Auszug aus »Der Bibliothekar«

von
Armin A. Alexander

 

1.

 

Nachdem er sich gezwungenermaßen über mehrere Jahre von einem Zeitvertrag zum anderen gehangelt hatte, war Meinald bereit, jede Stelle anzunehmen, die auch nur annähernd etwas mit seinem Beruf als Bibliothekar zu tun hatte, solange er einen unbefristeten Arbeitsvertrag bekam. Seine Lebensplanung hatte er längst an einem Zwölfmonatsrhythmus orientiert, solange liefen im Schnitt seine Verträge. Manchmal wurden sie zumindest um ein weiteres Jahr verlängert, oft aber nicht und meist wurde ihm letzteres erst wenige Wochen vor Vertragsende lapidar mitgeteilt, weshalb er sich grundsätzlich einige Monate vor Ablauf auf Stellen bewarb, die auch nur annähernd mit seinem Beruf zu tun hatten. Jetzt befand er sich fast am Ende der zweiten Hälfte seiner Dreißiger und war seit seinem Studienabschluß vor annähernd fünfzehn Jahren karrieremäßig wie finanziell nicht wirklich vorwärtsgekommen. Er bewohnte noch immer die kleine Wohnung, die er zu Beginn des Studiums bezogen hatte – ein großes Zimmer, das zugleich Wohn-, Schlaf- und Arbeitszimmer war, eine kleine Küche und ein, für die Größe der Wohnung relativ geräumiges Bad, selbst die Möbel waren, bis auf wenige notwendige Neuerwerbungen, noch dieselben. Er war schon immer genügsam gewesen, was den materiellen Komfort in seinem Leben betraf und was ihm bisher geholfen hatte, einigermaßen über die Runden zu kommen. Er bewarb sich nicht zum ersten Mal auf eine private Bibliothekarsstelle, doch bisher wurde ihm stets mitgeteilt, daß diese bereits besetzt sei. Auch diesmal gab er sich keinen allzu großen Hoffnungen hin, zumal es nur eine halbe Stelle war, wenngleich die Bezahlung nur unwesentlich geringer ausfiel als für die ganze, für die sein Vertrag in wenigen Wochen endete. Vier Bewerbungen hatte er insgesamt eingereicht. Auf eine Reaktion mußte er diesmal besonders lange warten. Seiner Erfahrung nach war es mittlerweile nicht unüblich, daß manche nicht einmal eine lakonische Absage für nötig erachteten. Wenige Wochen vor dem Auslaufen seines Vertrages trafen die ersten beiden Absagen ein, die dritte folgte eine Woche darauf. Zu Beginn des letzten Monats lag noch keine Nachricht auf die vierte für jene kleine private Bibliothek vor, von der zuvor noch nie etwas gehört hatte, obwohl er meinte, alle in der Stadt zu kennen. Er sah sich bereits in die lange, desillusionierende Schlange der Arbeitslosen einreihen. Drei Wochen vor dem Ende seines laufenden Vertrages erhielt er doch noch einen länglichen Brief, die Adresse altmodisch mit Schreibmaschine geschrieben.

Doch nicht nur die Adresse, der ganze Brief war maschinegeschrieben, daher hätte es ihn auch nicht sonderlich überrascht, wenn das Datum des Briefes 1950 und irgend etwas gelautet hätte. In einem etwas steifen, leicht antiquierten Stil, der selbst um 1950 und irgend etwas als solcher gegolten hätte, teilte ihm ein Notar namens August-Maria Sindtorf mit, daß seine Bewerbung für die Postion des Bibliothekars der Bibliothek der Schöneburg-Borsing-Stiftung mit Interesse gelesen worden war, er die Kriterien, die das Kuratorium der Stiftung an den Bewerber stelle, in allen Punkten erfülle und man ihn somit zu einem Vorstellungsgespräch einlade, das bereits am übernächsten Tag stattfinden sollte.

