Kurzes #30 · Felix spricht sich aus

Der folgende Text ist eine Leseprobe aus »Felizia & Felix«

 

Auch wenn Felizia einen anderen Eindruck haben mochte, Felix schlief kaum besser als sie. Als er Freitagvormittag an seinem Schreibtisch im Institut beinahe eingenickt wäre und bei einer späteren Besprechung überhaupt nichts mitbekommen hatte, erkannte er, daß er mit jemanden reden mußte. Felix mußte, die Gedanken und Befürchtungen, die ihn quälten, laut artikulieren. Vielleicht erschloß sich ihm auf diese Weise eine Lösung.
Sofort dachte er an seinen alten Schulfreund Wolfgang. Schon zur gemeinsamen Schulzeit stand Wolfgang in dem Ruf, ein geduldiger Zuhörer zu sein und für sein Alter erstaunlich reife Ratschläge geben zu können. Daß das von den Mitschülern mitunter weidlich strapaziert worden war, hatte nicht nur Felix erfolgreich verdrängt. Wolfgang war wohl derjenige von ihnen, der über den Liebeskummer seiner Mitschüler am besten informiert gewesen war, da nicht allein die Jungen sondern auch viele der Mädchen sich bei ihm nicht nur im übertragenen Sinn ausweinten. Daß er das nicht ausnutzte, brachte ihm zeitweise fast den Ruf des Übermenschlichen ein. Aus der Distanz betrachtet war wenig Übermenschliches daran. Wolfgang wußte einfach, daß er lediglich der vorübergehende Lebenströster gewesen wäre, und um die zweite Wahl zu sein war er sich einfach zu schade.

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Zitat des Tages #35

Warten-können – Das Warten-können ist so schwer, daß die größten Dichter es nicht verschmäht haben, das Nicht-warten-können zum Motiv ihrer Dichtungen zu machen. So Shakespeare im Othello, Sophokles im Ajax: dessen Selbstmord ihm, wenn er nur einen Tag noch seine Empfindung hätte abkühlen lassen, nicht mehr nötig geschienen hätte, wie der Orakelspruch andeutet;

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Zitat des Tages #34

Drakonisches Gesetz gegen Schriftsteller – Man sollte einen Schriftsteller als einen Missetäter besehen, der nur in den seltensten Fällen Freisprechung oder Begnadigung verdient: das wäre ein Mittel gegen das Überhandnehmen der Bücher.

Friedrich Nietzsche (1844–1900): Menschliches, Allzumenschliches: Ein Buch für freie Geister

Kurzes #29 · Ein Spaziergang

Tillmann fühlte sich mehr im Urlaub als in einem neuen Haus. Des Morgens stand er nicht sofort auf, sondern sah zum Fenster, durch das er das Laub der großen vor dem Haus stehenden Buche sehen konnte. Ein durch das leicht geöffnete Fenster hereindringender Luftzug spielte mit der Gardine. Die Sonne warf einen hellen Fleck auf den Boden vor dem Bett. Der Gesang der Vögel war das vorherrschende Geräusch, lediglich vom entfernten Brummen eines Traktors durchbrochen. Die Aussicht, daß am kommenden Samstagmorgen Solveig neben ihm liegen würde, steigerte seine innere Zufriedenheit noch ein wenig.
Nach einem ausgiebigen Räkeln stand er auf. Er duschte kurz und ging in die Küche hinunter. Während er ein belegtes Brot aß und eine Tasse Tee dazu trank, sah er aus dem Küchenfenster, das ihm einen ungehinderten Blick auf das gegenüberliegende Haus gestattete, von dem er nur wußte, daß es von einer Frau bewohnt wurde. Gesehen hatte er sie noch nicht.
Er überlegte, ob er sich noch ein Brot mit Camembert machen sollte, als seine Nachbarin aus dem Haus trat und gemächlich zum Briefkasten ging, der neben dem niedrigen Gartentor angebracht war. Sie schloß den Briefkasten auf und entnahm sie ihm eine Zeitung und einige Briefe. Dabei wandte sie ihm das Profil zu. Einen der Briefe öffnete sie, benutzte dazu einen ihrer Schlüssel als Brieföffner. Sie las ihn, was Tillmann Zeit gab, seine Nachbarin in Ruhe zu betrachten.

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Jostein Gaarder »Das Kartengeheimnis«

Anita hat Mann und Sohn vor Jahren von einem Tag auf den anderen verlassen und ist nach Athen gefahren, »um sich selbst finden«, wie sie sagte. Eines Tages machen sich Vater und Sohn mit dem Auto auf den Weg von Norwegen nach Griechenland, um Anita zu suchen. Ihre Reise führt sie mitten durch Europa. Unterbrochen durch notwendige Übernachtungen und Zigarettenpausen, die mehr Rituale als bloße Pausen sind. Sie werden vom Vater stets mit Überlegungen eingeleitet, die er während der Fahrt hatte. Mal geht es um Anita, oft aber auch um tiefgründige Betrachtungen, die Hans-Thomas’ Vater als Philosoph im Ursinn des Begriffs zeigen – als jemand, der auf der Suche nach Weisheit ist.

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