»Sonntag« aus »Golos Erbe«

von
Armin A. Alexander

 

Golos Erbe Titel

Der Wind stand so, daß Sankt Bonifazius’ Läuten zur sonntäglichen Frühmesse deutlich zu hören war, was Falk sofort in die Kindheit zurückversetzte. Er lauschte unwillkürlich auf Geräusche aus dem Bad, denn Golo stand sonntags eine halbe Stunde zuvor auf. Martha war mitten in den Vorbereitungen fürs Frühstück, das, je nach Witterung, entweder am großen Eßtisch oder auf der Terrasse serviert wurde. Kaum war Golo mit der morgendlichen Toilette fertig, weckte Martha ihn, wenngleich er fast immer schon eine Zeitlang wach war. Er verbrachte kaum mehr als zehn Minuten im Bad. Sonntags wurde stets gemeinsam gefrühstückt. Unter der Woche frühstückte Martha, die als erste spätestens um bald sieben aufstand, allein, sobald sie frische Brötchen gekauft hatte, Golo, der gewöhnlich um acht aufstand, gegen neun im Eßzimmer und der kleine Falk, wenn er aus den Federn kam, was irgendwann gegen zehn war, in der Küche, wo er Martha zusah, wie sie bereits die Vorbereitungen fürs Mittagessen traf. Er erinnerte sich gerne an den Geruch der frischen Brötchen, der Butter, des Kaffees für Martha und Golo und des Kakaos für ihn. Die sparsamen Gespräche am Tisch unterstrichen die Ruhe, mit der sonntags gefrühstückt wurde. Bereits mit acht, neun Jahren wirkten Martha und Golo wie ein harmonisches Paar auf ihn und nicht als bestünde eine Art Geschäftsbeziehung zwischen ihnen, worüber er aber nicht weiter nachgedacht hatte. Erst Cécile hatte ihn wieder darauf aufmerksam gemacht, doch so wirklich konnte er es nicht nachvollziehen. Sollte sie von Anfang an die Situation richtig eingeschätzt haben? War das gegenseitige Siezen, wobei Golo Martha immer mit Vornamen anredete, nur eine eigentümliche Gewohnheit gewesen, um Dritte über ihre wahre Beziehung im unklaren zu lassen? Golo mochte de jure ledig gewesen sein, aber je länger er darüber nachdachte, desto wahrscheinlicher wurde auch ihm das eheähnliche Verhältnis, daß Martha und er gehabt hatten, und auch er nur das wußte, was man ihn wissen ließ. Ein Außenstehender wie Cécile besaß da natürlich einen ungetrübteren Blick, wenngleich sie schnell hinter etwas ein erotisches Knistern vermutete.

Doch aus dem Bad drangen keine Geräusche, ein Frühstück würde ihn nur erwarten, wenn er es selbst zubereitete und am Eßtisch oder auf der Terrasse würden auch nicht Golo und Martha sitzen und er war auch zehn oder elf Jahre mehr alt, auch keine sechzehn oder siebzehn mehr und somit würde auch keine Cécile mit am Tisch sitzen, sondern Mitte dreißig.

»Wie spät ist es?« brummelte Zoë verschlafen und räkelte sich mit vom Schlaf verquollenen Augen.

»Kurz nach zehn«, antwortete er, ohne auf die Uhr zu sehen.

»Schon?« fragte sie in einem Tonfall, der mehr nach einem ›erst‹ klang und öffnete die Augen vollständig.

»Ja.«

Sie lächelte ihn an, legte den Kopf auf seine Brust und streichelte mit der Linken zärtlich seinen Bauch.

»Es schläft sich schön bei dir.«

Es mochte zwar keine Cécile gleich mit am Frühstückstisch sitzen, aber eine Zoë, die sich wie seinerzeit Cécile an ihn schmiegte. Auch an Céciles Haaren hatte er gerne gerochen, Zoës dufteten anders. Gleich würden sie aufstehen gemeinsam ins Bad gehen, wie damals mit Cécile.

»Ich habe gar keine Lust aufzustehen«, maulte Zoë leicht.

Das hatte Cécile auch oft gesagt und dann waren sie eine halbe Stunde später doch aufgestanden, weil der Gedanke an Marthas köstliches Frühstück ihren Appetit geweckt und das morgendliche Vögeln ihnen Hunger gemacht hatte.

Lag es wirklich nur an der Umgebung? Oder gab es zwischen Zoë und Cécile doch mehr Gemeinsamkeiten, als es für ihn auf den ersten Blick den Anschein hatte, weil er sie ständig miteinander verglich? Wahrscheinlicher lag es aber daran, daß er sich nach seinen Erfahrungen mit Antonia zum ersten Mal wieder bei einer Frau wohlfühlte und bei Cécile hatte er sich nun einmal so wohlgefühlt, wie bei keiner Frau nach ihr.