An einem sonnigen Nachmittag Mitte April machte er sich auf den Weg in einen Teil der Stadt, den er lediglich vom Hörensagen kannte und der von alten Villen und einigen neueren und teuren Wohnanlagen dominiert wurde. Die Schöneburg-Borsing-Stiftung hatte ihr Domizil in einer alten Villa mit weitläufigem Grundstück. Durch den maschinegeschriebenen Brief ›vorgewarnt‹, überraschte es ihn wenig, als August-Maria Sindtorf sich als reichlich betagter, aber geistig reger Notar erwies, die weiteren Mitglieder des Kuratoriums als zwei sympathische ältere Damen, die trotz ihres fortgeschrittenen Alters gegenüber dem Notar fast noch jugendlich wirkten.

Das Vorstellungsgespräch erschien ihm größtenteils wie ein geselliger Nachmittag mit Kaffee und Kuchen bei greisen Anverwandten – Kaffee und Kuchen gab es tatsächlich und auch die Art und Weise, wie der Notar das Gespräch weitgehend allein führte, die beiden alten Damen nickten nur hin und wieder zustimmend und schenkten Meinald und sich bei Bedarf Kaffee ein und legten frischen, offenkundig selbstgebackenen und ausgezeichnet schmeckenden Apfelkuchen auf den Tellern nach, erinnerte ihn an die Anekdoten, die seine Altvorderen bei solchen Gelegenheiten aus ihrer lange zurückliegenden Jugend zum Besten gaben.

Aus der bedächtigen und teilweise recht umständlichen Rede des Notars erfuhr er, daß sich die Schöneburg-Borsing-Stiftung zur Aufgabe gemacht hatte, den literarischen Nachlaß des Autors Robert Laurentius Schöneburg zu verwalten, zu erforschen und eine so kritische wie umfassende Werkausgabe zu erstellen. Außer den umfangreichen Manuskripten des Autors wurde auch dessen private Bibliothek an diesem Ort aufbewahrt. Schöneburg war zu Lebzeiten ein Autor nicht nur von lokaler Bedeutung, wenngleich sein Werk – bedauerlicherweise – nicht die Verbreitung fand, wie es seiner Qualität nach angemessen wäre. Da Schöneburg einer wohlhabenden, ja sogar reichen Familie entstammte, er war zudem der letzte Nachfahre, war er nicht gezwungen, von den Einnahmen seiner Werke zu leben. Ein Teil erschien daher auch als Privatdrucke in kleiner Auflage. Vieles war daher bis zum heutigen Tag unveröffentlicht geblieben. Schöneburg, obwohl dem schönen Geschlecht alles andere als abgeneigt und zu seiner Zeit für manchen Skandal gut gewesen, was sich meist durch eine großzügige ›Spende‹ an die Betroffenen hatte lösen lassen, hatte leider keinerlei direkte Nachkommen hinterlassen und auch keine illegitimen. Durch diverse historische Gegebenheiten – zwei Weltkriege, eine Hyperinflation und eine ausgeprägte Affinität zum schönen Geschlecht – war das Schöneburg’sche Erbe deutlich geschmälert worden und somit bestand der Nachlaß fast ausschließlich aus seinen Manuskripten und seiner privaten Bibliothek, als er in beinahe biblischem Alter Mitte der 1960er Jahre verstarb.

