbarin befand sich nun außerhalb seines Blickfeldes. Dafür kam Maria rasch näher. Sie hielt den Schirm wie üblich lässig in der Hand. Noch eine Spur lässiger und sie hätte auf ihn auch verzichten können und ihr schickes rotes Kostüm wäre so naß wie die Kleidung seiner Nachbarin unter ihrem Gummiregenmantel geworden.
Rolf zog sich vom Fenster zurück, damit Maria ihn nicht entdeckte, falls sie einen Moment nach oben sah, bevor sie das Haus betrat. Er verspürte wenig Lust, ihr Rede und Antwort zu stehen, warum er am Küchenfenster stand.
Rolf humpelte zur Wohnungstür und ließ, nachdem Maria geklingelt hatte, ungefähr den Zeitraum verstreichen, den er gewöhnlich für den Weg vom Sessel zur Tür benötigte, bevor er ihr öffnete.
»Scheußliches Wetter«, meinte Maria dennoch fröhlich und brachte den nassen Schirm sogleich ins Bad. »Andererseits wurde es langsam Zeit, daß es wieder einmal regnet. Es war ja schon alles zu trocken.«
»Ja, alles hat seine Vor- und seine Nachteile«, meinte Rolf altklug und dachte bei den Vorteilen weniger an die für die Flora, sondern an das, was er vorhin beobachtet hatte.
»Du warst auch schon mal geistreicher«, meinte Maria vorwurfsvoll und sah ihn an, als zweifelte sie an seinem Gemütszustand.
Rolf schenkte sich klugerweise eine Antwort und humpelte zu seinem Sessel zurück. Maria ging sogleich in die Küche und wärmte die Reste von gestern auf.
Nach dem Essen berichtete Rolf ihr seine Beobachtung. Schließlich war sie für pikante Geschichten zu haben, wobei seine Schilderungen etwas ausuferten. Maria hörte ihm wie erwartet aufmerksam zu und ihre Mimik bekam dabei etwas Entrücktes.
»Ich glaube gerne, daß das ein sehr reizvoller Anblick ist«, sagte sie. »Ein femininer Körper unter nassem Stoff ist einfach sehr erotisch. Zu mir ist einmal ein Photokünstler mit einer Mappe mit stimmungsvollen Schwarzweißphotos zu diesem Thema gekommen. Sie waren wie Photos aus den Fünfzigern aufgemacht. Zu jener Zeit gab es ja gerade im englischsprachigen Raum stark fetischorientierte Magazine, die sich unter anderem auch mit dieser Spielart beschäftigt haben.«
»Hast du seine Arbeiten angenommen?« wollte Rolf interessiert wissen, denn ihm war nicht bekannt, daß sie eine Ausstellung mit solchen Arbeiten innerhalb der letzten Jahren gemacht hätte.
»Nein, du weißt doch, daß ich mich ausschließlich auf Malerei und Skulptur konzentriere«, es klang fast wie eine Entschuldigung. »Aber ich hätte gerne. Ich habe ihn an einen Kollegen empfohlen, der, glaube ich, sogar eine kleine Ausstellung mit seinen Arbeiten gemacht hat. Muß ungefähr vier Jahre her sein, vermute ich. – Ihr Anblick hat dir also gefallen?« fragte Maria und blickte Rolf herausfordernd an.
»Sie hat die richtige Figur dafür«, meinte er ausweichend.
»Ja eine Frau sollte in dem Fall besonders oben herum etwas vorzuweisen haben. Überhaupt sind es gerade Frauen mit femininen Formen, die im fetischorientierten Bereich besonders reizvoll wirken«, meinte Maria und strich sich mit der rechten Hand auf eine Weise über die Brüste, die zum einen unterstrich, daß sie mehr als nur die ausreichende Menge vorwies und zum anderen Rolf ein besonderes Kribbeln den Rücken hinunterlaufen ließ.
Beinahe hätte er sich vor Wohlbefinden geschüttelt. Er konnte ihr da nur zustimmen.
»Seine Photos sind etwas Besonderes«, fuhr Maria begeistert fort. »Nicht nur aus bildästhetischen Gründen, sondern weil den Modellen anzusehen ist, welch sinnlichen Genuß es ihnen bereitet, die nassen Kleider auf der Haut zu spüren. Ja so gut wie alle strahlen dabei eine sexuelle empfundene Lust aus. Und bei einigen hat man das Gefühl, daß sie entweder kurz vor einem Orgasmus stehen, oder gerade einen gehabt haben«, erklärte Maria euphorisch und mit einem leicht verklärten Ausdruck in ihren schönen Augen.
Rolf hörte ihr aufmerksam zu und konnte nicht anders als ihr beizupflichten, denn sie hatte genau das beschrieben, was er an seiner Nachbarin beobachtet hatte.
