Kurzes #97 – Der schöne Jüngling

von
Armin A. Alexander

Die Fortsetzung von: Der Einzug und Die ›Schöne Künstlerin‹

 

Er hatte sich gerade an den Schreibtisch gesetzt. Es war früher Nachmittag. Der zweite Abschnitt seiner Erzählung stand. Hinterhergelaufen war er seiner Nachbarin nicht mehr. Ihm hatten die Beinmuskeln an jenem Abend verflucht geschmerzt. Außerdem war ihm in seinem Entschluß das Wetter der folgenden beiden Tage entgegengekommen, denn es waren zwei äußerst regnerische gewesen. Doch sie hatte sich dadurch nicht von ihrem Lauf abhalten lassen. Sie hatte zum Regenschutz lediglich eine Mütze übergezogen.

Das Quietschen des Gartentores seiner Nachbarin weckte seine Aufmerksamkeit. Er sah aus dem Fenster. Ein großer, sportlicher junger Mann von Anfang zwanzig ging, ein Fahrrad über den Kiesweg schiebend, auf das Haus zu. Er lehnte das Rad gegen die Hauswand. Seit sie zurück war, schien es das erste Mal zu sein, daß sie Besuch bekam.

Nachdem der junge Mann die Türklingel betätigt hatte, deren glockiger Klang leise bis zu seinem Arbeitszimmer hinauf zu hören war, wurde ihm geöffnet. Er mußte Schmunzeln, als er sie in einem Ganzanzug aus Latex in Azurblaumetallic sah. Den schönen Jüngling schien das nicht zu überraschen. Sie begrüßten sich mit einem kurzen Wangenkuß.

Ganz gleich ob der Adonis – er sah wirklich gut aus in seiner engen Jeans, dem ärmellosen Shirt, den im Nacken zusammengebundenen, dichten langen Haaren –, ein Freund, ein Bekannter oder gar ihr Liebhaber war, gaben beide auf jeden Fall ein schönes Bild ab.

Aus der kurzen Unterhaltung, die sie vor dem Eingang führten, ließen sich kaum Rückschlüsse ziehen. Zwar drangen ihre Stimmen zu ihm hinüber, aber trotz der sie umgebenden Ruhe konnte er nicht einmal Wortfetzen verstehen, da sie ruhig und relativ leise sprachen.

Nach dieser kurzen Begrüßung gingen sie ins Haus. Wenig später sah er sie im Atelier wieder. Erst jetzt fiel ihm auf, daß das Bild nicht mehr auf der Staffelei stand, dafür ein großer Zeichenblock. Sie erklärte dem jungen Mann etwas, zeichnete mit den Händen imaginäre Linien aufs Papier. Er hörte ihr aufmerksam zu. Sie führte ihn zum Zeichentisch und zeigte ihm einige Skizzen. Sie hielt sie jedoch so, daß er trotz des guten Fernglases wieder nichts erkennen konnte. Doch im Augenblick interessierte ihn mehr, herauszufinden, in welcher Beziehung sie zueinander standen.

Sie schob einen kleinen Rollcontainer, auf dem verschiedene Zeichenkohlen, Farbtuben, eine Palette voll mit dicken Farbschichten lagen und zwei alte Konservendosen mit darin dichtgedrängten Pinsel standen, zur Staffelei.

Währenddessen zog der junge Mann sich aus. Viel trug er nicht. Er löste das blonde Haar, das ihm locker über die breiten Schultern fiel, die wenig Kantiges besaßen. Er war nicht auffällig muskulös. Nackt wirkte er kräftiger als angezogen. Er machte einige Lockerungsübungen, was ihm Gelegenheit gab, ihn von allen Seiten zu betrachten. Die Hüften waren auffallend schmal, die Beine gerade und so gut wie haarlos, ebenso besaß er keine Brustbehaarung, was seine Jugend noch mehr betonte. Der Bauch war flach – unwillkürlich zog er seinen kaum vorhandenen Bauch ein. Auch was weiter unten zu entdecken war, hatte mit dem, was an dieser Stelle bei antiken Statuen zu sehen ist, nur wenig gemein. Was dort mehr angedeutet ist, konnte hier in beinahe üppiger Schönheit bewundert werden, ohne daß sein Geschlecht jetzt übertrieben groß gewesen wäre, jedenfalls nicht so groß wie seines, aber er zählte auch zu den zwei Prozent mit sehr reichhaltiger Ausstattung, ohne dabei eine wirklich praktikable Grenze zu überschreiten. Es war der Körper eines Mannes und zugleich noch der eines Jungen. Alles in allem hätte er auf diesen schönen Jüngling neidisch werden können, wenn er selbst von Mutter Natur benachteiligt worden wäre.