»Niemand drängt uns.« Er verspürte auch keine besondere Lust zum Aufstehen.

»Niemand vielleicht nicht, aber meine Blase ist da anderer Meinung, denn ich muß ganz furchtbar stark pissen und Hunger habe ich auch«, seufzte sie und rollte sich auf den Rücken.

Sie streckte sich und stand auf. Sie lächelte ihn an und hielt ihm die Rechte hin.

»Los, laß uns gemeinsam duschen«, forderte sie ihn auf.

Sie frühstückten in der Küche. Der Eßzimmertisch war Zoë zu formell. Die Terrasse schied aufgrund des kühlen und regnerischen Wetters aus. Zoë hatte eine hautenge, blaue Hose aus ihrem geliebten Kunstleder, einen engen grauen Pullover aus einem weichen Stoff, der ihren üppigen Busen betonte, elegante, schwarze Velourslederstiefel mit halbhohen Absätzen angezogen und die Haare nachlässig im Nacken zusammengebunden.

Sein Blick verfing sich immer wieder auf ihrer Hose, die so eng wie eine zweite Haut anlag, ihre Bauchwölbung und ihre Hüften betonte und ihre Schenkel kräftiger wirken ließen und somit stark erotisierend auf ihn wirkte.

»Die Hose besitzt einen versteckten Reißverschluß, der durch den halben Schritt verläuft. Ich muß sie also beim Ficken nicht ausziehen, was auch gar nicht in meiner Absicht liegt, und nicht nur, weil dich das noch schärfer auf mich macht und ich somit noch mehr geilen Sex von dir bekomme. Ich sagte ja schon, daß diese Sachen sich in erster Linie an Fetischisten richten trotz oder gerade wegen ihrer Alltagstauglichkeit«, sagte sie schmunzelnd, während sie ihre Teetasse mit beiden Händen hielt, als wollte sie sich daran wärmen.

Er wurde wieder leicht verlegen. Er konnte nichts dagegen machen, denn er fühlte sich ertappt, er hatte sich bereits vorgestellt, wie es wäre, behielt sie die Hose beim Sex an.

»Du wirst schon wieder verlegen. Ich habe den Eindruck, daß es dir manchmal unangenehm ist, wenn ich sexuelle Anspielungen mache«, sagte sie nachsichtig.

»Ich bin es nicht so gewohnt«, gestand er ehrlich.

Antonia hatte ja so gut wie nie über Sex gesprochen. Wenn sie wollte, daß er sie an einer bestimmten Stelle berührte, hatte sie seine Hand dorthin geführt, was selten vorkam, sie schien zufrieden mit dem, was er mit ihr machte. Cécile bildete hierzu das Gegenstück, sie hatte gerne und ausführlich darüber gesprochen, was ihm manchmal zu viel war, aber er ließ sie gewähren, seine natürliche jugendliche Neugierde machte es ihm leichter. Katharina und Melanie hatten sich zwischen ihr und Antonia bewegt.

»Hat denn keine deiner Exfrauen gerne über Sex gesprochen«, fragte sie ehrlich verwundert.

»Doch, schon, meine erste Freundin gerne und oft und die anderen manchmal, nur meine letzte nie. Das heißt jetzt aber nicht, daß wir kaum Sex miteinander hatten. Wir hatten ihn mehrmals in der Woche, sie hat ihn auch genossen, nur hat sie eigentlich nie darüber geredet.«

»Ich finde es ungewöhnlich, wenn man nicht wenigstens gelegentlich darüber spricht.«

»Was soll ich sagen, sie ist manchen Dingen etwas eigen. Aber wir sind schon einige Monate nicht mehr zusammen. Sie ist jetzt mit einer Frau zusammen. Wahrscheinlich habe ich durch sie einfach das Reden darüber verlernt. Wir waren immerhin über zwei Jahre zusammen.«

»Das soll durchaus vorkommen«, war sie nicht sehr überzeugt. »Bei mir mußt du dich daran gewöhnen, daß ich gerne über Sex rede. Ich bin halt etwas extrovertiert.«

»Ich muß mich nur wieder daran gewöhnen.«

»Daran gewöhnt man sich schnell«, lächelte sie ihn überzeugt an.

