Kurzes #100 – Begegnung im Mondschein

von
Armin A. Alexander

Die Fortsetzung von: Der Einzug, Die ›Schöne Künstlerin‹, Der schöne Jüngling, Bettina und Ein Wochenende mit Bettina

 

Zu Beginn der neuen Woche zeigte sich der Frühling von einer weniger schönen Seite, nämlich einer nassen. Zudem wurde es kühler. Nur wenige Grade, doch war es nicht angebracht, ohne Jacke das Haus zu verlassen. Die ›Schöne Künstlerin‹ hatte die Atelierfenster daher die meiste Zeit geschlossen. Auch Schlaf- und Badezimmerfenster öffnete sie nur noch zum Lüften. Da die geschlossenen Fenster ihm lediglich einen schemenhaften Einblick ermöglichten, widmete er sich wieder verstärkt seiner Geschichte, wofür er ihr sogar dankbar war. So richtig Lust verspürte er derzeit ohnehin nicht, sie zu beobachten. Das ausgiebige Wochenende mit Bettina wirkte noch nach und ließ ihn auf eine Wolke der Glückseligkeit schweben, von der er nur langsam wieder herabsank.

Dennoch wollte die Handlung seiner Erzählung nicht so recht vorankommen. Nicht selten brütete er mehr als eine Stunde über einem einzigen Satz, den er dann doch wieder verwarf. Es lag nicht allein daran, daß sich in seinen Augen die Handlung allzu schnell entwickelte und dadurch ins Oberflächliche abzugleiten Gefahr lief, sondern er fühlte eine gewisse Einsamkeit in sich. Vielleicht hatte das Besondere, das Bettina und ihn miteinander verband, wieder einmal einen zu nachhaltigen Eindruck bei ihm hinterlassen. Es wollte ihm nicht so recht gelingen, seiner Protagonistin eine unverwechselbare Identität einzuhauchen. Dabei hatte ihm zu Anfang ihre Person plastisch vor Augen gestanden. Doch beim Durchlesen der ersten Seiten stellte er fest, daß sie bisher allzu augenfällige Züge seiner Nachbarin besaß und seit Bettinas Besuch sich immer mehr zu deren Zwillingsschwester entwickelte. Beim jungen Mann dagegen war es eindeutig, da gab es keine Unsicherheiten, wenngleich dieser sich in seinen wesentlichen Eigenschaften nur unwesentlich von ihm unterschied, was für ihn aber unproblematisch war.

Über die Lösung dieser Herausforderung brütete er fast eine Woche. Eine Woche während der es, mit kurzen sonnigen Abschnitten, überwiegend regnete. Der Natur jedenfalls bekam der Regen prächtig. Das Grün wucherte bald so üppig, daß es mit der feuchten Witterung wieder versöhnte.

Während dieser Woche stand er häufiger am Fenster, blickte gedankenverloren in den Regen hinaus, versuchte seine weibliche Hauptfigur zu fassen, als er am Schreibtisch saß und schrieb. Saß er dort, zeichnete er die meiste Zeit unzählige Blätter mit Arabesken voll und bekritzelte nicht weniger Zettel mit Notizen, oder verlor sich bei durchaus nicht uninteressanten Seiten übers Internet. Wenn es ihm auch nach und nach gelang, die Anteile der ›Schönen Künstlerin‹ an seiner Protagonistin zu eliminieren, erwies sich Bettinas Schatten als hartnäckiger, was ihn zu der ›Erkenntnis‹ führte, daß ihm eindeutig eine kontinuierliche Beziehung zu einer Frau fehlte. Auch wenn er derzeit gerne behauptete, daß das Singledasein seine angenehmen Seiten besaß, seine Sache war es, im Gegensatz zu Bettina, nicht. Leider war er seit der Trennung von Caroline vor drei Jahren, mit der er insgesamt zwei glückliche Jahre verbracht hatte, ausschließlich an Frauen geraten, die den Standpunkt vertraten: »Wenn ich mal einen Liter Milch will, muß ich doch nicht gleich eine ganze Kuh kaufen«, – und – um bei dieser Metapher zu bleiben – sich zwar gerne bei ihm den Liter Milch abholten, die Kuh aber lieber woanders erwarben, wenn sie denn eine wollten. Was ihn schließlich dazu veranlaßt hatte, sich von SM-Stammtischen und -Parties vorübergehend fernzuhalten, es sei denn, eine seiner guten Freundinnen wünschte ihn als Begleitung, dann sagte er nur zu gerne zu. Der Partybesuch mit Bettina war der erste seit über einem Jahr. Um eine Fetisch- oder SM-Party allein zu besuchen, hatte ihm im Grunde immer die Lust gefehlt, was er nicht nur gerne vor anderen verheimlichte, und bei einem Swinger-Club sah er nicht ein, aus welchem Grund er als Mann einen deutlich überhöhten Eintrittspreis bezahlen sollte. Ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis ließ sich auch anders erreichen. Daß er aus eigener Initiative eine Frau aus seinem Bekannten- und Freundeskreis, die gerne Swinger-Clubs besuchte, ob sie ihn zwecks Reduzierung des Eintrittspreises begleiten würde und jeder den Abend verbrachte, wie er wollte, fragen könnte, war ihm tatsächlich noch nie in den Sinn gekommen.