Sie sah seinen Lockerungsübungen aufmerksam zu, was er verstehen konnte. Im Gegensatz zu den meisten seiner Geschlechtsgenossen wußte er auch die Schönheit eines Mannes zu würdigen.

Nachdem er seine Lockerungsübungen beendet hatte, ging sie auf ihn zu und sagte etwas zu ihm. Darauf nahm er eine Pose ein. Diese schien noch nicht ihren Vorstellungen zu entsprechen, denn sie brachte ihn eigenhändig in die von ihr gewünschte. Er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, daß sie ihn dazu mehr berührte, als es notwendig gewesen wäre, was dem Jüngling natürlich alles andere als unangenehm zu sein schien, obwohl sie fast doppelt so alt war.

Er stand nun im Halbprofil zu ihr, in einer Pose, die seinen Körper vorteilhaft zur Geltung brachte, ihm aber zugleich etwas Weiches, ja fast schon Verletzliches gab.

Es war das erste Mal, daß er Gelegenheit hatte, einem Künstler und seinem Modell bei der Arbeit zuzusehen, ohne daß sie es wußten, daher nutzte er es beinahe schamlos aus. Zumal der Umstand, daß es sich dabei um eine Künstlerin und ein männliches Modell handelte, den Reiz zusätzlich erhöhte. Schon einmal hatte er einer Künstlerin bei der Arbeit zugesehen, seiner Freundin Maria, nur wußten da alle Beteiligten, daß sie einen Zuschauer hatten.

Zum ersten Mal hatte er Gelegenheit ihren, in einen hautengen Ganzanzug aus Latex gekleideten Körper zu betrachten, bisher hatte sie stets eines ihrer Kittelkleider darüber getragen, hauptsächlich wohl, damit keine Farbe oder dergleichen auf das Latex kam.

Das enge Latex ließ ihren Körper perfekt erscheinen. Der Ganzanzug war unübersehbar maßgeschneidert. Er ließ bei jeder Bewegung das Spiel ihrer Muskeln sehen. Der vorne durch den Schritt verlaufende Reißverschluß war kaum zu bemerken, so gut war er eingearbeitet. Die Riemchensandaletten aus schwarzem Lack bildeten einen gelungenen Abschluß. Das Haar hatte sie wie üblich zu einem Zopf geflochten. Sie war angezogen und zugleich nackter als wäre sie es tatsächlich. Er kannte das Phänomen von Birgit, die ungeachtet ihrer ansehnlichen Auswahl an Kleidern und Röcken aus Latex, am liebsten hautenge maßgefertigte Ganzanzüge trug, da sie bequem und praktisch waren, vor allem beim Sex und Sex, ohne dabei Latex zu tragen, war für sie undenkbar.

Da die ›Schöne Künstlerin‹ beim Arbeiten an der Staffelei überwiegend mit dem Rücken zu ihm stand, konnte er lediglich ihre relativ breiten Schultern, das Spiel ihrer Rückenmuskeln, ihre Taille und ihren Po, der dem des Adonis’ in seiner Schönheit in nichts nachstand, betrachten. Ihm war bereits aufgefallen, daß sie ihre Latexbekleidung, zumindest im Haus, nicht mit Silikonöl auf Hochglanz brachte. Dennoch reflektierte sich das Licht auf eine betörende Weise darin.

