Kurzes #79 – Marlies redet ihm ins Gewissen

von
Armin A. Alexander

Fortsetzung von »Erneutes Rendezvous mit der schönen Unbekannten«, »Nachklang«, »Das geheimnisvolle Rendezvous«, »Marlies« und »Zwölf erotische Aquarelle«.

 

»Sie bestellt dich also jede Woche in diese Wohnung. Ihr sprecht kein Wort miteinander, vögelt aber hemmungslos miteinander. Du darfst sie nicht ausziehen und ihr nicht die Maske abnehmen, ansonsten hast du sozusagen weitgehend freie Hand bei ihr, oder was man so nennt. Sie trägt stets Kleider unterschiedlichen Zuschnitts aus weichem Leder, die alle ihren Körper wie eine zweite Haut umschließen, dazu entweder High-Heels oder Stiefel je nach Witterung, wobei letzteres meines Erachtens weniger von der Witterung als von ihrer Stimmung abhängig zu sein scheint. Wenn ich dich richtig verstanden habe, hat sie bis auf zwei Male ausschließlich Stiefel getragen. Was mir nebenbei sehr gut gefällt und nicht nur, weil sexy Kleidung beim Sex auch meines ist, besonders Leder, und ich, wie du weißt, auch gerne und oft Stiefel trage. Leder hat so etwas Animalisches und Selbstbewußtes zugleich. Deine schöne Unbekannte und ich scheinen ohnehin das eine und andere gemeinsam zu haben, doch das nur nebenbei. Sie geht als erste, womit sie stets auch das Ende eures geheimnisvollen Rendezvous’ bestimmt, und nimmt immer den Schlüssel mit, den sie dir zuvor in einem Brief schickt und den sie dich bittet, in der Jackentasche aufzubewahren. Dieses Szenario spielt sich nun wöchentlich seit rund eineinhalb Monaten zwischen euch ab. Korrigiere mich, wenn ich in der Aufzählung etwas vergessen haben sollte«, rekapitulierte Marlies.

Sie saßen an einem sonnigen Donnerstagnachmittag Mitte Juli in ihrem bevorzugten Café bei Kaffee und Kuchen. Während Marlies ihrem Kirschsahnekuchen wie üblich eifrig zusprach, stocherte er eher lustlos in seinem Apfelkuchen herum. Kuchen gehörte zu den Dingen, von denen sie einfach nicht ablassen konnte, was zugleich auch ein wenig für ihren wohl gerundeten Körper mitverantwortlich war.

»Wenn du deinen Apfelkuchen nicht mehr möchtest, kannst du ihn ruhig mir geben, bevor nur noch ein Haufen unansehnlicher Krümel davon übrig ist.«

»So ungefähr spielt es sich jedes Mal ab«, meinte er ein wenig abwesend.

»So richtig scheinst du mir gar nicht zuzuhören. Na ja, wenigstens der Anblick meines ansehnlichen Dekolletés hat seinen Reiz für dich noch nicht verloren.«

»Bitte?« Er schreckte leicht zusammen.

»Offenbar siehst du zwar dorthin, aber siehst es doch nicht«, seufzte sie leise und schob ein weiteres Stück von ihrem Kuchen zwischen ihre vollen, leuchtendrot geschminkten Lippen.

Ein wenig schuldbewußt, obgleich es gar nicht seine Art war, zumal er ja wußte, wie sehr es ihr gefiel, ließ er seine Blicke dort ruhen, sah er auf ihre schlanken gepflegten Hände mit den halblangen hellrot lackierten Nägeln. Sogleich wurde in ihm die Erinnerung wieder lebendig, wie schön es seinerzeit gewesen war ihre Hände an seinem Schwanz zu spüren und wie geschickt und phantasievoll sie ihn massiert hatte. Es war ihm schwer gefallen zu glauben, daß sie nur sehr wenig Erfahrung mit Männern hatte. Ihm war ihre Begründung, daß sie auf diese Weise spielerisch die Umschnalldildos ihrer Partnerinnen massiert hatte, als ein wenig hergeholt erschienen. Zwischen einem solchen und dem lebenden Gegenstück bestand seines Erachtens ein beträchtlicher Unterschied. Es hatte immer wieder Phasen gegeben, in denen er bedauerte hatte, daß sie letztlich nur mit einer Frau glücklich werden und eine dauerhaft erfüllte Sexualität würde haben können. Doch an diese Dinge dachte er in diesem Moment weniger. In seiner Vorstellung waren aus Marlies’ Händen längst die Hände seiner schönen Unbekannten geworden. Deren Hände waren nicht minder schön und gepflegt, vielleicht eine Spur schlanker und die Nägel etwas länger und in einem derart dunklen Rot lackiert, daß sie zumindest im Dämmerlicht fast schwarz erschienen. Diese verstand es, ihn auf eine Weise zu massieren, daß er unter ihren Händen so heftig und weit wie nur selten ejakulierte. Zudem war sie darum bemüht, daß alles auf ihrem Kleid landete. Nach ihrer Art der Massage könnte er ›süchtig‹ werden.