Bei der ›Schönen Künstlerin‹ schien der Ideenfluß jedenfalls nicht zu stocken. Immer wenn er einen Blick zu ihr hinüberwarf, als könne sie ihm bei seinem Problem helfen, saß sie konzentriert arbeitend am Zeichentisch, worum er sie im Stillen beneidete.

Er wachte häufiger früh am Morgen auf, wenn es bereits dämmerte und die Vögel mit ihrem morgendlichen Konzert begannen, das hier natürlich intensiver zu vernehmen war als in der Stadt. Manchmal gelang es ihm, sogleich wieder einzuschlafen, manchmal schien es ihm unmöglich. Dann stand er auf, ging hinunter in die Küche, machte sich einen Tee. In der Regel zog es ihn ins Arbeitszimmer. Auf dem bequemen Sofa sitzend, trank er seinen Tee. Dabei konzentrierten sich seine Gedanken immer wieder auf Bettina und seine Ornithologin, besonders auf deren Gummifetischismus, wie sehr ihn gerade dieser an ihr fasziniert hatte. Dabei ausblendend, daß er ihr ›Unvermögen‹, ihn gleich auf welche Weise auch immer zu dominieren, stets bedauert hatte und dazu geführt hatte, daß sie aus diesem Grund auseinandergegangen waren, weil sie erkannte hatte, daß das stets trennend zwischen ihnen stehen würde.

Er blickte oft aus dem Fenster und zur ›Schönen Künstlerin‹ hinüber, die ihre Schlafzimmerfenster meist angelehnt und die Gardine vorgezogen hatte, so daß er auch mit seinem Fernglas nichts sehen konnte, zumal es noch nicht hell genug war, damit das Tageslicht die Innenräume ausreichend erhellte. Manchmal überkam ihn dabei die Müdigkeit und er legte sich aufs Sofa, wo er den Rest der Nacht verschlief.

An einem Morgen, die Dämmerung war bereits weit fortgeschritten, hatte sie die Vorhänge nicht vorgezogen und die Fenster offen gelassen, trotz des Regenwetters war es eine warme, fast schon schwüle Nacht gewesen. Mehr aus Gewohnheit schaute er durchs Fernglas hinüber. Er konnte erkennen, daß sie ihr Bett mit Wäsche aus blauem Latex bezogen hatte und selbst, soweit er das sehen konnten, denn er sah nur wenig von ihrem Oberkörper, einen ihrer Ganzanzüge aus metallicblauem Latex trug. Sie lag halb auf der Seite, den Blick zu ihrem Spiegelschrank gewandt, den linken Arm über der Decke liegend. Ihre Atemzüge gingen ruhig und gleichmäßig. Er betrachtete sie eine Weile. Es war fast Tag und es wurden immer mehr Details im Zimmer sichtbar.

Ein leichter Wind kam auf, der das Laub rauschen ließ. Ein leises Prasseln kündigte von beginnendem Regen. Das Prasseln wurde schnell intensiver und ein ausgiebiger Landregen ging nieder.

Er gähnte, stellte das Fernglas auf den Schreibtisch und schloß das Fenster, um der Gefahr zu entgegen, daß es hineinregnete. Seine Tasse war noch halbvoll, aber der Inhalt längst erkaltet. Er verabscheute kalten Tee. Er ließ sie stehen und ging ins Schlafzimmer.

