Wolfgang Borchert »Das Gesamtwerk«

von
Armin A. Alexander

Interpretationen

Sicherlich werden sich viele aus dem Schulunterricht – je nach Generation – noch an die Kurzgeschichten »Nachts schlafen die Ratten doch«, »Stimmen sind da – in der Luft – in der Nacht« oder vielleicht auch an das Drama »Draußen vor der Tür« erinnern. Gehören doch die Texte von Wolfgang Borchert bereits seit einigen Jahrzehnten zum Standardkanon der Literatur nach 1945 im Deutschunterricht. Vermutlich werden die meisten sie eher als lästige Pflichtübung angesehen haben, weil es ihnen schwerfiel, sich in die Welt die Autor beschreibt hineinzuversetzen. Für Jugendliche, die in der Geborgenheit eines demokratischen Rechtsstaats aufgewachsen sind, muß die Lebenswirklichkeit mit der Wolfgang Borchert sich auseinanderzusetzen hatte, schier unglaublich erscheinen.

Wolfgang Borchert beschreibt in seinen Kurzgeschichten im knappen atmosphärisch dichten Stil, oft genug mit in diesem Kontext fast schon verstörend schöner Poesie, vermutlich die Absurdität des Krieges, einer amoklaufenden Diktatur besser als die Mehrzahl der Autoren, die sich mit dieser Epoche auseinandergesetzt haben – und hier sind nur die gemeint, die diese Zeit gleich Borchert am eigenen Leib erfahren mußten, nicht die Nachgeborenen, denn diese können auf Grund der persönlichen Lebenswirklichkeit lediglich eine vage Vorstellung davon entwickeln. In Borcherts Texten kommen die sogenannten kleinen Leute zu Wort, die Namenlosen, die durch die Trümmer der zerstörten Städte irren, die der Krieg entwurzelt hat.

Von einem Neunjährigen Jungen, der vor den Trümmern eines zerbombten Hauses wacht, wie in »Nachts schlafen die Ratten doch«, damit die Ratten nicht die Leiche seines kleinen Bruders, der unter den Trümmern liegt, fressen. Halb verhungert ist er, weil er Tag und Nacht wacht. Da begegnet ihm ein alter Mann, der zwischen dem Schutt Futter für seine Kaninchen sammelt. Als er Junge ihm erzählt, daß er Tag und Nacht wacht, erklärt ihm der Mann, daß er Nachts nicht zu wachen brauche, denn Nachts schlafen die Ratten doch und versucht ihn dazu zu bewegen mit ihm zu kommen, seine siebenundzwanzig Kaninchen anzusehen, die ja auch ein Symbol für das Leben angesehen werden können.

Vielleicht Borcherts eindrucksvoller Text, sein für sich selbst sprechendes Borcherts Plädoyer für Zivilcourage in »Dann gibt es nur eins!«

 

»[…]

Du. Besitzer der Fabrik. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst statt Puder und Kakao Schießpulver verkaufen, dann gibt es nur eins:

Sag NEIN!

Du. Forscher im Laboratorium. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst einen neuen Tod erfinden gegen das alte Leben, dann gibt es nur eins:

Sag NEIN!

[…]

Du. Arzt am Krankenbett. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst die Männer kriegstauglich schreiben, dann gibt es nur eins:

Sag NEIN!

Du. Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, dann gibt es nur eins:

Sag NEIN!

[…]«

 

Wolfgang Borcherts schmales und vielleicht gerade darum um so eindrucksvolles Werk entstand innerhalb von nur zwei Jahren. Mehr war dem gesundheitlich schwer angeschlagenen jungen Mann nach seiner Heimkehr »aus dem Inferno des Krieges (Bernhard Meyer-Marwitz im Nachwort der Gesamtausgabe, Reinbek 1991)« nicht zu leben vergönnt. Borcherts Drang nach Wahrheit wurde ihm bereits früh zum Verhängnis. In seinen Briefen, die er als Soldat verfaßte, prangerte er die Lügen einer Staatsführung an, die sich allein ihren wahnsinnigen Zielen verpflichtet sah und alles glaubte zerstören zu müssen, das diesen Zielen gefährlich werden könnte. Diese Briefe wurden bei einer Hausdurchsuchung entdeckt. Bevor ihm der Prozeß gemacht werden konnte, befand er sich bereits in Russland. Schwer verwundert gaben ihm seine Ankläger nicht einmal die Möglichkeit zu genesen, sondern er wurde inhaftiert, ihm als Schwerkranker der Prozeß gemacht und zum Tode verurteilt. Jedoch hielt man ihm seine Jugend zu Gute und er wurde »begnadigt«. Was im Zynismus der damals Herrschenden hieß, daß man ihn wieder an die russische Front schickte. Doch Borcherts gesundheitlicher Zustand machte ihn als Soldat unbrauchbar. Weil ihn ein Stubenkamerad wegen politischer Witze verriet, wurde er erneut inhaftiert.

Nach Kriegsende konnte der Schwerkranke in seine Heimatstadt Hamburg zurück. Von großer Energie getrieben, die im Gegensatz zu seiner körperlichen Verfassung stand, schrieb er, arbeitete am Theater, trat als Kabarettist auf. 1947 ging er in die Schweiz nach Basel. Dort hoffte man, ihn wieder herzustellen, doch man hatte dort »einen Kranken, aber keinen Todgeweihten erwartet. (Bernhard Meyer-Marwitz im Nachwort der Gesamtausgabe, Reinbek 1991)«. Man konnte ihm nicht mehr helfen. Wolfgang Borchert verstarb am 20. November 1947 in Basel im Alter von nur sechsundzwanzig Jahren.

 

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Weitere Texte zu Wolfgang Borcherts Werk hier im Blog:

Wolfgang Borchert »Dann gibt es nur eins!«

Wolfgang Borchert »Stimmen sind da – in der Luft – in der Nacht«

Wolfgang Borchert »Schischyphusch«

Wolfgang Borchert »Die Hundeblume«

Wolfgang Borchert »Nachts schlafen die Ratten doch«

Wolfgang Borchert »Das Brot«

 

Online beim Projekt Gutenberg DE

Ein Kommentar zu „Wolfgang Borchert »Das Gesamtwerk«

  1. Sven sagt:

    Hi Ho,

    interessanter Artikel. Ich finde seine Texte immer noch Klasse und ich glaube, wenn man sich ein wenig mit der Vergangenheit auseinander setzt, dann kann man auch verstehen, um was es in diesen Texten geht. “Draußen vor der Tür” z.B. wo ein einfacher Soldat zurückkehrt und sieht, in welchem Luxusleben sein alter Befehlshaber lebt und in welchen ärmlichen Verhältnissen der einfach Soldat lebt, dass ist schon ein Werk was man einmal gelesen oder zumindest gehört haben sollte.

    Viele grüße

    sven

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