Kurzes #77 – Nachklang

von
Armin A. Alexander

Fortsetzung von »Das geheimnisvolle Rendezvous«, »Marlies« und »Zwölf erotische Aquarelle«.

 

Zu Hause zurück setzte er sich im Arbeitszimmer in den bequemen alten Sessel und betrachtete die Aquarelle, die von den zusehends schwächer werdenden Strahlen der Abendsonne beschienen wurden. Es war ungewöhnlich ruhig im Haus, das abendliche Konzert der Vögel war das einzige vernehmliche Geräusch, das von draußen hereindrang.

Mit zunehmender Dämmerung schienen die Szenen auf den Aquarellen lebendig zu werden. Er glaubte zu sehen, wie sich die schöne Unbekannte auf dem ersten Aquarell abtrocknete, wie sich das flauschige Badetuch bewegte, wie sie auf dem zweiten ein paar Tropfen Lotion aus dem Flakon in ihre Handfläche laufen ließ und mit zärtlicher Selbstverliebtheit auf der Innenseite ihres Schenkels verteilte. Er meinte, ihre Laute der Lust zu vernehmen, glaubte sogar, in dem angedeuteten Mann sich selbst zu erkennen. Und auf einmal befand er sich wirklich in dem lichtdurchfluteten Bad, sah, wie sie aus der Wanne stieg, ihn um ein Handtuch bat, das er ihr nur zu gerne reichte. Sie trocknete sich ausgiebig ab. Als sie sich eincremte, folgten seine Blicke ihrer Hand, mit der sie die Lotion in ihre schöne weiche und zugleich feste Haut massierte. Dann befanden sie sich im Schlafzimmer. Sie trug nun das Kleid aus dem leichten durchsichtigen Stoff. Er hielt sie in den Armen. Sie küßten sich leidenschaftlich genießend. Er spürte ihre warme, wohlriechende weiche Haut durch den dünnen Stoff auf seiner. Jetzt erst wurde ihm bewußt, daß er nackt war und eine heftige Erektion hatte. Sie lagen auf dem Bett und liebkosten sich mit den Händen mit der gleichen Leidenschaft wie sie sich küßten.

Plötzlich klingelte das Telephon und er erwachte aus seinem Tagtraum, die ihm jedoch wie eine Vision erschienen war, so intensiv war es gewesen.

Das Zimmer war in Halbdunkel getaucht. Er konnte nur noch schemenhaft etwas erkennen. Er mußte, kaum daß er sich in den Sessel gesetzt und den Blick auf die Aquarelle fixiert hatte, eingeschlafen sein.

Leicht benommen erhob er sich, schaltete die Schreibtischlampe ein, und nahm das Handgerät aus der Halterung.

»Habe ich dich geweckt? Du klingst verschlafen«, hörte er Marlies vom anderen Ende der Leitung.

»Ich bin ein wenig eingenickt«, entschuldigte er sich überflüssigerweise.

»Hat sich zwischenzeitlich deine unbekannte Schöne bei dir gemeldet«, platzte sie sogleich heraus.

»Ich habe sie heute getroffen«, sagte er und unterdrückte ein leichtes Gähnen, wobei ihm auffiel, daß seine Erektion nicht nur Teil seines Traumes gewesen war, wenn sie allerdings auch langsam im Abklingen war, obschon er bei seiner Heimkehr der Überzeugung gewesen war, daß es eine Zeitlang dauern würde, bis er wieder eine haben könnte. Wäre SIE bei jetzt ihm gewesen, er hätte nichts lieber getan, als erneut mit ihr zu vögeln. Was ihm zuletzt in den eineinhalb Wochen mit Marlies widerfahren war, woran er in diesem Moment aber nicht dachte.

»Erzähle«, legte sie ihrer Neugier nicht die geringste Hemmung auf.

Er sah keinen Grund, ihrem Wunsch nicht zu entsprechen, schließlich hatte er sich ihr anvertraut, daher besaß durchaus ein Anspruch darauf, und erstattete Bericht. Sie hörte aufmerksam zu und unterbrach ihn nicht einmal, was er von ihr nicht gewohnt war.

»Du übertreibst auch nicht«, schien sie ihre Zweifel zu haben.

»Nein, es hat sich genauso abgespielt.«

»Das muß ja eine ganz außergewöhnliche Frau sein«, war Marlies sichtlich beeindruckt.

»Ich bin ganz schön schlapp.«

»Soviel ich weiß, gehörst du zu den wirklich ausdauernden Männern. Meiner Erfahrung nach sind es bei jemanden wie dir in der Regel die Frauen, die zuerst Anzeichen von Erschöpfung zeigen.«

Er glaubte ihr Grinsen durch das Telefon hindurch zu sehen. Derart oft hatte sie ihre eineinhalb Wochen seit langem nicht mehr so direkt erwähnt.

Er fühlte sich leicht erröten, als hätte sie ihn an etwas Unangenehmes erinnert, dabei übertrieb sie nur geringfügig, tatsächlich hatte er seinerzeit nicht genug von ihr bekommen können und sich bisweilen gefragt, ob ihm sein Körper nicht einen Streich der besonderen Art gespielt hatte. Er hatte schließlich von der Problematik einer Dauererektion gehört. Vergleichbares war ihm seitdem nicht mehr widerfahren, bis zu diesem Nachmittag mit der unbekannten Schönen. Er war erneut erstaunt, welches – physische – Verlangen die ›richtige‹ Frau bei ihm erwecken konnte.