»Der Photograph versicherte mir, daß alle seine Modelle an dieser erotischen Spielart selbst Vergnügen haben. Ihm geht es vor allem auch darum zu zeigen, wieviel Lust Frauen an ihren erotischen Vorlieben haben, die auf den ersten Blick und auf Grund von immer noch existierenden Vorurteilen, als rein männliche Phantasien beschrieben werden. Und davon gibt es mehr, als manche Zeitgenossen glauben wollen.«
»Es gibt bei vielen Dingen immer mehr als manchen glauben wollen«, meinte Rolf ein wenig schulmeisterlich und erntete darob einen streng tadelnden Blick von Maria, der ihn leicht auf seinem Stuhl zusammensinken ließ.
Warum gelang es ihm nicht die Tugend des Schweigens pflegen, wenn es angebracht war.
»Ich meine, daß es eigentlich schwer ist zu glauben, daß es noch immer Menschen gibt, die überzeugt sind, daß weibliche erotische Phantasien sich ausschließlich um Kuschelsex drehen und nicht akzeptieren können, daß Frauen mindestens ebenso deftige Phantasien haben können und auch haben wie Männer«, versuchte Rolf wieder Boden gutzumachen.
»Und vermutlich auch häufiger haben«, Marias entspanntes Lächeln sagte Rolf, daß er seinen Fauxpas einigermaßen gut gemacht hatte.
Sie sahen sich eine Weile in schweigender Übereinkunft an, dann stand Maria auf und räumte den Eßtisch ab. Rolf humpelte wieder zu seinem Sessel und sah Maria beim Abräumen zu.
Während Maria in der Küche mit dem Geschirr und den Töpfen rumorte, nahm er seine Lektüre wieder zur Hand und versuchte weiterzulesen. Doch seine Gedanken waren zu sehr bei seiner Nachbarin und bei Maria, als daß er sich hätte konzentrieren können. Er sah zum Fenster und in den Regen hinaus, das Buch auf dem Schoß liegend.
Er hörte wie Maria ins Bad ging und kurz darauf Wasser in der Wanne rauschen. Vermutlich wollte sie eine Kleinigkeit auswaschen für die es sich nicht lohnte die Waschmaschine in Betrieb zu nehmen.
Als sie wenig später vor ihm stand, staunte Rolf nicht schlecht. Marias weiße Seidenbluse klebte ihr naß am Körper. Sie hatte zwar nur die Bluse naß gemacht, aber das allein genügte. Der dünne Stoff schmiegte sich eng um ihre runden festen Brüste, bildete die Vertiefung ihres Nabels nach, ihre dunklen Warzenvorhöfe waren deutlich als Schatten zu erkennen.
Rolf stockte der Atem. Seine Nachbarin in ihren nassen Kleidern zu sehen, war eine Augenweide gewesen. Maria in ihrer nassen Bluse war eine sinnliche Offenbarung. Er klebte mit den Blicken mindestens so an ihr, wie der nasse Stoff an ihrer Haut.
»Da ich keinen zweiten Rock und kein zweites Paar Strümpfe dabei habe, muß du vorerst mit einer nassen Bluse vorlieb nehmen«, meinte sie fast entschuldigend und schob leicht die Brust vor.
»Für den Anfang genügt das völlig«, sagte Rolf schnell und leicht stotternd, »man soll immer langsam beginnen.«
Maria lachte, beugte sich über ihn, drückte ihm sanft und kurz die in den nassen Stoff gehüllten Brüste ins Gesicht und küßte ihn dann, das erste Mal seit sie sich entschlossen hatten, nur noch als Freunde miteinander umzugehen, genüßlich auf den Mund, wobei sie ihm ungeniert die Zunge tief in den Mund schob. Rolf war viel zu überrascht, um etwas anderes zu tun, als ihren Kuß zu erwidern, den Maria genießerisch in die Länge zog. Rolf wurde wieder bewußt, wie gerne und leidenschaftlich und ausgiebig Maria küßte.
Nach diesem langen Kuß leicht außer Atem und mit leicht geröteten Wangen und einem besonderen Leuchten in den Augen ging sie wieder ins Bad, wo sie die Bluse auszog und zum Trocknen aufhängte. Anschließend ging sie ins Schlafzimmer und zog ein Sweatshirt von Rolf über, in dem sie auch nicht schlecht aussah, besonders in Verbindung mit ihrem schicken engen knielangen roten Rock.
Sie ging in die Küche und machte Tee.
Während sie Tee tranken, saß Maria wieder auf der Sessellehne, die schönen langen Beine ausgestreckt. Sie plauderten über Belangloses. Rolf hätte sie am liebsten gefragt, wie er zu der Ehre dieses langen Kusses gekommen war. Aber er traute sich nicht so recht. Er fürchtete Marias Antwort. Doch so ruhig wie die Tage zuvor saß sie nicht da. Aber Rolf nutzte die Gelegenheit nicht aus. Leider saß sie auch außerhalb seiner Reichweite, so daß er sie nicht wie unbeabsichtigt berühren konnte.
Als Bernd erschien, verabschiedete sie sich mit einem erneuten langen Zungenkuß von Rolf, der ihn erst recht irritierte. Bernd beobachtete beide sprachlos. Erst als Maria gegangen war, fand er seine Worte wieder.