Dem jungen Mann schien es vertraut zu sein, sie beim Arbeiten in einem Ganzanzug aus Latex zu sehen, was nicht bedeutete, daß er ihren Anblick nicht genoß, seine leichte Erektion war beredt genug.

Sie nahm ein Stück Zeichenkohle und warf ein paar schnelle, sichere Striche aufs Papier, mit denen sie das Wesentliche erfaßte.

Ab und zu wechselten sie einige Worte miteinander. Er veränderte seine Posen, begann sie ein neues Blatt. Gelegentlich ging sie zu ihm, korrigierte seine Haltung. Ob bewußt oder unbewußt, ob durch ihre Gegenwart, ihre Persönlichkeit vielleicht mehr als alles andere, jedenfalls hatte sein Penis während dieser Sitzung seine Größe vorteilhaft verändert, was sie auch sogleich und mit sichtlicher Anteilnahme auf ihren Skizzen erfaßte.

Innerhalb einer Stunde hatte sie rund ein Dutzend Skizzen fertiggestellt. Es waren fast ausnahmslos klassische Aktstudien, fast schien es ihm, als seien sie zum ›Aufwärmen‹ gedacht. Dann machten sie eine kurze Pause. Sie tauschte den Block gegen ein Brett aus und klemmte ein großes Blatt schweren Papiers darauf.

Er lehnte sich in seinem Arbeitszimmer mit dem Hintern an den Schreibtisch, denn ihm wurden die Beine schwer.

Der Jüngling setzte sich unterdessen auf einen Stuhl und machte ein paar Lockerungsübungen. Modellstehen ist schließlich Arbeit. Nun brachte sie ihn erneut in Pose. Diesmal ließ sie sich mehr Zeit, ging sorgfältiger vor. Sie drehte und beugte seine Arme und Beine so, wie es ihr passend erschien. Diesmal schwoll auch sein Penis, den sie zwei oder dreimal wie zufällig berührte, zur vollen Größe an. Er hatte den Eindruck, daß sie ihm sogar ein Kompliment in dieser Richtung machte, denn er lächelte auf eine ganz eigene, fast schon ein wenig verlegene Weise.

Als er eine Stellung innehatte, die ihre vollste Zufriedenheit fand, ging sie zur Staffelei zurück. Diese Pose erschien ihm noch mehr verträumt, fast schon verletzlich, aber zugleich auch kraftvoll sinnlich und unterstrich zudem seine Jugend. Sie wollte offenkundig die weibliche Seite in ihm betonen, die in jedem Mann vorhanden ist und nicht nur hinsichtlich des X-Chromosoms.

Sie nahm ein neues Stück Zeichenkohle und begann mit ruhigeren überlegteren Strichen den Jüngling zu zeichnen. Jede Linie, jeden Muskel brachte sie mit präzisen Strichen zu Papier. Auch sein Penis wurde detailliert erfaßt. Da selbst ein Mann seines Alters eine Erektion nicht pausenlos aufrechterhalten kann, vor allem nicht, wenn er dabei eine bestimmte Pose einhalten muß und sich nicht bewegen darf, selbst dann nicht, wenn er dabei von einer verführerischen Frau in einem Ganzanzug aus hautengem Latex gezeichnet wird, mußte gelegentlich nachgeholfen werden. Immer wenn sie sah, daß seine ›Standfestigkeit‹ nachließ, legte sie die Zeichenkohle beiseite, ging zu ihm und brachte ihn mit sanften zärtlichen Berührungen wieder in den gewünschten Zustand, was ihr alles andere als lästig zu sein schien.