Er verwarf den Gedanken sogleich, der ihn bereits einige Male wie aus heiterem Himmel durchfahren war, daß Marlies und die schöne Unbekannte ein und dieselbe Person sein könnten. Trotz verschiedener und vermeintlicher Gemeinsamkeiten waren gerade die physischen Unterschiede zu eindeutig. Marlies war mindestens einen halben Kopf kleiner und besaß wenigstens eine Konfektionsgröße mehr, obschon sie insgesamt alles andere als klein war, dennoch erreichte sie auch auf hohen Absätzen, so wie die der weißen Riemchensandeletten, die sie an diesem Tag trug, nicht seine Größe, während die schöne Unbekannte ihn darauf leicht überragte. Dafür wies das Dekolleté beider Frauen einen vergleichbaren Umfang auf. Marlies war insgesamt gerundeter, aber auf eine sehr hinreißende Weise.

»Hallo, ich rede mit dir.«

Marlies trat ihm leicht mit dem rechten Fuß gegen das linke Schienbein. Seit einigen Minuten schwieg er und sah geistesabwesend abwechselnd auf ihre Brüste und ihre Hände. Er zuckte leicht zusammen. Sein Blick fiel auf ihre schönen Füße mit den gleichfalls hellrot lackierten Nägeln.

»Ja, natürlich.«

Aus welchem Grund verglich er eigentlich permanent Marlies mit der schönen Unbekannten? Daß Marlies seinem Ideal einer Frau sehr nahekam, war für ihn nichts Neues, selbst sie wußte es und rechnete es sich als besonderes Kompliment von seiner Seite an. Es gab Momente, da bedauerte sie selbst, daß sie auf Grund ihrer Homosexualität nie würde mit einem Mann glücklich werden können, wobei er der einzige Mann war, bei dem sie das ehrlich bedauerte. Andererseits beruhigte sie sich damit, daß eine Freundschaft in der Regel weitaus dauerhafter angelegt war als eine Beziehung. Hätten sie eine Beziehung, wer konnte schon sagen, ob sie sich nicht schon längst voneinander getrennt hätten.

»Wann faßt du dir endlich ein Herz und redest mit deiner schönen Unbekanntes Tacheles? Ich kann mir nicht vorstellen, daß es in ihrer Absicht liegt, dieses Spielchen endlos weiterzuführen. Das führt über kurz oder lang in eine unerfreuliche Sackgasse, glaube es mir, mein Lieber.«

»Ich weiß«, er seufzte fast schon ein wenig übertrieben und sah sie ein wenig traurig an, wie ihr schien. »Ich nehme es mir immer vor, aber sobald sie mir in der Wohnung gegenübersteht, ist alles ganz anders. Auch wenn sie mich anschließend verläßt, fehlt mir die Energie dazu. Wobei, gestern kam es derart über mich, daß ich sie mir, als sie gehen wollte, noch einmal gepackt und sie quasi aufs Bett geworfen habe.«

»Und sie anschließend noch einmal so richtig schön durchgevögelt hast«, ergänzte Marlies mit einem breiten Grinsen, schob ihren leeren Teller beiseite und nahm, ohne ihn erneut zu fragen, seinen Teller mit dem bereits arg zerkrümelten Apfelkuchen, was er geschehen ließ. »Fast schon ein wenig ›vergewaltigt‹«, fügte sie mit einem Augenzwinkern hinzu.