Auf dem Rücken liegende lauschte er dem Rauschen des Regens, der den Gesang der Vögel hatte verstummen lassen. Er dachte nun auch an Birgit. Sie und seine Ornithologin schliefen hin und wieder gleichfalls gerne zwischen Bettwäsche aus Latex und in einem Ganzanzug. Wie beide auch oft Dessous aus Latex im Alltag trugen. Ob die ›Schöne Künstlerin‹ es wie beide hielt und es manchmal des Nachts einfach laufen ließ, um anschließend wohlig zwischen den urinnassen Latexlaken weiterzuschlafen? Liebte sie es auch gleich ihnen, ihre Ganzanzüge so richtig schön durchzuschwitzen, solange es nicht zu warm war? Birgit schwärmte ihm ja seit sie sich kannten davon vor. Sie und noch mehr seine Ornithologin mochten wenig so gerne wie in einem Ganzanzug aus Latex in Millimeterstärke gemütlich auf dem Bett, auf einem Latexlaken zu liegen, so richtig schön darunter zu schwitzen und sich darin einzunässen, wobei sie so zuvor soviel tranken, damit ihre Körpersäfte auch reichlich fließen konnten. Lediglich an wirklich heißen Sommertagen verzichteten sie weitgehend auf das Tragen von Latex. Vor allem Birgit besaß ohnehin seit ihrer Pubertät ein inniges erotisches Verhältnis zu ihrem eigenen Urin und dem von Menschen, die sie sehr mochte.

Er wollte nicht ausschließen, daß es bei der ›Schönen Künstlerin‹ ähnlich war. Wobei hier der Wunsch der Vater des Gedanken war, schließlich mochte auch er es seit seiner Pubertät, sich von einer Frau, der er gern hatte, anurinieren zu lassen. Das war für ihn weitaus intimer als Geschlechtsverkehr. Im Übrigen war ihm die Symbolik des Anurinierens als Fruchtbarkeitssymbol bekannt – Cupido uriniert durch einen Myrtenkranz, den Venus hält, auf deren mit Rosenblättern bedeckten Schoß.

Während es ihn an den Regentagen im Haus hielt, so verwunderte es ihn in keiner Weise, daß die ›Schöne Künstlerin‹ täglich längere Spaziergänge unternahm. Meist trug sie einen relativ neuen Mackintosh aus SBR, dessen Gürtel sie enggeschnallt hatte, und schicke schwarze Gummistiefel mit modischem Blockabsatz. Aus der Entfernung ließ es sich nicht wirklich beurteilen, aber er gewann den Eindruck, daß es sich um ACQUO-Boots handelte, die es laut Birgit seit kurzer Zeit wieder gab und die diese natürlich längst erworben hatte. Über die Jahre hatte sich doch weitaus mehr von ihren endlosen Ausführungen bezüglich ihres Fetischs bei ihm festgesetzt als er glaubte. Über Gummistiefel gleich welcher Ausführung, ob für wenige Euro aus PVC, die besseren aus Naturkautschuk oder edle, fast schon sündhaft teure wie die verschiedenen Ausführungen der ACQUO-Boots konnte sie gleichfalls endlos reden.

Die ›Schöne Künstlerin‹ schritt genüßlich aus, die Hände in den Manteltaschen vergraben, die Kapuze tief in die Stirn gezogen. Er kannte diesen Gang und die Haltung voller Genuß von Birgit und seiner Ornithologin. Für einen Moment glaubte er eine von ihnen dort über den Kies der Auffahrt schreiten zu sehen.

Leicht wehmütig beobachtete er die ›Schöne Künstlerin‹, wie sie die durch das Tor schritt und die Straße zu den Feldern hinunterging. Wenngleich Birgit und seine Ornithologin nie müde wurden beziehungsweise müde geworden waren, ihm die Schönheit und den besonderen erotischen Reiz von Regenspaziergängen in Gummistiefeln und Mäntel und Jacken aus gummierten oder hochwertigen vinylbeschichteten Stoffen zu schildern, so hatte es zwar dazu geführt, daß er sie auf ihren Regenspaziergängen gerne begleitete, aber nicht dazu, daß er diese von sich aus unternahm, obgleich er sich durch beider Drängen selbst entsprechende Regenjacken und Gummistiefel angeschafft hatte.