»Aber es stimmt schon, ich habe wirklich daran gedacht, ob du deine tolle Hose anbehalten kannst. Mir gefällt es ja wirklich, wenn du beim Sex angezogen bleibst, obwohl ich finde, daß du einen schönen Körper hast und nackt auch toll aussiehst. Aber wenn du sexy gekleidet bist, dann reizt mich das sexuell tatsächlich mehr.« Es hatte ihn etwas Überwindung gekostet, das zu gestehen.

»Ich finde es schön, daß du es sagst, denn es zeigt mir auch, wie sehr du mich begehrst. Manchmal wünsche ich mir, daß du öfter den Anfang machst, denn das zeigt mir ja, daß du mich begehrst. Ich mache zwar gerne den Anfang, aber wenn man es überwiegend machen muß, bekommt man doch mit der Zeit das Gefühl, daß der andere es mehr aus Gefälligkeit mit mir treibt und nicht, weil er total geil auf mich ist. Das ändert auch nichts daran, wenn die Geilheit offensichtlich ist. Weißt du, daß das viel von einem Pascha an sich hat, wenn ein Mann voraussetzt, daß die Frau den Anfang macht?« Er spürte im Blick und Tonfall den offenen Tadel und senkte verlegen wie ein kleiner Junge den Blick.

Sie streichelte ihm mit der Rechten die Wange.

»Du hast wirklich noch viel von dem kleinen Jungen, der hier unter Obhut seines Onkels und dessen Frau seine Ferien verbrachte und auf dem Rasen unter der Buche mit Unterstützung seiner Bücher seinen kindlichen Phantasien nachhing. Es verwundert nicht, daß daraus ein leicht versponnener junger Mann wurde, der letztlich nichts anderes als ein Autor und Übersetzer werden konnte.«

Ihre Berührung war angenehm, das stand außer Zweifel, aber es hatte auch etwas unangenehm von obenherab kommendes, beinahe mütterliches an sich, was ihm das Gefühl vermittelte, ihr nicht ebenbürtig zu sein. Er fühlte sich ihr gegenüber, als sei er wieder vierzehn oder fünfzehn. So würde auch eine Schwester, die mehr als zehn Jahre älter war, zu ihrem kleinen Bruder reden.

Sie nahm die Hand von seiner Wange, vielleicht weil sie erkannt hatte, daß sie etwas übertrieben hatte, und schenkte sich Tee nach.

Falk aß nachdenklich vor sich hin. Er vermied es, sie anzusehen, ohne den Eindruck des Schmollens zu erwecken. Sie besaß keine Scheu einem zu sagen, was sie dachte und was ihr mißfiel, womit er aus falsch verstandener Höflichkeit manchmal Probleme hatte und ihn schon einige Mal in eine unerwünschte Situation geführt hatte. Ein bißchen mehr Offenheit und es wäre mit Antonia nie so weit gekommen.

Sie frühstückten schweigend. Er fühlte sich Zoë gerade irgendwie unterlegen.

Es war offensichtlich der erste offene Mißton zwischen ihnen. Sie verhielt sich, als sei alles wie gewohnt. Aber gerade dadurch verstärkte sie sein schlechtes Gewissen. Wirklich getroffen hatte ihn der Vorwurf, ein Pasch zu sein. Er war überzeugt, keiner zu sein. Es war nur so viel schöner, von einer Frau ›verführt‹ zu werden. Ihm war natürlich bewußt, daß es auf Dauer nicht gut aufgenommen wurde und auch eine selbstbewußte Frau gerne einmal ›verführt‹ wurde.

Zoë war aufgestanden. Das Klirren des Geschirrs, das sie in die Spüle stellte, holte ihn aus seinen Gedanken. Sie stand ihm den Rücken zugewandt an der Spüle und drehte das Wasser auf. Das Kunstleder spannte sich verführerisch über ihrem schönen Hintern. Er stand auf und umarmte sie von hinten. Sie schmiegte sich sogleich an ihn. Er öffnete ihr den Reißverschluß der Hose und führte einen Finger in ihre Möse ein. Sie war ziemlich feucht. Sie schnurrte wohlig. Sie griff entschlossen hinter sich und versuchte den Reißverschluß seiner Hose zu öffnen, was ihr nicht so gut gelang, da ihre Finger vor Erregung leicht fahrig waren. Kurz darauf lehnte sie mit dem Hintern an der Spüle, das Wasser lief weiterhin, niemand dachte daran, es abzustellen, und ließ sich genüßlich von ihm vögeln. Sie hielt ihn dabei so fest umarmt, als befürchtete sie, daß er ihr andernfalls wegliefe.

 

Armin A. Alexander
Golos Erbe

ISBN 978-3-7519-5788-5
264 S., PB, € 12,99
eBook, no-drm, € 9,49

Zur Bestellmöglichkeit Buch und eBook ePUB

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