»Sie hat sich nicht einen Moment gewehrt, im Gegenteil. Es war nicht zu übersehen, daß es ihr gefiel, sich ein wenig derb von mir behandeln und sich ein wenig rücksichtslos vögeln zu lassen. Abgesehen davon kann man eine Frau ihrer Größe und Statur nicht gegen ihren Willen nehmen. Ich hätte da ebensowenig eine Chance wie bei dir.«

»Das war auch scherzhaft gemeint.« Marlies unterdrückte einen Seufzer.

Ihr bester Freund war wirklich ganz schön verliebt.

»Sie hat es jedenfalls genossen, vielleicht sogar mehr als das, was wir zuvor miteinander gemacht haben. Aber ich weiß nicht, ob es so eine gute Idee gewesen ist. Ich bin zwar letztlich dabei gekommen, aber mir schmerzten danach nicht nur die Hoden, auch die Eichel fühlte sich so eigenartig an, außerdem hatte der Orgasmus schon etwas Erzwungenes. Sie kam kurz vor mir und muß dabei bereits wund gewesen sein. Später unter der Dusche habe ich einen Schleier von Blut auf dem Schwanz entdeckt.«

»Vögeln bis man wund wird, das hat etwas, glaube mir. Obschon es ein sehr unangenehmes Gefühl für eine Frau ist, wund zu sein, besitzt es doch seinen besonderen Reiz. Allerdings ist es bedeutend sinnvoller, mit reichlich Gleitgel dem vorzubeugen«, fügte sie ein wenig schulmeisterlich hinzu.

Er achtete nicht auf ihre Worten, sondern war mit den Gedanken schon wieder abwesend, diesmal bei dem Brief, den er am Morgen von ihr erhalten und mindestens ein Dutzend Mal gelesen hatte.

Ich kann nicht anders. Ich muß Dir schon jetzt schreiben, bevor ich Dir wieder die Schlüssel zu unserem Liebesnest sende. Ich muß Dir sagen, wie sehr mich unser gestriger Nachmittag beeindruckt hat. Noch nie habe ich mit einem Mann wirklich bis zur Erschöpfung gevögelt, auch wenn ich es mitunter geglaubt habe und man denkt, ab einem bestimmten Alter habe man bereits weitgehende Erfahrungen diesbezüglich gemacht. Es hat mir gefallen, wie du mich gepackt hast, als ich gehen wollte, mich aufs Bett geworfen und rücksichtslos in mich eingedrungen bist. Du hast mir dabei sogar ein wenig weh getan. Ich mag vielleicht anders auf Dich wirken, aber von einem Mann, dem ich mich nahe fühle und dem ich weitgehend vertraue, wünsche ich mir zu gegebener Zeit, daß er sich ohne Rücksicht von mir nimmt, was er braucht. Das tut mir unglaublich gut, dann trage ich anschließend blaue Flecke und wunde Stellen wie Trophäen. Meine Möse war nach Deiner ›Behandlung‹ richtig wund, nicht nur einfach trocken, wie früher schon einige Male nach ausgiebigem Sex. Ich hatte tatsächlich ein wenig Blut an den Fingern als ich, kurz nachdem wir uns getrennt haben, die wunde Stelle abgetastet habe. Du wirst mein Erschrecken vielleicht nachvollziehen können. Ich hätte nie gedacht, daß man es tatsächlich soweit treiben kann. Doch schnell ist dem Erschrecken ein Gefühl tiefer innerer Zufriedenheit gewichen, schließlich habe ich es sehr genossen, vielleicht mehr als den Sex zuvor. Ich würde es immer wieder tun. Immer wieder diese Erschöpfung in Kauf nehmen, die Leben bedeutet. Jetzt, wo ich dies schreibe, und ich mich reichlich an den wunden Stellen eingecremt habe, fühle ich noch immer die Spannung, fühle ich, daß ich heute nicht könnte, selbst wenn ich es wollte, und es noch einige Tage dauert, bis ich wieder kann, obschon ich weiß, daß die Lust sich schon wieder beginnt in mir breit zu machen. Jede Berührung schmerzt mich, aber es steht, zum Glück kein Treffen an – wirklich zum Glück? Ich weiß es nicht, ich will es nicht auf den Versuch ankommen lassen, andererseits würde ja noch meine hintere Körperöffnung zur Verfügung stehen, die – noch – nicht wund ist und deren Benutzung ich auch gerne habe. Betrachte das als Kompliment und ich hoffe, daß es in dieser Intensität auch für Dich das erste Mal war, daß ich die erste Frau in Deinem Leben bin, die dieses heftige Begehren in dir geweckt hat, das Begehren, sie wund zu vögeln. Es wäre mir ein großes Kompliment. Zu gegebener Zeit hörst Du wieder von mir.