»Und ich dachte immer, ihr seid nur noch gute Freunde«, meinte er immer noch reichlich verwirrt.
»Wir sind ja auch gute Freunde«, beteuerte Rolf mit einem Blick, der das Gegenteil ausdrückte.
»Also, wenn ihr nur gute Freunde seid, dann möchte ich euch einmal als Liebespaar erleben«, meinte Bernd bissig. »Jedenfalls freut es mich, daß es mit euch beiden langsam wieder in geordneten Bahnen läuft.«
»Wie kommst du jetzt darauf«, war nun Rolf ehrlich erstaunt.
»Als ob du das nicht selbst wüßtest. Keiner von uns hat doch euren Entschluß, euch nur auf rein freundschaftlicher Basis zu begegnen, ernst genommen. Wir haben uns lediglich gewundert, wie lange ihr beide das durchzuhalten scheint. Annähernd ein Jahr dürfte jetzt herum sein, wenn ich richtig gerechnet habe. Gut, ihr habt beide zwischendurch andere Partner gehabt. Aber das war nie wirklich überzeugend gewesen. Du kannst mir jedenfalls nicht erzählen, daß diese große Üppige mit der du fast drei Monate zusammen warst und die für ein Busenmagazin auf dem Titelblatt hätte posieren können, ernstlich dein Typ gewesen ist.«
»Sie war immerhin eine erfolgreiche Juristin«, warf Rolf ein.
»Ich habe ja auch nicht behauptet, daß sie ihren Verstand in den Titten hatte«, wies Bernd Rolfs angebliche Unterstellung entschieden von sich. »Aber sie war weder vom Äußern und schon gar nicht von der Persönlichkeit her dein Typ.«
»Und was bringt dich auf die Annahme, was mein Typ ist und was nicht?« fragte Rolf herausfordernd.
»Erlaube mal, die war doch furztrocken. Außerdem strahlte sie die Würde von dreißig Generationen von Juristen in ihrer Familie aus. So attraktiv sie vielleicht auch war, ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, daß die sich beim Sex richtig hat gehen lassen.«
»Ich hatte nicht einen Augenblick Grund zur Klage, im Gegenteil«, sah Rolf sich genötigt, sie in Schutz zu nehmen, und nicht nur weil Bernd mit seiner Vermutung falsch lag.
»Daß ich es mir nicht vorstellen kann, heißt nicht, daß sie nicht doch mit Leidenschaft eine ganze Schweineherde durchs Dorf treibt, wenn sich die Gelegenheit ergibt«, erwiderte Bernd versöhnlich. »Maria und dieser Managertyp von der Versicherung war dasselbe lediglich in Grün. Wie sie bei dem… Aber lassen wir das, das war auch ganz schön schnell vorbei. – Tut mir leid, alter Junge, aber ihr habt beide um euren eigentlichen Typ, auf den ihr, bevor ihr zusammen wart, standet, einen großen Bogen gemacht. Ich denke da nur an die Volontärin aus dem Museum, die Kathrin vergangenen September zu ihrem Geburtstag eingeladen hatte. Die große Dunkle mit den taillenlangen Haaren, die im Büro meist einen Zopf trägt. Die war doch wirklich hübsch. Sie hat dich förmlich mit den Augen verschlungen und klebte den ganzen Abend an dir.«
Rolf gab zu, daß er sich daran im Augenblick nur dunkel erinnerte, was Bernd nicht entging.
»Sie trug ein schwarzes tiefdekolletiertes Kleid mit einem weiten Rock und furchtbar hohe Absätze«, versuchte Bernd Rolfs Gedächtnis mit spürbar abnehmendem Langmut auf die Sprünge zu helfen. Womit er auch einen gewissen Erfolg hatte. Was ihn erleichterte. »Früher hättest du nichts unversucht gelassen, eine solche Frau wiederzusehen. Kathrin jedenfalls war überzeugt, daß sie dir gefallen würde. Darum hatte sie sie auch eingeladen.«
Die junge Frau hatte Rolf ja auch gefallen, sehr sogar, aber er war nicht in der richtigen Stimmung gewesen. Den Grund hätte er nicht nennen können. Dabei lag im September Marias und sein Entschluß, nur freundschaftlich miteinander zu verkehren, fast ein halbes Jahr zurück. Rolf sagte es Bernd aber nicht, er hätte es nicht verstanden, denn er verstand es ja selbst nicht so recht.
»Woher weißt du übrigens, welchen Typ Mann Maria bevorzugt hat, bevor sie und ich uns kennenlernten. Wenn ich mich recht entsinne, hast du sie erst durch mich kennengelernt?« fragte Rolf aus Interesse und weil er von sich ablenken wollte.
»Eine von Kathrins Kolleginnen ist eine gute Freundin Marias, wie du weißt.«
»Freut mich, daß ihr euch dermaßen um einen sorgt«, meinte Rolf bissig.
Bernd überging absichtlich die Ironie in seinen Worten und wechselte das Thema, was Rolf ganz lieb war.

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