Betrachtete er aber die ›Schöne Künstlerin‹ in ihrem SBR-Mackintosh, der ihn erotisch ansprach, besonders da er sich vorstellte, daß eine dominante Frau ihn trug, überkam ihn durchaus Lust, seine hochwertige englische Regenjacke aus gummierten Stoff und die Gummistiefel derselben Firma anzuziehen und es seiner Nachbarin gleichzutun. Allerdings kam er nie über den Vorsatz hinaus, es fielen ihm zu viele Argumente ein, weshalb er jetzt besser im Haus blieb, um an seiner Geschichte weiterzuarbeiten. Dabei hätte er die vielen Schwierigkeiten, die es dabei zu meistern galt, vielleicht besser auf einem ruhigen Spaziergang als am Schreibtisch sitzend lösen können, wo ihn doch zu oft andere Dinge ablenkten. Bei trockenem Wetter tat er nichts so gerne, wie solche Überlegen auf langen, einsamen Spaziergängen anzugehen.

Die Regenspaziergänge der ›Schönen Künstlerin‹ dauerten nie unter zwei, meist bis zu drei Stunden, das noch immer nicht geölte und daher nach wie vor vernehmlich quietschende Tor der Villa kündete ihm ihre Rückkehr an. Er konnte nichts dagegen machen, er mußte jedesmal aus dem Fenster sehen. Meist waren ihre ACQUO-Boots – er war mittlerweile überzeugt, daß es sich um solche handelte, insbesondere nach dem er auf der Webseite des schwedischen Herstellers sich ausführlich umgesehen hatte – bis hinauf zum Mantelsaum mit Morast bespritzt und auch auf dem unteren Teil ihres Mantels befanden sich welche. Eine weitere Parallele mit Birgit und seiner Ornithologin.

Bevor die ›Schöne Künstlerin‹ wieder das Haus betrat, spülte sich am Wasserhahn an der Hauswand den Morast von den Stiefeln, was sie länger machte als notwendig.

Stand er im Wohnzimmer in der offenen Terrassentür und sah in den Regen hinaus auf das üppig wuchernde Grün, erinnerte er sich mit einer gewissen Wehmut an die Zeit, in der er mit Caroline zusammengelebt hatte und wie phantasievoll sie es verstanden hatte, seine devoten Bedürfnisse zu befriedigen, selbst oder vermutlich gerade weil sie oft Dinge tat, die nicht immer seine Begeisterung fanden, die er aber dennoch mit sich machen ließ, weil er wußte, wieviel ihr daran lag und wie sehr sie gerade ihr Lust bereiteten.

Da er aus Erfahrung wußte, daß es kontraproduktiv ist, sich im Trübsinn zu verlieren, vergrub er sich in seine Arbeit.

Wenn er bisweilen, den Kopf auf die Hände gestützt, den Blick durchs Fenster nach gegenüber richtete, dem fallenden Regen lauschte – weil es nahezu windstill war, konnte er das Fenster geöffnet lassen –, dachte er an Karl Valentin, der es mit seiner Aussage ›Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit‹ auf den Punkt gebracht hatte.

In dieser Nacht wachte er, plötzlich durch irgend etwas aus dem Schlaf gerissen, auf. Es gelang ihm nicht gleich, sich zu orientieren. Er fühlte sich matt und träge, war aber wach. Der Regen mußte schon länger aufgehört haben und der Himmel nahezu wolkenlos sein. Der hereindringende Mondschein tauchte das Zimmer in ein silbergraues bläßliches Licht, das allem etwas Irreales gab. Es war absolut still, selbst für diese ruhige Gegend. Normalerweise hätte er sich auf die andere Seite gelegt und sich wieder dem Schlummer überantwortet, doch aus einem unerfindlichen Grund verspürte er das intensive Bedürfnis, aufzustehen. Ohne es recht bewußt wahrzunehmen, erhob er sich, zog ein T-Shirt über und verließ das Zimmer auf nackten Füßen. Erst als er in dem kleinen Zimmer, das über dem Wohnzimmer und neben seinem Arbeitszimmer lag und als Gästezimmer eingerichtet war, am Fenster stand, wurde ihm bewußt, daß er aufgestanden war. Er dachte kaum weiter darüber nach und sah in den Garten hinunter.