Er überlegte seit dem Erhalt des Briefes, ob er ihn Marlies zeigen sollte. Eine, in seinen Augen derart schöne schriftliche Liebeserklärung hatte er bisher noch von keiner Frau erhalten. Aber er verwarf den Gedanken stets, der Inhalt war ihm doch zu intim, um ihn selbst Marlies mitteilen zu können. Abgesehen davon war ausgerechnet Marlies die bisher einzige Frau, neben seiner schönen Unbekannten, die ein derart starkes Begehren in ihm geweckt hatte, daß er sie bis zur Erschöpfung hatte vögeln wollen. Daß Marlies dabei nicht wund geworden war, war lediglich ihrer Umsicht zu verdanken, rechtzeitig ausreichend Gleitgel zur Anwendung gebracht zu haben und sie ohne einen ungewöhnlich starken Sekretfluß bei sexueller Erregung besaß.

»Ich habe schon recht früh überlegt, ob ich ihr nicht heimlich einen Brief zustecken kann, den sie erst zu Hause entdeckt. Aber da sie nie eine Tasche, oder Jacke dabei hat und an ihren engen Lederkleidern auch keine sind, wobei sie ein Zustecken ja bemerken würde«, redete er mehr zu sich selbst.

»Es gibt so Momente, da erscheint mir der Grat zwischen Genie und Wahnsinn äußerst schmal. Bei dir beginne ich mich gerade zu fragen, ob du den nicht schon nach der falschen Seite hin überschritten haben könntest, ohne daß es selbst mir wirklich aufgefallen ist.«

Sie hatte eine derart sorgenvolle Miene dabei aufgesetzt, daß es ihn sichtlich irritierte. Er schwieg, weil er nicht wußte, was er darauf erwidern sollte.

»Warum redest du nicht mit ihr?« Marlies betonte jede Silbe, während sie auch seinen, nun leeren Teller zu dem ihren stellte. »Ich bin mir sicher, sie erwartet das. Willst du sie wirklich dauerhaft haben, nutze die nächste Gelegenheit, bevor sie mit dir die Geduld verliert. Ich wäre an ihrer Stelle bereits mit meiner Geduld zu Ende, daran würde auch nichts ändern, daß du endlich mal entschlossen die Initiative ergriffen hast, obzwar sie sich bereits anders entschlossen hatte. Wenn das Alter, wie bei uns, auch bei ihr mit einer vier vorne beginnt, wie ich vermute, sinkt die Toleranzschwelle spürbar und man ist nicht mehr bereit, manches hinzunehmen, sondern zieht deutlich früher die Konsequenzen. Allerdings werden in unserem Alter auch die Schrullen ausgeprägter.« Marlies bedachte ihn mit einem beinahe vernichtenden Blick.

»Vermutlich hast du recht«, meinte er schließlich gedehnt, von einem tiefen Seufzer begleitet, und sah an ihr vorbei.

Er vermied es, ihr gegenüber zuzugeben, daß er mit seinem derzeitigen Junggesellenleben auf eine eigentümliche Weise zufrieden war, da sie dies nur als Bestätigung einer der von ihrer Seite unterstellten ›Schrullen‹ gesehen hätte. Dabei war er prinzipiell einer Beziehung gegenüber alles andere als abgeneigt. Doch nicht mit Elena und nicht mit Marietta, leider – oder doch zum Glück, da war er sich seit über zwanzig Jahren nicht sicher – nicht mit Marlies. Dafür war jetzt eine Frau in sein Leben getreten, von der er sich noch mehr als von Marlies auf vielfältige Weise angezogen fühlte, weil sie auf besondere Weise große Ähnlichkeit mit ihr besaß, obschon er von der schönen Unbekannten an sich nur wenig wußte.

Marlies verabschiedete sich mit leichter Sorge von ihm. So hatte sie ihn, seit sie sich kannten, noch nie erlebt und er hatte schon so manchen Liebeskummer bei ihr abgeladen, so wie sie auch den ihren beim ihm, wenn es bei ihr auf Grund ihres unterschiedlichen Naturells diesbezüglich häufiger vorgekommen war.

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