Nach gut zwei Stunden – die Zeichnung war im wesentlichen fertig –, hatte sie ein Einsehen mit ihm, legte die Zeichenkohle auf den Tisch und beendete damit diese Sitzung. Er entspannte sich sichtlich erleichtert. Sie ging zu ihm, sagte etwas. Zu seiner Überraschung – nicht zu der des Jünglings! – legte sie ihm die Hände auf die Schultern und schob ihm die Zunge voller Zärtlichkeit in den Mund. Nach einem ausgiebigen Zungenspiel schob sie ihn zum Stuhl. Mit leichtem Druck auf seine Schultern hieß sie ihn, sich zu setzen. Er tat es bereitwillig, sah sie von unten her an. Sie sagte etwas zu ihm. Er lächelte fast selig. Sie zog die oberste Schublade des Rollcontainers auf und holte eine angebrochene Schachtel mit Kondomen heraus, aus der sie eines entnahm, das sie ihm mit dem Mund überstreifte. Dann öffnete sie den Schrittreißverschluß ihres Ganzanzuges, so weit es notwendig war.

Sie fuhr ihm mit den Fingern zärtlich durch das lange Haar und ließ sich rittlings, mit dem Gesicht zu ihm, auf ihn nieder, während sie seinen Schwanz mit der Rechten in sich einführte.

Sie ritt ihn langsam und genüßlich. Er hatte ihr die Hände auf die Hüften gelegt. Gelegentlich küßte sie ihn, leckte ihm bisweilen durchs Gesicht, umspielten sich ihre Zungen sichtbar. Jetzt beim Sex mit dem schönen Jüngling erschien sie ihm noch reizvoller. Als sie kam, umarmte sie ihn und drückte ihm das Gesicht zwischen die Brüste. Der Genuß, den sie zu empfinden schien, durchströmte ihren ganzen Körper. Er schien kurz nach ihr zu kommen. Ihm anschließend zärtlich durchs Haar streichend, blieben sie eine Zeitlang in dieser Haltung sitzen.

Ihm einen letzten zärtlichen Kuß zuerst auf die Stirn und dann auf die Lippen drückend, ihre Zungen berührten sich nur flüchtig, stieg sie von ihm und schloß den Reißverschluß in ihrem Schritt wieder. Er stand auf und ging ins Bad.

Sie stellte sich vor das Bild und fügte noch einige Striche hinzu, bis es ihre volle Zufriedenheit fand. Mit einem letzten prüfenden Blick darauf verließ auch sie das Atelier.

Er legte das Fernglas in die oberste Schublade seines Schreibtisches. Das alles war natürlich nicht ohne Wirkung auf ihn geblieben. Die Szene im Atelier hatte ihn nicht direkt sexuell erregt, dennoch sinnlich angesprochen. Es hatte ihn in seiner Überzeugung bestätigt, daß es weitaus ästhetischer ist, wenn die Frau oben ist. Ihre weichen gerundeten Formen wirken selbst bei einem ausgesprochenen Muskelspiel weniger eckig, fließender. Gleich wie darüber gedacht wurde, daß die Natur primär weiblich ausgelegt ist, ist unübersehbar.

Verständlicherweise gelang es ihm zunächst nicht, seine Arbeit an der Geschichte wiederaufzunehmen. Zu nachhaltig hatten sich ihm die Bilder eingeprägt. Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und ließ die Gedanken schweifen.

Wenig später hörte er die knirschenden Schritte des jungen Mannes auf dem Kies und das quietschende Gartentor. Fast mechanisch warf er einen Blick zu ihr hinüber. Sie war nicht mehr ins Atelier zurückgekehrt, die Zeichnung war noch auf der Staffelei. Sie hatte sich rücklings aufs Bett gelegt, die Riemchensandaletten ausgezogen, trug aber noch ihren Ganzanzug, die Arme im Nacken verschränkt und den Blick an die Decke gerichtet. Ihre Brust hob und senkte sich leicht unter ihren regelmäßigen Atemzügen. Er hätte gern gewußt, an was sie jetzt dachte.

Er legte das Fernglas nun endgültig für diesen Tag in die Schublade zurück und stand auf. So recht fühlte er sich nicht in der Lage, weiter an seiner Erzählung zu arbeiten, und tat es der ›Schönen Künstlerin‹ in gewisser Weise nach; er legte sich auf das bequeme Sofa in seinem Arbeitszimmer.

 

Das Titelfoto zeigt ein Detail der im Kölner Rheinpark präsentierten Skulptur »Schreitender« (1952) von Richard Scheibe (1879–1964)

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