Die Bäume warfen lange fahle Schatten. Das Laub schien in Silberglanz erstarrt zu sein. Unmittelbar bei den Bäumen war kaum etwas zu erkennen, war die Helligkeit des Mondes doch nur eine geringe. Aber dort, wo nichts sein Licht behinderte, waren mehr als nur Schemen zu erkennen. Er wanderte mit dem Blick langsam zu der niedrigen Mauer hinüber, die sein Grundstück von dem der ›Schönen Künstlerin‹ trennte. An einer Stelle war die Mauer so weit eingestürzt, daß bequem von einem Grundstück zum anderen gewechselt werden konnte. Das fiel ihm anscheinend das erste Mal auf. Doch blieb sein Blick hier nicht lange ruhen, sondern wanderte weiter zur Villa. Die Terrassentür stand offen. Kurz darauf entdeckte er die ›Schöne Künstlerin‹ ein Stück entfernt, nahe einer großen Kastanie, auf dem Rasen stehen. Ihr kurzes, weißes seidenes Hemdchen, bis auf einen dazu passenden Slip das einzige Kleidungsstück, das sie trug, leuchtete förmlich im hellen Mondlicht und hob sie weit sichtbar von der dunkleren Umgebung ab. Sie stand unbeweglich wie eine Skulptur da, das lange dichte Haar, über das das Mondlicht einen gräulichen Schimmer zog und ihre Haut bleich wirken ließ, floß weich über ihre runden Schultern. Von diesem Bild in den Bann gezogen sah er aufmerksam und unbeweglich zu ihr hinüber.

Unvermittelt löste sie sich aus ihrer Starre und begann leichten Schrittes – ihre nackten Füße schienen kaum den Rasen zu berühren –, den Körper gerade aufgerichtet, scheinbar ziellos im Garten umherzugehen. Das war nun auch für ihn der Anstoß, sich aus der eigenen Bewegungslosigkeit zu lösen. Er verließ das Zimmer und ging langsam, aber zielsicher nach unten, durchschritt das Wohnzimmer, öffnete die Terrassentür und trat in den Garten hinaus.

Nur unterschwellig nahm er das vom nächtlichen Tau feuchte weiche Gras unter den nackten Füßen wahr. Er lenkte die Schritte zu der Stelle, die den bequemen Wechsel in den anderen Garten ermöglichte. Kaum hatte er diesen betreten, da suchten seine Blicke schon die ›Schöne Künstlerin‹. Obwohl er einige Minuten für die zurückgelegte Strecke gebraucht hatte, hatte sie sich nur wenig von der Stelle bewegt, wo er sie zuletzt gesehen hatte. Sie schien nicht zu bemerken, daß jemand nur wenige Schritte von ihr entfernt stand und sie aufmerksam beobachtete. Sie schritt leichtfüßig und ziellos zwischen den Bäumen auf dem taufeuchten Rasen umher. Er folgte ihr mit dem gleichen leichtfüßigen Schritt, der mehr an ein leichtes Schweben erinnerte.

Irgendwo schrie weit entfernt und kaum wahrnehmbar eine Eule.

Plötzlich entschwand die ›Schöne Künstlerin‹ seinen Blicken. Er schaute sich suchend um und entdeckte sie ein ganzes Stück von der Stelle entfernt, an der sie zuletzt war. Sie lehnte mit dem Rücken an einem Baum, blickte starr durch das dichte Laub zum nächtlichen Himmel hinauf. Das Mondlicht reflektierte sich in ihren Augen. Langsam näherte er sich ihr. Sie verharrte in ihrer Haltung. Er kam bis auf wenige Meter an sie heran. Sie blieb unbeweglich. Auch er blieb stehen, betrachtete sie nur. Beobachtete, wie sich ihr Busen gleichmäßig unter ihren ruhigen Atemzügen, die fast so gleichmäßig wie die einer Schläferin waren, hoben und senkten. Schaute auf die Stelle, wo sich ihre Brustwarzen durch den dünnen Stoff hindurchmodellierten, sah auf ihre muskulösen Schenkel, auf ihre schlanken sensiblen Hände. Ein Grashalm klebte außen an ihrer linken Wade.

Das laute Knallen einer Autotür riß ihn aus dem Schlaf. Die Sonne schien ins Zimmer, warf einen großen hellen Fleck auf dem Boden vor dem Bett. Das Auto fuhr weg. Leicht verwirrt stand er auf, saß einen Augenblick träge auf der Bettkante. Er mußte einen reichlich diffusen Traum gehabt haben. Dann fiel sein Blick auf seine nackten Füße, an denen überdeutlich mittlerweile getrocknete Spuren nassen Grases zu sehen waren.

 

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