Aufgrund eines eklatanten Mangels bekannter unmittelbarer Erben und damit es nicht verfiel, gründete Schöneburgs langjähriger Freund und Bewunderer Richard Gotthilf Borsing, seines Zeichens Produzent von Naturkautschukwaren aller Art – hier senkte der Notar leicht räuspernd die Stimme und die beiden Damen beschäftigten sich auffallend mit dem Inhalt ihrer Tassen, als wäre ihnen bisher entgangen, was sie enthielten, weshalb Meinald ein verstehendes Grinsen unterdrücken mußte – die Schöneburg-Borsing-Stiftung, stattete sie üppig mit Kapital aus und überschrieb der Stiftung eine Villa, die er einst günstig aus der Konkursmasse eines Konkurrenten erwarb. August-Maria Sindtorf, bei Gründung der Stiftung ein junger erfolgversprechender Notar und entfernter Neffe Borsings, wurde mit der Verwaltung der Stiftung und dem Vorsitz des Kuratoriums betraut. Die beiden ältlichen Damen waren Töchter von Brosings Nichten und Cousinen oder Tanten dritten oder vierten Grades, so genau ließ sich das für Meinald aus den umständlichen Ausführungen des greisen Notars nicht entnehmen, wurden die ersten offiziellen Kuratoriumsmitglieder. Bernharda Bechthold-Werner, das vierte Kuratoriumsmitglied, Nichte einer entfernten Cousine, bei Stiftungsgründung einzige noch bekannte lebende Verwandte Schöneburgs, die der alte Notar durch eine anfangs nicht beachtete Notiz Schöneburgs ausfindig gemacht hatte, befand sich zurzeit auf Reisen. Sie war gegenwärtig die einzige, die sich der Erforschung und der Herausgabe der Gesamtausgabe des Schöneburg’schen Werkes widmete und, dem Tonfall des alten Notars glaubte Meinald zu entnehmen, bisher auch die einzige, die den Nachlaß je ernsthaft erforschte. Daher hegte er keinerlei Zweifel, daß es sich bei ihr um eine ebenso liebenswerte, vielleicht nicht ganz so alte Dame handelte, wie die beiden Großnichten Borsings.

Gegen Ende der ausschweifenden Ausführungen des Notars kannte Meinald zwar die Geschichte der Schöneburg-Borsing-Stiftung in allen Details, wußte aber immer noch so gut wie nichts über Schöneburgs Werk, nicht einmal, ob er in Lyrik oder Prosa gedichtet hatte. Anschließend wurde er fast beiläufig gefragt, wann es ihm möglich sei, die Stelle anzutreten. Er war nicht allzu überrascht, es fügte sich in das Bild, daß er in den zurückliegenden beiden Stunden bekommen hatte, vermutlich war er ohnehin der einzige Bewerber, was ihm noch nie passiert war. Seine wenig rosigen Zukunftsaussichten vor Augen sagte er daher für den nächsten Ersten zu. Sollte ihm die Arbeit nicht zusagen, besaß er zumindest ausreichend Zeit für die Suche nach einer adäquateren. Seine Zusage wurde als selbstverständlich zur Kenntnis genommen.

Der alte Notar holte aus einer Mappe einen gleichfalls maschinegeschriebenen Arbeitsvertrag und reichte ihm diesen mit der Anmerkung, ihn in Ruhe und aufmerksam zu lesen. Der Vertrag war nicht sehr umfangreich und beinhaltete das Übliche, jedoch ohne das viele Kleingedruckte, für ihn war lediglich wichtig, daß er keinen Passus mit irgendeiner Befristung enthielt. Mehr aus Respekt und Höflichkeit dem alten Notar gegenüber las er ihn in Ruhe durch und setzte anschließend seine Unterschrift darunter. Der alte Notar händigte ihm eine Kopie aus und er ward entlassen.

Draußen vor der Villa und beschienen von der Aprilsonne war er überzeugt, das wohl eigentümlichste Bewerbungsgespräch seiner bisherigen Laufbahn hinter sich gebracht zu haben. Nicht einmal die Räumlichkeiten waren ihm gezeigt worden. Nun, für eine unbefristete Anstellung war er durchaus bereit, einiges in Kauf zu nehmen und die Stiftung der alten Leutchen schienen nicht das schlechteste zu sein.

 

Wie es weiter mit Meinalds neuer Stelle geht, kann im Erzählband »Der junge Nachbar« nachgelesen werden.

 

Armin A. Alexander
Der junge Nachbar

ISBN 978-3-7519-2385-9
156 S., PB, € 8,99
eBook, no-drm, € 5,99

Zur Bestellmöglichkeit Buch und eBook ePUB

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