Andererseits hatte Marlies damals in keiner Weise den Eindruck erweckt, daß ihr seine Ausdauer auf irgendeine Weise unangenehm gewesen wäre, sie schien im Gegenteil selbst von nahezu unersättlichem Verlangen gewesen zu sein. Vermutlich wäre alles weitaus weniger leidenschaftlich verlaufen, wäre ihre Triebfeder eine andere gewesen – zumindest versuchte er sich das einzureden, aber er wußte auch, daß der Gegenbeweis nie würde durchgeführt werden müssen.

»Wann seht ihr euch wieder?« fuhr sie fort, die diesbezüglich keine Antwort von ihm erwartet hatte. Sie wußte, daß er diesem Thema gerne auswich.

»Weiß ich nicht.«

»Wie? Das weißt du nicht? Was soll das heißen? Drück’ dich klarer aus!«

»Daß ich nicht weiß, wann und ob wir uns jemals wiedersehen.«

Als er das sagte, versetzte es ihm innerlich einen heftigen Stich. SIE nicht mehr wiederzusehen, wäre annähernd das Schlimmste, was ihm im Augenblick widerfahren könnte.

»Also, weißt du, langsam beginne ich an deinem Verstand zu zweifeln. Du verbringst einen der tollsten Nachmittage die man sich vorstellen kann mit einer unglaublich faszinierenden Frau mit hemmungslosem Sex, und dann weißt du nicht, ob es ein zweites Mal geben wird.«

Er besaß den Eindruck, daß Marlies ihn nicht richtig verstanden hatte.

»Wir haben nicht ein Wort miteinander gesprochen«, erklärte er darum. »Es ist genauso vorgefallen, wie ich dir erzählt habe.«

»Und ich dachte, du hättest es ein wenig romantisch ausgeschmückt.« Sie schien erst jetzt zu verstehen, was er gesagt hatte.

»Ach Marlies«, meinte er nur kopfschüttelnd.

»Das klingt wirklich nach einer sehr eigenartigen Frau.«

Sie wirkte sehr nachdenklich, als sie das Gespräch beendeten.

Am nächsten Morgen erschien ihm der zurückliegende Tag tatsächlich wie ein Traum. Es war keine wie immer geartete Nachricht im Briefkasten, was ihn auf eine eigenartige Art und Weise enttäuschte, obwohl er mit keiner gerechnet hatte. Den Tag verbrachte er in einer sonderbaren Stimmung. Es war keine simple Verliebtheit, vielmehr ein eigenartiges Begehren in das sich die Angst mischte, seine schöne Verführerin niemals wiederzusehen, er niemals erfahren würde, wer sie war. Wiedersehen wollte er sie auf jeden Fall. Er mußte sie einfach wiedersehen! Aber er wußte nicht, wie er es beginnen sollte. Er wußte so gut wie nichts von ihr! Er kannte lediglich diese Wohnung ohne Namensschild an der Tür, die nicht so aussah, als sei sie ständig bewohnt.

In der folgenden Nacht schlief er unruhig. Er träumte ausschließlich von ihr, von der Wohnung. Er erblickte sie auf der Straße. Er wollte ihr hinterherrufen. Aber ihm versagte die Stimme. So sehr er seine Lungen auch füllte, seiner Kehle entwich kein Ton. Er wußte ja nicht, was er rufen sollte, er kannte ja ihren Namen nicht! Dann wollte er hinter ihr herlaufen, aber je schneller er lief, desto schneller entfernte sie sich. Er verlor sie in der Menge. Er fragte alle Leute, die ihm begegneten, wo er sie finden könnte, aber keiner konnte ihm Auskunft geben. Sie schienen nicht einmal zu verstehen, was er von ihnen wollte.

In den frühen Morgenstunden erwachte er schweißgebadet. Draußen dämmerte es bereits. Die Vögel hatten mit ihrem Morgenkonzert begonnen. Eine Autotür wurde zugeschlagen und kurz darauf heulte ein Motor auf.

Da er zwischen den klammen Laken nicht gleich wieder einschlafen konnte und so gut wie hellwach war, stand er auf. Er schlug die Bettdecke zurück, damit sie auslüften konnte. Leicht zitternd ging er ins Bad und wusch sich mit kaltem Wasser durchs Gesicht. In ihm hatte sich ein Gefühl von Verlustangst breit gemacht, das in dieser Intensität eine völlig neue Erfahrung für ihn war. Er ärgerte sich, daß er nichts gesagt, sie nicht angesprochen hatte. Seine Angst, sie nicht wiederzusehen, nahm beinahe manische Züge an. Dabei mußte ihm doch einleuchten sein, daß eine Frau wie sie für nur einen einzigen Nachmittag nicht diesen Aufwand trieb. Aber es gibt Situationen, da ist man für nüchterne Überlegungen nicht zugänglich.

Die folgenden Tage und Nächte verbrachte er in etwas ruhigerer Stimmung. Unter all der Unsicherheit über ein mögliches Wiedersehen befand sich eine undefinierbare Zuversicht, daß es auf irgendeine Weise weitergehen würde.

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